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Fakten und Hintergründe zum Film "Martha Marcy May Marlene"

Kino.de Redaktion |

Martha Marcy May Marlene Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Über die Produktion

Mit seinem Spielfilmdebüt unternimmt Sean Durkins eine Reise in große Gefahr und folgt mit einer sehr beweglichen, alles erforschenden Kamera seiner Protagonistin auf der Flucht vor einer alternativen Sektengemeinschaft, die außerhalb jeglicher gesellschaftlicher Normen ihre Mitglieder auf totalitäre Weise kontrolliert.

Als Martha bei ihrer Schwester ankommt, wähnt sie sich endlich in Sicherheit. Das erweist sich jedoch als Trugschluss, denn tief in ihrem Inneren birgt sie Geheimnisse, die ihr das Alltagsleben ebenso fremd erscheinen lassen wie die Welt, aus der sie geflohen ist. Und so fühlt sie sich nirgends wirklich zu Hause.

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Für die Anziehungskraft und die Faszination die utopische Familiengemeinden und sektenähnliche Zusammenschlüsse, die es überall in den USA gibt, auf Menschen ausüben, hat sich Durkin schon lange interessiert. Mit MARTHA MARCY MAY MARLENE wollte er dieses Phänomen erforschen – und das nicht wie im Kino üblich, reißerisch und spekulativ, sondern auf ganz persönliche und originelle Art und Weise. Er erzählt seine Geschichte aus der Perspektive einer jungen, innerlich zerrissenen Frau. Sie versucht, der Sekte zu entfliehen, will endlich mit sich selbst ins Reine kommen und ihren Platz in der Gesellschaft finden. Sie möchte sich über ihre Zukunft klar werden und sich ihrer Schuld stellen.

„Im Fokus sollten die Figuren stehen, gleichzeitig sollte der Film zeitgemäß und realistisch sein”, erklärt Durkin. „Ich finde, dass Kultgemeinden immer irgendwie als Karikaturen ihrer selbst gezeichnet werden. Also las ich mich in das Thema ein und stolperte dabei über einen Artikel, der mich förmlich ansprang. Das war genau die Geschichte, die ich erzählen wollte. Sie handelte von einem Mädchen, das einer Gruppe den Rücken kehrte, die immer gewalttätiger wurde. Ich stellte mir die Frage, wie die ersten Wochen nach ihrer Abkehr von der Sekte für sie gewesen waren. Wie findet jemand mit solchen Erfahrungen in die Gesellschaft zurück?”

Durkin sprach mit seinen Partnern bei Borderline Films über das Thema. Zusammen mit Josh Mond und Antonio Campos hatte er die florierende Firma gegründet, als die drei noch Studenten an der NYU Film School waren. Seit jenen Tagen ist das Unternehmen stetig gewachsen. Der Großteil der Mitarbeiter ist unter 30 Jahre alt und man kümmert sich im Haus um alle Aspekte des Filmemachens – vom Buch zur Regie, von der Produktion bis zur Kameraarbeit. Borderlines Motto ist es einander größtmögliche künstlerische Freiheiten zu gewähren – und das auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten.

Mond und Campos stellten von Anfang an klar, dass sie alles tun würden, um Durkin bei der Umsetzung seiner Idee zu unterstützen. „Unsere Arbeitsweise sieht so aus, dass wir einander unterstützen und uns bei der Arbeit so gut wie möglich helfen”, erläutert Mond. „Sean, Tony und ich vertrauen einander und dieses Vertrauen durchdringt alle Arbeitsprozesse.”

Campos fügt hinzu: „Wir wussten, dass Sean der richtige Mann für diese Art Geschichte ist, weil er sich so gut in sie hineindenken kann. Er ist in vielerlei Hinsicht ein klassischer Filmemacher. Ihm ist stets daran gelegen, die Wahrheit hinter den Dingen zu ergründen und das findet man nicht so oft. Sicherlich hätte auch ein anderer Regisseur diesen Stoff realisieren können, aber nicht mit so viel Feingefühl und mit so viel Engagement. Wir haben immer an ihn geglaubt und unser Job bestand von Anfang an darin, dass Sean sich ganz auf seine Arbeit konzentrieren konnte. Er sollte sich ausschließlich um die kreative Seite des Films kümmern. Uns geht es nicht nur darum, für einen Filmemacher zu kämpfen – wir kämpfen auch für einen Freund.”

Als Durkin mit der Arbeit am Drehbuch begann, das er stets mit Campos und Mond besprach, fand er heraus, dass seine Story mehr Wahrheitsgehalt besaß als er sich vorgestellt hatte. „Eine Freundin erzählte mir, dass sie etwas ganz Ähnliches durchgemacht hatte wie meine Heldin. Sie wollte mir helfen und gestand mir, dass sie über ihre diesbezüglichen Erlebnisse nie zuvor so offen gesprochen hatte. Sie erzählte mir, was ihr widerfahren war – und das waren sehr schmerzhafte, erschreckende und traurige Erlebnisse. Sie hat sich mir gegenüber sehr freimütig und großzügig verhalten und auf ihren Berichten basiert die Story meiner Martha”, sagt Durkin.

So inspiriert, begann Durkin ein präzises Bild der Sekte zu entwerfen, der Martha sich anschließt. Diese Gruppe hat sich dem Motto „zurück zur Natur” und anderen alternativen Lebensformen, vor allem aber ihrem Vordenker und Führer Patrick verschrieben. „Die Frage war nun, wie ich das alles glaubwürdig gestalten sollte”, erinnert sich Durkin. „Das Problem löste sich, als ich über die Catskill Mountains fuhr und dort alle diese verlassenen Farmen sah. Mir wurde schlagartig klar, dass es für jemanden wie Patrick ein Leichtes sein würde, hier eine alternative Gemeinde zu gründen und dass er schnell 20 Leute finden würde, die hier mit ihm leben wollten. Das war der ‚Grundstein’ für Patricks Gemeinde.”

