Fakten und Hintergründe zum Film "Hotel Lux"

Kino.de Redaktion |

Hotel Lux Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Das Hotel Lux: Träume, Tränen und Trag&o

Die Köstlichkeiten des Bäckers Iwan Filippow waren weit über die Grenzen Moskaus hinaus bekannt. Selbst am Zarenhof in St. Petersburg erfreuten sich die Reichen und Mächtigen an den Kalatschen, Piroggen und Wecken aus der Moskauer Twerskaja 36. Im Jahr 1911 ließ Filippows Sohn über der zweistöckige Bäckerei das Hotel Franzija mit insgesamt vier Etagen einrichten. Zwei mächtige Säulen vor dem Haupteingang sowie prächtiger Marmor und hohe Spiegel im Foyer ließen erkennen, dass diese Nobelherberge für Gäste aus der reichen Oberschicht konzipiert war.

1933 wurde das Haus, das inzwischen in Hotel Lux umbenannt worden war und dessen neue Adresse Gorkistraße 10 lautete, um zwei Etagen erhöht. Nun bot es 300 Zimmer für 600 Gäste. Ab 1921, vier Jahre nach der Oktoberrevolution, diente das Hotel als Gästehaus der Kommunistischen Internationale, der Komintern.

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Moskau war in den 20er und 30er-Jahren eine Megacity im Aufbruch, die größte Baustelle der Welt, voller Gerüste, Kräne, Metroschächte und entschlossener Arbeitermassen. Stalin war Hoffnung und zugleich Verhängnis derer, die im Hotel Lux Zuflucht und eine Bleibe fanden.

Die kommunistischen Funktionäre, die vor dem Faschismus in ihren Heimatländern fliehen mussten, erhielten Asyl in diesem „Absteigequartier der Weltrevolution“. Die größte Gruppe kam aus Deutschland, unter ihnen Walter Ulbricht, Herbert Wehner und Wilhelm Pieck.

Wer dort wohnen oder Gäste treffen wollte, benötigte einen Passierschein. Besuchszeiten wurden genau protokolliert, Pässe wurden hinterlegt, obgleich die meisten Pässe in dieser Zeit gefälscht waren. Ruth von Mayenburg, die Frau des österreichischen Kommunisten Ernst Fischer, schrieb 1978 die Erinnerungen an ihre sieben Jahre im berühmtberüchtigten Hotel nieder: „Das Lux war ein konspiratives Hotel, konspirativ nach innen und nach außen – ein Geheimnisträger. Keine Gästeliste, keine Totenliste gibt darüber Auskunft, wer jemals darin gewohnt hat. Bei den Anreisenden stimmte in den meisten Fällen der Passname nicht mit dem Personennamen überein, nicht der Personenname mit dem Parteinamen, mit den wechselnden Deck- und Rufnamen.“

Im Hotel Lux zu nächtigen war ein Privileg, aber kein Luxus. „Unser erhabenes Gebäude beherbergte in wanzenbelebten Mehrbettzimmern in den unteren Etagen künftige Staatsmänner von welthistorischer Bedeutung wie Tschou En-lai und Ho Tschi Minh“, schrieb Ruth von Mayenburg. Große Scharen von Ratten, angelockt von Gemeinschaftsküchen und der Bäckerei, die im Erdgeschoss all die Jahre weiter arbeitete, finden in fast allen Berichten der Hotelbewohner besondere Erwähnung. Auch über den Lärm der Kinder auf den langen Fluren wurde oft geklagt. Denn nach 1933 war das Lux zum „Emigrantenhotel“ für ganze Familien geworden.

Der vermeintliche Zufluchtsort erwies sich für viele als Falle. Im Rahmen des Großen Terrors zwischen 1936 und 1938 wurden viele treue Kommunisten als angebliche Gegner Stalins festgenommen und verhört. Einige wurden nach ihrer Verurteilung in den Gulag deportiert oder hingerichtet. Bei diesen „Säuberungen“ starben unter Stalin mehr deutsche kommunistische Spitzenfunktionäre als unter Adolf Hitler.

Entsprechend herrschte im Hotel Lux eine Atmosphäre der Angst, der Ungewissheit und der gegenseitigen Denunziation.

Über die Produktion

Adolf Hitler und Josef Stalin waren die wichtigsten und zugleich schrecklichsten Politiker des 20. Jahrhunderts. Sie haben die Welt verändert und dabei viele Millionen Menschen in den Tod getrieben. In dieser Hinsicht waren sie sich ebenbürtig. Doch während Hitler in den Geschichtsbüchern mit großem Abstand die Rolle des Teufels übernahm, blieb Stalin stets in seinem Schatten. Bis heute.

Stalin und Hitler sind sich nie persönlich begegnet, doch an einem ganz bestimmten Ort in Moskau sind sie sich in gewisser Weise nahe gekommen: im Hotel Lux. Das Exilantenhotel war Magnet und Zufluchtsort für kommunistische Funktionäre, die durch den Faschismus aus ihren Heimatländern vertrieben wurden. Sie erhielten Asyl in diesem „Absteigequartier der Weltrevolution“. Die größte Gruppe kam aus Deutschland, unter ihnen Walter Ulbricht, Herbert Wehner und Wilhelm Pieck. Von Hitler verfolgt, flohen sie in die Arme Stalins. Die Mehrheit hat das nicht überlebt. Das Hotel Lux war eine Falle. Bei allen „Säuberungen“ im Rahmen des Großen Terrors von 1936 bis 1938 starben unter Josef Stalin mehr deutsche kommunistische Spitzenfunktionäre als unter Adolf Hitler.

Ein Stück Geschichte von historischer Tragweite, wie geschaffen für klassische Dramen und ernste Dokumentationen. Oder doch ein Komödienstoff? Ein deutscher Komiker, der eigentlich nach Hollywood will, muss aus Nazi-Deutschland fliehen und gerät ins Exilantenhotel LUX. Ein Berliner Varietékünstler, der nur das Tingeltangel liebt und nichts mit Politik, Ideologie oder Diktatur im Sinn hat, gerät zwischen die Fronten realhistorischer Kommunisten.

Günter Rohrbach gewann den Autor Uwe Timm („Die Bubi-Scholz-Story“, „Die Erfindung der Currywurst“), der ein faktenreiches, witziges Exposé schrieb.

