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Fakten und Hintergründe zum Film "Leroy"

Fakten und Hintergründe zum Film "Leroy"
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Interview mit dem Regisseur

Worum geht es in LEROY?

LEROY ist eine Komödie, in der sich die junge Hauptfigur zum ersten Mal so richtig verliebt. Aber weil Leroy schwarz ist und das Mädchen aus einer ziemlich rechten Familie kommt, verläuft das wesentlich komplizierter und turbulenter als es mit der ersten Liebe ohnehin meist der Fall ist. Mir ging es darum zu zeigen, dass man von Themen wie Rassismus und rechter Gewalt auch mit Humor erzählen kann – und dass ein deutscher Kinoheld nicht immer weiß sein muss.

Was ist Ihr persönlicher Zugang zu Leroys Geschichte?

Ich bin zwar in Berlin geboren, bin aber in Brasilien aufgewachsen. Mein Vater ist dort schon groß geworden, und ich habe mit meinen Eltern dort gelebt, bis ich sieben Jahre alt war. Diese frühen Erfahrungen haben mich nie ganz losgelassen, denn ich war in Deutschland irgendwie der weiße Außenseiter, genau wie ich es in Brasilien auch gewesen war. Hier der brasilianisch fühlende Deutsche, und dort immer der Europäer an der Spitze einer sozialen Ordnung in einem Land voll entsetzlicher Armut und Elend.

Verbindet Sie auch etwas mit dem Blaxploitation-Kino, dem Sie in LEROY Ihre Reverenz erweisen?

Als wir 1970 nach Deutschland kamen, kaufte mein Vater einen Farbfernseher. Damals liefen aufregende Filme im Fernsehen, mit Afro-tragenden Schwarzen in Schlaghosen, mit viel Soulmusik, die auf belebten Straßen spielten, mit einer Menge schlecht gemachter Action und komplett unterbelichteten Nachtszenen. Das erinnerte mich an Brasilien, vielleicht auch weil ich in Deutschland anfangs unheimliche Probleme mit den anderen Kindern und meiner ganzen Sozialisation hatte.

Blaxploitation und diese Serien waren also letztlich mein Fenster zurück nach Brasilien.

Sie waren zunächst eigentlich Maler. Wie kamen Sie zum Film?

Bis ich Mitte 30 war, habe ich als Bildender Künstler gearbeitet. Aber schon damals habe ich drei Super8-Filme gedreht, in denen ein schwarzer Freund von mir die Hauptrolle spielte, durch Berlin läuft und Taekwondo macht. Über Oliver Stoltz habe ich dann in München bei einer Produktionsfirma angefangen und mich fortan immer mehr dem Thema Film gewidmet. Für eine Hochschule fühlte ich mich zu alt; mich in aller Ruhe vom kleinsten Job hochzuarbeiten, konnte ich mir auch nicht mehr erlauben; und so blieb nur ein Weg ins Filmgeschäft: Drehbücher zu schreiben und irgendwann so gut zu sein, dass man eins verkaufen kann. Also habe ich zwölf Drehbücher geschrieben, zu denen u.a. LEROY gehörte.

Wie haben Sie den passenden Hauptdarsteller gefunden?

Es gibt in Deutschland rund 20.000 Schauspieler, und wenn man den Anteil an der Gesamtbevölkerung als Maßstab nimmt, dann müssten darunter 50 Afrodeutsche sein, was tatsächlich ungefähr hinkommt. Davon bleiben dann noch fünf bis acht junge Männer unter 20 Jahren, und die habe ich natürlich alle gesehen. Aber wir haben auch mit einer Agentur zusammengearbeitet, die Straßencastings macht und ganz normale Leute in ihrer Kartei hatte. Doch fast alle, die ich gesehen habe, konnten entweder nicht spielen oder hatten nicht genug Charisma für einen 90-minütigen Spielfilm. Aber an einem Tag, an dem ich richtig frustriert war, trug in der Agentur jemand einen Stapel mit Farbkopien von links nach rechts, und wie im Film segelte mir ein Blatt Papier vor die Füße. Und auf dem war tatsächlich unser Leroy zu sehen! Alain Morel hatte sich jedoch zwei Jahre nicht bei seiner Agentur gemeldet. Dann ergab ein Anruf, dass er direkt gegenüber wohnte, und auf dem Weg nach Hause war. Beim ersten Lesen war Alain dann ganz leise und unsicher, aber mir war klar, dass er der Richtige ist. Ich hatte vier Wochen Zeit, ihn für den Kurzfilm vorzubereiten und ihm zu helfen, sich zu öffnen – und das habe ich dann auch in täglicher Zusammenarbeit getan. Für LEROY hat er dann noch Schauspielunterricht bei der fantastischen Lehrerin Sigrid Andersson bekommen, die ihn endgültig auf die Rolle vorbereitet hat.

