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Jesus Christus Erlöser

   Kinostart: 15.05.2008
Poster

Filmhandlung und Hintergrund

Klaus Kinski und seine Version des Neuen Testaments, eine grandios gescheiterte Bühnenpredigt, dokumentiert von Peter Geyer. 20. November 1971. Deutschlandhalle, Berlin. Eine leere Bühne, ein einzelner Mann im Scheinwerferlicht: Klaus Kinski, das 1991 verstorbene enfant terrible des deutschen Films. Ein Viel- und Allesspieler, der ewige Psychopath, Paradebösewicht der Edgar-Wallace-Filme und genialisches Schauspieler-Alter-Ego...

Klaus Kinski

Einen hautnahen Eindruck von Ausnahmekünstler Klaus Kinski bei einem Live-Auftritt vermittelt Peter Geyer unter Verwendung aller verfügbaren Bild- und Tondokumente jenes exzessiven Abends. Für das Zeugnis eines grandiosen Scheiterns standen rare Archivaufnahmen zu Verfügung.

Am 20. November 1971 hatte Klaus Kinsiks Bühneninterpretation des Neuen Testaments in der Deutschlandhalle in Berlin Premiere. Doch anstatt gespannt der Darbietung zu lausche, war ein Teil des zahlreich erschienen Publikums eher auf Provokation aus. Und so endete die Veranstaltung einer wilden, gegenseitigen Beschimpfungsorgie. erst als ein Großteil der Zuschauer den Saal verlassen hat, konnte Kinski sein Stück vortragen.

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Kritiken und Bewertungen

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Kritikerrezensionen

    1. Klaus Kinski ist immer eine Wucht. Das wusste man schon Anfang der 70er, als er hauptsächlich als der Irre in Edgar-Wallace-Krimis oder Spaghetti-Western bekannt war – und vielleicht aus ein paar exzessiven Interviewauftritten; jedoch noch nicht durch die kraftvollen Herzog-Filme. Kinski jedenfalls versprach einen interessanten Abend, als er 1971 mit großer Vorabpromotion in einem großen Medienereignis mit vielen Pressevertretern im Publikum in der Berliner Deutschlandhalle das Neue Testament zu rezitieren versprach.

      Kinski als „Jesus Christus Erlöser“: Das forderte Störenfriede aus den Reihen der studentischen Linken heraus, und sie begannen schnell, den Künstler auf der Bühne mit Zwischenrufen zu provozieren – was unweigerlich cholerische Ausbrüche Kinskis zur Folge hatte. Das war natürlich einkalkuliert von den Störern, sie wollten den internationalen Trashstar und Liebling der Boulevardpresse reizen, den Vulkan zum Ausbruch bringen – und Kinski war halt auch ein leichtes Opfer.

      Seine Wutanfälle auf offener Bühne sind bereits in Teilen bekannt, etwa aus Werner Herzogs Dokumentarfilm „Mein liebster Feind“. Nun hat Peter Geyer aus dem Kinski-Nachlass die gesamten Bild- und Tonaufnahmen des legendären Auftritts restauriert und zusammenmontiert zu einer Rekonstruktion, nein: zu einem Konzertfilm. Kinski selbst hat wohl den Filmmitschnitt des Rezitationsabends, der ja als Auftakt zu einer Welttournee geplant war, verantwortet. Kam Kinski in den zuvor schon veröffentlichten Ausschnitten eher als Derwisch, als rabiater, ausgeflippter Wilder rüber, so wird jetzt, im Zusammenhang des gesamten Auftritts, deutlich, wie sehr es die Störer genau auf diese Reaktion angelegt haben.

      „Gesucht wird Jesus Christus. Angeblicher Beruf: Arbeiter“, so setzt Kinski an, und schon an diesem Anfang seines Textes komm der erste Zwischenruf: „Du hast doch noch nie gearbeitet!“ Und weiter: höhnische „Kinski, Kinski“-Rufe, „Komiker“, „Arschloch“ – und immer mit dem Alibigrund, eine Grundsatzdiskussion zu fordern; wo doch recht deutlich nur vielleicht zehn Leute die Veranstaltung sprengen wollten, in einer mit 3000 Zuschauern ausverkauften Halle.