Als Regisseur bot sich Leander Haußmann an. Nach der Wende hatte dieser als Regiestar aus dem Wilden Osten die deutschen Bühnen im Sturm erobert, dann gelang ihm auf Anhieb der große Wurf mit der ultimativen DDR-Komödie SONNENALLEE gefolgt von HERR LEHMANN und NVA. „Ich habe versucht, Leander Haußmann mit Uwe Timm zusammenzuspannen“, sagt Günter Rohrbach. „Das hat aber nicht funktioniert. Haußmann entwickelt in allen Gesprächen eine Fülle von Ideen, er wirft die Bälle in Luft und hofft, dass der arme Autor herumrennt und sie auffängt. Das war nicht das, was Uwe Timm sich vorgestellt hatte.“ Günter Rohrbach beauftragte nun den Autor Volker Einrauch, auf der Grundlage von Uwe Timms Treatment eine erste Drehbuchfassung zu schreiben. „In seiner Struktur und seiner Ernsthaftigkeit war Einrauchs Buch sehr überzeugend, doch es erfüllte noch nicht die Ansprüche an eine Komödie“, blickt Rohrbach zurück. Haußmann wiederum hatte nach seinem Constantin-Film WARUM FRAUEN NICHT EINPARKEN UND MÄNNER NICHT ZUHÖREN KÖNNEN einen Output-Deal bei der Bavaria Pictures unterschrieben, als Rohrbach erneut auf ihn zukam und ihm die LUX-Regie anbot. „Als Leander mir von dem Stoff erzählte“, erinnert sich Bavaria-Produzentin Corinna Eich, „war ich sofort elektrisiert und traf mich mit Herrn Rohrbach. Nach unserem Gespräch bot er mir an, den Film bei der Bavaria Pictures zu produzieren. So wurde ich Rohrbachs Co-Produzentin.“

Produktion: Über die Entstehung

Während Leander Haußmann sich in die Drehbucharbeit stürzte, bemühte sich Günter Rohrbach um die Idealbesetzung der Hauptrolle. „Ich war von Anfang an der festen Überzeugung, dass man diesen Film nur mit Bully Herbig drehen kann“, sagt der Produzent. Er hatte mit dem Multitalent Michael Bully Herbig zwar noch nie einen Film gedreht, ihn aber gleich dreimal hintereinander für die Moderation des Deutschen Filmpreises gewinnen können. Diesem stand Günter Rohrbach von 2003 bis 2010 als Präsident der Deutschen Filmakademie vor.

Als Bully im Sommer 2008 seine Abenteuerkomödie WICKIE UND DIE STARKEN MÄNNER drehte, bekam er im nachgebauten Wikingerdorf am Walchensee Besuch von Günter Rohrbach. „Ich fand es unglaublich reizend, dass er mit dem Auto extra so weit rausfährt, um sich mit mir zu treffen“, sagt Bully. „Bei einem Abendessen hat er mir vom Hotel Lux erzählt. Das war wie Geschichtsunterricht für mich. Es fielen sehr viele Namen, mit den meisten konnte ich nichts anfangen. Ich kam mir völlig unwissend vor, bis dato kannte ich ja nur das Hotel California.“

Michael Bully Herbig erhielt das Drehbuch in einer frühen Fassung. „Meine Figur war wesentlich dramatischer angelegt als heute, und ich hielt es für keine so gute Idee, eine solche Rolle zu übernehmen.“, erinnert sich Bully. Also notierte er einige Argumente, um nicht ins Stottern zu geraten, wenn er dem renommierten Produzenten Günter Rohrbach absagen wollte. Den Wortlaut des anschließenden Telefonats hat Bully bis heute nicht vergessen.

Ich sagte: „Herr Rohrbach, auch auf die Gefahr hin, dass Sie enttäuscht sind und mich für feige halten: Das Drehbuch ist nichts für mich und dazu habe ich noch ein zeitliches Problem. Aus diesem Grund möchte ich lieber absagen.“ Daraufhin sagte Herr Rohrbach wie aus der Pistole geschossen: „Nein, Sie sagen nicht ab!“ – „Wie bitte?“ – „Sie sagen nicht ab.“ – „Doch.“ – „Nein, ich hätte Ihnen das Buch nicht schicken dürfen. Das ist eine alte Version. Da sitzt jetzt Leander Haußmann dran. Der muss nur wissen, wer die Rolle spielt, dann tut er sich leichter beim Schreiben. Sie dürfen das nicht absagen. Sie wollen doch mal den Oscar!“ – „Ja, schon, Herr Rohrbach. Aber ich kriege es nicht unter. Ich muss leider absagen.“ Woraufhin er den legendären Satz sagte: „Sie sagen nicht ab! Einigen wir uns darauf, dass Sie nicht zusagen.“

So viel Einsatz und Leidenschaft schmeichelte Bully. Es begann eine intensive Zeit des gemeinsamen Ringens um den Stoff und seine vielen Möglichkeiten der Dramatisierung“, erinnert sich Produzentin Corinna Eich. Dabei hatte Leander nun beim Schreiben des neuen Buches immer Michael Bully Herbig vor Augen. Er schrieb ihm die Figur regelrecht auf den Leib. „Es ist auf keinen Fall von Nachteil, wenn man beim Schreiben schon die Besetzung der Hauptrolle kennt“, sagt Leander Haußmann.

Zunächst ging Leander Haußmann im Jahr 2008 mit Produzentin Corinna Eich auf Recherche-Reise und Motivsuche in Moskau. „Wenn man einen ,historisch korrekt erfundenen’ Film machen will, sollte man sehr genau recherchieren“, sagt der Regisseur. „Insofern war die Moskau-Reise für meine Arbeit existentiell.“ Der erste Besuch galt dem legendären Hotel Lux, das 1911 unter dem Namen Hotel Franzija als Nobelunterkunft für Gäste aus der reichen Oberschicht erbaut worden war. Vom Glanz der Anfangsjahre und von der späteren historischen Bedeutung des Hotels konnten die deutschen Besucher 2008 nicht mehr viel entdecken. „Ein Oligarch hat das Hotel erworben, und es befand sich bei unserem ersten Besuch kurz vor dem Umbau“, sagt Leander Haußmann. „Die Fassade war bereits von meterhohen Betonblöcken eingemauert, sodass man sie von der Straße aus nicht mehr sehen konnte. Fotografieren und Filmen war im Innern des Hotels strengstens verboten. Das neue Luxushotel, das hier entstehen sollte, durfte nicht befleckt werden vom Blut der Kommunisten, die im Hotel durch Kommunistenhand umgekommenen sind.“

Produzentin Corinna Eich ergänzt: „Wir wussten im Jahr 2008 nicht, dass wir zu den letzten Besuchern gehören würden, die einen Blick in die Zimmer werfen und diese langen spukigen Hotelgänge entlanglaufen durften.“

Der Regisseur und die Produzentin besuchten auch das Lenin-Mausoleum, die Metro und eine Polizeistation, weil diese Schauplätze in einer frühen Drehbuchfassung eine Rolle spielten. Sie entfielen später, ganz im Gegensatz zu den Schlüsselszenen in Stalins Datscha. Die sagenumwobene Residenz, in der Stalin nach dem Tod seiner Gattin Nadeschda Allilujewa 18 Jahre lang lebte, von wo aus er die Geschicke der Sowjetunion lenkte und wo er am 5. März 1953 starb, liegt nur gut 15 Minuten vom Machtzentrum des Kremls entfernt. „Vor unserem Besuch gab es unglaubliche Sicherheitsprozeduren“, erinnert sich Corinna Eich.

Das mehr als 1000 Quadratmeter große Haus besteht aus zwei Bereichen: Stalins Privatgemächer und die Räumlichkeiten für das Dienstpersonal. Später wurde das Haus um eine weitere Etage für Gäste erweitert. Nach dem Tod Stalins war seine Datscha ein Museum, dann diente das Haus als Hotel, bevor es 1991 wieder dem russischen Bewachungsdienst übergeben wurde. Bis heute wird die Datscha für Staatsbesuche verwendet, wie schon zu Stalins Zeiten. Auch deutsche Kanzler und Präsidenten haben hier genächtigt.