Durkin versah Patrick mit den vielen widersprüchlichen Qualitäten, die einen Anführer ausmachen. Dazu gehörten Charisma, Mitgefühl für seine Jünger, idealistische Philosophien, die im harten Gegensatz zu unserer materialistischen Welt stehen, und ein musisches Talent, mit dem er seine finsteren Ambitionen leicht „verkaufen” kann. Gleichzeitig macht Durkin aber auch klar, dass genau diese Eigenschaften manche der Jünger auf Dauer auch abstoßen – besonders die jungen Frauen. Er kettet seine Gemeinde nicht nur durch Verständnis und Mitgefühl an sich, er ist auch gewalttätig und tut alles, um seine Schäfchen bei sich zu halten. Patrick mag sich vielleicht als überaus moralischen Visionär sehen, aber Durkin enttarnt ihn auch als Mann, der sämtliche ethnische Grenzen überschreitet, um seinen Willen, seinen „Glauben” durchzusetzen.

„Manche Dinge, die Patrick sagt, entsprechen tatsächlich der Wahrheit”, erläutert Durkin. „Er predigt, im Augenblick zu leben, sich stets seiner selbst bewusst zu sein. Er gibt vor, sich um seine Gemeinde zu kümmern und für sie da zu sein. Aber er tut das nur, um die Mitglieder zu manipulieren und sie für seine Zwecke auszunutzen.”

Die Stärke von Durkins Skript liegt in der Kombination von Elementen eines realistischen und zutiefst emotionalen Dramas mit der Darstellung einer immer größer werdenden Angst, wie sie in Horror-Thrillern hervorgerufen wird. Obwohl die Story in eine Welt eintaucht, die nicht allzu bekannt ist, sagt Durkin, dass es an der Rolle der Martha viele Aspekte gibt, die all die Leute nachvollziehen können, die sich ihrer manchmal ganz unterschiedlichen Charakterzüge bewusst sind. „Im Endeffekt haben wir es mit einer Identitätsfindung zu tun”, sagt er. „Auf der Farm kreisen die Gespräche dauernd darum, wie man seinen Platz in der Familie findet. Das ist ein ganz elementarer Teil des menschlichen Wesens. Wir alle wollen irgendwo dazugehören, wollen zu irgendeiner Gruppe etwas beitragen. Ganz egal wer man ist, jeder von uns nimmt im Laufe seines Lebens gewisse Rollen und Persönlichkeiten an. Wie viele andere Menschen auch ist Martha jemand, der nicht mehr genau weiß, wer sie ist. Ihre Situation ist nur etwas extremer als die vieler anderer Menschen.”

Noch während Durkin am Drehbuch zu MARTHA MARCY MAY MARLENE saß, beschloss er, sich auch erstmals als Regisseur zu beweisen. Als Produzent hatte er schon mehrere Projekte von Borderline realisiert. Also schrieb und inszenierte er einen Kurzfilm, der auf seinen Recherchen zum Thema Sekten basierte. Mit Campos und Mond als Produzenten entstand so im Jahr 2010 MARY LAST SEEN. Der Film mit Brady Corbet in der Hauptrolle kostete rund 400 Dollar. Er gewann in Cannes den Kurzfilmpreis der Quinzaine und hob letztendlich so das Spielfilmprojekt gleichen Themas aus der Taufe.

„Wir schickten unseren Film, ohne uns groß Gedanken darüber zu machen, nach Sundance und reichten das Drehbuch zu MARTHA MARCY MAY MARLENE gleichzeitig beim Screenwriters Lab ein. Sowohl unser Film als auch das Skript wurden angenommen. Das hat die Dinge für uns maßgeblich verändert”, erinnert sich Durkin. „Der Kurzfilm lief in Sundance und ging dann nach Cannes. Ich arbeitete im Writer’s Lab, während Josh und Antonio ein bisschen Geld auftrieben. Als ich schließlich nach Hause zurückkam, legten wir sofort los.”

Campos sagt, dass es vor allem an Josh Monds Engagement lag, dass man überhaupt auf den Film aufmerksam wurde. „Die Chuzpe, die Josh als Produzent besitzt, ist schlicht unglaublich”, verrät er. „Er hat einfach das gewisse Etwas, diese Kraft, die nötig ist, wenn man Filme machen will. Das gilt für alle unsere Projekte.”

Darauf Mond: „Ich glaube, viele Leute haben uns unterstützt, weil sie einfach von Anfang an an Seans Skript glaubten. Letztendlich hat jeder, der am Film mitwirkte, von den Schauspielern bis zum letzten Techniker und Helfer, Seans Visionen und seinem Instinkt vertraut.”

Produktion: Die Besetzung

Die erste große Herausforderung, der sich die Filmemacher gegenübersahen, war die Besetzung der zentralen Rolle des Films, einer jungen Frau, die Martha heißt, als Sektenmitglied zu Marcy May (und manchmal Marlene) wird und sich schließlich wieder in Martha verwandelt, als sie sich endlich mutig entschließt, ein Leben nach eigenen Vorstellungen zu führen. Besetzungschefin Susan Shopmaker, die zu den Mitarbeitern von Borderline Films gehört, überraschte alle, als sie Elizabeth (Lizzie) Olsen für den Part vorschlug, die zuvor noch nie in einem Spielfilm mitgewirkt hatte. Die Filmemacher hatten großen Respekt vor der Art und Weise mit der sich Olsen der schwierigen Rolle stellte. Sie war bereit, die dunkelsten Winkel im Gehirn des jungen Mädchens zu erforschen, die sich mit Verwirrung, Paranoia, Scham und Herausforderung konfrontiert sieht, als sie endlich beschließt, um ihre Zukunft zu kämpfen.

