Fakten und Hintergründe zum Film "Jud S?? - Film ohne Gewissen"

Kino.de Redaktion |

Jud Süß - Film ohne Gewissen Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Über den Film

Emil Jannings, Gustaf Gründgens, Paul Dahlke – sie waren nur einige der Schauspieler, die dem Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, einen Korb gaben. Der suchte 1939 einen Hauptdarsteller für die Titelrolle in JUD SÜSS – einem seiner wichtigsten Prestigeprojekte. Doch keiner seiner Stars wollte sich für eine derart heikle Rolle hergeben.

Inspiriert war das Drehbuch von Veit Harlan und Eberhard Wolfgang Möller (nach einer Vorlage von Ludwig Metzger) von einer realen Geschichte: Der Jude Joseph Süß Oppenheimer, Jud Süß genannt, fungierte im 18. Jahrhundert als Finanzberater des württembergischen Herzogs Karl Alexander. Mit innovativen Maßnahmen erschloss er dem in Geldnöten befindlichen Landesherren neue Einnahmequellen und entmachtete dabei die konservative Bürokratie. So avancierte er zu einem der einflussreichsten Männer des Landes – ausgestattet mit Privilegien, von denen die meisten der weitgehend rechtlosen Juden in Deutschland nicht einmal träumen konnten. Doch nach dem Tod seines Auftraggebers und Gönners wurde er von mächtigen Feinden unter anderem wegen Hochverrats angeklagt und am 4. Februar 1738 in Stuttgart hingerichtet.

Bilderstrecke starten(17 Bilder)
Alle Bilder und Videos zu Jud Süß - Film ohne Gewissen

Das Drehbuch der NS-Filmer macht aus dem Stoff ein rassistisches Spektakel – „den ersten wirklich antisemitischen Film“, wie Goebbels nach der Lektüre in seinem Tagebuch notierte.

Im Film überredet der mephistophelisch gezeichnete Oppenheimer den Herzog, sein Volk durch Zölle auszubeuten, um damit den luxuriösen Hofstaat zu finanzieren. Als Bösewicht entpuppt sich der Bankier vor allem in einem reißerischen Kolportage-Plot: So stellt er der mit „arischen“ Attributen ausgestatteten Dorothea nach. Während er ihren Mann foltern lässt, vergewaltigt er die junge Frau, die darauf hin Selbstmord begeht. Nach dem Tod des Herzogs wird er wegen Geschlechtsverkehrs mit einer Christin exekutiert.

Auch Hauptdarsteller Ferdinand Marian weigerte sich zunächst, diese Rolle zu übernehmen, doch Goebbels überzeugte ihn „mit einigem Nachhelfen“ (Goebbels-Tagebücher). Und bereits bei den Probeaufnahmen fand der Minister seinen Kandidaten „ausgezeichnet“. Marian versuchte angeblich, der Figur des Oppenheimer sympathische Züge zu verleihen, um so die Intentionen von Goebbels und Regisseur Veit Harlan zu konterkarieren. Immerhin scheinen das die Reaktionen des Publikums indirekt zu bestätigen: Bei Aufführungen erhielt der Star stehende Ovationen; seine Anhängerinnen schrieben ihm angeblich körbeweise Liebesbriefe.

Doch auch sein Auftraggeber war begeistert: „Ein ganz großer, genialer Wurf. Ein antisemitischer Film, wie wir ihn uns nur wünschen können.“

JUD SÜSS erlebte seine Weltpremiere bei den Filmfestspielen in Venedig am 5. September 1940; die Deutschland-Premiere fand am 24. September im Berliner Ufa-Palast am Zoo statt. Im Lauf der Jahre sahen sich knapp 20 Millionen in Europa den Film an.

Die außerhalb der Reichsgrenzen stationierten Soldaten erhielten Sondervorstellungen, ebenso – auf expliziten Wunsch Heinrich Himmlers – die SS-Einheiten und Wachmannschaften. Beim Auschwitz-Prozess sagte der SS-Rottenführer Stefan Baretzki aus, dass jüdische Häftlinge unter dem Eindruck des Films misshandelt wurden. Auch der Sicherheitsdienst SD stellte eine aufpeitschende Wirkung fest: „Während der Vorführung des Films kam es zu offenen Demonstrationen und Ausrufen gegen das Judentum.“

Nach dem Krieg fielen die Konsequenzen für die Beteiligten unterschiedlich aus:

Regisseur und Co-Autor Veit Harlan wurde unter anderem wegen Beihilfe zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Da ihm ein strafrechtlich relevantes Fehlverhalten nicht nachzuweisen war, wurde er freigesprochen. Heinrich George, der Darsteller des Herzogs Karl Alexander, wurde wegen seiner Mitwirkung an JUD SÜSS und anderen Propagandafilmen von den Sowjets inhaftiert. 1946 starb er im Speziallager Nr. 7, dem ehemaligen KZ Sachsenhausen.