„In Stalins Villa haben mich zwei Dinge auf Anhieb beeindruckt“, sagt Leander Haußmann. „Die Pantoffeln im Eingangsbereich, darunter ein paar winzige Puschen, nämlich die von Putin, und Stalins Badezimmer. Hier also ging selbst der Diktator zu Fuß hin.“ Das 35 Quadratmeter große Badezimmer war schon zu Stalins Zeiten bestens ausgestattet, unter anderem mit einem damals modernen Elektro-Heizofen und einem Wasserdurchlauferhitzer der Firma Siemens. Stalin duschte hier am liebsten sitzend auf einer Bank. „Man steht in dem schlichten Badezimmer und weiß: Auf diesem Klo hat einst Stalin gesessen“, erzählt Corinna Eich mit einem Schmunzeln. „Leander war beim Besuch sosehr davon beeindruckt, dass er später Schlüsselszenen des Films zwischen Hans Zeisig und Stalin in diesem Badezimmer spielen ließ.“ Haußmann gesteht: „Am Schreibtisch wäre mir das nicht eingefallen.“

Produktion: Die Besetzung

Wieder in Berlin, schrieb der Regisseur sein Drehbuch mit leichter Hand, aber nicht mit Leichtfertigkeit. „Die Geschehnisse, die wir unmittelbar mit dem Schicksal von 20 Millionen Opfern verbinden, sind Dramen und damit extrem komödienunfreundlich“, betont Leander Haußmann. Er wollte aber das Genre der Komödie wie ein „trojanisches Pferd“ nutzen, um das Publikum für historische Vorgänge in der Sowjetunion zu interessieren, über die nicht zwingend Vorkenntnisse vorausgesetzt werden können. „Auf der anderen Seite ist vieles, was im Hotel Lux passiert ist, absurd und folgt einem unlogischen System, aus dem wieder Komik entsteht“, sagt der Regisseur. „Wir produzieren keine Schenkelklopfer, sondern zeigen eine Figur, die auf der Flucht ist und in ein Labyrinth verwirrender Ereignisse gerät.“

Corinna Eich sieht klare Parallelen zwischen Hans Zeisig und Leander Haußmann: „In der Hauptfigur des Films spiegelt sich Leanders eigene Biografie: ein Schelm, der sich mit Charme und Chuzpe durch Diktatur und ideologischen Irrsinn schlawinert, ohne seinen Witz und seine Würde zu verlieren. Als Enfant terrible der DDR hatte Leander das autobiografische Potenzial des Sujets sofort erkannt und konnte Zeisigs unglaubliche Abenteuergeschichte mit heißem Herzen schreiben.“

So sieht es auch Produzent Günter Rohrbach: „Als Bürger der DDR ist er selbst in einer kommunistischen Umgebung aufgewachsen. Er hat persönlich erfahren, wie ein Künstler mit einem solchen System umgehen muss. Nach unseren Gesprächen schätze ich Leander Haußmann so ein, dass er immer aufmüpfig war. Er stand quer zu allem, was die Ideologie ihm vorgeschrieben hat. Er war aber kein sturer Revoluzzer oder Widerstandskämpfer, sondern hat sich mit der Klugheit und dem Witz eines Künstlers in diesem System bewegt wie ein Fisch im Wasser. Diese Eigenschaft hat er auf Hans Zeisig übertragen.“

Leander Haußmann selbst sieht in Hans Zeisig gleich mehrere Charaktere vereint: „Er ist ein durch und durch erfundener Charakter, der auf Erfahrungen meiner Persönlichkeit beruht, aber auch auf anderen tatsächlichen Zeitgenossen der 30-er-Jahre, wie etwa Karl Valentin und Werner Fink. Identifizieren kann ich mich mit seinem gnadenlos menschlichen Ansatz der Betrachtung gesellschaftlicher Zustände. Er baut auf die Kraft des Lachens, der Kunst und des Theaters, er pocht auf das Recht der Individualität. Seine Art der Bewegung in diesen zwei Diktaturen ist geradezu selbstmörderisch, doch er kann nicht anders. Er liebt das Leben und die Freiheit, aber noch mehr liebt er die Bequemlichkeit. Er hält sich selbst für einen Zyniker, aber er ist eigentlich warmherzig und – entgegen seiner Selbsteinschätzung – ziemlich mutig.“

Je öfter Bully mit Leander Haußmann telefonierte und je weiter das Drehbuch gedieh, desto größer wurde die Gewissheit, dass es zur ersten Zusammenarbeit dieser zwei Komödientalente kommen würde. „Ich spürte, dass mit Leander eine ganz andere Temperatur in dieses Drehbuch kam“, lobt Bully. Die Produzenten versorgten ihn fortan mit Büchern, DVDs und CDs über das Hotel Lux und den Kommunismus der 30er-Jahre. „Je mehr ich erfahren habe, desto weniger wollte ich eigentlich wissen“, erklärt Herbig. „Sonst hätte ich womöglich beim Spielen moralische Zweifel bekommen. Es war gut, nicht im Detail zu wissen, wer wann und wie verschleppt und umgebracht wurde. Zeisig selbst merkt erst im Laufe der Zeit, in welche Hölle er dort geraten ist und dass er nur durch seine Begabung des Verstellens und Imitierens überleben kann. Das gefällt mir so gut an dieser Figur. Letztlich ist es eine Verwechslungskomödie. Aber mit tödlichen Konsequenzen, wenn der Protagonist einen Fehler macht.“

Die Hauptrolle in HOTEL LUX bedeutete für Michael Bully Herbig nicht nur, in nahezu jeder Szene des Films präsent zu sein, sondern auch eine Abkehr von bisherigen Genres. „Dieser Film ist anders als alle Filme, die ich vorher gemacht habe“, bestätigt der Hauptdarsteller. Dies musste auch optisch klar erkennbar sein: „Bully sollte in diesem Film nicht ausschauen wie Bully, sondern die Figur des Hans Zeisig sollte ganz klar im Vordergrund stehen“, sagt Maskenbildner Georg Korpás, der seit 17 Jahren mit Bully arbeitet und für HOTEL LUX exklusiv als sein persönlicher Maskenbildner im Einsatz war. „Im Vorfeld haben wir viele Tage in meinem Atelier verbracht und 13 verschiedene Looks entwickelt“, beschreibt Georg Korpás den langwierigen Prozess. Am Ende setzten sich die wellige Frisur und der haarfeine Schnurrbart durch, die beide typisch sein mögen für einen Künstler, der nach Hollywood will. Dass der Schnurrbart im Laufe der Handlung mehrmals durch andere Bärte überklebt werden muss, zum Beispiel wenn Zeisig Josef Stalin parodiert, sorgte nur für kurze Diskussionen. „Zeisig kennt sich mit Masken aus“, betont Georg Korpás. „Er schminkt seinen Bart einfach weg oder klebt den neuen Bart drauf. Es darf nach Theater ausschauen, weil Zeisig ja schließlich vom Theater kommt.“

Kostümbildnerin Ute Paffendorf rundete mit ihren Ideen Zeisigs Gesamterscheinung ab: „Er sollte immer denselben Anzug tragen, wie eine Charlie-Chaplin-Figur mit der immer gleichen Silhouette.“ Weil Zeisig mit einem einzigen Anzug nach Moskau flieht, muss er diesen von 1938 bis zum Sommer 1939 im Hotel Lux tragen. Für die Dreharbeiten standen drei verschiedene Versionen des Anzugs zur Verfügung: neu, gebraucht und stark gebraucht. Gleiches galt für die maßgefertigten Lackschuhe des Hauptdarstellers.

