Klass Poster

Fakten und Hintergründe zum Film "Klass"

Kino.de Redaktion  

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Notiz des Regisseurs Ilmar Raag

Wir wissen nicht was in den Köpfen unserer Mitmenschen vorgeht. Das war die Botschaft, die ich aus dem Film ELEPHANT von Gus van Sant mitnahm. Da ich allerdings Gewalt in Schulen und in der Armee gesehen habe, wollte ich einen Schritt weitergehen und mich mit der Verantwortung eines jeden auseinandersetzen. Ich wollte Situationen untersuchen, in denen das Opfer die Verantwortung für die Gewalt, der er/sie ausgesetzt wird, mit trägt. Das bedeutet nicht notwendigerweise, dass die Leute verstehen, wie ein menschliches Wesen und die Gesellschaft funktioniert. Es bedeutet, dass wir sehr oft Geschehnisse, die wir selbst auslösen, nicht unter Kontrolle haben.

Wenn ein Verbrechen geschieht, sei es eine Schießerei in der Schule oder ein terroristischer Akt wie der 11. September, ist die erste Reaktion der Medien, den Täter zu entmenschlichen, um ihn zu verurteilen. Mit der gleichen Handlung, weigern wir uns, die Wurzeln von Gewalt zu verstehen, und sie wiederholt sich dadurch immer und immer wieder. Was wäre, wenn wir als Gesellschaft, als eine Schulklasse, auch unseren eigenen Anteil an jedem schrecklichen Verbrechen beachteten?

KLASS ist ein grundsätzlich sehr einfacher und direkter Film. Eine Geschichte, die fast ausschließlich den Blickwinkel der Protagonisten einnimmt, und am Ende müssen die Zuschauer entscheiden, ob sie richtig gehandelt haben. Ich habe den Film mit fünfzehn Teenagern konstruiert, die einige persönliche Standpunkte zu der Geschichte hatten und gleichzeitig eine Diskussionsgruppe bildeten. Ich wollte, dass sie die Geschichte verstehen, weil sie sie geschaffen haben. Wir waren uns alle einig, das es ein No-Budget-Film werden sollte, damit wir alles so machen konnten, wie wir wollten.

Unser ganzer Cast und Crew gibt hier in diesem Film sein Spielfilmdebüt – ich als Regisseur, die Darsteller, der Art Director, Kameramann, Komponist – aber wir genossen es von der ersten Minute bis zum Ende.

Ich habe niemals zuvor so viele emotionale E-Mails bekommen. Deshalb bin ich sicher, dass das was wir mit meinen jungen Freunden geschaffen haben, einen Nerv getroffen hat.

Als der Film in Estland Premiere hatte, war die Reaktion sehr emotional und rief viele Diskussionen in den Medien hervor. Während der Previews in Schulen brachen Schüler in Tränen aus – als Kinder laut zu weinen anfingen, wusste ich nicht, wie ich reagieren sollte. Jetzt versuche ich zu Schulvorstellungen zu gehen, weil sie alle nach dem Film darüber sprechen und nicht schweigen wollen.

Um diesen Film zu machen, habe ich meine Arbeit in der Fernsehadministration aufgegeben.

Produktionsnotizen

Der Ausgangspunkt für KLASS ist der Amoklauf an der Columbine High School 1999. Regisseur Ilmar Raag war zu jener Zeit in den Vereinigten Staaten. Von einem Freund, der dort als Psychologe arbeitete, erfuhr Raag einiges über den Tathergang und die Täter, dass in den Medien keine Erwähnung fand. Sie wurden in der Schule schikaniert und wählten ihre Ziele bewusst aus. „Ich erinnerte mich an meine eigene Schulzeit. Einmal hat ein größerer Junge mich gestoßen, sofort fing ich an über meine Rache zu fantasieren. Ich erinnere mich immer noch genau. Unter Jugendlichen kann ein relativ harmloser Angriff eine disproportionale Reaktion hervorrufen.“, erinnert sich Raag. Er begann sich für die Sache zu interessieren und entwickelte seit 2001 Ideen für einen Film.