      Kinski flippt dementsprechend aus, um dann doch seinen Text zu verlesen; nach mehreren Abbrüchen und Neuanfängen. Ein Destillat des Neuen Testaments, das Jesus als Sozialrevolutionär zeigt, den Kinski als absoluten Systemkritiker zeigt, als Verweigerer der gesetzten Normen von Staat, Politik und auch Kirche – nicht antichristlich, sondern antiklerikal predigt Kinski die Liebe – durchaus aktualisiert auf die Wirklichkeit von Vietnamkrieg und APO-Protesten. Womit er bestimmte Themenfelder der Linken übernahm, was vielleicht ihrerseits die Störer gestört hat… Immerhin klafft ja ein ziemlicher Widerspruch zwischen Inhalt seines Textes und der Wirklichkeit, in der er die Provokateure wüst beschimpfte. Er hielt nicht seine linke Wange hin, sondern gleicht eher dem Jesus der Tempelaustreibung.

      Ein ziemlich guter Text ist das, den Kinski vorträgt. Und der vielleicht gerade durch die vollkommene missratene Dynamik des Abends noch besser wird, wenn Kinski die Heuchler und Pharisäer anprangert und damit auch die Zwischenrufer meint, während die ihn an seine „Liebe deinen Nächsten“-Aufruf erinnern, wenn er sie beschimpft.

      Ein wunderbarer Abend, ein bemerkenswerter Abend, ein historisches Dokument zu Kinskis Biographie, eine im Rückblick durchaus witzige, oft auch berührende Performance – und, leider leider, das Ende der Tournee gleich an ihrem Anfang, weil einer der Veranstalter nach dem Berliner Abend ausstieg und nur noch ein einziger weiterer Auftritt, in Düsseldorf, stattfand.

      Auftritte und genervte Abtritte, und immer wieder „Gesucht wird Jesus Christus“ – und niemand sollte – wie die meisten am damaligen Abend – den Fehler begehen, zu gehen, wenn der Vorhang scheinbar endgültig gefallen ist… denn nach dem Ende des Films geht`s noch zehn Minuten weiter.

      Fazit: Ein Filmmitschnitt eines historischen Abends. Ein charismatischer Kinski, Störenfriede im Publikum, Jesus und die soziale Revolution, Beschimpfungen und Liebe deinen Nächsten: Ein mitreißendes Erlebnis, auch heute noch.
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    2. Klaus Kinski und seine Version des Neuen Testaments, eine grandios gescheiterte Bühnenpredigt, dokumentiert von Peter Geyer.

      20. November 1971. Deutschlandhalle, Berlin. Eine leere Bühne, ein einzelner Mann im Scheinwerferlicht: Klaus Kinski, das 1991 verstorbene enfant terrible des deutschen Films. Ein Viel- und Allesspieler, der ewige Psychopath, Paradebösewicht der Edgar-Wallace-Filme und genialisches Schauspieler-Alter-Ego von Regisseur Werner Herzog. In „Jesus Christus Erlöser“ ist er anders, ganz anders. Als Rezitator versucht er, vor mehreren tausend Zuschauern seine Version des Neuen Testaments vorzutragen. Eher verloren steht er da, klein, in Jeans und Hemd mit Blumenmuster. Voll konzentriert. Das Haar ist schulterlang, die Augen funkeln wie gewohnt - mal nachdenklich, meist angriffslustig. Er spricht die ersten Sätze - und schon hagelt es Zwischenrufe. Zunächst bleibt Kinski ruhig. Aber nur kurz. Dann wehrt er sich, wird ausfallend - und sorgt für den erwarteten Eklat. Ein Großteil des Publikums ist eindeutig gekommen, um ihn zu provozieren, um mit ihm zu diskutieren. „Der hat ja schon seine Million vom Film“ schreit einer, „Faschist“ ein anderer. Was Kinski zu sagen hat und sein künstlerisches Anliegen sind höchstens von sekundärem Interesse. Auch, dass Kinski nach eigener Aussage für den Abend 30 Schreibmaschinenseiten memoriert hat, weiß man in der Halle wenig zu schätzen. Es ist die Zeit politischer Aufruhr, der Sit-Ins und Happenings. Was kümmert da schon eine auf die Stimme eines Schauspielers reduzierte Erzählung, und mag sie auch, laut Kinski, die „erregendste Geschichte der Menschheit“ sein.

