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Fakten und Hintergründe zum Film "Mein Freund aus Faro"

Fakten und Hintergründe zum Film "Mein Freund aus Faro"
Poster Mein Freund aus Faro

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Hintergrund zum Film

Das Spektrum dieser emotionalen Geschichte reicht von Rollenbild, Selbstfindung und Identität bis zu der Suche nach einem selbstbestimmten Leben, nach Freundschaft und nach der große Liebe - ganz egal, wie sehr die eigenen Sehnsüchte und Träume mit den Erwartungen der Umwelt kollidieren.

Was ist das eigentlich, die eigene Identität? Kann man sie überhaupt finden und dann einfach festlegen? Ist sie nicht vielmehr ein mal reißender und mal dahin plätschernder Fluss und somit fortwährend in Bewegung? Mel lässt sich nicht auf eine Rolle festnageln. Und findet sich trotzdem.

Dazu bemerkt Regisseurin Nana Neul: „Ich finde es interessant, Geschichten über Menschen zu erzählen, die sich in ihrem Leben nicht zurechtfinden und die sich in einer anderen Rolle echter fühlen als in ihrem realen Leben.“ „Unsere Sozialisation zwingt uns zu einem endgültigen Urteil. Das führt zur Fahndung nach spezifischen Merkmalen an einer Person, die wir nicht sofort einordnen können.“

„Mein Freund aus Faro“ ist der erste Spielfilm der in Köln lebenden Autorin und Regisseurin Nana Neul. Die Entwicklung des Stoffes begann Nana Neul 2003 in der Drehbuchwerkstatt München. Produziert wurde „Mein Freund aus Faro“ von der renommierten Filmproduktion Wüste Film West. Finanziert wurde die Produktion vom WDR und der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen. Drehzeit war im Juli/August 2007.

„Mein Freund aus Faro“ lief unter anderem auf dem Max Ophüls-Festival Saarbrücken (Drehbuchpreis Max Ophüls Preis 2008), International Film Festival Karlovy Vary, Festival des Deutschen Films Mannheim, Internationales Frauenfilmfestival Dortmund/Köln. „Mein Freund aus Faro“ ist zur Nominierung für den Europäischen Filmpreis vorgeschlagen.

Der im Film erwähnte Autor Fernando Pessoa (1888 – 1935) gilt als bedeutendster Lyriker Portugals und eine der Schlüsselfiguren in der Entwicklung der zeitgenössischen Dichtung überhaupt. Zu seinen Werken gehören „Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares“ und „Antonio Mora: Die Rückkehr der Götter“.

Interview mit Nana Neul (Regie, Buch)

Ein Film wie „Boys don’t cry“ war ein internationaler Erfolg, was interessiert das Publikum an solchen Suchen nach Identität?

Für mich geht es in „Boys don´t cry“ nicht um die Suche nach Identität. Teena versucht als Brandon, ihre gefundene Identität zu leben und zu verteidigen. Teena ist sich bereits sicher, dass sie als Junge leben möchte. Sie wünscht sich eine Geschlechtsumwandlung. MEIN FREUND AUS FARO könnte also die Vorgeschichte zu „Boys don´t cry“ sein, denn Mel sucht noch ihre Identität. Sie probiert sich sowohl als Mädchen als auch als Junge aus, um am Ende festzustellen, dass sie irgendetwas dazwischen ist. Meistens geht es um die Suche nach einem Platz im Leben. Ist der Mann da drüben eine Frau? Oder die Frau da drüben ein Mann? Das Rätsel um das Geschlecht löst sich meist nach ein paar Minuten der Beobachtung. Dann haben wir uns entschieden: Mann oder Frau. Über unsere Urteilsfähigkeit sagt das wenig, denn wir sehen oft nur das, was wir sehen wollen. Ich glaube, das Publikum interessiert sich für starke Geschichten, für Figuren, die bereit sind, Risiken einzugehen, die für eine Veränderung der Verhältnisse kämpfen.

Wie würden Sie das Thema des Films beschreiben?

MEIN FREUND AUS FARO ist eine Geschichte um das Erwachsenwerden, um die erste große Liebe, um die Suche nach sich selbst. Für mich ist Mel weder am Anfang noch am Ende des Films eine bekennende Lesbe. Mel verliebt sich das erste Mal. Dass es sich bei ihrer ersten großen Liebe um ein Mädchen handelt, finde ich nebensächlich. Wichtig ist, dass Mel durch die Liebe zu Jenny die Kraft findet, ihr Leben zu verändern, Risiken einzugehen. Am Ende hat sie viel über sich gelernt und weiß, dass sie von zuhause weggehen muss, um glücklich zu werden, um so zu leben wie sie leben möchte.