Dass Jürgen Vogel und Thekla Reuten weitere tragende Rollen neben Michael Bully Herbig spielen würden, entschied sich relativ spät. In beiden Fällen wurde für die Darsteller sogar das Drehbuch umgeschrieben. Jürgen Vogels Rolle, der jüdische Hitler-Parodist und überzeugte Kommunist Siggi Meyer, hieß im Drehbuch zunächst Brandmaier und war ein kerniger Bayer mit kommunistischen Idealen. „Er hatte mit dem Kabarett überhaupt nichts zu tun, Zeisig lernte ihn durch Zufall auf der Flucht nach Moskau kennen und kam mit ihm im Hotel Lux unter“, sagt Produzent Günter Rohrbach und erklärt weiter: „Für diese Rolle wäre Jürgen Vogel falsch gewesen.“ Bully höchst persönlich schlug Leander Haußmann vor, die Rolle mit seinem Freund und Kollegen Jürgen Vogel zu besetzen. „Ich kenne Jürgen noch gar nicht so lang“, sagt Bully. „Wir sind uns 2007 bei einer kleinen Vorführung von „Die Welle“ zum ersten Mal begegnet. Wir kannten uns nur aus dem Kino oder aus dem Fernsehen, aber offensichtlich bestand da eine Sympathie und wir sind uns gleich in die Arme gefallen. Witzigerweise hatte ich zwei Wochen vorher durch Zufall erfahren, dass wir auf den Tag genau gleich alt sind.“

Leander Haußmann rief Günter Rohrbach an, um ihm Jürgen Vogel als Bullys Leinwandpartner vorzuschlagen. „Zuerst war ich überrascht, weil ich ein bisschen an der Idee hing, Meyer sollte ein Bayer sein“, sagt der Produzent. „Doch dann gefiel mir die neue Idee, denn Jürgen Vogel bringt in diese historische Geschichte eine Form von Modernität hinein, die ihr gut tut.“ Vogel wusste im Vorfeld nichts über das Hotel Lux, war aber gleich von dem Stoff elektrisiert: „Ich finde es super interessant, dass damals so viel verschiedene Menschen, die später politische Karrieren gemacht haben und heute weltbekannt sind, an denselben Ort geflohen sind und dort unter einem Dach gelebt haben.“

Jürgen Vogel beschreibt Siggi Meyer als einen „bodenständigen, proletarisch angehauchten“ Charakter. „Als Künstler und Schauspieler ist er eher ein Handwerker und weniger ein Träumer. Wenn der Film anfängt, ist Meyers Karriere eigentlich schon am Ende. Vielleicht hätte er viel früher aufgegeben, wenn er seinen Freund Hans Zeisig nicht als Bühnenpartner gehabt hätte. Meyer ist unzufrieden mit der politischen Situation in Deutschland. Er sieht im Kommunismus den Weg aus der Krise. Das ist natürlich ebenfalls naiv, aber das kommt seiner proletarischen Herkunft sehr nahe. Er tritt in die kommunistische Partei ein und wird im Untergrund aktiv.“

Als verführerische Dame, die zwischen den Freunden Zeisig und Meyer steht, schrieb das Drehbuch die polnisch-deutsche Adlige Frida von Cziblinski vor. Doch dann schlug eine Castingagentin die niederländische Schauspielerin Thekla Reuten für die weibliche Hauptrolle vor. Thekla Reuten hatte bereits markante Rollen in US-Kinofilmen wie BRÜGGE ::: SEHEN UND STERBEN? neben Colin Farell oder THE AMERICAN an der Seite von George Clooney gespielt und in zwei für den Oscar nominierten Filmen brilliert. „Und dann gab es einen dieser magischen Casting-Momente, an die man sich ein Leben lang erinnert“, erzählt Corinna Eich. „Thekla war die erste Frida-Kandidatin an diesem Tag. Und wir alle spürten sofort die kreative Spannung zwischen Bully und ihr. Es klingt ungerecht gegenüber den anderen Fridas, die danach noch kamen, aber eigentlich stand in diesem Augenblick bereits fest: Das ist sie!“ sagt Corinna Eich und spricht aus, was Leander Haußmann dachte. Für ihn war die glaubwürdige Beziehung zwischen Hans Zeisig und Frida von größter Bedeutung.

Wegen der Besetzung mit Thekla Reuten wurde aus der polnisch-deutschen Gräfin im Drehbuch die Niederländerin Frida van Oorten mit Unternehmerhintergrund. Thekla Reuten definiert ihre Rolle noch genauer: „Frida kommt aus einer wohlhabenden Familie aus Holland. Sie hat schon in jungen Jahren eine gute Erziehung genossen, dabei sogar Schießen und Fliegen gelernt. Für die damalige Zeit ist sie eine sehr fortschrittliche junge Frau, die auch allein und unabhängig reist. In Berlin schließt sie sich den Kommunisten an, später erobert sie die Männerwelt des Hotel Lux. Ich sehe in ihr eine Frau, die sich schon immer für Politik interessiert hat und die instinktiv jede Art von Standesunterschieden ablehnt. Sie ist eine Idealistin, glaubt an die Grundidee des Kommunismus.“

Zu Beginn des Films versprüht Frida den Glamour des Berliner Nachtlebens und bezirzt nicht nur Hans Zeisig. „Sie trägt ein langes, aufwändig besticktes Abendkleid, ihre langen roten Haare trägt sie offen“, beschreibt Kostümbildnerin Ute Paffendorf Fridas eleganten Stil.

Produktion: Die Dreharbeiten

„Wir sahen uns das Hotel Lux und Stalins Datscha an, damals noch in der Hoffnung, dass das auch unsere Drehorte sein könnten. Doch das Lux war eine Baustelle und ist inzwischen eine Bauruine. Nur die Fassade steht noch. Wir waren die Letzten, die noch die langen spukigen Gänge entlanglaufen und einen Blick in die alten Zimmer werfen durften“, sagt Corinna Eich. Doch nicht nur der Abriss des Hotels zwang die deutschen Filmemacher zur Motivsuche. „Schon die ersten Gespräche haben gezeigt, dass Dreharbeiten in Moskau völlig unmöglich gewesen wären“, betont Günter Rohrbach. „Selbst Moskauer Produzenten sagten uns, dass sie ihre Filme anderswo drehen, auch wenn sie in Moskau spielen. Die Hauptstadt hat sich stark verändert, man erstickt dort im Verkehr. Niemand hätte uns eine Dreherlaubnis gegeben, schon gar nicht für einen Film, in dem der stalinistische Terror eine wichtige Rolle spielt.“ So sieht es auch Leander Haußmann: „Die jetzige Führung ist immer noch sehr Stalin-freundlich. Man mag es nicht, wenn Ausländer sich auf diesem Gebiet kritisch betätigen. Schon gar nicht die Deutschen.“

Die Produzenten prüften Alternativen in osteuropäischen Metropolen wie Prag und Budapest, wurden dann aber ausgerechnet vor der eigenen Haustür fündig: in Berlin. „Die Berliner Filmförderung wies uns auf das Haus Cumberland am Kurfürstendamm hin“, sagt Corinna Eich, „und wir staunten, wie sehr dieses Gebäude unseren historischen und atmosphärischen Ansprüchen gerecht wurde.“ Auch Leander Haußmann war verblüfft, als er das über 10.000 Quadratmeter große Gebäude mit seinen fünf Innenhöfen und unendlich wirkenden Fluren besichtigte: „Das Haus Cumberland ist beinahe identisch mit dem ehemaligen Hotel Lux.“