Sein Kollege Werner Krauß, der in dem Film vier verschiedene jüdische Charaktere spielte, erhielt vorübergehend Berufsverbot und wurde nach einem langwierigen Entnazifizierungsverfahren als Mitläufer eingestuft. Hauptdarsteller Marian erhielt Berufsverbot und kam 1946 angetrunken bei einem Autounfall ums Leben. Ob er aus Verzweiflung Selbstmord beging, ist umstritten, da Marian von der bevorstehenden Aufhebung des Berufsverbotes wusste.

Der Film selbst wurde von den Alliierten jahrelang verboten. Heute ist in Deutschland eine öffentliche Aufführung nur mit Genehmigung des Rechteinhabers, der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, möglich – und dies nur mit einem begleitenden Kommentar und weiteren Auflagen. Ein Vertrieb ist verboten. Ähnliche Restriktionen gelten in Österreich , wo der Film vom Österreichischen Filmarchiv verwaltet wird. Und noch immer wird er für antisemitische Propaganda eingesetzt. So zeigten im Juli 2008 ungarische Rechtsradikale den Film vor einem zahlenden Publikum, das sich über ein entsprechendes Webportal angemeldet hatte. Erst als Politiker der liberalen Partei SZDSZ Anzeige wegen Volksverhetzung einreichten, schritt die Polizei ein.

Über die Produktion

„Seit Mitte der 60er Jahre beschäftige ich mich mit Themen des österreichischen Faschismus und des Nationalsozialismus“, sagt der Produzent Franz Novotny, der auch gelegentlich selbst Regie führt. Seit 14 Jahren betreibt er mit seiner Frau Karin die Firma Novotny & Novotny, die österreichische und internationale Kinofilme realisiert (GORI VATRA – FEUER!) – und bei Festivals verschiedenste Preise gewinnen konnte.

Doch es dauerte bis 2005, bis er auf das Projekt stieß, das seinen Interessen geradezu idealtypisch entsprach. Bei einem Produzententreffen in der Schweiz lernte er den Agenten des Drehbuchautoren Klaus Richter (COMEDIAN HARMONISTS) kennen, der ihm von einem spannenden Projekt seines Klienten erzählte: der Geschichte des Jud Süß-Darstellers Ferdinand Marian. Novotny erwarb die Option und organisierte die Fördermittel für die Drehbuchentwicklung.

Richter stützte sich bei seiner Arbeit auf umfangreiches Recherchematerial, darunter Friedrich Knillis Marian-Biografie „Ich war Jud Süß“, Biografien von Veit Harlan, die Gerichtsprotokolle aus den Verfahren gegen Harlan Ende der 40er und Anfang der 50er und die Tagebücher von Joseph Goebbels. Auf diese Weise folgte die erste Fassung sehr eng den historischen Gegebenheiten.

Sobald eine repräsentable Version vorlag, trat Novotny mit dem Projekt an einige Regisseure heran, und schnell kristallisierte sich sein Wunschkandidat heraus – Oskar Roehler, in dessen Filmen wie ELEMENTARTEILCHEN oder ALTER AFFE ANGST er vor allem „die kristallklare und beinharte Analyse deutschen Lebens“ schätzte.

Roehler entwickelte das Buch gemeinsam mit Richter weiter. Dabei blieb die historische Korrektheit erhalten, insbesondere bei der Entstehung von JUD SÜSS, doch gleichzeitig verstärkte man die emotionalen Konflikte. Einige Figuren wurden aus dramaturgischen Gründen verdichtet – so war der reale Marian insgesamt zweimal verheiratet. Um die Tragik des Geschehens zu intensivieren, fügte man auch fiktive Elemente ein, etwa die Figur der Britta oder die jüdische Herkunft von Marians Frau. Andere Handlungsstränge dagegen wurden vereinfacht – so fehlen die ursprünglich vorgesehenen Szenen aus Marians Kindheit.