Schon beim ersten Vorsprechen erkannte Sean Durkin das unglaubliche Talent von Elizabeth Olsen, sie war genau die richtige Person, diese Selbstfindungsreise anzutreten. „Lizzie ist interessant, sie hat etwas ganz Eigenes und sie ist sehr hübsch. Sie besitzt Tiefe und emotionale Kraft. Das habe ich alles gleich gefühlt, als ich sie zum ersten Mal traf”, erinnert er sich. „Vor meinem geistigen Auge sah ich sie die Auffahrt hinunter gehen, einen Stein aufheben und damit ein Fenster einwerfen. Ich erkannte sie als jemanden, der aufgestaute Wut transportieren kann und auch den Mut hat, diese Wut zu zeigen.”

Olsen ihrerseits fand die Story sogleich fesselnd und glaubwürdig. Sie wusste intuitiv wie sie Martha anlegen musste, sie konnte sich perfekt in sie hineindenken und verstand wie die Vergangenheit in die Gegenwart ihrer Figur nachwirkt. „Es war das erste Drehbuch, das mich wirklich ansprach”, gesteht Olsen. „Es war wirklich einmal etwas ganz anderes und ich sah meinen Charakter förmlich vor mir. Ich verstand ihre Psyche und auf eine merkwürdige Art mochte ich Martha sogar.”

Sie fährt fort: „Besonders gut gefiel mir, dass Sean das Publikum nicht mit Informationen über sie überschüttet. Er vertraut der Intelligenz der Zuschauer. Er lässt es zu, dass sie sich ihr eigenes Bild von Martha machen, sie dürfen die Figur für sich selbst entdecken. Ich war überrascht, dass ein Mann eine so gut gezeichnete Frauenrolle entworfen hat. Das ist wirklich cool und etwas Besonderes. Ich hoffe, dass mehr Filmemacher Rollen für junge Frauen schreiben werden. Martha ist kein Stereotyp, kein Klischee und ihre Kämpfe sind höchst real.”

Marthas Probleme haben ihre Ursache in einem komplizierten Familienleben und einer schwierigen Kindheit. Olsens Meinung nach ist das der Grund, warum Martha so empfänglich für das Leben in der Kommune ist. Die Gemeinschaft ersetzt ihr die Familie, die ihr in der Jugend fehlte. „Anfangs glaubt Martha, dass sie in dieser Gemeinschaft die Familie gefunden hat, die sie als Kind nie hatte”, sagt Olsen. „Patrick ist der erste Mensch in ihrem Leben, der ihr das Gefühl von Liebe und Geborgenheit gibt. Aus diesem Grund entscheidet sie sich, auf der Farm zu bleiben. Aber als sie beginnt, die Dinge, die in der Gemeinde passieren zu hinterfragen, und sich damit beschäftigt, wie es um die Moral der Gruppe bestellt ist, beginnen für sie die Schwierigkeiten. Sie fragt sich, wie weit diese Sekte gehen wird, um ihr vermeintlich friedliches und glückliches Leben beizubehalten?”

Es ist von Anfang an klar, warum Martha nicht bereit ist, ihrer Schwester oder jemand anderem zu erzählen, was sie durchgemacht hat. „Sie ist sich einfach darüber im Klaren, dass sie über diese Dinge noch nicht sprechen kann. Sie ist in einem Zustand extremer Paranoia und nicht in der Lage, irgendjemandem zu vertrauen”, führt sie aus. „Martha wendet sich nur an Lucy, weil sie niemand anderen hat, an den sie sich wenden kann. Die Beziehung zu ihrer Schwester ist alles andere als eng. Lucy hat gerade geheiratet und obwohl sie blindlings versucht, Martha zu helfen, kommt es zu massiven Spannungen um Haus.”

Ein Großteil der Spannungen entspringt Marthas unerklärlichem Verhalten. „Sie kann sich wirklich nicht mehr daran erinnern, wie man sich in Gesellschaft richtig verhält,” erklärt Olsen, „und sie ist immer noch an die Regeln der Sekte gewöhnt. Sie will selbstlos und nicht materialistisch sein. Aber dieses bedingungslose Verfolgen dieser Ideale hat ihren Geist verwirrt. Sie versteht selbst kleine, einfache Sachen nicht mehr. Etwa, dass man sich gemeinsam zum Essen hinsetzt. Das hat sie seit Jahren mit keinem Mann mehr gemacht, sie kann nicht mehr vor einem Mann essen. Sie weiß auch nicht, wann es normal, ist nackt zu sein und wann nicht. Sie ist eine Fremde auf einer fremden Insel.”

Sobald Olsen am Set war, entwickelte sie eine enge künstlerische Beziehung zu Durkin, die sich als Schlüssel zu ihrem Spiel erwies. „Sean hat sich sehr liebevoll um mich gekümmert, er hat sich meiner ohne Vorbehalte angenommen. Es war so, als hätte mich ein guter Freund inszeniert”, sagt sie. „Man kann ihm alle seine Geheimnisse anvertrauen, weil man weiß, dass er diese nicht verraten wird. Er hat stets alle meine Fragen beantwortet – und davon gab es jede Menge. Und alles, was er gesagt hat, machte auch Sinn.”

