Oscars 2013: Wer wird gewinnen? Unsere Prognose

Kino.de Redaktion |

Lincoln Poster

Sonntagnacht blickt die Filmwelt nach Los Angeles, wenn die 85. Academy Awards verliehen werden. Wer hat die besten Chancen im Oscar-Rennen? Ein Ausblick.

Michael Haneke auf Oscar-Kurs

Am 24. Februar ist es wieder soweit - dann werden die 85. Academy Awards verliehen. Ein Gewinner steht dieses Jahr schon fest: Michael Haneke. Er ist für sein Drama Liebe fünf Mal nominiert. Und es sollte mit dem Teufel zugehen, wenn der gebürtige Münchner nicht den Oscar für den „besten nicht-englischsprachigen Film“ mit nach Hause nimmt. Drei Jahre zuvor war er schon mal angetreten mit dem grandiosen Drama Das weiße Band, ein psychlogisch-investigatives Porträt deutscher Verhältnisse und Befindlichkeiten kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs. Da verlor Haneke gegen den Argentinier In ihren Augen. Jetzt hat Haneke mit „Liebe“ ein noch einfühlsameres, bewegendes und den Zuschauer weniger verstörendes Bild über „L’Amour“, die mächtigste Kraft überhaupt, gedreht – der Film erlebt einen unvergleichlichen Preisregen (Europäischer Filmpreis, Golden Globes, BAFTAS) – jetzt kommt die Academy an Haneke einfach nicht vorbei.

Steven Spielberg ein sicherer Gewinner?

Ob Haneke auch als „Bester Regisseur“ ausgezeichnet wird, ist zweifelhafter. Nicht nur, dass die Konkurrenz mit Steven Spielberg und Ang Lee (u.a.) ausgesprochen prominent und stark ist. Die Begeisterung der Academy für „Liebe“ dürfte dann doch nicht ausreichen, dass sie einem Deutschen den zweitwichtigsten Award überlässt. Zumal Steven Spielberg mit Lincoln ein brisantes Stück US-Geschichte verfilmte, dabei dem klassischen Hollywood-Historiendrama frönt und mit Daniel Day-Lewis ein unüberwindbares Zugpferd als Darsteller hat. Der dritte Regie-Oscar für Spielberg scheint wahrscheinlich. Auch, da die Academy Spielberg in der Vergangenheit stets für seine historischen Arbeiten (Schindlers Liste, Der Soldat James Ryan) in der Kategorie Regie gewinnen ließ.

Fehlentscheidungen bei den Nominierungen

Bilderstrecke starten(14 Bilder)
Alle Bilder und Videos zu Lincoln

Überhaupt ist es bei den Regisseuren dieses Jahr verzwickt: Die Academy hat nämlich zwei absolut verdiente Filmemacher bei den Nominierungen außen vorgelassen: Kathryn Bigelow und Ben Affleck. Bigelows polarisierender Politthriller Zero Dark Thirty über die Suche und Ergreifung Osama bin Ladens sorgte in Hollywood aufgrund expliziter Folterszenen und einer klar anti-amerikanisch missverstandenen neutral-nüchternen Erzählhaltung für Proteste bei Filmschaffenden und Politikern. So einer gibt man dann doch keinen Preis, könnte es in den verantwortlichen Köpfen geheißen haben. Lässt sich die hohe Regie-Kunst und cineastische Qualität von „Zero Dark Thirty“ nicht von der Hand weisen, so konnte die Academy Bigelow wenigstens auf Nominierungsebene eins auswischen – möchte man meinen. Eine klare Fehlentscheidung, die an der Weitsicht und Liberalität der Academy zweifeln lässt.

Dafür spricht auch die Ignoranz gegenüber Ben Affleck, dessen Politthriller Argo zwar ebenfalls als „Bester Film“, Affleck aber genau wie Bigelow nicht als „Bester Regisseur“ nominiert ist. Dabei wäre Affleck ein noch verdienterer Gewinner. Mit „Argo“ – es geht um die wahre Geschichte von US-Bürgern, die nach der Revolution im Iran von der CIA getarnt als US-Filmteam außer Landes geschmuggelt wurden - hat Affleck seine bisher beste Regiearbeit vorgelegt. Es ist erst sein dritter Film, eine nahezu perfekte Mischung aus historisch akkuratem, brisantem Politkino, Thriller und Drama, in das trotz des ernsten Sujets sogar komische Elemente eingeflossen sind. Das alles ist oscar-würdig, doch die Academy sieht Affleck wohl nach wie vor einfach zu gern als den skandalträchtigen Superstar mit seiner Jennifer-Lopez-Affäre, der in zweitklassigen Blockbustern eher schlecht als recht agiert. Sein großes Talent hinter der Kamera, sein Gespür für packende Themen - beides mag der Academy unheimlich erscheinen.

Dritter Oscar für Daniel Day-Lewis?

Und bei den Schauspielern? Daniel Day-Lewis (Bild) scheint für seine Konkurrenten Hugh Jackman, Joaquin Phoenix, Bradley Cooper und Denzel Washington unüberwindbar. Auch wenn Lincoln manchem Zuschauer teilweise langatmig und sperrig anmuten mag, Day-Lewis` Leistung als Präsident Lincoln wird man wohl niemals vergessen. Man fragt sich, ob überhaupt ein Schauspieler noch einmal so sehr mit dieser historischen Figur verschmelzen kann wie der Londoner.

