Filmhandlung und Hintergrund

Surreales, kafkaeskes Psychodrama vor dem Hintergrund des Ausnahmezustandes des Kölner Karnevals.

Roman (Christoph Bach), eigentlich kein Freund organisierter Massenbelustigung, nimmt nach einiger Überwindung an einer betrieblich organisierten Karnevalsparty im Großraum Köln teil. Was mit lockeren Flirts und trunkenen Verbrüderungen eigentlich recht angenehm beginnt, entwickelt sich zum handfesten Horrortrip, als Roman Zeuge einer verhängnisvollen Gewalttat wird und in der Folgezeit zunehmend das Bewusstsein für die Realität verliert.

Rheinischer Frohsinn als kafkaesker Albtraum, leider nicht passend zum Rosenmontag oder 11.11., sondern mitten im Spätsommer von der Berlinale frisch auf den deutschen Kinotisch. Kein geringerer als Wim Wenders produzierte das streckenweise hübsch surreale Psychodrama.

Im Kollegenkreis nimmt der junge Roman nach einiger Überwindung an seiner ersten Kölner Karnevalsparty teil und genießt die lockeren Flirts auf der Tanzfläche. Seine kurze Atempause vor der Tür mündet in einer Katastrophe, als er in einen Streit zwischen einem minderjährigen Taschendieb und zwei Männern gerät, die den Dieb brutal zusammenschlagen. Am nächsten Morgen findet Roman dessen Leiche und stürzt sich von Schuldgefühlen geplagt in das Narrentreiben.

Bilderstrecke starten(3 Bilder)
Alle Bilder und Videos zu Narren

Darsteller und Crew

Videos und Bilder

Kritiken und Bewertungen

0,0
0 Bewertung
5Sterne
 
(0)
4Sterne
 
(0)
3Sterne
 
(0)
2Sterne
 
(0)
1Stern
 
(0)

Wie bewertest du den Film?

Kritikerrezensionen

  • Narren: Surreales, kafkaeskes Psychodrama vor dem Hintergrund des Ausnahmezustandes des Kölner Karnevals.

    Der fröhliche Karneval kann manchmal tödlich sein. Diese Erfahrung macht ein junger Architekt inmitten wild gewordener „Narren“, die nur eins im Sinn haben, sich auf Teufel komm‘ raus zu amüsieren. Im Rahmen der Reihe „radikal digital“ wirft sich Tom Schreiber in das wüste Treiben rund um den Kölner Dom und schaut bei dieser Wanderung zwischen Alptraum und Wirklichkeit hinter die Masken.

    Das von Road Movies, WDR und Filmstiftung NRW ins Leben gerufene Projekt unter dem Signum „radikal digital“ ermöglicht jungen Regisseuren mit einem Budget von 250.000 bis

    750.000 Euro ihre Stoffe in digitaler Form zu verfilmen. Während bei den Internationalen Hofer Filmtagen 2002 die ersten Werke dieses Labels wenig überzeugten, macht in „Narren“ der Einsatz der Digitalkamera (mit einem speziellen Adapter für eine 35mm-Optik) im bedrohlichen Gedränge des Kölner Karnevals mit lauten Musikkapellen und lärmenden Angetrunkenen Sinn, vermischen sich die Ebenen der Inszenierung und Realität.

    Im Gewühl kam die mobile und unauffällige Technik den Machern zugute, die Hauptarbeit folgte im Schneideraum - da wurde aus 45 Stunden Material die endgültige Länge von 93 Minuten herausgefiltert, löste sich die erwartete Kostenersparnis in Luft auf.

    Kölsche Karnevalhasser können jubeln: Tom Schreiber lässt seinen schüchternen Protagonisten die massenhafte Ausgelassenheit von Weiberfastnacht bis zum bitteren Ende in sämtlichen Variationen durchleiden. Der Neuling im Architekturbüro gerät während der „tollen Tage“ am Rhein von einer furchtbaren Situation in die andere. Das Elend beginnt mit Fraternisierungspflicht zwischen Chef und Angestelltem, dann verknallt Roman sich in ein nettes Mädchen und erfährt am nächsten Morgen zu seiner Enttäuschung, dass die Kollegen ihre Liebesdienste bezahlten, zwischendurch wird er Zeuge des Totschlags an einem jugendlichen Dieb und muss obendrein seine Oma bei Laune halten, indem er auf ihr Kommando in diverse Rollen vom lange unter der Erde liegenden Ehemann bis zum lustigen Neffen schlüpft.

    Die Odyssee durch das Treiben der Pappnasen entpuppt sich als dunkle Satire auf organisierte Fröhlichkeit, bei der nicht nur der Jecke, sondern auch der Pfarrer eine Narrenkappe überstülpt. Schreiber gelingt es, die klaustrophobische Atmosphäre und die Einsamkeit des jungen Mannes inmitten johlender Menschenhorden sensibel einzufangen. An Absurdität herrscht kein Mangel. Da werden kreischend Schlipse abgeschnitten, fordert eine Hitler-Kopie „lasst sie heraus die Sau, das deutsche Volk muss sich befreien von Schwermut“, klagt ein frustrierter Karnevals-Funktionär, dass er trotz Hörsturz weiterfeiern muss, erfüllt Roman den letzten Wunsch der Oma und schleppt die plötzlich Verstorbene im Eisbärfell zum Rosenmontagszug. Der hintergründige Charme dieses surrealistischen Trips liegt in der Gegenüberstellung von Parallelwelten - dem Wahnsinn des Karnevals und der sich langsam in Wahn und Paranoia verstrickenden Hauptfigur, deren selektive Wahrnehmung zu abstrusen Deutungen der Gegenwart führt. Kafka lässt grüßen! mk.

Kommentare