Olsen gibt gerne zu, dass die düsteren Farmszenen ihr arg zusetzten. „Ich glaube, dass Martha, als sie auf die Farm kommt, sich mit Sexualität überhaupt nicht auskennt. Und was ihr dann passiert, ist wahrhaft erschreckend – nicht nur für sie”, weiß die Schauspielerin. „Dies zu spielen, war überaus schwierig, aber ich vertraute Sean in ästhetischen Fragen vollkommen. Darüber hinaus gab er mir bei diesen Szenen all die Zeit, die ich brauchte, um mich entsprechend darauf einzustimmen.”

Josh Mond war extrem beeindruckt, wie positiv und entspannt Olsen trotz dieser schwierigen Szenen blieb. „Sie war definitiv schwer gefordert”, sagt er, „aber Lizzie hat eine geradezu ansteckende Energie, die jedermann am Set erfasste. Allein ihr zuzusehen, war für alle Beteiligten höchst aufregend.”

Antonio Campos fügt hinzu: „Lizzie war die größte Entdeckung des Films. Wir haben uns ihr Bewerbungsvideo wieder und wieder angesehen und waren uns alle über ihr enormes Talent einig. Natürlich ist jede Art von Besetzung ein gewisses Risiko und man weiß vor dem Resultat nie, ob man richtig gewählt hat. Aber bei Lizzie sahen wir gleich, dass unsere Wahl korrekt war. Keiner arbeitete härter als sie. Sie ist einfach immer besser geworden.”

Die Zusammenarbeit mit John Hawkes gab Olsen zudem jenen Rest an Sicherheit, den sie brauchte, um in die finsteren Ecken ihres Charakters vorzudringen. Patrick ist der Mann, der Marcy May „initiiert”, sie in seine Familie zwingt, sie zu einer seiner Frauen macht. „Wir hatten schon einige kompromittierende Szenen”, erinnert sie sich, „aber ich fühlte mich dabei mit John nie unbehaglich. Er gab mir immer das Gefühl, auf der sicheren Seite zu sein.”

Und Sicherheit, vielmehr das Gefühl von Sicherheit, war bei diesem Dreh essenziell. Olsen verbringt nämlich viel Zeit nackt – sei es nun emotional oder wortwörtlich. Sie ist oft schmutzig, trägt kein Make-up, keine Kleidung und ist auch sonst hilflos. „Im Film geht es um rohe menschliche Reaktionen, um Leben pur”, räsoniert sie. „Nichts ist manipuliert.”

Nur dank dieser Gegebenheiten war es überhaupt möglich, diesen Film zu machen. Nur so konnte es gelingen, dass das Publikum mit Martha mitleidet, ihre Angst und Unsicherheit versteht. „Es ist wirklich merkwürdig, wir hatten beim Drehen so viel Spaß und ich genoss es, Martha zu spielen… und dennoch finde ich ihr Leben höchst furchterregend”, fasst Olsen zusammen.

Produktion: Die Dreharbeiten

Um zu zeigen, wie es um Marthas Leben auf der Farm bestellt war, musste Sean Durkin den richtigen Schauspieler für die Rolle des ebenso charismatischen wie sinisteren Sektenchefs Patrick finden. Und er wusste, dass John Hawkes, der gerade für seinen Part als Onkel Teardrop an der Seite von Jennifer Lawrence in WINTER’S BONE („Winter’s Bone”, 2010) für einen Oscar nominiert worden war, dieser Figur die nötige Tiefe verleihen konnte.

Hawkes erzählt, dass ihn die Arbeit mit Elizabeth Olsen stark an die mit Lawrence erinnerte: „Schon sehr früh während der Dreharbeiten war mir klar, dass Lizzy hier in derselben Liga spielte wie Jennifer in WINTER’S BONE. Beide sind junge Frauen, die viel reifer sind als ihr Alter vermuten lässt, sie sind überaus kooperativ und sehr mutig.”

Hawkes geht sogar so weit zu behaupten, dass er zwischen den beiden mutigen Independent-Produktionen große Ähnlichkeiten sieht – und das trotz der unterschiedlichen Inhalte und des gegensätzlichen Stils. „Beide Filme zeigen Frauen so wie man sie im Kino sonst nicht sieht”, sagt er.

Es war die ungewöhnliche Geschichte, die Hawkes ansprach: „Es kursieren zig Drehbücher, die um Sekten kreisen, aber dieses war ganz anders”, weiß er. „Nur eine Hälfte spielt auf der Farm der Sekte, die andere dreht sich um eine Frau, die dieser fanatischen Gemeinde entflieht und wieder versucht, im normalen Leben Fuß zu fassen. Das Skript war an vielen Stellen relativ vage, es ist sehr spannend und liefert keine einfachen Antworten. Ich telefonierte nur einmal mit Sean, er überzeugte mich sofort den Part zu übernehmen und ich bin das Wagnis kurz entschlossen eingegangen.”

Obwohl Patrick Charakterzüge von berühmt-berüchtigten US-Sektenchefs wie Charles Manson, Jim Jones oder David Koresh aufweist, wollte sich Hawkes an keinem von ihnen wirklich orientieren. „Normalerweise tendiere ich dazu, mich fast zu gut vorzubereiten, aber in diesem Fall habe ich mich mit meinem Rollenstudium und den entsprechenden Recherchen eher zurückgehalten. Ich wollte Patrick nicht nach einer echten Person modellieren”, erklärt er. „Ich hatte das Gefühl, dass ich ihn als glaubwürdigen Verführer anlegen musste, ihn aber keinesfalls überzeichnen durfte. Ich war mir klar, dass ich Patrick echt, liebevoll und charismatisch spielen würde und er dann genau die Art von Mann wäre, dem sich Martha anvertraut. Ich wollte alles Offensichtliche vermeiden. Ich wollte ihn als anständigen Menschen darstellen, denn das macht die ganze Sache umso spannender.”