Die Immobilie wurde 1911 von Robert Leibnitz, dem Architekten des alten Hotel Adlon, entworfen und bis 1912 erbaut. Das ambitionierte Konzept, den Gästen edle Suiten mit eigenen Hausdienern zur Verfügung zu stellen, scheiterte. 1913, noch vor der Eröffnung des Hauses, musste das Unternehmen Konkurs anmelden und die Möbel versteigern. Bis zum Ersten Weltkrieg wurde das Haus dann unter dem Namen „Cumberland“ als Luxushotel mit 700 Betten, prächtigen Festsälen und einer Badeanstalt unter dem Dach betrieben. 1914 wurde es teilweise als Kaiserliches Waffen- und Munitionsbeschaffungsamt (Wumba) genutzt. Ab 1936 nutzten wechselnde Ämter der Finanzverwaltung das Haus, zuletzt diente es als Heimat der Berliner Oberfinanzdirektion, deren Mitarbeiter aber im September 2002 auszogen.

Auf Szenenbildner Uli Hanisch (DAS PARFUM – DIE GESCHICHTE EINES MÖRDERS, DAS WUNDER VON BERN) und sein Team kam viel Arbeit zu. Immerhin galt es, das Haus Cumberland in wenigen Wochen glaubhaft in das historische Hotel Lux umzuwandeln: die Zimmer, die Korridore, die Lobby, das Restaurant, den Dachboden, sogar das Dach. Als alle Baupläne fertig waren, passierte, was nicht passieren durfte. Die ewige Problemimmobilie Cumberland fand unverhofft einen neuen Käufer, der in den Prachtbau aus der Jugendstilzeit wieder Geschäfte, Büros und Wohnungen zurückbringen will.

Herstellungsleiterin Anne Leppin erinnert sich mit Schrecken an die Hiobsbotschaft, die per Mail zugestellt wurde: „Darin stand sinngemäß: Es tut uns leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass das Haus Cumberland für Dreharbeiten nicht weiter zur Verfügung steht. Wir wünschen Ihnen für ihr Projekt alles Gute.“ Das geschah an einem Freitagnachmittag, die Hausverwaltung war nicht mehr zu erreichen, der neue Eigentümer war im Urlaub, bereits am Montag wurde der Verkauf des Cumberland in der Berliner Presse verkündet. „Zum Glück war klar, dass die großen Umbauarbeiten nicht von heute auf morgen beginnen konnten“, sagt Anne Leppin. Dennoch bedurfte es der Mithilfe der Berliner Senatsverwaltung, um die neuen Eigentümer zu überzeugen. „So wurden parallel zu unseren Dreharbeiten nur Musterwohnungen ausgebaut und von Interessenten besichtigt, während nach unserer letzten Klappe in Berlin sofort die Bagger anrollten. Wir sind definitiv das letzte Filmteam, das im Haus Cumberland drehen konnte.“

Szenenbildner Uli Hanisch standen kaum Bilder vom historischen Hotel Lux zur Verfügung: „Ich kenne zwei läppische Fotos aus dem Restaurant und ein Motiv aus der Lobby, aber ich habe noch nie ein Foto aus einem der Zimmer gesehen.“ Verwundert ist er darüber nicht: „Das Hotel Lux war ein konspirativer Ort, an dem keine Fotos gemacht werden durften.“ Viel wichtiger als Bilder war für Uli Hanisch die Erkenntnis, dass das Hotel Lux architektonisch nicht wie ein normales Hotel angelegt worden war: „Es gab quasi keine Lobby, aber dafür ein völlig überdimensioniertes Restaurant, außerdem ungewöhnlich lange Korridore ohne Tageslicht.“ Diese Besonderheiten fand Uli Hanisch auch im Haus Cumberland vor.

Viele Wochen lang veränderten der Szenenbildner und sein Team vor allem die zweite Etage des Hauses. Diese ist zwar nahezu identisch mit den anderen Stockwerken, bietet aber laut Uli Hanisch zwei große Vorteile: „Einerseits hat sie eine stabile Zwischendecke und ist deshalb technisch im besten Zustand, andererseits bietet die zweite Etage den besten Blick in die Innenhöfe, die in die Handlung mit eingebunden worden sind.“ Uli Hanisch hat einen 250 Meter langen Flur „radikal neu“ gestalten lassen. Alle Lampen an den Decken und Wänden wurden nach eigenen Entwürfen selbst gebaut. Sie dienten ab dem ersten Drehtag, dem 12. Oktober 2010, nicht nur als reine Kulisse, sondern auch als Lichtquelle für die Aufnahmen von Kameramann Hagen Bogdanski (DAS LEBEN DER ANDEREN, HILDE)

Michael Bully Herbig, selbst Regisseur mit Blick für gute Bilder, schwärmt von der Hotelkulisse und Leander Haußmanns Ideenreichtum: „Er hat das clever gemacht: Wir sind öfter mit der Steadycam durch die Flure gelaufen, damit die Zuschauer sehen, dass die endlosen Gänge tatsächlich echt sind. Man verläuft sich fast darin. Das Cumberland in Berlin war ein Volltreffer.“ Auch Produzent Günter Rohrbach gerät ins Schwärmen: „Insgesamt finde ich unser selbst geschaffenes Hotel Lux schöner als das Original. Nicht im Sinne von ästhetisch schön, aber hinsichtlich seiner Möglichkeiten. Das echte Hotel Lux war sehr grau. Uli Hanisch hat sich jedoch für dunkle Brauntöne entschieden. Die verleihen unseren Bildern eine beklemmende Atmosphäre, die perfekt zur Grundstimmung des Films passt.“

Der Szenenbildner selbst spricht sogar von der Stimmung eines Horrorfilms und führt Stanley Kubricks SHINING als Referenz an: „Wir erzählen eine Komödie in einer schrecklichen Umgebung.“

Alle Stalin-Gemälde, die im Hotel zu sehen sind, wurden extra für den Film gemalt. Selbst eine opulente Bronzeplastik, die den Raum vor den beiden Aufzügen in der zweiten Etage ziert, entstand eigens für die Dreharbeiten: aus Styropor, dessen Oberfläche mit Bronzefarbe und Wachs zum Glänzen gebracht wurde. Als kleiner Ausstatterspaß am Rande wurde das Standbild eines sowjetischen Arbeiters, der in der Plastik stolz den Schraubenschlüssel in die Höhe streckt, Leander Haußmann nachempfunden. Im Restaurant des Hotel Lux, das im Erdgeschoss des Hauses Cumberland nachgebaut wurde, hingen über den Stühlen und gedeckten Tischen Transparente, die mit Schriftzügen wie „Es lebe der Kommunismus“ oder „Die deutschen Genossen gratulieren Josef Stalin zum Kampf und Feiertag der Arbeiterklasse“ die politische Stoßrichtung vorgaben.