      Als Audiomitschnitt war dieser denkwürdige Abend, der im totalen Chaos endete, bislang erhältlich. Jetzt gibt es ihn als rund eineinhalbstündiges Bilddokument. Verantwortet hat die Dokumentation Peter Geyer, Nachlassverwalter des Künstlers und Verfasser einer 2006 erschienen Klaus-Kinski-Biographie. Nach kurzem Exposee - Plakate der ursprünglich weltweit geplanten Tournee werden gezeigt, das hipp gekleidete Publikum strömt unter den wachsamen Augen der zahlreichen Ordnungshüter in den Saal - fängt Kinski seinen Monolog, seinen (Wort-)Kampf an. „Du dumme Sau!“ und „Scheiß Gesindel!“ wird er bald schreien, wie ein Derwisch herumhüpfen, die Bühne verlassen, das Mikrophon samt Ständer ins Publikum schleudern. Er fasst sogar den Abend zusammen: „Das ist ja wie vor 2000 Jahren. Dieses Gesindel ist noch beschissener als die Pharisäer. Die haben Jesus wenigstens ausreden lassen, bevor sie ihn angenagelt haben.“ Eine Katastrophe. Nein, nicht ganz. Im Epilog kommt Kinski doch noch zu Wort. Nachdem sich die Deutschlandhalle bis auf ein paar Zuschauer geleert hat. Mit leiser, angerauter, müder Stimme spricht er mitten unter den Verbliebenen seinen Text. Wie Jesus unter seinen Jüngern. Von Anfang bis Ende. Und in diesem Moment blitzt auch das ganze Charisma Kinskis auf - und sein Können. geh.
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      1. Eine Künstlerperformance der Extraklasse: 5.000 Besucher waren im November 1971 in die Deutschlandhalle gekommen, um Klaus Kinskis Interpretation vom Neuen Testament zu hören. Der Film ist ein faszinierendes Zeitdokument, das mit extrem reduzierten Mitteln eine äußerst intensive Wirkung entwickelt. Der Sog von Kinskis besonderer Diktion, seine rebellische, antikapitalistische Interpretation der Bibel in der Melange mit seiner Selbstinszenierung als Wahrheitsverkünder und Ankläger machen diesen Auftritt zu einer Provokation, die das Publikum im Saal aufheizt und sich schnell in einer rasenden Beschimpfungsorgie entlädt. Auch 40 Jahre später ein äußerst reizvolles Werk, das stark emotionalisiert.

        Jurybegründung:

        Deutschlandhalle, Berlin, 20. November 1971. Ein Abend mit Klaus Kinski vor 5000 Zuschauern. Er rezitiert seinen eigenen Text Jesus Christus Erlöser, die „erregendste Geschichte der Menschheit. Das Leben von Jesus Christus als einen der furchtlosesten, freiesten, modernsten aller Menschen, der sich lieber massakrieren lässt, als lebendig mit den anderen zu verfaulen.“ Die Rezitation setzt ein mit einem Steckbrief: „Gesucht wird Jesus Christus…angeklagt…Verschwörung gegen die Staatsgewalt…Nationalität unbekannt. Decknamen: Menschensohn, Friedensbringer, Licht der Welt, Erlöser… Der Gesuchte ist ohne festen Wohnsitz. Der Gesuchte gehört keiner Partei an, auch nicht der Partei der Christen. Keiner Kirche…“ Die Szene gerät bald zum Eklat. Kinskis Text wird von Schmähungen und Häme einiger Zuschauer unterbrochen. Er wird provoziert und keilt zurück („Christus hat die Peitsche genommen… Wehe Euch Priestern…“). Es folgt bis 2 Uhr nachts der stundenlange Versuch des Schauspielers, seinen Text sprechen zu dürfen.

        Ein faszinierendes filmisches Zeitdokument, zum ersten Mal so seh- und nacherlebbar. Wir erleben eine einzigartige doppelte Provokation. Zum Ersten Klaus Kinskis Jesus-Interpretation: „Ich bin nicht der offizielle Kirchen-Christus… Ich habe Eure ganze Show und Rituale satt.“ Jesus als Aufwiegler, als Rebell, als Aufschrei. „Ich will die Gequälten erlösen.“ Die Erlösung verstanden als antikirchliche Replik, als antikapitalistisches Manifest.

        Zum Zweiten: Kinskis Identifikation mit dieser Christusversion, seine Inszenierung als Wahrheitsverkünder, als Ankläger. Beide Elemente formen sich zu einem äußerst intensiven Vorgang, der nie gleichgültig oder gar kalt lässt, der selbst wieder Emotionen und Reaktionen auslöst. So bleibt die heutige Faszination dieses Dokuments eben nicht auf eine noch so kostbare Erinnerung reduziert. Die Aktualität des Textes, der sinnlich wahrzunehmende und mitreißende Kampf um seine Vermittlung schaffen eine neue Suggestion.

        Quelle: Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW)
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      News und Stories

      • Fakten und Hintergründe zum Film "Jesus Christus Erl?ser"

        Kino.de Redaktion05.11.2012

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