1. Kino.de
  2. Filme
  3. Kommissar Bellamy - Mord als Souvenir
  4. Fakten und Hintergründe zum Film "Kommissar Bellamy"

Fakten und Hintergründe zum Film "Kommissar Bellamy"

Kino.de Redaktion |

Kommissar Bellamy - Mord als Souvenir Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Interview mit Regisseur Claude Chabrol

Wie kam dieses Projekt zustande?

Ich wollte endlich einen Film mit Gérard Depardieu drehen! Zwei frühere Projekte hatten sich leider zerschlagen. Als wir uns dann vor zwei oder drei Jahren in Nîmes wiedersahen, sag­ten wir uns, dass es einfach zu dumm sei, nicht miteinander zu arbeiten.

Bilderstrecke starten(13 Bilder)
Alle Bilder und Videos zu Kommissar Bellamy - Mord als Souvenir

War es das erste Mal, dass Sie ein Projekt anschoben, dessen Hauptdarsteller von vornherein feststand?

Richtig. Ich wollte sogar, dass der Film eine Art Porträt von Gérard Depardieu wird – zumin­dest eine Vision einer seiner zahlreichen Facetten. Gleichzeitig schlug ich meiner Co-Autorin Odile Barski vor, ein paar Eigenschaften von mir in die Titelrolle einzubauen, ohne dass diese allerdings gleich restlos autobiographisch ausfällt.

Und die Ausgangsidee?

Die resultierte aus meinem Wunsch, dem Schriftsteller Georges Simenon eine versteckte Hommage zu erweisen – zumal ich finde, dass Gérard eine typisch Simenon‘sche Figur ist. Außerdem wollte ich, dass meine Figuren unmittelbar auf den Zuschauer wirken können, ohne dass die Geschichte sich störend dazwischen drängt, wie es in Simenons Büchern häufig der Fall ist. Und zu guter Letzt wollte ich auch dem Chansonsänger Georges Bras­sens eine – in diesem Fall eindeutige – Hommage erweisen. Ich hatte viel Spaß dabei, die Geschichte durch diese beiden Elemente zu strukturieren: das Sichtbare und das Unsicht­bare.

Wie sind Sie auf den Kriminalplot gekommen?

Ich habe mir einen Polizisten ausgedacht – eine Art Kommissar Maigret –, der in einem Fall ermitteln muss, während ihn gleichzeitig Probleme in der Familie beschäftigen. Odile Barski hatte in unseren Gesprächen dann den Einfall, einen echten Versicherungsbetrug zu benut­zen. Dass dieser Versicherungsbetrug hundertprozentig der Wahrheit entspricht, obwohl er sich absolut unglaublich anhört, gefiel uns natürlich besonders gut. So kommt es, dass in diesem Film das, was erfunden klingt, absolut wahr ist – nämlich von einer authentischen Begebenheit inspiriert – und das, was total realistisch erscheint, rein fiktiv ist – nämlich von Odile und mir erfunden. Womit bewiesen wäre, dass sich Wahrhaftigkeit leichter mit den Mitteln der Phantasie erreichen lässt als durch das Kopieren von Tatsachen.

Warum der Name Bellamy?

Damit spiele ich einerseits auf die Maupassant-Adaptionen an, die ich fürs Fernsehen reali­siert habe, andererseits auf den Namen einer Straße in Nantes. Den Film schlicht „Bellamy“ zu nennen, macht unmissverständlich klar, dass dieser Mann im Mittelpunkt der Handlung steht.

Die Geschichte wird aus Bellamys Blickwinkel erzählt …

Ja. Und zwar so konsequent, dass sogar die Rückblenden Bellamys Sicht der Vergangen­heit wiedergeben. Nur aus diesem Grund konnte ich es mir überhaupt erlauben, Jacques Gamblin drei verschiedene Figuren spielen zu lassen. Dies verdeutlicht die Obsession des Kommissars mit Gamblins Gesicht und dessen unterschiedlichen Identitäten, die zum Teil irreführend sind. Gamblins Figur verkörpert das Perverse, das – im Gegensatz zu den ande­ren – gesichtslos ist. Übrigens könnte der Untertitel des Films „Die Durchquerung der Trug­bilder“ lauten…

Sie hätten den Film im Grunde auch mit subjektiver Kamera drehen können.