Die Liebe zum Detail setzte sich auch bei den dunkel-tristen Hotelzimmern fort. „Die ganze Ausstattung ist unfassbar detailverliebt“, lobt Michael Bully Herbig das Szenenbild. „Überall lagen Briefe und Mappen herum, die von Hand oder Maschine authentisch in verschiedenen Sprachen geschrieben wurden. Für Pässe wurden vorher Schwarzweißfotos gemacht. Wenn die Kamera mal näher kommt, stimmt da jedes Detail. Ich bin in diese eingerichteten Hotelzimmer gegangen und habe sofort gedacht: Oups! Da möchte man wirklich nach einer Nacht wieder raus!“ Hans Zeisigs Zimmer wurde um eine Geheimtür erweitert, die in eine kleine Bibliothek führt, die von Zeisigs deportiertem Vormieter eingerichtet worden war. Wenn er dort im Film an seinen Russischkenntnissen feilt, stimmt jedes Detail: „Unsere Graphiker und Ausstatter haben jeweils mit russischen Muttersprachlern oder sonstigen Übersetzern gearbeitet“, sagt Uli Hanisch. „So wollten wir vermeiden, dass auf kyrillischen Dokumenten, Büchern, Postern oder Manuskripten Texte stehen, die keinen Sinn ergeben.“

In Fridas Hotelzimmer wurde die weibliche Seite hervorgekehrt. Das Gemenge aus Lebensmitteln, Waschschüsseln und Schreibmaschinen wirkte insgesamt edler und aufgeräumter als in den Zimmern der männlichen Spitzenfunktionäre. „Ich fand schön, dass in Fridas Zimmer ein Bett mit Vorhang stand“, sagt Thekla Reuten. „Ich kann mir gut vorstellen, dass Frida in dem Hotel langsam verrückt wird und Heimweh nach Holland hat. Da kann sie das Tuch zuziehen und sich von der Außenwelt abschotten. Das hat so etwas Warmes und Weibliches. Toll, dass die Ausstattung auf solche Details achtet. Das hilft beim Spielen unheimlich.“

In den Nachbarzimmern, in denen laut Drehbuch Walter Ulbricht, Wilhelm Pieck oder Georgi Dimitrow lebten, war die Ausstattung nicht weniger authentisch. „In Dimitrows Zimmer habe ich mir eingebildet, dass es nach krankem Mann riecht, der sich nicht gut wäscht“, erklärt Thekla Reuten und lacht. Hier wurde ganz besonders deutlich, dass das Hotel Lux kein normales Hotel war, sondern die Exilanten sich auf sehr lange Zeit dort einrichteten und ihre Zimmer individuell mit Postern, Büchern, Dokumenten und eingeweckten Lebensmitteln ausgestalteten.

Treffpunkte waren die Gemeinschaftsbadezimmer oder die Gemeinschaftsküche, wo sich Funktionäre von späterem Weltrang damals gegenseitig Milch und Flitzebohnen stahlen. Schon im Vorfeld der Dreharbeiten wurde viel darüber diskutiert, wie viel historisches Wissen beim Zuschauer vorausgesetzt werden darf. „Ich war bei der Stoffentwicklung immer ein bisschen die Spaßbremse und habe davor gewarnt, dass man am Ende für diesen Film eine Gebrauchsanleitung brauchen könnte.“, sagt Michael Bully Herbig und ergänzt: „Der Film funktioniert nur dann, wenn man die Figuren nicht unbedingt vorher schon kennen muss, wie z.B. Georgi Dimitrow oder Wilhelm Pieck. Es wäre natürlich schön, wenn der Film Interesse weckt und die Leute hinterher selbst nachforschen, wer im Hotel Lux untergetaucht ist und sich Hoffnungen auf eine bessere Welt gemacht hat.“

Produzent Günter Rohrbach spricht von einem „langen, schweren Weg“ bei der Suche nach dem richtigen Kompromiss aus Kenntnis und Unwissen: „Der Film muss auf verschiedenen Ebenen konsumierbar sein. Er sollte für Leute, die noch nie etwas vom Hotel Lux gehört haben und für die selbst der Name Stalin etwas Fernes ist, verständlich sein. Gleichzeitig sollten aber auch diejenigen, die historisch gebildet sind, nicht das Gefühl haben, um ihre Intelligenz betrogen zu werden.“ Leander Haußmann formuliert es etwas drastischer: „Ein bisschen politisches Hintergrundswissen würde doch vielen nicht schlecht zu Gesicht stehen. Überhaupt ist der Stand des Wissens im Allgemeinen sehr dürftig. Da gibt es Nachholbedarf, wenn ich mal so schulmeisterlich den Finger heben darf. Aber dem Genuss des Films tut politische Unbildung keinen Abbruch. Wer nicht weiß, wer Walter Ulbricht war, dem ist natürlich nicht zu helfen.“

Walter Ulbricht, der 1961 als Staatsoberhaupt der DDR den Bau der Berliner Mauer verantwortete, musste im Film auch als Mann von Mitte 40 gut erkennbar sein. Maskenbildnerin Kitty Kratschke und Kostümbildnerin Ute Paffendorf standen jedoch vor dem Problem, dass es aus der Zeit um 1938 kaum Bilder von Ulbricht und seinen Genossen gibt. „Auch Lotte Kühn war in diesen Jahren noch nicht die spießige Ulbricht-Gattin, sondern sah als junge Kommunistin bestimmt ein wenig moderner aus“, sagt Ute Paffendorf. Im Zweifelsfall entschied man sich zugunsten der Wiedererkennbarkeit, stattete also Walter Ulbricht mit markantem Kinnbart aus, und Johannes R. Becher, der Texter der DDR-Nationalhymne, erhielt im Film bereits die dicken Brillengläser, durch die er 1938/1939 vermutlich noch gar nicht die Welt sah.

Den Modestil, den die Kommunisten im Hotel Lux pflegten, beschreibt Kostümbildnerin Ute Paffendorf als schlicht mit gedecktem Farbkonzept: „Bei keinem früheren Film habe ich mit so wenig Schmuck gearbeitet wie hier. Einerseits schreibt der Kommunismus vor, dass man sich nicht zu chic macht und sich nicht zu sehr mit Kleidung beschäftigt, andererseits kamen die Kommunisten als Flüchtlinge ins Hotel Lux und mussten die wenige Kleidung, die sie hatten, in Waschschüsseln reinigen und selbst stopfen.“

Glamour kam am Berliner Haus Cumberland nur ein einziges Mal auf: Ein Teil der zum Kurfürstendamm gerichteten Fassade diente als Außenkulisse des Varietés Valetti, in dem Hans Zeisig und Siggi Meyer ihre (zunächst) gefeierten Parodien von Josef Stalin und Adolf Hitler auf die Bühne bringen. „Weil fast alle Szenen des Films drinnen und im Mikrokosmos des Hotel Lux spielen, müssen die wenigen Außenaufnahmen umso authentischer wirken“, sagt Szenenbildner Uli Hanisch. So wurde für die Drehnacht am Haus Cumberland nicht am Detail gespart: Neben dem aufwändig gebauten Eingang zum Varieté entstanden das Geschäft des Herrenausstatters Sabo mit Anzügen, Regenschirmen und Handschuhen in den Schaufenstern, sowie das Bali Lichtspielhaus, in dessen Aushangkästen für die damals neuesten Filme wie „Das alte Wirtshaus“ mit Erika Werner, Walter Nuldig und Franz Richter oder „Die Stimme des Windes“ mit Martha Greber und Fritz Kuhnert geworben wurde.