In der österreichischen Filmindustrie stieß Novotny damit auf „große Sympathie und Zustimmung“. Denn: „Seit der Waldheim-Affäre gibt es eine Wandlung im österreichischen Bewusstsein, dass Österreich nicht das erste Opfer darstellte, sondern dass wir auch Täter waren.“ Konsequenterweise beteiligten sich alle heimischen Förderer an dem Projekt: das Österreichische Filminstitut, der Wiener Filmfonds, die Kulturabteilung des Landes Niederösterreich und der ORF im Rahmen des Film-/Fernsehabkommens. Dank seines internationalen Netzwerks fand er bald mit der Tele München-Tochter Clasart Film einen deutschen Partner. Für seinen Produzenten-Kollegen der Clasart, Markus Zimmer, gab nicht nur die Brisanz und Relevanz der Geschichte den Ausschlag, sondern auch die Beteiligung von Oskar Roehler: „Ich bewundere ihn sehr, weil er eine Originalität und ein Gespür für Kino mitbringt, das anderen zeitgenössischen Regisseuren abgeht. Der Hauch von Wahnsinn, der seine Filme durchweht, ist für dieses Thema genau richtig. Sonst würde man in der Angst ersticken, bloß nichts falsch zu machen.“

Auch beim deutschen Anteil war die finanzielle Last auf mehrere Schultern verteilt: Mittel kamen von der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen, dem FilmFernsehfonds Bayern, der Filmförderungsanstalt und dem Deutschen Filmförderfonds sowie der Tele München Gruppe, deren Verleihfirma Concorde Film JUD SÜSS – FILM OHNE GEWISSEN in die deutschen Kinos bringen wird.

Die beiden Produzenten konnten aber bei ihren Förderern nicht nur mit einem spannenden Projekt und einem kultverdächtigen Regisseur aufwarten, sondern auch mit einer hoch attraktiven Besetzung: Novotny hatte bereits Tobias Moretti, einen der größten österreichischen Stars, für die Rolle des gebürtigen Wieners Marian gewinnen können. Moretti ist einerseits durch TV-Serien wie „Kommissar Rex“ einem breiten Publikum bekannt, machte sich aber auch durch hochkarätige TV-Movies („Speer und Er“) und Film- und Theaterrollen einen Namen. Auf Novotnys Angebot reagierte er „mit Empathie und Begeisterung“. – „Das ist eine Lebensrolle für ihn“, so der Produzent. Auch Markus Zimmer ist von seinem Hauptdarsteller hoch angetan: „Tobias Moretti ist ein hervorragender Schauspieler, der genau die Faszination vermitteln kann, die Marian seinerzeit ausstrahlte.“

Die Rolle der Anna übernahm mit Martina Gedeck eine der profiliertesten deutschen Schauspielerinnen, die zuletzt als Ulrike Meinhof in DER BAADER MEINHOF KOMPLEX einen großen Kinoerfolg feiern konnte. Sie hatte mit Oskar Roehler bereits bei ELEMENTARTEILCHEN zusammengearbeitet und setzte diese Erfahrung nun bei JUD SÜSS - FILM OHNE GEWISSEN fort.

Auch Moritz Bleibtreu hat schon mit Oskar Roehler gedreht (AGNES UND SEINE BRÜDER, ELEMENTARTEILCHEN). Seine Besetzung in der Rolle des Joseph Goebbels darf als regelrechter Coup gelten. „Es ist sehr spannend zu sehen, wie er die Rolle interpretiert. Goebbels fungierte ja bei dem Projekt wie der Chef eines Hollywood-Studios“, so Markus Zimmer.

Auch sonst war der Besetzungsprozess für Überraschungen gut: So wird Fritz Hippler, Leiter der Reichsfilmkammer, von Ralf Bauer gespielt, früher bekannt als Surfer-Held in der TV-Serie „Gegen den Wind“, inzwischen vielseitiger Charakterdarsteller (zum Beispiel in Oskar Roehlers DER ALTE AFFE ANGST). „Das sind spannende und mutige Entscheidungen, die im deutschen Kino sonst viel zu wenig gemacht werden“, meint Markus Zimmer.