 

 Wie sind Sie auf die Idee zu dieser Geschichte gekommen?

Ich bin zwei Jahre zwischen Berlin und Köln gependelt und musste aus Geldnot öfter per Mitfahrgelegenheit nach Köln fahren. Bei einer Tour nahm mich eine Frau mit, die mir eine Geschichte erzählte, die mich nicht mehr los ließ: Eine Freundin ihrer Tochter hatte sich das erste Mal in einen Jungen verliebt. Der Junge verhielt sich seltsam, aber die Mädchen mochten ihn alle gern. Später stellte sich heraus, dass es sich bei dem Jungen um ein sehr viel älteres Mädchen handelte… Ich fragte mich, was ist das für ein Mädchen, das sich als Junge ausgibt, um mit einem Mädchen eine Beziehung zu führen? Das war der Anfang!

 

Wie haben Sie Ihre Hauptdarstellerin gefunden?

Unsere Casterin Susanne Ritter lud Anjorka Strechel gegen unser aller Bedenken schon zu unserem allerersten Casting ein. Auf den Fotos, die wir von Anjorka kannten, war sie einhellhäutiges, blond gelocktes, blauäugiges Mädchen. Aber Susanne hatte sie in persona gesehen und bestand darauf, sie einzuladen. Ihr Auftritt ist uns allen in Erinnerung geblieben. Sie hatte alles, um einen Jungen zu spielen. Es blieb die Frage: Wie sollen wir aus diesem nordischen Typ einen Portugiesen machen? Wir casteten noch eine Menge dunklere Typen. Aber Anjorka blieb unser Favorit und mit viel Haarfarbe und dunklen Kontaktlinsen wurde sie langsam zu Miguel, unserem Freund aus Faro.

 

Der Film wurde bereits auf zahlreichen Festivals gezeigt – welche Reaktionen haben Sie erlebt?

Auf dem Max Ophüls Festival haben wir den Drehbuchpreis gewonnen. Was mich aber am meisten gefreut hat, waren die Reaktionen der Zuschauer. Viele kamen nach dem Film auf mich zu und waren einfach gerührt und glücklich, den Film gesehen zu haben. Das hat mich wiederum gerührt und glücklich gemacht, denn dafür macht man doch Filme: Sie sollen die Menschen berühren. Die kürzeste Mail die ich bekam, lautete: I was moved by the film.

 

Travestie ist traditionell ein beliebtes Thema im Film, weshalb verkommt das in 9 von 10 Fällen zur Lachnummer?

Ich glaube, man muss seine Figuren ernst nehmen und darf sie nicht vorführen. Travestie ist natürlich auf den ersten Blick komisch, auf den zweiten kann es aber auch etwas ganz Trauriges bekommen. Am Ende des Karnevals in Köln könnte ich weinen, wenn ich die betrunkenen Verkleideten mit ihren verschmierten Gesichtern alleine auf den Parkbänken sitzen sehe. Es kommt immer darauf an wie man Geschichten erzählt, denke ich.

Fernando Pessoa, der Mel von ihrem Kollegen als portugiesischer Autor empfohlen wird, gilt derzeit als absolut angesagt – wie weit diente er als Vorlage?

Pessoa verkörpert „Saudade“, das unübersetzbare portugiesische Wort für Leidenschaft, Melancholie, Schmerz, Liebe. Saudade ist für mich Mels Idee von Portugal und ihre Motivation, zu dem Portugiesen Miguel zu werden. Und wie Mel sich als Miguel neu erfindet, so erfand Pessoa in seinem Werk für sich fiktive Identitäten, um aus ihrer Perspektive seine Geschichten zu schreiben. Mel schreibt keine Geschichten, sie lebt ihre eigene fiktive Identität.

Interview mit Anjorka Strechel (Mel)

Sie arbeiten schon lange am Theater, hier geben Sie Ihr Kinodebüt – wie groß haben Sie Unterschiede erlebt?