Eine der herausragenden Eigenschaften Patricks ist seine Fähigkeit das Selbstwertgefühl junger Menschen mit nur einem Nicken oder einem kleinen Lächeln zu stärken. „Ich glaube, das ist etwas, was viele dieser Manipulatoren hervorragend beherrschen”, sagt Hawkes. „Sie erkennen, woran es dem Gegenüber fehlt und bestärken ihn in genau dem Punkt. Patrick ist genau die Art von Vaterfigur, zu der junge Frauen in Not sich hingezogen fühlen.”

Obwohl sich Patrick höchst unmoralisch verhält und bestrebt ist, die Menschen in seinem Umfeld auszubeuten, glaubt Hawkes, dass tief im dem Sektenchef doch ein wenig Aufrichtigkeit steckt. „Ich habe noch nie jemanden gespielt, den ich nicht mochte – und ich könnte es auch nicht”, kommentiert er. „Patrick ist jemand, den man nur schwer mögen kann, aber als Schauspieler finde ich es immer spannend, Parts zu übernehmen, bei denen ich Seiten entdecken muss, die die Figur dem Publikum sympathisch macht. Das war hier eine große Herausforderung.”

Der Dreh in den Catskills, dieser friedfertigen, ländlichen Gegend, die sich wie eine ganz private Welt anfühlte, half Hawkes zu verstehen, warum junge Leute sich hier wohler fühlen würden als in der rauen, wirklichen Welt. „Wir fühlten uns hier alle wie Gestrandete, wie eine große Familie, was sich natürlich überaus positiv auf den Film niederschlug”, erinnert er sich.

In einer packenden Sequenz, die gleichermaßen glaubwürdig wie beunruhigend ist, singt Hawkes als Patrick für Martha ein Lied. Der Schauspieler, der schon sein ganzes Leben lang musiziert hat, improvisiert am Lagerfeuer einen Folk-Song-Klassiker der 60er Jahre, ein Lied von Jackson Franks, das passenderweise „Marlene” heißt. „Ich sang den Song genauso wie man das in Wirklichkeit tun würde”, führt er aus. „Wir nahmen das Lied in einem Stück auf, ohne Schnitt, inklusive all der kleinen Fehler, die da so passieren. Es war ein sehr kalter Tag und es war extrem schwierig zu singen, ohne mit den Zähnen zu klappern!”

Er fährt fort: „Ich finde, der Song passt hervorragend zum Film. Er ist mysteriös, psychedelisch, weich und auch ein wenig schräg. Ich machte mir zunächst Sorgen, ob ich das auch richtig rüberbringen würde, aber als ich loslegte, war es aufregend und machte gleichzeitig Spaß. Es war so, als würde ich etwas zum Soundtrack des Films beitragen, es gab der Person Patricks mehr Profil und zeigt auch seine positive Seite… je mehr man das an dieser Stelle aus der Geschichte herausholt, desto besser.”

Der Song war es auch, der Elizabeth Olsen endgültig überzeugte, dass Hawkes der richtige Schauspieler für die Rolle war. „Wenn man jemanden besetzt hätte, der einem nur Angst einflößt, jemanden, den man nur fürchtet, dann würde man nicht glauben, dass er so viele Anhänger findet. Aber John besitzt diese gewisse Extra, dieses Charisma, das man als Sektenführer braucht”, weiß sie. „Er kann so ein liebenswerter Mann sein. Und wenn er für Martha singt, versteht man, warum sie ihm verfallen ist. Mir wäre das wohl genauso ergangen.”

Ein angehender Star und Mitglied der Borderline-Films-Familie ist Brady Corbet, der Watts spielt und Martha in die Sekte einführt. Christopher Abbott schlüpft in die Rolle von Max, der zum Vertrauten Marthas wird, die auf der Farm den Namen Marcy May annimmt.

Corbet, der sein Spielfilmdebüt 2003 in THIRTEEN („Dreizehn”) gab, kennt man als Derek Huxley aus der TV-Hit-Serie „24”. Er beschreibt Watts als „einen gläubigen Jünger, der Mädchen in der Stadt anspricht und auf die Farm lotst.” Vielleicht hat Watts tief im Inneren auch Skrupel, die unschuldigen Kids auf die Farm zu locken, wo ihr Willen gebrochen wird, aber laut Corbet steht er so stark unter Patricks Einfluss, dass er dies gar nicht mehr wahrnimmt. „Watts ist diesbezüglich jenseits von Gut und Böse – er kann sich längst nicht mehr selbst retten, geschweige denn jemanden anders”, führt er aus.

Produktion: Look und Design

Für Martha könnte es keinen größeren Kontrast geben als der zwischen dem Leben auf der Farm und später dann bei ihrer Schwester Lucy, die in einem noblen Haus an einem See in Connecticut wohnt. Ihr neues Leben steht im krassen Gegensatz zum Leben innerhalb der Sekte, die materielle Güter ablehnt. Beide Welten sind Arten von Familie – doch Martha fühlt sich in keiner davon wohl.