Der Rest der Besetzung wird geprägt von der ersten Riege deutscher und österreichischer Charakterdarsteller, darunter Justus von Dohnányi (BUDDENBROOKS) als Veit Harlan, Armin Rohde (KEINOHRHASEN), der in MARLENE schon Emil Jannings gespielt hat, als Heinrich George, Heribert Sasse (FALCO – VERDAMMT WIR LEBEN NOCH) als jüdischer Schauspieler Deutscher, Milan Peschel (FREE RAINER) als Werner Krauß und Rolf Zacher (Endstation FreiheiT) in der Rolle des Erich Engel. Dazu kommen Schauspieler/innen der neuen Generation wie Paula Kalenberg (DIE WOLKE, VISION – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen) als Kristina Söderbaum, Anna Unterberger (MEIN KAMPF) als Britta oder Robert Stadlober (KRABAT) in der Rolle ihres SA-Freundes Lutz.

Die Dreharbeiten wurden auf 42 Drehtage konzipiert und führten das Team an verschiedene Motive in Deutschland und Österreich. Die Szenen in der Villa Marian entstanden in den MMC-Studios in Köln. In den Münchner Bavaria-Studios wurde der Dreh des Originals JUD SÜSS nachgestellt – die Aufnahmen wurden dann mit den Bildern des Veit Harlan Films kombiniert.

Natürlich kommen auch reale Schauplätze zum Einsatz: So doubelte das Wiener Konzerthaus das Hotel Adlon der 30er Jahre; in Wiener Gässchen wurden Ghetto-Szenen nachgestellt. Für Szenen von der JUD SÜSS-Weltpremiere flogen die Filmemacher nach Venedig. Allerdings wird JUD SÜSS – FILM OHNE GEWISSEN „kein typisches Ausstattungskino“, so Markus Zimmer. „Wir werden nicht die große Nazi-Filmrevue abliefern, auch wenn wir mit Stilmitteln der Ufa-Ästhetik arbeiten müssen. Die Charaktere stehen im Mittelpunkt.“ Franz Novotny stößt ins gleiche Horn, wenn er meint: „Wir wollen keine beckmesserische Nachbildung der damaligen Zeit, sondern eine Neuschöpfung. Die Bilder müssen emotional stimmig sein.“ Und so freut sich der österreichische Produzent nicht auf große Ausstattungsorgien, sondern „auf jede tief bewegende Szene, auf Wahrhaftigkeit.“

Ab Herbst 2010 sollen sich auch die deutschen und österreichischen Kinozuschauer davon überzeugen. Für Franz Novotny mag sich damit ein über 40 Jahre währender Kreis schließen, und doch ist JUD SÜSS – FILM OHNE GEWISSEN kein Endpunkt: „Für mich ist die Aufarbeitung des Nationalsozialismus ein Prozess, der nicht aufhören wird.“

Der Regisseur über den Film

JUD SÜSS – FILM OHNE GEWISSEN ist ein ‚Human Drama’ und zugleich ein politischer Film, der die Mechanismen machtpolitischer Manipulation aufdeckt und ihre schrecklichen Folgen zeigt.

Der Film erzählt die Geschichte des Hauptdarstellers Marian, der in die Mühlen der Manipulation von Joseph Goebbels gerät, der mit dem Film JUD SÜSS einen Vernichtungsfeldzug gegen die Juden lostreten will. Marian – erfolgsgetrieben und naiv – lässt sich auf ein Spiel ein, das viel zu groß für ihn ist und von dem er nicht ahnt, dass es ihm bald schon seine Lebensgrundlage nehmen wird. Viel zu spät begreift er, in was er hineingeraten ist – nämlich in ein Vehikel des Holocaust, das sein Gesicht trägt. SS-Soldaten, die später in Polen an Massenerschießungen von Juden beteiligt waren, bekamen den Film verordnet. Millionen Deutsche sahen ihn sich freiwillig im Kino an, über 20 Millionen in Europa. Nach der Herausbringung wird Marian Augenzeuge des Völkermords – und zerbricht an seiner moralischen Schuld. (…)

So ist sein Schicksal ein Drama von Aufstieg und Fall – eines Menschen und eines Systems. Eines Menschen, dem ein Entkommen aus diesem mörderischen System mit der Zwangsläufigkeit einer griechischen Tragödie nicht möglich war. Dieses Drama ist zudem ein Sittenbild, ein Ausschnitt künstlerischen Lebens im Dritten Reich – und zwar auf dem wichtigsten kulturpolitischen Sektor – dem Film. Denn über den Film und die Propaganda regierten die Nazis das Dritte Reich – und sie waren Meister darin. Goebbels, eine der Hauptfiguren unseres Films, war ein perfider Verführer, nicht ohne Charme – sonst hätte er nie diesen Erfolg gehabt. Und er war besessen. Es hätte übermenschliche Kräfte gekostet, sich seinem Einfluss zu entziehen. Und somit handelt der Film zugleich von der Erotik der Macht.

