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Mothering Sunday

Filmhandlung und Hintergrund

Drama um die Emanzipation einer jungen Frau im Großbritannien der Zwanzigerjahre, die vom Hausmädchen zur gefeierten Schriftstellerin wird.

Darsteller und Crew

Kritiken und Bewertungen

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Kritikerrezensionen

  • Mothering Sunday: Drama um die Emanzipation einer jungen Frau im Großbritannien der Zwanzigerjahre, die vom Hausmädchen zur gefeierten Schriftstellerin wird.

    Drama um die Emanzipation einer jungen Frau im Großbritannien der Zwanzigerjahre, die vom Hausmädchen zur gefeierten Schriftstellerin wird.

    Mit ihrer dritten Filmarbeit hätte Eva Husson, die sich mit ihrem „Les filles du soleil„, der Geschichte mutiger kurdischer Kriegerinnen im Kampf gegen die Terrormilizen des IS im Wettbewerb von Cannes kräftig verhoben hatte, kehrte nach Cannes zurück - in der Reihe Cannes Premiere, hätte aber einen Slot im Palmenkampf verdient gehabt.

    Zunächst kriegt man es nicht so recht überein, dass diese so bedächtig und geschmackvoll erzählte Geschichte aus dem Großbritannien des Jahres 1922 von der wilden Regisseurin von „Bang Gang - Die Geschichte einer Jugend ohne Tabus“ stammen soll. Doch nach und nach wird klar, dass die Geschichte zwar in der Welt des Kinos von Merchant/Ivory spielt, aber doch viel subversiver und radikaler erzählt ist: Um die ohnehin zum Scheitern verurteilte Affäre des Hausmädchens Jane mit dem letzten verbliebenen Sohn einer von drei Oberschichtsfamilien des Landkreises geht es, verdichtet auf ihren freien Tag am Muttertag, an dem sich die drei Familien zum Lunch verabredet haben und der junge Mann sturmfrei hat - bevor er zu den Familien stößt, darunter seine Verlobte, die eigentlich seinen Bruder hätte heiraten sollen. Jetzt aber sind die beiden die letzten verbliebenen Kinder, und sie müssen tun, was die Gesellschaft von ihnen verlangt. Jane weiß das. Das mindert aber nicht ihre Gefühle zu Paul, gespielt von Josh O’Connor, der als Prinz Charles in den letzten zwei Staffeln von „The Crown“ so überzeugend war und geboren wurde, Rollen zu spielen, die früher an Hugh Grant oder Colin Firth gegangen wären (Firth ist auch mit Olivia Colman in einer wichtigen Nebenrolle zu sehen). Sie lieben sich, sie unterhalten sich, Jane kann alleine im Haus bleiben, als Paul, viel zu spät, aufbricht, um seine Pflicht zu tun. Unbekleidet streift sie durch die Zimmer und hängt ihren Gedanken nach. Man fühlt sich erinnert an die federleichte, ziellose, schwüle Atmosphäre von „Picknick am Valentinstag„: Nichts passiert, aber man spürt, weiß, dass etwas passieren wird, vielleicht gerade anderswo passiert. Gleichzeitig ist dieses Schäferstündchen am Muttertag nicht chronologisch erzählt. Der Film springt durch die Zeitebenen, ist wunderbar assoziativ montiert. Wir sehen in die Zukunft von Jane, die mittlerweile eine aufstrebende Schriftstellerin ist und als selbstbewusste Frau, die sie nur werden konnte, weil sie den Schritt unternahm, nach diesem freien Tag nicht mehr länger Hausmädchen zu sein, mit einem schwarzen Mann verheiratet ist. Erst später wird dem Zuschauer bewusst, dass Janes Erinnerung an den folgenschweren Tag getriggert wird durch ein anderes folgenschweres Ereignis, das wiederum eine weitere Zeitebene in der Zukunft eröffnet. Das Leben ist eine Summe der Erlebnisse, und jetzt wird Jane als alte Frau, gespielt von der legendären Glenda Jackson, die einen sofort an „Liebende Frauen“ denken lässt, als Schriftstellerin für ihr Lebenswerk ausgezeichnet und vor ihrer Haustür von der Presse befragt.

    Aber immer wieder kehrt der Film zurück ins Jahr 1922. Da wird Jane gespielt von der aufregenden 23-jährigen Australierin Odessa Young, die einen Großteil ihres Parts tatsächlich unbekleidet spielt. Das mag die amerikanische Presse als unerhört empfinden (aber was empfinden die Tugendhüter aus Übersee aktuell nicht als unerhört?), aber ergibt im Zusammenhang mit der Figur unbedingt Sinn: Eine junge Frau, die ihre Zukunft noch formen muss, ihr jede Richtung geben kann, die sie ihr geben will. Wie die Heldinnen in den anderen Filmen von Husson. Aber noch keine war so mutig wie diese Jane, die in der Gegenwart des Todes lernt, was es heißt, lebendig zu sein.

    Thomas Schultze.
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