Sie wendet sich aus purer Verzweiflung an ihre Schwester Lucy, aber sie traut ihr nicht wirklich – ebenso wenig wie Lucys Ehemann Ted. Lucy, die mit ihrer Schwester Martha turbulente und anstrengende Tage erlebt und diese letztendlich „rettet”, wird von Sarah Paulson gespielt. Sie ist aus dem Fernsehen bestens bekannt, hat unter anderem in Serien wie „American Gothic”, „Deadwood” und „Studio 60 on the Sunset Strip” mitgewirkt.

Paulson legte ihre Rolle vielschichtig an, sie gibt sich als Lucy einerseits herzlich und hilfsbereit, besitzt andererseits aber auch Macken und Schwächen. „Lucy versucht wirklich, Martha zu helfen, aber sie ist, was Familiendinge betrifft, unbedarft und ungeübt”, erklärt Paulson. „Wahrscheinlich versteht sie es besser, mit Fremden umzugehen als mit Familienmitgliedern und als Martha plötzlich bei ihr auftaucht, haben die beiden sich seit Jahren nicht gesehen. Martha ist für sie zunächst nichts anderes als eine riesige Bürde. Sie weiß nicht, wo ihre Schwester all die Jahre gewesen ist. Ihr Ehemann kennt Martha gar nicht. Lucy und ihr Mann probieren gerade, ein Baby zu bekommen – und dann steht plötzlich jemand auf ihrer Türschwelle, der etwas erlebt hat, was sie so gar nicht verstehen können.”

Paulson gibt zu, dass sie anfangs überhaupt nicht wusste, was sie von Elizabeth Olsen halten sollte, war aber, als sie sie kennenlernte, augenblicklich von ihr begeistert. „Sie war überhaupt nicht so, wie ich sie mir vorgestellt hatte”, erzählt sie. „Sie ist geerdet, klug, witzig und jemand, der gerne lacht. Sie ist wirklich sehr erfrischend. Sie konnte sich perfekt in ihren Part einfühlen und hineindenken, hat aber darum wenig Aufhebens gemacht. Sie musste Szenen in eiskaltem Wasser spielen und nackt vor Fremdem herumlaufen, aber sie hat sich nie beschwert. Sie ist ungeheuer spontan, stets präsent, ich könnte tagelang mit ihr spielen. Ich halte sie wirklich für ein Riesentalent.”

Die größte Herausforderung bestand für Paulson darin, ihre eigenen ganz natürlichen Reaktionen auf die Hilfe suchende Martha zu unterdrücken. Sie musste ihrem Filmcharakter treu bleiben, die kalte, vorsichtige und zurückweisende Lucy spielen, die aus derselben zerrütteten Familie stammt und keine familiäre Wärme kennt. „Mein Instinkt war natürlich, Lizzie zu berühren, sie in den Arm zu nehmen und ihr zu sagen, das alles gut werden würde. Aber so ist Lucy nicht”, weiß sie. „Normalerweise vertraue ich auf meinen Instinkt, aber hier musste ich ihn unterdrücken. Und dann beschloss ich, meinem Instinkt zwar zu vertrauen, dies aber nicht auszuspielen, um so zu einem möglichst interessanten Porträt Lucys zu kommen.”

Dieses „gehemmte” Spiel kommt besonders in jener Schlüsselszene zum Tragen, in der Lucy und Martha ihren Konflikt endgültig austragen. „Wir achteten beide streng darauf, einander den Raum zu geben, den wir brauchten”, erinnert sich Paulson. „Es gab da diesen einen Take, in dem Lizzie wirklich fantastisch war. Es war superb. Lizzie als Partnerin zu haben, hat mich zu Höchstleistungen angespornt. Der ganze Film war eine unglaubliche Erfahrung.”

Eine der heikelsten Szenen ist wahrscheinlich die, in der Martha zu Lucy und Ted ins Ehebett kriecht. Diese Szene richtig zu spielen, war laut Durkin für alle drei Schauspieler eine enorme Herausforderung. „Das ist etwas so Ungewöhnliches, dass man sich sehr schwer vorstellen kann, wie jemand darauf reagiert”, sagt der Regisseur. „Anfangs war uns nicht ganz klar, in welche Richtung diese Szene schauspieltechnisch gehen sollte, im Endeffekt aber haben Sarah, Lizzie und Hugh genau die richtigen Entscheidungen getroffen. Unsere Frage war immer dieselbe: ‚Wie wäre wohl die ehrlichste Reaktion?’”

Richtige, oder besser aufrichtige Reaktionen waren auch das, was Hugh Dancy im Sinn hatte. Er spielt Ted, den hart arbeitenden New Yorker, der sich auf einen stressfreien Urlaub freut und mit seiner jungen Ehefrau ein Baby zu machen plant. Bis deren merkwürdige Schwester auftaucht und alles ganz anders läuft als er erhofft hat. Dancy, der gerade einen viktorianischen Arzt in HYSTERIA („In guten Händen”, 2011) und einen New-Age-Künstler in OUR IDIOT BROTHER (2011) gespielt hatte, sprach besonders Durkins Skript an.

„Ich mag Seans Art zu schreiben sehr”, sagt Dancy. „Sein Stil ist überaus subtil, der Plot ist dramaturgisch gut aufbereitet. Ich fand die Beziehung zwischen Ted und Lucy glaubwürdig und ich finde es interessant, dass Martha auf ihre Schwester und deren Lebensweise herabblickt. Diese Szene hätte auch sehr klischeehaft ausfallen können, aber Sean hat sie so geschrieben, dass man durchaus mit dem Ehepaar sympathisiert. Sie wollen eigentlich nur ein ruhiges, vernünftiges Leben führen, konventionell mit ganz durchschnittlichen Ansprüchen.”