Wie haben Sie Eva gefunden?

Anna Hausburg haben wir durch ein ganz normales Casting gefunden. Sie wurde sogar kurz vor den Dreharbeiten 16, wie im Film. Sie spielt nicht nur für ihr Alter phänomenal. Sie ist vollkommen natürlich, dabei witzig und immer auf dem Punkt. Es war ein Traum, mit ihr zu drehen und wenn es möglich ist, würde ich sehr gerne noch mal mit ihr arbeiten. Zudem war ihre Chemie mit Alain einmalig. Ich wusste sofort, dass die beiden total Spaß haben, miteinander zu spielen, und sich gegenseitig auf positive Weise fordern. Sie haben beide soviel Phantasie und Situationskomik entwickelt, manchmal haben alle am Set mit offenem Mund dagestanden.

Haben Sie sich für Ihre erste Regiearbeit besondere filmische Vorbilder gesucht?

Ich bin auf jeden Fall so weit, dass ich keinen Soul mehr hören kann, denn natürlich habe ich zur

Vorbereitung noch einmal sehr viele Blaxploitation-Filme gesehen. Aber auch sehr viel deutsches Kino – nicht zuletzt, weil ich ja nach Schauspieler und Kameramännern gesucht habe. Ein echtes Vorbild ist aber vor allem Woody Allen, weil er Filme macht, bei denen er nicht nur inszeniert, sondern auch schreibt und produziert. All seine Filme haben nicht nur einen unglaublich hohen künstlerischen Standard, sondern sind auch warmherzig, liebenswert und intelligent. Ich schaue gern in ein anderes „normales“ Leben hinein, und sehe dann gern ungewöhnliche Lösungen

für gewöhnliche Probleme.

Was verfolgen Sie mit LEROY?

Ich glaube, die Fußball-WM hat gezeigt, dass in Deutschland ein neues, versöhnliches Zeitalter anbricht. Ich würde mich freuen, wenn LEROY ein Teil davon wird. Wenn es normal wird, in Deutschland schwarz, griechisch, türkisch oder russisch zu sein. Ich möchte mit LEROY Normalität herstellen – und über etwas lachen zu können, bedeutet einen Schritt in Richtung Normalität.

Mit welchen Reaktionen rechnen Sie, wenn man ein so ernstes Thema wie Rassismus von der komödiantischen Seite angeht?

Ich stelle ja keine Leute dar, die wirklich neonazistische Politik betreiben oder irgendeine Art von Staatsstreich planen. Evas Brüder sind jugendliche Schläger, und selbst der Vater, der bei einer rechtsorientierten Partei ist, hat zwar ein sehr konservatives Weltbild und eine unflätige Art sich auszudrücken, aber er ist innerhalb der Geschichte schon am Ende seiner Weisheit angelangt. Ich sehe es nicht als meine Aufgabe, aufzuklären – das gibt es schon vielfach in Deutschland – sondern zum Dialog aufzufordern. Und eine Komödie kann dafür das richtige Mittel sein.

Interview mit dem Produzenten

Wie sind Sie auf Armin Völckers und das Projekt LEROY gestoßen?