Gleich 18 historische Autos parkten oder fuhren auf dem mit Flatterband gesperrten Teilstück des Kurfürstendamms, das laut Drehbuch ein Varieté im Haus Unter den Linden 37 darstellen sollte.

Zudem belebten mehr als 60 Komparsen an einem Freitagabend die herbstliche Kulisse. Für die Außenszenen, die im Herbst und Winter 1933 spielen, kam vor allem der glamouröse Hauptstadt-Chic zum Einsatz, bei den Szenen, die 1938 Zeisigs überstürzte Flucht aus Berlin zeigen, wurden schon deutlich mehr SS- und SA-Uniformen benötigt. „Die Uniformen bekamen wir aus Berlin von der Theaterkunst und aus dem Fundus der Filmstudios Babelsberg, aber auch aus Prag und aus Polen“, sagt Kostümbildnerin Ute Paffendorf. Während die Uniformen der Nationalsozialisten ausgeliehen werden konnten, wurden viele der sowjetischen NKPD-Uniformen inklusive Kappen und Lederstiefeln extra für den Film hergestellt. Verkleidete Komparsen belebten die Szene vor der Berliner Charité, deren Fassade im Film als Außenkulisse des Hotels Lux genutzt wurde.

Allzu viel historisches Moskau konnte aus Kostengründen aber nicht in der Realität nachgestellt werden. „Trotzdem war uns klar, dass wir Außenaufnahmen brauchen, um dem Zuschauer ein Gefühl dafür zu geben, was für ein megalomaner, mythischer Ort Moskau damals war“, sagt Produzentin Corinna Eich. „Erste Überlegungen, dokumentarisches Material und visuelle Effekte zu montieren, ließ Leander wieder fallen, da es in den Filmarchiven zu wenige Bewegtbilder in Farbe gibt, die für uns brauchbar gewesen wären. Auch die Rechteinhaber ließen sich nicht ermitteln. Also haben wir uns dazu entschlossen, die Außenansichten Moskaus später von der Firma Scanline im Computer generieren zu lassen.“

Nach 22 Drehtagen in Berlin zog das Filmteam um Regisseur Leander Haußmann Mitte November 2010 nach Nordrhein-Westfalen um, wo vor allem die Innenaufnahmen des Varietés Valetti und alle Szenen rund um Stalins Datscha gedreht werden sollten. „Wir hätten in Moskau eine Drehgenehmigung für Stalins echte Datscha beantragen können“, sagt Corinna Eich, „aber die Genehmigung wird immer nur unter dem Vorbehalt erteilt, dass sie selbst am Morgen der Dreharbeiten noch widerrufen werden kann, falls die Datscha für politische Besucher gebraucht würde. Aus Sicherheitsgründen wird das erst wenige Stunden vorher bekannt gegeben.“ Deshalb, und weil das Drehbuch eh kritisch mit dem früheren sowjetischen Staatschef umging, wich das Filmteam lieber auf den Hochsauerlandkreis aus.

Im Jagdschloss Herdringen bei Arnsberg hieß Besitzer Wennemar Freiherr von Fürstenberg das Team vom „Hotel Lux“ willkommen. In dem reich gefüllten Repräsentationsbau konnte Szenenbildner Uli Hanisch viele Requisiten übernehmen und musste eigentlich nur noch Stalins Badezimmer ausbauen. Dort ließ Leander Haußmann viele Szenen spielen, zu denen er beim Besuch der Moskauer Datscha inspiriert worden war.

In diesem Badezimmer trifft Hans Zeisig erstmals auf Josef Stalin, hier deutet er ihm als vermeintlicher Astrologe die Sterne, und zwischen Toilette und Dusche wird auch der Grundstein für den Nichtangriffspakt zwischen Stalin und Hitler vom 23. August 1939 gelegt. Die Suche nach dem perfekten Darsteller des Josef Stalin gestaltete sich schwieriger und langwieriger als zunächst vermutet. „Der Schauspieler musste ein komödiantisches Talent haben, um dem Drehbuch und der Besetzung mit Bully Herbig in der Rolle des Komikers und Stalin-Parodisten gerecht zu werden“, sagt Produzentin Corinna Eich. „Leander bestand zu Recht auf einen Schauspieler, der Stalins finstere Magie verkörpern konnte, ohne dabei auf heutige Zuschauer lächerlich zu wirken. Außerdem musste er Russisch als Muttersprache sprechen.“

Also flogen Corinna Eich und Leander Haußmann ein weiteres Mal nach Moskau, um ein Stalin-Casting durchzuführen. Die Produzentin erinnert sich: „Einige große russische Stars hatten schon im Vorfeld abgewunken: Nicht schon wieder eine Stalin-Rolle! Überhaupt gilt es in Russland als Affront, bekannte Schauspieler zum Vorsprechen einzuladen. Man kennt sie! Man muss doch wissen, dass sie gut sind!“ Leander Haußmann verstand es aber, in jedem ersten Treffen mit den Schauspielern kleine Casting-Situationen zu schaffen. „Das war eine Komödie für sich“, hält Corinna Eich fest. „Ein Regisseur, Schauspieler und Drehbuchautor aus der ehemaligen DDR sitzt in einem Moskauer Büro und bittet lauter Stalins zum Bewerbungsgespräch. Ich saß daneben und sagte mir: Genieße diesen Augenblick, er ist so schön!“ Nach langer Suche und im allerletzten Moment war dann der richtige Darsteller gefunden: Valery Grishko aus St. Petersburg.

Im Dezember 2010, als der deutsche Winter mit ungeahnten Schneemassen aufwartete, die dem russischen Winter in nichts nachstanden, zog die Produktion ins verschneite Mettmann weiter. Das Königshof-Theater mit seiner überdimensionierten Bühne und seinem edlen Zuschauerraum bot die ideale Kulisse für alle Szenen im Varieté Valetti. In dem Musentempel, der 1954 eröffnet wurde und Stars wie Romy Schneider, Götz George, Hardy Krüger und Rudolf Schock zu Kinopremieren, Konzerten und Theateraufführungen begrüßen konnte, lief 1978 der letzte Film und fiel 1982 der letzte Vorhang. Kultur fand fortan nur noch in der neuen Neandertalhalle statt, während das Königshof-Theater an der Poststraße in einen Dornröschenschlaf fiel. Aus dem wurde es nun für die letzten acht Drehtage für das „Hotel Lux“ noch einmal geweckt.

Erneut hatten Szenenbildner Uli Hanisch und sein Team ihre Liebe zum Detail unter Beweis gestellt: Nicht nur die großen Kulissenteile auf der Showbühne, darunter eine drehbare Weltkugel für die Hitler-Stalin-Parodie der beiden Protagonisten, versprühte den mondänen Glanz der glorreichen Berliner Kabarett- und Varieté-Tage. Auch Kleinigkeiten wie Lampenschirme, Sektkübel oder Varieté-Programme („Die Bühne von Welt“), die jeden der kleinen runden Zuschauertische zierten, waren historisch korrekt neu erschaffen. Die sternförmigen Speisekarten offerierten das „Wintergarten Spezial Frühstück“ für 1,35 Mark, die „Tasse Kaffee oder Haag“ für 46 Pfennige oder das Glas Moselwein „Clusserather Bruderschaft“ vom Jahrgang 1933 für 75 Pfennig, serviert von Obern mit schwarzem Frack und weißer Schürze. Verkäuferinnen boten derweil Zigaretten der Marke „Overstolz + Harz“ direkt aus ihrem Bauchladen an, mitsamt der extra hergestellten Zündhölzerheftchen mit Varieté-Valetti-Aufdruck.