Seine enge Zusammenarbeit mit Paulson führte dazu, dass er auch das Verhältnis seiner Figur zu seiner Filmfrau besser verstand. „Die beiden ringen um eine gute Beziehung, sie ist vielleicht nicht perfekt, aber sie lieben sich und können sich aufeinander verlassen”, merkt er an.

Trotz allem belastet Marthas Auftauchen ihre Ehe aber schwer, der eigentlich friedfertige Ted wird zusehends wütender und bestürzter. „Ted ist ein guter Mann, er unterstützt Lucy, wo er kann, aber als Martha auftaucht, ist es mit seiner Bestimmtheit, seiner Selbstsicherheit vorbei”, erklärt Dancy. „Zudem besitzt Ted auch tyrannische Züge, die sich nicht nur gegenüber Martha, sondern auch bei Lucy offenbaren. Sean hat das ganz subtil ins Skript einfließen lassen. Ted ist kein übler Kerl, kein Widerling, er wird nur im Verlauf der Handlung zusehends intoleranter.”

Er fährt fort: „Die Herausforderung für mich bestand darin, die entsprechenden Momente richtig zu betonen. Ich durfte meine Figur nicht eindimensional anlegen, ich musste sie mit differenzierten Gefühlsfacetten ausstatten.”

Dancy lobt seine Ko-Stars dafür, dass sie jene Atmosphäre schafften, in der er so nuanciert spielen konnte. „Ich hatte wirklich Glück, Teil eines so harmonischen Ensembles zu sein”, fasst er zusammen. „Wir fühlten uns untereinander gut aufgehoben und konnten uns so voll in unsere Rollen fallen lassen. Besonders beeindruckte mich Lizzie Olsen weil sie einen so schwierigen, komplexen und traumatisierten Charakter verkörpern musste und dies mit viel Reife, Intelligenz und Können meisterte. Bei Sarah war von Anfang an ohnehin klar, dass sie ihre Aufgabe mit Bravour lösen würde.”

Um die eindringliche Atmosphäre von MARTHA MARCY MAY MARLENE richtig einzufangen, und um den Zuschauern zu vermitteln, zwischen welch widersprüchlichen Welten Martha gefangen ist, setzte Sean Durkin visuell auf kühlen Naturalismus. Sein Ziel war es, alle Elemente des Films – vom Spiel der Schauspieler bis hin zur Kameraarbeit – aufeinander abzustimmen und so in jeder Szene ein Gefühl der Verunsicherung zu kreieren.

Durkin kooperierte nicht nur mit Antonio Campos und Josh Mond, sondern auch mit einer gut eingespielten Crew, die schon bei zahlreichen Borderline-Films-Produktionen zusammen gearbeitet hatten. „Es ist mir wichtig, dass die Atmosphäre und das Miteinander am Set stimmen – und das schafft man mit einem gut eingespielten Team”, weiß Mond. „Viele von uns arbeiten schon seit Langem zusammen. Viele haben schon in verschiedensten Aufgabenbereichen gearbeitet, so ist uns alles leicht von der Hand gegangen und jeder hat für den Anderen Verständnis aufgebracht. Es ist toll, wenn man Teil eines so guten Teams ist.”

Campos fährt fort: „Wenn man ein Crew hat, dessen Mitglieder sich gegenseitig respektieren, dann weiß man, dass sie für den Film bis ans Ende der Welt gehen würden. Seit Jahren arbeiten wir mit unseren Cuttern, unseren Tonleuten, den Ausstattern und den Männern der Lichtabteilung – wir sind irgendwie eine große Familie.”

Schlüsselpersonen des Kreativteams von MARTHA MARCY MAY MARLENE waren Kameramann Jody Lee Lipes und Produktionsdesigner Chad Keith, die primär an zwei verschiedenen Schauplätzen zusammen arbeiteten: auf einer entlegenen, traditionellen Monticello-Farm, die der Familie von Produzent Antonio Campos gehört, und in einer schicken, modernen See-Villa nahe der Stadt Roscoe.

„Sean teilte seinen Film praktisch in zwei Teile mit ganz unterschiedlicher Atmosphäre auf: Auf der einen Seite war der Dreh auf der Sektenfarm, auf der anderen der im Seehaus”, erklärt Mond. „Unsere Herausforderung bestand darin, für Sean die exakt richtigen Drehorte zu finden. Er sollte alles haben, was er brauchte und sich um Geld und Logistik überhaupt keine Gedanken machen müssen.”

Campos weiß, dass Mond ein Händchen dafür besitzt, schwer zu findende Schauplätze aufzutun. „Wenn man ganz ungewöhnliche Drehorte braucht, über die jeder sagt, dass es sie nicht gibt, wird Josh sie finden. Das ist einfach sein Ding”, räsoniert er.

Andererseits war es Campos, der Durkin vorschlug, doch auf der Farm seines Großvaters zu drehen. Und die wurde dann auch zur idyllisch gelegenen Farm der Sekte. „Ich war mir eigentlich von Anfang an darüber im Klaren, dass Sean sich in die Farm verlieben würde”, erzählt Campos. „Sie ist überaus geschichtsträchtig, es gibt jede Menge moderndes Holz und das Licht fällt durch zerbrochene Glasscheiben. Es gibt viele verschiedene Zimmer, die alle eine unterschiedliche Atmosphäre besitzen. Wir mussten immer nur das richtige aussuchen.”