Ich muss gestehen, dass ich darüber nachgedacht habe.

Verkörpern Bellamy und sein Bruder nicht die beiden Seiten einer Medaille, sprich: zwei Facetten einer Person?

Einmal sagt Bellamy über seinen Bruder: „Ich konnte sein Engelsgesicht nicht mehr ertra­gen.“ Natürlich handelt es sich dabei um eine Projektion dessen, was er nicht ist. Im Folgen­den tritt das genaue Gegenteil ein: Für seinen Bruder stellt Bellamy eine Art Engel dar, an den er nicht herankommt, den er nicht zerstören kann. Jacques verkörpert die dunkle Seite ihrer Bruderschaft – aber nur deshalb, weil es Bellamy war, der ihm die gute Seite genom­men hat.

Die Beziehung zwischen Bellamy und seiner Frau unterstreicht, dass Sie an die Liebe glauben.

Ich glaube tatsächlich an die Liebe. Es ist gar nicht schwer, so miteinander umzugehen, wie Bellamy und seine Frau es tun – man muss nur seine Zurückhaltung aufgeben. Bellamy kennt keine Zurückhaltung – das ist eine seiner besten Eigenschaften –, und er bekräftigt es immer wieder. Deshalb kann auch seine Frau auf ihre Zurückhaltung pfeifen. Was nicht be­deutet, dass man sie nicht verdächtigen könnte, mit Jacques geschlafen zu haben. Denn als Bellamy sie fragt, was mit seinem Bruder vorgefallen sei, antwortet sie mit beunruhigender Sanftmut: „Wann?“

Die von Clovis Cornillac gespielte Figur könnte man als tragisch bezeichnen …

Wenn wir ihn zum ersten Mal sehen, ist in dem Taxi, mit dem er zu seinem Bruder fährt, Tschaikowskys „Symphonie Pathétique“ zu hören. Er bittet den Fahrer, die Musik auszu­stellen – was darauf hindeutet, dass er Pathos nicht mag. Er ist sehr streng gegen sich selbst, aber das macht auch seine Würde aus. Sich zu beschweren, käme ihm nie in den Sinn.

Die Sequenz, in der der Anwalt mitten im Prozess zu singen beginnt, hat geradezu halluzinatorische Qualitäten.

Jedenfalls ist es die absurdeste Szene des ganzen Films – obwohl sie direkt von einer wah­ren Begebenheit inspiriert ist. Wobei der echte Anwalt kein vollständiges Lied von Brassens gesungen hat. Ich finde diesen Moment einfach klasse, weil er zeigt, dass selbst in einem Justizpalast der Schein die Wahrheit verdecken kann. Jener Prunk, der die Würde der Justiz zu spiegeln scheint, hindert das Justizsystem letztlich, sein Ziel zu erreichen. Als ob das Theatralische dieses Ortes der Justiz eine Macht und Feierlichkeit verleiht, die am Ende rein illusorisch sind.

Die Kulissen des Films wirken erstaunlich banal und alltäglich, egal ob es sich um das Café, das Haus der Bellamys, den Baumarkt oder das Hotelzimmer handelt …

Ich musste unbedingt in realistischen Kulissen drehen, weil es doch um das Spiel zwischen Realität und Schein geht. Und Realismus im Kino wird meistens durch die Kulissen ausge­drückt. In diesem Film gibt es keinen Platz fürs Pittoreske. Trotzdem haben wir uns mit den Kulissen, auch wenn es nicht danach aussieht, sehr viel Mühe gegeben, denn sie lassen Rückschlüsse auf jede einzelne Figur zu. Gamblins Frau erzählt zum Beispiel, dass sie sich fürs Einrichten interessiert – also zeigen wir, dass sie in geschmacklosen, überladenen Räumen lebt.

Der Schnitt des Films hat etwas Nervöses.

Ich würde ihn sogar als fieberhaft bezeichnen. Da der Plot ziemlich komplex ist, hatte ich die Befürchtung, dass wir den Zuschauer unterwegs verlieren. Deshalb habe ich dafür gesorgt, dass der Film flott und ohne Schnörkel daherkommt. Genau aus diesem Grund habe ich beispielsweise auf die Szene verzichtet, in der Bellamy zum Gerichtsmediziner kommt und sich für die Leiche interessiert. Ich fand sie ganz amüsant, war aber auch der Meinung, dass man sie ebensogut in einem Satz zusammenfassen konnte.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Hauptdarsteller ausgesucht?