Wir haben uns 1995 durch unsere damaligen Freundinnen kennen gelernt. Damals war Armin noch Maler, also Bildender Künstler und ich kam irgendwann einmal bei ihm im Atelier vorbei. Dort hatte er einen ganzen Bilderzyklus mit der Hauptfigur Leroy, einem Afrodeutschen, der durch Berlin wandert. Wir waren uns sympathisch, haben uns angefreundet und irgendwann wollte Armin gerne in den Filmbereich. Sein Weg zum Film ging dann über das Schreiben. Ich habe in all den Jahren immer seine Sachen gelesen und Anmerkungen gegeben. Und so entstand dann auch LEROY.

Was hat Sie an der Geschichte gereizt?

Leroy ist jemand von hier, ein typischer Deutscher, mit dem man lachen mag und der schwarz ist. Das sieht man im Kino eigentlich nie. Wir wollen auch Leute mit anderer Hautfarbe und anderem kulturellen Hintergrund – also Migranten und Ausländer, die fast 20 Prozent unserer Bevölkerung ausmachen – ganz normal in einem deutschen Film zeigen, ohne ihnen Klischeeberufe aufzubürden. Toll an Armins Idee war der Humor. Dass man über Neonazis lacht ist neu! Ich finde es gut gegen Rassismus und gegen Rechts filmisch etwas zu tun, dabei aber nicht didaktisch und pädagogisch zu sein. Einfach mal alles zu benennen was „man“ eigentlich in Deutschland nicht so ausspricht oder nur mit großer Vorsicht benennt, wofür man dann direkt ein betretenes, betroffenes Schweigen erntet – über dieses Verhalten wollen wir uns hinwegsetzen. Wir liefern dem Zuschauer fast Klischees und doch glaubwürdige, interessante Figuren und brechen diese Vorurteile über eine Figur oder ein Milieu und überraschen dadurch immer wieder.

Es gab vor dem Spielfilm allerdings zunächst noch den Kurzfilm LEROY RÄUMT AUF. Wie kam es dazu?

Wir brauchten eine Art Visitenkarte, denn Armin hatte noch nie Regie geführt und konnte somit keinen Film vorweisen, der jemanden in der Branche überzeugt hätte, uns genug Geld für einen Spielfilm zu geben. Also haben wir den Kurzfilm gedreht, um erste Interessenten wie das Kleine Fernsehspiel vom ZDF zu gewinnen. Außerdem wollten wir austesten, ob man über Nazi-Skins überhaupt lachen kann. Im Internet wurde LEROY RÄUMT AUF dann begeistert aufgenommen und über 100.000 Mal auf Seiten wie YouTube abgerufen. Zusätzlich haben wir ihn auf über 30 Filmfestivals weltweit gezeigt. Und letztlich hat dieser kleine Film uns tatsächlich geholfen, den Spielfilm finanzieren zu können.

Wie kam denn die weitere Finanzierung zustande?

In dem Moment, wo das ZDF mit an Bord war, ging es einfacher. Die Nordmedia Niedersachsen hat dann mitgemacht, und das Medienboard Berlin-Brandenburg ist mit seiner Minimalstförderung für Debütfilme eingestiegen. Der Glücksmoment war aber, dass ich zur gleichen Zeit den Deutschen Filmpreis für LOST CHILDREN gewonnen habe, denn einen Teil meines Preisgeldes konnte ich in LEROY investieren und so die Finanzierung sichern. Die BKM-Förderung mit der Höchstsumme kam schließlich auch dazu, so dass wir letztlich doch noch alles stemmen konnten. Natürlich hat es uns dabei auch geholfen, dass uns viele Dienstleister finanziell entgegen gekommen sind, weil sie den Kurzfilm mochten und das Potential des Langfilms erkannten. Und unser Team hat teilweise für weniger Geld gearbeitet als sonst üblich, so dass wir mehr Drehtage zur Verfügung hatten als man bei einem kleinen Budget sonst erwartet.

Wie hat sich das Team beim Dreh von LEROY zusammengesetzt?