Der Regisseur, der das Haus als alt und schön beschreibt, führt aus: „Mit dem Wissen, dass wir diese tolle Location hatten, stellte sich nun die Frage, wo wir in der Nähe ein Haus am See finden würden, das die entsprechende Antithese zur Farm sein könnte. Wie sollten wir eine Welt erschaffen, die ganz anders ist als die der Farm? Dafür den richtigen Schauplatz zu finden, stellte eine echte Herausforderung dar. Wir wollten etwas Helles mit viel Licht, hohen Decken und einem großen Außenbereich. Ich brauchte etwas, was auch die verschiedenen Wertewelten der Schwestern widerspiegelt. Josh machte sich also auf den Weg, fragte sich in der Nachbarschaft durch, freundete sich mit den Leuten der Gegend an und fand schließlich das passende Haus.”

Jody Lee Lipes, ein vielversprechender junger Filmemacher, der für seine Kameraarbeit zu TINY FURNITURE (2010) mit einer Spirit-Award–Nominierung bedacht worden war, nutzte beide Drehorte optimal, um die richtige Stimmung zu kreieren, die auch Marthas zerrütteter Psyche entsprach. Er und Durkin kooperierten eng, um die richtige Kamerasprache zu finden, die Angst, Klaustrophobie und Suspense ausdrücken musste. Dies erreichten sie, indem sie lange, statische Nahaufnahmen mit düsteren Totalen und langsamen Zooms kombinierten. Obendrein kam häufig eine nervöse Handkamera zum Einsatz, die perfekt zu Marthas Rastlosigkeit, ihren Albträumen und Angstzuständen passte.

Die Vielschichtigkeit der Kameraarbeit war Teil von Durkins Konzept. „Ich wollte den Film nicht ausschließlich aus Marthas Perspektive erzählen”, führt er aus. „Es ging mir um Rhythmus und Tempowechsel, ich wollte Spannung aufbauen und gleichzeitig in das Geschehen hineinziehen. Wir drehten viel aus der Hand und setzten langsame Zooms ein – die Kamera war dabei immer in Bewegung. Wir schwenkten, zoomten und nutzten sie wie Augen. Das unterschnitten wir dann mit statischen Einstellungen und zusammen ergab das einen ganz eigenen Rhythmus.”

Obwohl Durkin immer ganz genau wusste, wie seine Bilder aussehen sollten, hielt er Lipes gleichzeitig dazu an, so spontan wie möglich zu filmen. „Wir wollten den Schauspielern so viel Freiraum wie nur möglich lassen”, sagt er. „Ich arbeite die Szenen im Drehbuch immer sehr genau aus, aber in dem Moment, wo ich dann am Set stehe, schaue ich nicht mehr ins Skript. Ich gehe dann vielmehr mit den Schauspielern die Szene durch und wir schauen, wie wir sie möglichst realistisch auflösen können. Daraus ergibt sich im Endeffekt auch der visuelle Stil. Nichts ist in Stein gemeißelt, ich will nur immer eine Atmosphäre haben, die möglichst authentisch wirkt.”

Im Bezug darauf, wie Marthas Vergangenheit in die Gegenwart hineinspielt und wie sich dies auf der Leinwand widerspiegelt, kommentiert Durkin: „Ich wollte Vergangenheit und Gegenwart visuell nicht trennen. Ich wollte einen Stil, bei dem man nicht weiß, was als nächstes passiert. Der Film soll so sein wie Marthas Geisteszustand, sie ist weder auf der Farm noch in der Villa am See ganz bei sich. Erst allmählich fasst sie wieder Fuß im Leben und diesen Prozess soll der Zuschauer miterleben.”

Die Produzenten waren vom Look des Films begeistert. „Jody und Sean haben sich perfekt ergänzt”, sagt Mond. „Ich habe auf visueller Ebene so etwas noch nie gesehen, Leute, die sich quasi in dunklen Schatten verstecken.”

Campos weiter: „Jody hat ein paar Jahre vor mir die NYU abgeschlossen, aber wir waren uns alle immer darüber im Klaren, dass er der Mann sein würde, der es definitiv schafft. Er hat mit uns schon bei AFTERSCHOOL (2008) zusammen gearbeitet, Sean und er verstehen sich fast ohne Worte. Jody hat immer die Freiheit, Kameraeinstellungen nach seinem Gutdünken zu wählen, aber er respektiert dabei immer Seans Vision und die Art wie er seine Geschichte erzählen will. Es scheint ganz so, als würde Jody immer die richtige visuelle Frage stellen. Ich halte ihn für einen der besten Kameramänner seiner Generation.”

Ein weiteres Schlüsselelement fürs Gelingen des Projekts war die richtige musikalische Untermalung. Die Filmemacher verpflichteten die Komponisten Saunder Jurriaans und Danny Bensi – beide klassisch geschulte Multi-Instrumentalisten, die die Rockband Priestbird gegründet hatten –, um den dissonanten, minimalistischen Elektro-Score zu komponieren, der die emotionalen Wendungen des Films untermalt.

Das Sounddesign war eine weitere Säule der Atmosphäre des Films. „Schon während des Drehbuchschreibens denke ich an den Ton”, erklärt Durkin. „Zunächst einmal sollte der Ton möglichst realistisch sein – und zudem sollte er helfen, die Spannung aufzubauen.”

Dem Realismus war der ganze Film verpflichtet, ob nun im Look oder in der Atmosphäre, und der wurde dann noch durch die exzellenten Schauspielerleistungen betont – was das ganze Unterfangen zu einer rundum gelungenen Sache macht. Durkin fasst zusammen: „Der Film baut auf Realismus, er fußt darin – und dann haben wir die Tonalität so verändert, dass eine Atmosphäre stetig steigender Spannung entsteht.”

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