Bislang gab es keinen anderen Kinofilm über Macht, moralisches Gewissen, Künstlertum und Film im Dritten Reich als den vor 30 Jahren sehr erfolgreichen MEPHISTO.

Interview mit Markus Zimmer (Produktion)

Hat die Geschichte des Ferdinand Marian heute noch Relevanz?

Unbedingt. Die moralische Kernfrage dieser Geschichte sollten sich auch Künstler von heute noch stellen – nämlich: Wie hätte ich reagiert? Würde ich versuchen zu emigrieren oder den Versprechungen des Regimes erliegen und alles auf eine Karte setzen, in der Hoffnung, dass es gut geht? Immerhin entstand JUD SÜSS 1940 – da war der Untergang der NS-Diktatur so noch nicht vorherzusehen. Abgesehen davon finde ich es überfällig, dass sich das deutsche Kino des Themas ‚Film im Nationalsozialismus’ annimmt.

Warum hat das so lange gedauert?

Weil das Thema ‚deutscher Film zwischen 1933 und 1945’ hierzulande sehr lange ausgeblendet wurde – so als sei es nicht politisch korrekt, darüber zu sprechen. Bizarrerweise sind wir alle mit Filmen aus der Zeit groß geworden, weil die fleißig im Sonntagnachmittagprogramm gezeigt wurden, ob Heinz Rühmann-Komödien oder Melodramen mit Zarah Leander. Und diese sind kreativ teilweise auf dem gleichen Stand wie manche Hollywood-Produktion – nur eben politisch nicht unbelastet. Deshalb muss man sich mit ihrem künstlerischen und politischen Ansatz gleichermaßen auseinandersetzen. Das haben die Filmkritiker der 50er und 60er aber abgelehnt, obwohl die Ästhetik und die Inhalte dieser Filme in die Produktionen der 50er Jahre nachwirkten. Erst Fassbinder und bis zu einem gewissen Grad Niklaus Schilling haben das erkannt und sich künstlerisch darauf bezogen, doch das waren auch die einzigen Vertreter des jungen deutschen Films.

Erwarteten Sie bei der Vorbereitung negative Reaktionen der Branche auf das Projekt?

Ich hatte mich auf heftige Kämpfe eingestellt, aber überraschenderweise wurde das Thema als sehr spannend und positiv aufgenommen. Auch die Finanzierungsphase war kürzer als bei manch anderem Projekt. Natürlich sind wir uns stark bewusst, dass wir mit Sensibilität an diesen Stoff herangehen müssen. Aber keiner machte uns Vorhaltungen nach dem Motto ‚Das dürft ihr nicht’. Von unserem französischen Weltvertriebspartner TF 1 gab es sogar große Ermutigung. Man muss aber auch fairerweise sagen, dass andere Filmprojekte Vorarbeit geleistet haben – insbesondere Felix Möllers Dokumentation HARLAN – IM SCHATTEN VON JUD SÜSS. So glaube ich, dass das Interesse an den Filmen dieser Zeit heute eher gewachsen ist, und auch die Bereitschaft, sich analytisch und objektiv damit auseinanderzusetzen.

