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Fakten und Hintergründe zum Film "Meine M?tter - Spurensuche in Riga"

Fakten und Hintergründe zum Film "Meine M?tter - Spurensuche in Riga"
Poster

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Über den Film

Kurz vor der Jahrtausendwende 2000 traf ich meine damals 94 jährige Mutter weinend in ihrem Zimmer an. Seit 15 Jahren lebte sie in meiner Berliner Wohnung, eine praktische, unsentimentale, sehr liebevolle Frau, die ich selten habe weinen sehen. Ich fragte sie, warum sie weinen würde und sie gestand mir, dass ich nicht ihr Sohn sei, dass sie mich 1942 in Riga in einem Kinderheim gefunden und bei Kriegsende nach Deutschland mitgebracht hätte.

Ich war begeistert. Mein exzentrisches Wesen ahnte Sensationen.

Woher komme ich? Ich malte mir exotische Dinge aus. Ich machte meiner Mutter klar, dass ich sie jetzt um so mehr lieben würde, da sie mich ja vor den Kriegswirren gerettet hatte. Was wäre mit mir geschehen bei Kriegsende? Im besten Falle wäre ich russischer Soldat unter Stalin geworden und das als Schwuler und als Künstler - undenkbar.

Meine Mutter wollte mir aber nichts über meine Herkunft verraten, angeblich wisse sie es nicht und ich wollte sie nicht zu sehr bedrängen. Drei Jahre später starb sie mit 98 Jahren. Nein, ich wollte nicht nachforschen, hätte es als Verrat an ihr empfunden. Ich habe ihr so viel zu verdanken. Sie hatte mich mit so viel Liebe und Verständnis erzogen, hatte mich beschützt.

Ebenso mein Vater, Edmund Mischwitzky, Ingenieur bei der AEG, der leider schon 1973 verstarb. Ich wusste, dass mein Vater 1942 von der AEG nach Riga in das von Deutschen besetzte Lettland versetzt wurde. Er erzählte, dass die lettischen Arbeiter ihn mochten und dass viele von ihnen bei Kriegsende nach Berlin fl üchteten und ihn dort beim Einmarsch der Russen beschützten. War das die Wahrheit?

Plötzlich begann ich mich für die Geschichte der Deutschen in Lettland zu interessieren. Ich erfuhr zum ersten Mal, dass meine Eltern in einer vornehmen Villa am Stadtrand von Riga gewohnt hatten. Die früheren Besitzer waren damals sicher von den Deutschen vertrieben worden. Ganz in der Nähe ihrer Villa war ein KZ, in dem unvorstellbare Grausamkeiten stattfanden. Wussten meine Eltern davon? War ich vielleicht ein Findelkind, das von einer verzweifelten Jüdin vor der Tür meiner Eltern ausgesetzt worden war?

Ich beschloss, mich näher mit meiner Vergangenheit zu beschäftigen und somit auch mit dem Leid des lettischen Volkes, das eine lange Leidensgeschichte hinter sich hat. Deutsche und Russen quälten sie gleichermaßen bis zur Befreiung im Jahre 1991. Durch einen lettischen Journalisten lernte ich die deutsch sprechende Lettin Agnese Luse kennen, die mir, zusammen mit meinem deutschen Assistenten Markus Tiarks bei der Recherche half. Aber ich kannte ja nur meinen Adoptivnamen Holger Mischwitzky und unter dem Namen gab es keine Einträge, weder in lettischen noch in deutschen Archiven. Meine Eltern hatten mir immer gesagt, dass meine Geburtsurkunde verloren gegangen sei. Wie war mein richtiger Name? Es schien aussichtslos.

Ich lernte eine lettische Jüdin kennen, Valentina Freimane, eine wunderbare Frau, eine der wenigen Überlebenden des Holocaust, die sich vor den Deutschen verstecken konnte. Die anderen wurden gnadenlos erschossen oder ins Ghetto, dann ins KZ geschickt. An zwei Tagen im Winter 1941 wurden mindestens 25000 Juden unter der Leitung der deutschen Wehrmacht erschossen. Die Soldaten hatten vom Abdrücken der Waffe Muskelkater in den

Fingern. Die Opfer mussten sich wie Sardinen in die Gruben legen, bevor sie getötet wurden.Als die Russen Riga 1944 eroberten, sah Valentina Freimane das als Befreiung. Entsetzt erlebte sie, dass die Russen die überlebenden Juden als Kollaborateure ansahen und die meisten nach Sibirien schickten. Sie glaubten, dass es einfach nicht sein kann, dass ein Jude bei den Nazis hatte überleben können. Das Leid fi ng von vorne an.

Was mich so erschütterte war, dass es bei meinen Recherchen so schwer war, Gut und Böse zu unterscheiden, dass das lettische Volk, für welche politische Richtung es sich auch entschied, immer der Verlierer war, immer das Opfer. Waren meine Eltern in diesen Holocaust involviert?