Der größte Unterschied ist natürlich der Arbeitsprozess. Für gewöhnlich probe ich ein Stück sechs Wochen, kann verschiedene Facetten einer Figur ausprobieren, in unterschiedliche Richtungen gehen und am Ende entsteht ein Abend, der sich von Vorstellung zu Vorstellung noch verändert. Beim Film ist eine Szene abgedreht und wenn ich abends noch eine andere Idee zu einer Szene hatte, konnte es nicht mehr geändert werden. Zudem wurde nicht chronologisch gedreht. Bei einer Vorstellung kann man eine Entwicklung spielen und man erlebt direkt mit den Kollegen eine Situation, beim Dreh musste ich mir vorstellen, was die Figur zuvor erlebt hat.

Wie haben Sie sich um die Rolle beworben?

Die Rolle habe ich ganz klassisch durch ein Casting bekommen. Nach meinem Schauspielstudium hatte ich mich bei einigen Castern beworben und Susanne Ritter war eine der Wenigen, die mich zu einem persönlichen Gespräch hat kommen lassen. Das war 2005 und nach zwei Jahren hat sich Susanne an mich erinnert und zum Casting eingeladen.

Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet?

Ich habe das Drehbuch mehrmals gelesen und mit der Regisseurin intensiv über die Rolle gesprochen. Wenn man ein Buch liest, hat man eine Vorstellung von den Figuren und man muss schauen, ob das mit der Idee des Regisseurs – und in dem Fall ja auch der Autorin – übereinstimmt. Außerdem hat Nana mir Filme empfohlen, z.B. „Titanic“ mit Leonardo DiCaprio, so dass ich mir von Kollegen männliche Verhaltensweisen abgucken konnte.

Was gab es außer der „Titanic“-Trockenübung als Vorbereitungen für die gespielte Männlichkeit?

Einerseits habe ich mir Inspiration aus Filmen geholt und geschaut wie sich Kollegen verhalten, was typisch männliche Gesten oder Gebärden sind. Aber ich habe auch verstärkt meine Mitmenschen beobachtet. Etwa wie die Jungs auf der Straße mit ihren Freundinnen umgehen. Was mein Äußeres anlangt wurden meine langen blonden Haare abgeschnitten und schwarz gefärbt. Am Ende kamen dann noch braune Kontaktlinsen hinzu.

Wie sieht für Sie diese Balance von Mel zwischen männlich-weiblich aus?

Ich glaube nicht, dass man vergisst, dass dort eine Frau ist, die probiert einen Jungen zu spielen. Aber man kann akzeptieren, dass Mel in Jennys Augen oder in ihrem Umfeld ein Junge ist. Es wird ja gesagt, Miguel sei anders. Das ist auch ein bisschen eine Verabredung, eine Grundvoraussetzung, die der Zuschauer mitgehen muss und das Schönste ist natürlich, wenn er so sehr in die Geschichte reingezogen wird, dass er für einige Zeit hofft, die Geschichte könnte für die beiden gut ausgehen.

Wie stark konnten Sie sich mit dieser Figur identifizieren?

Naja, ich kenne das Gefühl der Orientierungslosigkeit; nicht zu wissen, wo man hingehört und was man eigentlich hier soll. In der Pubertät fühlt man sich auch manchmal als Außenseiter.

Welchen Spielraum hatten Sie zum Improvisieren?

Wir haben sehr nah am Text gearbeitet, trotzdem gab es Spielraum für eigene Ideen. Der Regisseur wählt einen Schauspieler ja auch aus, weil ihm dessen Vorstellung der Rolle gefällt und insofern hat Nana mir da auch viel Freiraum gelassen. Die Richtung haben wir während der Proben besprochen und ich konnte anbieten, was ich mir so gedacht hatte.

Wieso braucht Mel diese andere Persönlichkeit um Jenny kennen zu lernen?

Im ersten Moment ist sie zu überrascht, danach in der Szene auf der Toilette entscheidet sie sich, für diesen Abend in der Disco den Jungen zu spielen. Wie es eben so ist, schafft Mel nie, das Missverständnis aufzuklären, bis irgendwann der Punkt, die Wahrheit zu sagen, überschritten ist und es ein Selbstläufer wird. Zudem ist Mel das erste Mal glücklich und wird akzeptiert, wie sie ist. Also tut sie alles, um diese Situation so lange wie möglich festzuhalten.

Worum geht es für Sie in „Mein Freund aus Faro“?

Es ist ein Film über eine Frau, die ihren Weg im Leben findet und die Kraft bekommt, aus ihren Verhältnissen auszubrechen. Vielleicht kann man es als Hinweis sehen, dass man seine Bedürfnisse ernst nehmen und nicht unterdrücken sollte.