Die Rolle des Perversen wollte ich ursprünglich mit François Cluzet besetzen. Der hatte al­lerdings keine Zeit, deshalb entschied ich mich für Jacques Gamblin. Was ich nicht bereut habe, denn im Grunde entspricht er viel eher dem Bild, das ich von Anfang an von dieser Figur hatte – oder anders ausgedrückt: der Art und Weise, wie ich die Figur im Rahmen der Geschichte benutzen wollte. Was Clovis Cornillac betrifft, so wollte ich schon lange mit ihm arbeiten. Er ist eine echte Rampensau, ich mag dieses Draufgängerische an ihm. Im Film erweckt er den Eindruck, als wäre er sein Leben lang verzweifelt gewesen, und man merkt überhaupt nicht, dass er nur spielt – was bei so einer Figur ausgesprochen schwierig ist.

Und Marie Bunel?

Was ihre Rolle angeht, hatte ich eine sehr genaue Vorstellung: Sie durfte auf keinen Fall von einer Schauspielerin verkörpert werden, die schon mal beim Schönheitschirurgen war oder sonstwie unnatürlich wirkt. Das hätte nicht zu dieser Figur gepasst. Ich kam auf Marie Bunel, weil sie sich überhaupt nicht wie ein Star benimmt und jene Art von Frau repräsentiert, die wohl jeder Mann gern zu Hause hätte!

Wie hat Gérard Depardieu reagiert?

Ich habe ihm sehr früh mitgeteilt, wen ich für die Rolle seiner Frau im Sinn hatte, denn mir war es wichtig, dass zwischen beiden eine wirkliche Harmonie besteht. Er fand meine Wahl sehr gut. Aber am Set hat er Marie zunächst auf die Probe gestellt. Und weil sie mit viel Hu­mor reagiert hat, sind sie schnell enge Freunde geworden. Ich glaube, dass Gérard sie sehr bewundert.

Wie sind Sie auf Vahina Giocante gekommen?

Cécile Maistre, meine erste Regieassistentin, hatte sie mir schon früher vorgeschlagen. Ich hätte mich für eine weniger attraktive junge Frau entscheiden können. Aber ich bin der Mei­nung, dass es für die Provinz typisch ist: Dort sind die schönsten Mädchen häufig mit mit­telmäßigen Typen zusammen. Außerdem verkörpert Vahina gleichzeitig das perfekte Weib und eine sehr realistische Sinnlichkeit.

Welches Licht schwebte Ihnen für den Film vor?

Ich bat meinen Kameramann Eduardo Serra, auf aufdringliche Lichtsetzung zu verzichten – abgesehen von ein, zwei traumhaften Sequenzen, etwa dem Tanz in der Garage. Wie ge­wohnt, hat er sofort begriffen, was ich wollte.

Die Musik ist sehr dramatisch und wirkungsvoll.

Da sich die emotionalste, hitzigste Musik auf die Endphase beschränkt, musste Matthieu Chabrol für den übrigen Film zurückhaltende Musik komponieren, die nichts vom Plot verrät. Nur deshalb funktioniert Elgars Konzert für Violoncello so gut – weil vorher keine Musik zu hören ist, die ähnlich klingt. So entsteht der Eindruck, plötzlich brutal mit dem wahren Leben konfrontiert zu werden.

Zu den Kommentaren

News und Stories

  • Fakten und Hintergründe zum Film "Kommissar Bellamy"

    Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

    Kino.de Redaktion  
  • "Bellamy" von Chabrol mit Depardieu auf der Berlinale

    Zum ersten Mal hat der französische Regisseur Claude Chabrol („Die zweigeteilte Frau“) einen Film mit dem Schauspieler Gérard Depardieu („Babylon A.D.“) gedreht. Der Krimi trägt den Titel „Bellamy“ und wird in der Sektion Berlinale Special als Weltpremiere gezeigt. Der 78-jährige Chabrol, der mit Odile Barski („Geheime Staatsaffären“) auch das Drehbuch geschrieben hat, wird den Film dort persönlich präsentieren...

    Ehemalige BEM-Accounts  

Kommentare