Was wussten sie, was hatten sie verschwiegen? Hatten sie sich schuldig gemacht?

Mein ehemaliger Student und nun berühmter Regiekollege Chris Kraus (sein Film „Vier Minuten“ gewann den Deutschen Filmpreis) hatte schon lange vermutet, dass er durch seine Herkunft als Baltendeutscher mit mir verwandt sein könnte. Sein Großvater hatte in Riga viele Liebschaften. Er erzählte mir von den Grausamkeiten der deutschen Besatzer, wie ein Polizeikommandeur sich einen Weihnachtsbaum schenken ließ, geschmückt mit Brillianten von erschossenen Juden. Wie kurz vor Kriegsende die restlichen Juden Gräber im Wald von Bikernieki, einem Vorort von Riga, ausheben mussten und dann erschossen wurden. Die Leichen wurden später verbrannt, um die Schande vor den Russen zu verbergen.

Ganz Riga soll gestunken haben von dem Leichengeruch. Ergänzt wurden diese Berichte von der Journalistin Anita Kugler, die das beste Buch über die deutsche Besatzung in Riga geschrieben hat „Scherwitz - der jüdische SS-Offi zier“. Anita Kugler interessierte sich für meine Geschichte. Wir stellten viele Vermutungen an. Könnte ich jüdische Eltern haben? War meine Mutter eine Lettin oder eine Deutsche? War der Vater ein Soldat und die Mutter seine lettische Geliebte? Oder war ich das Ergebnis der Organisation „Lebensborn“, die reinrassische Kinder für Hitler zeugen ließ?

Erst Agnese Luse konnte das Geheimnis lüften. Sie fand ein Dokument im Staatlichen Historischen Archiv Rigas: Einen Antrag für gebrauchte Windeln meiner Adoptivmutter Gertrud Mischwitzky. Und hier fanden wir zum ersten Mal meinen richtigen Namen. Hier stand „für das Findelkind Holger Radtke.“ Nun dachten wir, dass es leicht wäre, von hier aus weiterzuforschen. Aber es gibt tausende Radtkes. Wir schrieben Vertriebenen-Organisationen an, das Rote Kreuz, den kirchlichen Suchdienst. Nahmen Kontakt mit Kindern auf, die ein ähnliches Schicksal hatten. Wir suchten in Riga nach Kinderheimen, aber wir fanden nichts.

Es gab kein deutsches Kinderheim in Riga. Hatte meine Adoptivmutter gelogen, oder konnte sie sich in ihrem hohen Alter nicht mehr erinnern?

Nach langer Suche gab es dann doch plötzlich viele Überraschungen. Längst verloren geglaubte Dokumente tauchten auf. Ich will hier nicht zu viel verraten, denn der Film ist nicht nur meine persönliche Geschichte geworden, sondern, wie einige Kritiker sagen, ein Zeitgeschichtskrimi. Nur so viel: Durch Zufall erfuhr ich, dass ich im Zentralgefängnis von Riga auf die Welt kam, einem der grausamsten Gefängnisse Osteuropas. Das viele Blut der Opfer klebt noch heute an den Wänden. Und welch Wunder, ich kam auf die Spur meiner leiblichen Mutter und ihrer Familie und erfuhr von ihrem tragischen Schicksal.

Der Film wurde Ende Oktober 2007 auf dem Filmfestival in Hof mit sehr großem Erfolg uraufgeführt. Und immer wieder kam die Frage: „Was hat diese Suche für dich bedeutet, was hast du gefühlt, wie hat dich das verändert?“ Ich habe zuerst wie ein Journalist gefühlt, der alles distanziert betrachtet. Das war nicht ich, sondern jemand anderes. Ich konnte mich ja kaum mit meinen Babyfotos identifi zieren. Alles war mir fremd und erst jetzt, nachdem ich den Film immer wieder sehe, begreife ich langsam, dringt die Vergangenheit in mich ein. Aber nicht so sehr mein eigenes Schicksal, sondern das Schicksal von tausenden Opfern des Krieges. 97 Prozent der lettischen Juden sind vernichtet worden. Fast in jeder lettischen Familie ist jemand von den Russen nach Sibirien verschleppt worden.

Meine Dreharbeiten in Riga im Sommer 2007 waren die bewegendsten meines Lebens. Ich wurde unterstützt von der genialen Kamerafrau Elfi Mikesch (sie wurde in diesem Jahr Ehrenkamerafrau der deutschen Kameragesellschaft). Ich liebte Riga, die wunderbar restaurierte Altstadt, die schönen Menschen. Die Letten gehen nicht, sie schweben, sie sprechen nicht, sie singen. Ja, ich fühle mich solidarisch mit dem lettischen Volk, seinem Leid und seinem neuen Selbstbewusstsein. Ich bin glücklich, dass ich neue Freunde gefunden und neue Lieder gelernt habe.