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Über den Film

„I don't want to play the character of Joaquín Phoenix anymore.” Dieser Satz aus Casey Afflecks Fake-Dokumentarfilm „I'm Still Here” fasst, jedenfalls wenn er von Joaquín Phoenix gesprochen wird, eigentlich das ganze Problem besser zusammen, als irgendein anderer: Wenn ein “normaler Mensch”, also kein Hollywoodstar, sagt, er will nicht mehr er selber sein, dann rät man ihm, sich in Behandlung zu begeben. Wenn ein Hollywoodstar das sagt, hält man es für normal.

Es beginnt alles im Herbst 2008. Vor irgendeiner Fernsehkamera verkündet Phoenix, der immerhin erst zwei Jahre zuvor mit „Walk the Line” zum zweiten Mal für einen Oscar nominiert gewesen war, mit seiner Schauspielkarriere sei es von nun an vorbei, er wolle Musik machen. Zu Anfang nimmt das keiner recht ernst, außer seinen einigermaßen entsetzten Agenten. Je mehr diese versuchen, ihn zu überreden, doch wenigstens ein paar Drehbücher zu lesen, um so mehr betont er, wie wichtig ihm seine neue Karriere als Hip-Hopper sei: „Ich will die CD machen; ich will ich selber sein; ich will mich ausdrücken. Vielleicht ist es Blödsinn, man selber sein und sich ausdrücken zu wollen, aber ich will es!”

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Immer dabei ist von Anfang an allerdings die Kamera von Phoenix Freund und Schwager Casey Affleck, die solche Sätze und Phoenix ellenlange, manchmal konfusen, dann wieder erstaunlich hellsichtigen Monologe aufnimmt. Zu den hellen Momenten gehört jener, in dem Phoenix ausruft: „Absurd, einen Film über mein Leben zu machen, nachdem ich die ganze Zeit versuche, vom Film wegzukommen.”

PR-Gag oder Performance-Kunst?

Venedig im September 2010. Bei der Filmbiennale hat „I'm Still Here” außer Konkurrenz Premiere. Regisseur Casey Affleck stellt den Film vor. Hauptfigur Joaquín Phoenix fehlt dagegen auf dem roten Teppich am Lido. Der Film läuft nur zweimal in einem der kleinsten Kinos, beide Vorstellungen sind völlig überlaufen - und es istklar: „I'm Still Here” ist ein alles in allem sagenhaft ungewöhnlicher Film, und eindeutig eines der Ereignisse dieser Mostra.

Aber um was handelt es sich eigentlich? EinSpielfilm ist es jedenfalls nicht, er gilt als Dokumentarfilm, aber stündlich scheint die Ungewissheit zu wachsen: Handelt es sich womöglich um eine Fake-Doku, einen „Hoax”, einen Spaß, den sich Phoenix mit der Öffentlichkeit erlaubt? Immerhin zeigt Affleck in diesem Film Dinge, die man so noch nicht, oder allenfalls in irgendwelchen Underground Movies früherer Jahrzehnte gesehen hat: Phoenix bei hundsmiserablem Musik-Proben, bei missglückten Live-Auftritten, im Dauergespräch mit Agenten und seinen mindestens drei persönlichen Assistenten über Geld und Pressepolitik.

Phoenix in überaus aggressiven Momenten, in denen er seine Mitarbeiter anschreit und wüst beschimpft - das notorische „F-Wort” dürfte sowieso das meistgebrauchte des Films sein -, in intimen Augenblicken, weinend, zweifelnd, sich selbst quälend. Bei seinen hilflosen Versuchen, Rapper-Star P Diddy zunächst überhaupt zu erreichen, weil der seine Platte produzieren soll.

Und als es endlich einen Termin gibt, kommt Phoenix prompt zu spät, und als die Produktion beginnen soll, wirft ihn P Diddy nach wenigen Minuten heraus, weil die Musik einfach zu schlecht ist. Es gibt Interviews zu sehen, die schieflaufen, einen fassungslosen Ben Stiller, der Phoenix zu einer Rolle in „Greenberg” überreden will; man sieht Phoenix aber auch in der Einsamkeit irgendwelcher Hotelzimmer, beim Surfen auf Pornoseiten, beim Koksen und Joints rauchen, und einmal kommen für ihn und seinen Assistenten (und Afflecks Kamera) zwei Prostituierte aufs Zimmer. Währenddessen werden Phoenix Haare und Bart lang und länger, der Körper ungewaschener, und der ganze Mann unsympathischer.

Unsichere Beobachter sprachen in Venedig von einem „Medienkrieg”, fragten: Ist „I'm Still Here” ein übler PR-Gag, eine provokante Lüge, dem das Festival auch noch den roten Teppich ausgerollt hat? Internetforen diskutierten. Die Wahrheit werde ans Licht kommen, hörte man.

Aber was war an alldem überhaupt wahr? Genauer: Was heißt hier „wahr”? Was heißt überhaupt Wahrheit, und wie wahrhaft muss Kunst sein? Welchen Sinn macht die Frage „Echt oder fake?” noch in Zeiten, in denen „das Leben ein Kunstwerk” (Foucault) geworden ist? Und in denen umgekehrt die Starpersona zunehmend den Menschen dahinter infiziert, die Fiktion sich der Wirklichkeit bemächtigt. Kann man, wenn man in der Öffentlichkeit Brad Pitt ist, privat überhaupt noch ein anderer Brad Pitt sein?

Es geht also um die Frage nach der Realität. Das ist sowieso schon eine komplizierte philosophische Frage. Und weil man gemeinhin davon ausgeht, das Realität einerseits das ist, was man sieht, und andererseits gerade das nicht ist, was man auf der Leinwand sieht, wird es richtig kompliziert. Von Anfang an war Phoenix' Rückzug aus seiner bisherigen Star-Persona daher von der Frage begleitetet, ob es sich hier nicht um einen besonders elaborierten „Hoax” handle, in dem Phoenix die Schattenseiten und die Charakterlosigkeit des Show-Betriebs bloßstellen wollte. Und Afflecks Film selbst ein Bestandteil dieses Projekts. Nur eine gute Woche später war alles klar: Casey Affleck gab in der „New York Times” zu, das Ganze sei tatsächlich nur gestellt gewesen.

Um einen bloßen Scherz, einen „Hoax”, handle es sich nun aber keineswegs betonte Affleck im gleichen Interview, sondern um ein Stück Performance- Kunst. Und natürlich um einen Film, der eine Geschichte erzählen wollte und die sich vor allem auf diese Weise einzig erzählen ließ. Und da die Dreharbeiten sich über zwei Jahre hingezogen haben, ist auch klar, dass „I'm Still Here” Fragen aufwirft, die weit über den Film hinaus Gültigkeit haben und behalten. Und das nicht allein deshalb, weil so viele der Aktion derart bereitwillig auf den Leim gegangen sind.

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