Ich habe schon einige Debütfilme produziert und meist gute Erfahrungen mit einem Mix aus alten Hasen und jungen, voll motivierten Crewmitgliedern gemacht. In unserem Fall kamen viele „Einsteiger“ aus der Werbung und von Musikvideo-Produktionen. Eine prima Ergänzung bildete der Kameramann. Er ist bereits über 60, hat vor 25 Jahren seinen letzten Spielfilm gedreht und sich seitdem einen Namen in der Werbung und bei Musikvideos gemacht. Für ihn war es, nach solch einer langen Film-Abstinenz, auch so eine Art Debüt. Alle gemeinsam eint, dass sie für LEROY bis zuletzt Vollgas gegeben haben.

Sie haben schon erwähnt, dass Sie zunächst austesten mussten, ob man über Skinheads lachen kann. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Unsere Erfahrung vom Kurzfilm war auf jeden Fall, dass der Humor in LEROY funktioniert. Unser Umgang mit dem Thema wurde als etwas Neues gesehen, und das ist es auch, worum es uns geht. Wir maßen uns nicht an zu sagen, dass Humor das Allheilmittel gegen Rassismus ist. Sollte unser Film diesbezüglich jedoch zu etwas mehr Normalität und zu der Erkenntnis führen, dass Deutsche schon lange nicht mehr nur weiß, blond und blauäugig sind, würde ich das sehr schön finden. Die Stärke des Kinos ist die Emotion und in unserem Fall eben das Lachen, und durch diese Tür kommt man leichter an die Köpfe und Einstellungen der Menschen als andere Medien das vielleicht können. Wir wollen auf gar keinen Fall durch den Film das Leiden von Rassismus-Opfern verharmlosen, sondern ganz im Gegenteil, eine neue Aufmerksamkeit gegen rechte Gewalt und Rassismus wecken.

Hat LEROY also eine richtige Mission?

Für mich – und auch für Dreamer Joint Venture – sind Filme wichtig, bei denen man im Kino bestens unterhalten wird und darüber hinaus auch noch ein bisschen was hängen bleibt. Bei LOST CHILDREN habe ich die Erfahrung gemacht, dass Zuschauer motiviert durch einen Film tatsächlich einiges in Bewegung setzen können.

Wie wichtig ist die Musik in LEROY?

Wir haben uns an amerikanischen Blaxploitation-Vorbildern aus den Siebziger Jahren orientiert. Die Idee war den Sound der 70er in das Jahr 2007 zu transportieren. Also schon spürbar machen an welches Genre sich LEROY anlehnt aber dabei nicht in die Retroecke zu geraten, sondern diese alte Musik so zu aktualisieren, dass ein junges Publikum heute sich dafür begeistern kann. Noch vor der Finanzierung hatten wir Kontakt zur Plattenfirma Four Music aufgenommen. Der erste, der mit dabei war, war Afrob, der auch die Rolle des Blaculas im Film übernommen hat. Nach und nach kamen dann immer mehr (überwiegend afrodeutsche) Künstler dazu, die wir für Songs gewinnen konnten. Zusammengestellt wurde der Soundtrack von Denyo, von den Absoluten Beginnern, der sofort verstanden hat, worum es uns ging.

Wonach haben Sie ausgesucht, wo der Film spielt, also letztlich Berlin-Schöneberg?

In LEROY treffen zwei deutsche Lebensauffassungen aufeinander: die rechtsnationale, eher konservative, und die links-liberale, eher lässige. Dafür hätten wir natürlich in die klassischen Bezirke gehen und womöglich eine klischeehafte Ost-West-Geschichte draus machen können. Aber so ist die Realität ja gar nicht, denn zum Beispiel in Hessen gibt es höhere Neonazi-Quoten als in Ost-Berlin. Armin lebt in Schöneberg und auch wir haben da unser Büro, deswegen wollten wir dem Stadtteil einfach mal ein kleines Denkmal setzen, jener Welt aus Yoga-Studios und indischen Restaurants, Bioshops und ehemals besetzten Häusern. Es ist ein sehr gemixter Bezirk, aber eben etwas leichter und lockerer als das harte Pflaster Neuköllns oder das Kreuzberg, das man aus dem Fernsehen kennt. Außerdem liegt Schöneberg im Zentrum Berlins. Und hat Schauplätze, die richtig fotografiert an die Blaxploitation Filme der amerikanischen Großstädte erinnern.