Produzent Franz Novotny über den Film

Was kann nach Das Boot, Der Untergang oder Mein Führer – Die wirklich WAHRSTE Wahrheit über Adolf Hitler mit Helge Schneider noch gesagt werden? – Eines ist allerdings noch nicht erreicht: das Publikum, das mit einem „feinen Leben in der Wohlfühldiktatur” überrascht wird. Denn das Leben in der Spaßgesellschaft der 30er sah ganz anders aus, als wir es wahrhaben wollen: Smarte urbane Menschen suchen Vergnügen, Mercedesfahren ist auf den breiten Chausseen ein Heidenspaß, die Restaurants sind ein Genuss, die Mädels werfen sich einem an den Hals, es ist einfach berauschend als erfolgreicher, junger Aufsteiger in dieser deutschen Stadt Berlin zu leben. Wir sind beim Film! Wir können Karriere machen, Hitler und Goebbels geben uns die Chance! Dafür nimmt man einiges in Kauf, Kleinigkeiten wohl, bei denen man leicht wegsehen kann. Das bisschen Uniform, das mit den Juden, das gibt sich wieder. – So wird sich Ferdinand Marian, der Protagonist von JUD SÜSS in die moralische Unschärfe hineingedacht haben, wenn er mal an „´nem Juden auf der Straße” vorbei sah. Da war ihm wohl die unmittelbare Karriere wichtiger – man lebt nur einmal und jetzt ist die Chance da.

So sehen wir in dem Film den Aufstieg eines Begabten, der sich nicht nur irgendwie durchlaviert, sondern seine Laufbahn auch sorgfältig plant. Wir zeigen die ‚angenehme und wohltuende Verführung’ durch ein totalitäres Regime – durch neuere Forschungsergebnisse gestützt. Und wir widerlegen die Interpretationen, die mit der Behauptung, hauptsächlich Unterdrückung und Terror hätten das „Dritte Reich“ bestehen lassen, Vergebung für die Deutschen und Österreicher generierten, die die Diktatur begeistert unterstützten.

Wir nehmen die Korrektur vor: Es war pfiffig und angenehm, sich zu den passiven und aktiven Befürwortern des Systems zählen zu können. Man hat sich’s bis weit zum Untergang sehr gut gehen lassen. Hier wird Geschichte greifbar und nah, hier sind die Berührungspunkte zu unserer Konkurrenzgesellschaft, in der die humanen Werte des eigenen Vorteils wegen korrumpiert werden.

Die Karriere des Ferdinand Marian war auf einem grauenvollen Mit-Tun aufgebaut, und seine Eitelkeit instrumentalisierte der NS-Staat nutzbringend für sich. Dies transparent und bekannt zu machen, ist meine Motivation, gerade diesen Stoff zu produzieren.

Zu den Kommentaren

News und Stories

  • Neun deutsche Filme im Rennen um den Oscar

    Das Rennen um den Ausland-Oscar hat begonnen. In diesem Jahr haben sich gleich neun deutsche Produktionen um die renommierte Filmauszeichnung beworben. Eine unabhängige Fachjury muss nun entscheiden, welcher Film schließlich für Deutschland ins Rennen um den besten nicht-englischsprachigen Film geht. Das Ergebnis wird am 17. September 2010 bekannt gegeben.Die neun Kandidaten sind Matti Geschonnecks „Boxhagener Platz“...

    Ehemalige BEM-Accounts  
  • Berlinale 2010 präsentiert Wettbewerb-Programm

    Die Berlinale feiert in diesem Jahr ihr 60. Jubiläum und präsentiert auch diesmal wieder ein umfangreiches Programm. Vom 11. bis 21. Februar 2010 öffnen sich die Tore für mehr als 400 Filme und zahlreiche Weltpremieren. Die Internationalen Filmfestspielen eröffnet in diesem Jahr der chinesische Wettbewerbsbeitrag „Tuan Yuan“ („Apart Together“) von Wang Quan'an. Im Wettbewerb um den Goldenen und Silbernen Bären...

    Ehemalige BEM-Accounts  
  • Moritz Bleibtreu spielt in Jud Süss

    Der neue Film von Oscar Roehler handelt von der Entstehungsgeschichte des bekanntesten Propagandafilms des Dritten Reichs. Die Dreharbeiten zu Jud Süss - Film ohne Gewissen haben diese Woche in Köln begonnen und zusammen mit Moritz Bleibtreu (Der Baader Meinhof Komplex) werden auch Tobias Moretti, Martina Gedeck, Armin Rohde, Justus von Dohnanyi und Ralf Bauer vor die Kamera treten. Das Drehbuch von Klaus Richter, Roehler...

    Kino.de Redaktion  

Kommentare

  1. Startseite
  2. News
  3. Film-News
  4. Jud Süß - Film ohne Gewissen
  5. Fakten und Hintergründe zum Film "Jud S?? - Film ohne Gewissen"