Manchester by the Sea Poster

„Manchester by the Sea“ – die Kritik

Alexander Jodl |

Große darstellerische Leistungen von Casey Affleck und Michelle Williams in einer Geschichte von Verlust, Schmerz – und einem Leben, das davon unbeirrt seinen Lauf nimmt.

Als Hausmeister Lee Chandler (Casey Affleck) erfährt, dass sein Bruder gestorben ist, wird ihm schnell klar: Sein Leben muss sich grundlegend verändern: Denn sein 16-jähriger Neffe Patrick (Lucas Hedges) braucht ein neues Zuhause. Und wohl Lee spürt, dieser Aufgabe nicht im Entferntesten gewachsen zu sein, will, muss er sich ihr stellen. Und ja: Kaum etwas ins seinem Leben bleibt, wie er es sich eingerichtet hat. Wenn man sein bisheriges, stilles Abarbeiten einförmiger Tage überhaupt Leben nennen will. Flucht davor träfe es wohl eher.

Doch letztlich bleibt ihm keine echte Wahl. Er zieht zurück in seine alte Heimat, um sich des Jungen anzunehmen. Zurück nach „Manchester by the Sea“, dem Ort an dem er schon einmal ein echtes Leben geführt hat. Ein glückliches noch dazu – mit Frau, Kindern und einer Zukunft. Bis ihm das Schicksal all das grausam raubte. Und ihn, der noch dazu die Verantwortung dafür trägt, in einen gebrochenen Mann verwandelte. Einen, dem vom Leben nichts mehr erwartet – und ihm auch nichts mehr ausliefern will. Schon gar nicht die Verantwortung für nahe Menschen.

All der alte Schmerz…

Doch plötzlich geht es nicht mehr nur um ihn und seinen alten Schmerz. Es geht um das Schicksal und die Zukunft seines Neffen. Der allerdings nicht vorhat, seinem Onkel die Aufgabe in irgendeiner Form leicht zu machen. Und es geht um Menschen, die er längst aus seinem Leben verdrängt hatte – um den Schmerz ertragen zu können, den jeder Gedanke an seine glückliche Vergangenheit und das furchtbare Ende in ihm auslösen würde. Menschen, wie seine Ex-Frau Randi (Michelle Williams), die nie Chance hatte, das Unglück gemeinsam mit ihm zu verarbeiten. Denn Lee gehört zu der Sorte Männer, bei denen Verdrängung und Schweigen die einzigen Formen der Verarbeitung sind, die sie für sich überhaupt zulassen…

Der Tod raubt grausam – aber manchmal  gibt er auch ein kleines Bisschen zurück. Eine Erkenntnis, die im neuen Werk von Kenneth Lonergan 138 Minuten Reifezeit braucht, um sich letztlich zu entfalten. Über zwei Stunden, gefüllt mit virtuosem Schauspiel, oft quälend langen Bildern, einer Geschichte voll Tragik, Schmerz – und irgendwann auch einem kleinen Stück Vergebung. Manchmal sogar mit einem Hauch Humor – wie ein viel zu kleines Pflaster auf einer offenen Wunde. Und ansonsten tiefe Stille und dramaturgische Statik, in denen Figuren und Publikum weitgehend sich selbst überlassen bleiben.

Starke Stars und geforderte Zuschauer

Ob der Zuschauer das als Möglichkeit sieht, sich tief und ohne Hast in Geschehen und Schicksal einsinken zu lassen – oder ob er vom dramaturgischen Schneckentempo hippelig wird – muss jeder für sich entscheiden. Wenn man das überhaupt selbst entscheiden kann. Ja: Casey Affleck hat zu Recht eine Golden Globe als „Bester Hauptdarsteller“ erhalten. Und auch Michelle Williams zeigt, was für eine großartige Schauspielerin sie ist. Viel näher kann man Schuld und Sühne mit darstellerischen Mitteln nicht kommen, ohne auf die Realität zurückzugreifen.

Ob man das auf diese zwei Stunde gestreckt jedoch auch möchte, steht auf einem anderen Blatt. Es gibt Filme, da hat man das Kino verlassen, und möchte sich sofort das nächste Ticket dafür lösen. Wer nach „Manchester by the Sea“ den Saal verlässt, ist auch ein Stück weit erleichtert, es hinter sich gebracht zu haben – allen unleugbaren Qualitäten des Films zum Trotz. Ganz sicher ein Erlebnis. Aber eines, das nicht jede ruhelose Seele als erstrebenswert empfinden wird.

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Der Trailer zu „Manchester by the Sea“

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