Als 2003 Gus van Sants ELEPHANT heraus kam, glaubte Ilmar Raag schon, dass jemand schneller gewesen war als er und „seinen“ Film gedreht hatte. Doch dann stellte er fest: „… sein Ansatz war anders als meiner: Meiner Meinung nach kann man keinen Film über Gewalt machen, ohne zu erklären. Willkürliche Gewalt ist für mich das verstörendste Phänomen, das ich weder verstehen, noch akzeptieren kann. Deswegen gebe ich keine Antworten. Ich präsentiere eine Fallstudie und hoffe das Publikum wird sie diskutieren, um die Antworten auf ihre Fragen zu finden.“

Ilmar Raag hatte sich eine ganz eigene Methode ausgedacht für die Entstehung seines Drehbuchs. Auf einem Schultheaterfestival suchte er sich um die 15 Darsteller zwischen 15 und 17 Jahren und ließ sie erzählen. In einem mehrtägigen Workshop befragte er sie nach verschiedenen Tagen in ihrem Leben, die für eine bestimmte Empfindung standen: Als sie körperliche Schmerzen hatten, als sie sich schämten, als sie sich schuldig fühlten.

Jeden Tag schrieb er danach ein paar Seiten für sein Drehbuch, die er am nächsten Tag mit den Jugendlichen besprach. So wurde das Drehbuch bestmöglich an die Wahrnehmung und Empfindungswelt der Teenager angepasst. Das erklärt auch, warum das Eingreifen der Erwachsenen in KLASS eher Schaden anrichtet, als hilft. „Der Arbeitstitel des Films war „Zwischen uns“. Die einführenden Sätze über „Ehre“ machen deutlich, dass das ein Konflikt ist, den sie zwischen sich austragen wollen. Außenstehende um Hilfe zu bitten, wird als Verrat angesehen.“, erzählt Raag.

Schließlich spielte die Gruppe einander die Szenen auf einer Bühne vor, und die Charaktere wurden weiter entwickelt.

Die gleichen Jugendlichen übernahmen auch die Rollen im Film. Um die sowohl physische als auch psychische Gewalt, die sie darstellen mussten, abzufangen, engagierte Ilmar Raag eine Psychologin, die am Set mit den Teenagern arbeitete. Während des Drehs gab es keine Presseberichterstattung, die Namen der Darsteller wurden nicht veröffentlicht. „Ich wollte keine Berühmtheit.“, begründet Raag seine Vorgehensweise. „Der Film war nicht wichtig, nur das Thema zählte.“

In Estland sorgte KLASS schnell für Aufregung. Es gab Diskussionen, Jugendliche brachen während der Vorstellung in Tränen aus. Der Film hatte einen Nerv getroffen. Er rief aber auch Gegner auf den Plan, die ihm vorwarfen, er würde Jugendlichen ein schlechtes Vorbild geben. Um diesem Vorwurf vorzubeugen und entgegenzuwirken, versuchte Ilmar Raag den Film so zu inszenieren, dass seine Protagonisten nicht zu Helden stilisiert wurden.

„Auf dem bildlichen Level konnte die Schießerei nicht auf glamouröse Weise präsentiert werden. Schießereien sehen cool aus, solange der Schütze cool aussieht, und das tun diese Jungen nicht. „Rache“ könnte nie ein Trumpf bei der Vermarktung dieses Films sein; KLASS ist kein Rache-Drama.“, erklärt Raag.

Aus den gleichen Überlegungen heraus, entschieden sich Raag und seine jungen Mitstreiter auch nach langen Diskussionen für die Wendung am Schluss. „Wir hatten viele Diskussionen über das Ende. Konnten wir sie einfach Selbstmord begehen lassen? Dann wäre es nur ein weiterer trauriger Film – „Wie traurig für diese Jungen.“ Dabei wollte ich das Publikum dazu anregen, ihr eigenes Verständnis zu hinterfragen.“

Zu den Kommentaren

News und Stories

Kommentare