Filmhandlung und Hintergrund

Originell verknüpfte, heiter-melancholische Geschichten um Autobahnfahrer und ihre Mitfahrer an einem Sommertag.

In Deutschland gibt es eine beliebte Form des Reisens: das Mitfahren. Carolin (Anna Brüggemann) und Hilal (Michael Ojake) tun’s über die Mitfahrzentrale und landen im Gefährt des zweifelhaften Bademodenvertreters Peter (Ulrich Matthes). Andere wie Sylvester (Ivan Shvedoff) und Fabian (Michael Wiesner) halten einfach den Daumen in die Luft, um von A nach B oder aus der Provinz in den Tanzschuppen zu gelangen.

Episodische Porträts von der Straße: Nicolai Albrecht, Autor der Zeitschrift „Revolver“, inszenierte das heiter-melancholische Roadmovie als Abschlussfilm für die dffb Berlin.

Acht Menschen sind auf der Autobahn unterwegs nach Berlin - wahlweise von Köln, Kassel oder Wetzlar aus. Über eine Mitfahrzentrale haben sich verschiedene Gruppierungen zusammengefunden, die sich während der Fahrt langsam kennen lernen. Kontaktscheue Mauerblümchen, penetrante Bademodenvertreter, Angeber, schüchterne und defensive Fahrer treffen aufeinander.

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Kritiken und Bewertungen

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Kritikerrezensionen

    1. Flüchtige Begegnungen auf dem Weg nach Berlin: Da ist es konsequent, dass Katharina eine Szene aus Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ übt, für das Vorsprechen an der Ernst-Busch-Schule. Menschen werden zusammengewürfelt, entwickeln Beziehungen zueinander, von denen sie wissen, dass sie nur temporär sind. Da treffen Menschen aufeinander, die sich sonst nie gesehen hätten, der Vertreter für Bademode, der Asylbewerber auf dem Weg zu einer Hochzeit und die Studentin, die empfindlich ist gegen Annäherungsversuche jeder Art. Man findet sich, für kurze Zeit: Sylvester, der Schmuckdesigner, der nach Berlin muss oder ansonsten alles verliert, und die Mutter, die nicht aus seiner unglücklichen Beziehung herauskommt –nachts steigen sie ins Wasser, sie baden im See und spielen Stierkampf am Badestrand, während die Tochter im Auto schläft. Entwickelt sich hier etwas, was über das gemeinsame Fahrziel hinausgeht?

      Menschen begegnen sich auf der Hinfahrt, die Konstellationen werden neu gemischt auf der Rückfahrt: ein leises Gleiten ist dieser Film, von der einen Episode zur anderen, vom Komischen zum Tragischen, und es gibt noch viel mehr zu erzählen als die Geschichten der acht Mitfahrer: Ganz beiläufig wird ein Streit gezeigt im Auto weiter vorne, das auch im Stau steht, und der Mann steigt auf ein Fahrrad vom Dachträger. Später hören wir im Radio eine Warnmeldung von einem Radler auf der Autobahn…

      Die Unverbindlichkeit des Mitfahrens generiert erotisches Begehren, dumpfe Annäherungsversuche und verstohlene Blicke, auch zarte Anklänge von Liebe – oder der Mitfahrer zerstört eine große Liebe, indem er ans falsche Handy geht und dem Freund die Freundin vergällt. Blicke, Andeutungen, damit entwickelt Nicolai Albrecht die Beziehungen zwischen seinen Figuren, und immer ist klar, dass hier nur die Spitze des Eisberges der Charaktere zu sehen ist – was kann stimmen beim großsprecherischen Peter, der sich und seinen Fahrgästen eine heile Familie vorlügt, während seine Frau ihn nicht mehr sehen will, auch nicht am 18. Geburtstag der Tochter.

      Mitfahrer sind Projektionsflächen für die eigenen Wünsche nach einem besseren Leben; gerade wie die Figuren mit den anderen umgehen, sagt viel über sie selbst aus, weil sie sich in ihnen spiegeln. Und dann, bald, ist der andere weg, und der nächste wartet schon an der großen Autobahn.

      Fazit: Unterhaltsamer, amüsanter Film über flüchtige Begegnungen im Alltag deutscher Autobahnen.
    2. Mitfahrer: Originell verknüpfte, heiter-melancholische Geschichten um Autobahnfahrer und ihre Mitfahrer an einem Sommertag.

      Die Autobahn als Hauptdarsteller, Beziehungsstörungen und das orientierungslose Leben von neun Personen machen „Mitfahrer“ zu einer sehenswerten seelischen Rennstrecke und zu einem starken deutschen Debütfilm.

      Drei Autos und drei im Lauf des Films miteinander vernetzte Geschichten, die sich auf der Fahrt nach und von Berlin an einem hochsommerlichen Wochenende abspielen, bilden den konsequent durchgehaltenen Rahmen für spannende beiläufige Begegnungen auf deutschen Autobahnen. Vertreter Peter lädt in der Kölner Mitfahrerzentrale den Asylbewerber Hilal und die junge Carolin in seinen Kombi. Zur gleichen Zeit startet in Kassel Studentin Katharina, die die Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule vor sich hat, mit dem Videogamefreak Fabian und dem undurchsichtigen Sylvester, der sich mit krummen Geschäften über Wasser hält. Als sie Sylvester an einer Raststätte stehen lassen, wird er von Loubelle und ihrer pubertierenden Tochter Rosa mitgenommen. Fabian wird Katharinas Freund in Berlin am Handy schockieren, Sylvester erhofft sich von einem One-Night-Stand mit Loubelle zuviel.

      Alle werden in Berlin ankommen, alle werden den Rückweg antreten, aber im letzten Drittel ist aus dem eher locker humorvollen Trip ein Seelenstriptease auf engstem Raum geworden, der teils Lösungen findet, teils weiter treibt und wie das Leben abläuft. Die lebenshungrige Enddreißigerin, der Kleingauner mit Liebessehnsucht, die Zicke, der Neurotiker, der lethargische Asylant und die anderen gehen über sich hinaus, greifen in fremde Schicksale, manipulieren Glück und Erwartung und finden zeitweise Ruhepunkte. Die Situationen sind pointiert auf Wendepunkte und Störungen während der Fahrt hin inszeniert.

      Was manch amerikanischer Indie zwanghaft vergeblich versucht, gelingt hier bestens: die Verbindungslinien der Stories glaubwürdig organisch zu vernetzen und die Autobahn, auf der zu 80 % gedreht wurde, als sinnfällige Metapher für das Leben im Niemandsland zu nutzen. Alle Darsteller spielen vorzüglich, als pars pro toto sei Ulrich Matthes als Vertreter genannt, der die Familie verloren hat und zwanghaft Mitreisende sammelt, um sie voll zu labern, damit er seine seelischen Abgründe überdecken kann. Sollte in jedem Arthouse-Kino reüssieren. ger.

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