Bei den Damen hat Jessica Chastain beste Karten für ihre Leistung in „Zero Dark Thirty“. Als CIA-Agentin mit wenig Sex-Appeal darf Chastain in Bigelows Thriller Abscheu, Wut, Hass und Fanatismus erlebbar machen. Das ist beeindruckender als Naomi Watts‘ Tsunami-Überlebenskampf aus The Impossible, bewegender als Jennifer Lawrence‚ Gefühlsausbrüche in Silver Linings und aktueller als Emmanuelle Rivas langsamer körperlicher und geistiger Verfall in „Liebe“. Quvenzhané Wallis, die jüngste Nominierte in der Geschichte der Academy, ist da (leider) komplett chancenlos.

Macht das Team Waltz/Tarantino zum zweiten Mal das Rennen?

Spannend ist es beim „Besten Nebendarsteller“: Hier könnte Christoph Waltz seinen zwei Jahre zurückliegenden Triumph mit Quentin Tarantinos Inglourious Basterds mit Django Unchained ebenfalls von Tarantino wiederholen. Stärkster Konkurrent ist hier nicht Altmeister Robert de Niro (nominiert für „Silver Linings“), sondern Philip Seymour Hoffman, der als Sektenführer in Paul Thomas Andersons The Master beeindrucken konnte. Die Chancen für Waltz stehen sehr gut: Sein Kopfgeldjäger Dr. Schulz in Tarantinos Western-Groteske ist ein Genuss, der Film bei Kritikern weltweit gefeiert. „The Master“ spaltet da eher Kritik und Publikum – zu schwer, zu komplex. Das lenkt von Hoffmans Performance ab.

Gut gesungen, Anne Hathaway!

Bei den Nebendarstellerinnen ist Anne Hathaway für Les Misérables vorgemerkt. Sally Field („Lincoln“), Amy Adams („The Master“) und Jacki Weaver („Silver Linings“) waren nicht annähernd so einprägsam wie Hathaways verzweifelter Überlebenskampf als schwindsüchtige, verarmte Mutter Fantine im Paris des 18. Jahrhunderts. Und nicht zuletzt kann Hathaway auch sehr schön singen. Außer ihr würde man allerdings Helen Hunt einen Oscar gönnen. Als Sex-Therapeutin Cheryl Cohen-Greene machte sie die Komödie The Sessions – Wenn Worte berühen zu einem Vergnügen und feierte ein starkes Leinwand-Comeback.

Für Deutschland wird’s spannend!

Und der wichtigste Oscar, der „Beste Film“? „Zero Dark Thirty“, einer der stärksten Filme von 2012 ist aufgrund der vielen Proteste so gut wie kaltgestellt. Das galt einige Wochen auch für „Argo“, dem man nach der Nicht-Nominierung von Regisseur Ben Affleck hier keine Chancen mehr einräumte. Dieses Blatt hat sich mittlerweile gewendet: „Argo“ und sein Macher wurden mit Preisen überhäuft: Bei den Golden Globes gewann Affleck als bester Regisseur, „Argo“ wurde bester Film, erhielt den Filmpreis der Screen Actors Guild in der Kategorie „Outstanding Performance By A Cast In A Motion Picture“, und Affleck wurde von der Directors Guild of America, der Regiegewerkschaft, als bester Regisseur geehrt. Das macht „Argo“ zum heißen Anwärter.

Weniger stark ist „Django Unchained“ - Tarantinos ebenso witziges wie brutales Sklaverei-Porträt dürfte den vielen älteren Jahrgängen in der Academy als zu heftig ausfallen. „Silver Linings“, die ungewöhnliche Mischung aus Familiendrama und romantischer Komödie ist inhaltlich zu schwach im Vergleich zu dem großen Politkino der Konkurrenz. Ang Lees 3D-Roman-Adaption „Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger“ geht es genauso, ist Lees Film doch eher bildgewaltiges Eskapismus-Kino ohne wirkliche Brisanz. „Les Misérables“ huldigt der großen Hollywood-Musical-Tradition, erreicht damit aber eben auch nur eine gewisse Zielgruppe beim Publikum und in der Academy. Das gilt auch für die Independent-Produktion „Beasts oft he Southern Wild“. Michael Hanekes „Liebe“ stammt nicht von einem Amerikaner, was als KO-Kriterium reichen könnte.

Ist der klare Favorit „Lincoln“ also auch der klare Gewinner? Oder könnte „Argo“ ihn noch stoppen? Oder kommt es gar zur Sensation, und „Liebe“ gewinnt doch als „Bester Film“? Das ist das Schönste an der 85. Oscar-Verleihung. Gerade wir Deutschen können diesmal wirklich ganz bis zum Schluss mitfiebern und hoffen.

Zu den Kommentaren

News und Stories

Kommentare

  1. Startseite
  2. News
  3. Film-News
  4. Lincoln
  5. Oscars 2013: Wer wird gewinnen? Unsere Prognose