Mehr als 60 Komparsen, die sechs Wochen zuvor bei einem Casting in Mönchengladbach ausgewählt worden waren, fanden sich in historischer Abendgarderobe, in SS- und SA-Uniformen und zum Teil mit neuem Haarschnitt in der prächtigen Kulisse des Königshof-Theaters wieder.

Die Bühnenshow, die von der Komparsenschar begeistert bejubelt werden sollte, hatte Bully von Anfang an entscheidend mitgeprägt. „Ich las im Drehbuch, dass es eine Hitler-und-Stalin-Parodie mit Meyer und Zeisig gibt, und habe sehr früh meine Bedenken angemeldet“, sagt der Hauptdarsteller. „Ich finde, dass Bühnenprogramme in Filmen nur selten funktionieren. Sie sehen immer sehr gestellt aus und man merkt meistens, dass die Komparsen zum Lachen animiert wurden.“

Deshalb schlug Bully Herbig Leander Haußmann eine Musiknummer vor, „die einen witzigen Text hat und an sich schon komisch ist.“ So kam es zur Gesangs-und-Tanzaufführung „Ein Freund, ein guter Freund“ von Hitler und Stalin. Bully war umso mehr an dieser Lösung gelegen, weil er wusste, dass man Josef Stalin in einem reinen Wortbeitrag schlecht parodieren könnte. „Kaum einer weiß, wie er sich benommen hat und wie er seine Reden gehalten hat“, sagt Michael Bully Herbig. „Im Gegensatz zu Adolf Hitler war Josef Stalin ein sehr ruhiger Redner. Wenn man den parodieren möchte, passiert nicht viel. Insofern war es für mich sehr wichtig, dass wir daraus eine Musiknummer im Stil der alten Hollywood-Musicals machen.“ Für seine Stalin-Parodie trug Michael Bully Herbig alias Hans Zeisig einen künstlichen Bauch unter der hellen Jacke und der olivgrünen Hose, außerdem die identische Perücke, die Schauspieler Valery Grishko als „echter“ Stalin in den Datscha-Szenen trägt, und einen Schnurrbart, der etwas größer ist als der des Stalin-Darstellers. „Da kommt wieder das Theater durch“, sagt Maskenbildner Georg Korpas. „Zudem verändern die falschen Augenbrauen Bullys Augen sehr stark. Allerdings haben wir darauf verzichtet, ihm leicht mongolische Augen zu schminken, wie Stalin sie hatte.“

Auch Jürgen Vogel, der für HOTEL LUX erstmals in seiner Karriere eine Hitler-Rolle spielte, peilte keine hundertprozentige Kopie des historischen Vorbilds an: „Ich habe versucht, den irren Blick zu imitieren, den Hitler immer hatte. Aber weil ich ihn nur parodieren und nicht eins zu eins spielen musste, spielte der echte Hitler bei der Vorbereitung keine allzu große Rolle.“

Michael Bully Herbig und Jürgen Vogel bekamen auf der Bühne fünf professionelle Musicaltänzerinnen mit fliegenden Unterröcken an die Seite gestellt. Dazu spielte eine kleine Kapelle, die im vorgelagerten Orchestergraben verschwand. „Einige Historiker mögen vielleicht bezweifeln“, meint Günter Rohrbach, „dass man im Januar 1933, also unmittelbar vor der so genannten Machtergreifung Hitlers, eine Nummer auf die Bühne gebracht hätte, in der Hitler und Stalin als Freunde auftreten. Das mag in der Tat etwas gewagt sein, aber die Idee bewegt sich noch in einem Rahmen, der vorstellbar ist.“ Auch Jürgen Vogel machte sich während der Dreharbeiten seine Gedanken: „So eine Nummer wäre selbst für die damalige Zeit sehr mutig gewesen, aber die 20er und frühen 30er-Jahre müssen ohnehin der Knaller gewesen sein. Die Kunst in den Theatern und Varietés war geradezu anarchistisch. Schwarze Künstler kamen aus den USA und haben Musik gemacht. Menschen haben halbnackt Partys gefeiert, Kokain wurde in großen Mengen konsumiert. Das war damals eine sehr mutige und freie Zeit, bevor die Nazis bestimmte Bücher verbrannten, manche Kunst als „entartet“ einstuften und alles in feste Bahnen drängten.“

Nach 45 Drehtagen, in denen Moskau in Berlin und Berlin in Nordrhein-Westfalen nachgestellt worden war, fiel die letzte Klappe für das HOTEL LUX. Zugleich war auch die im Vorfeld oft gestellte Frage beantwortet worden, ob Leander Haußmann und Michael Bully Herbig wirklich harmonisch zusammenarbeiten können. Immerhin ist Bully als geradliniger Perfektionist mit untrüglichem Gespür fürs Timing bekannt, während Leander Haußmann einen für die Branche unkonventionell lockeren Regiestil pflegt. „Sicherlich haben sie sehr unterschiedliche Mentalitäten und beide differieren in der Ausübung ihres Berufes“, sagt Günter Rohrbach. „Aber gleichzeitig gibt es vieles, was sie verbindet. Das ist der Ideenreichtum ebenso wie eine gewisse Kühnheit des Denkens.“

Corinna Eich, die Leanders Arbeitsstil noch aus seinen Theaterzeiten kennt, fügt hinzu: „Leander geht an Filmszenen eher als Theatermann heran: Nicht als Sklave des Textes, schon gar nicht seines eigenen, sondern mit feinem Gespür für das Wechselspiel von Kopf und Bauch. Und für den Moment, wenn ein Schauspieler den richtigen Ton und die richtige Emotion gefunden hat.“

Leander Haußmann bezeichnet die Zusammenarbeit rückblickend genauso wie seinen Regiestil: „sehr offen“. Michael Bully Herbig findet für den Arbeitsstil seines Berufskollegen eine ausführlichere Erklärung: „Leander wirkt auf charmante Art unvorbereitet, das könnte aber auch eine Masche sein. Er kommt ans Set und sagt in einigen Fällen schon nach der ersten Probe: „Lass uns mal eine drehen.“ Was den Vorteil haben kann, dass du mit einer enormen Frische an eine Szene herangehst. Auf der anderen Seite brauchst du manchmal eine gewisse Aufwärmphase, bis du in einer Szene drin bist. Leander dreht diese Proben einfach mit.“

Auch die Schauspielkollegen haben die Zusammenarbeit der beiden großen Komödien-Talente mit Gewinn beobachtet. „Leander Haußmann und Michael Bully Herbig ergänzen sich ausgezeichnet, obwohl keiner von ihnen Ergänzung nötig hätte“, sagt Jürgen Vogel. „Bully bereitet alles bis ins kleinste Detail vor. Leander ist sehr offen und hat eine große Begabung, Dinge noch mal neu zu erfinden. Aber das Ziel ist bei beiden dasselbe: Sie wollen etwas Gutes schaffen.“ Thekla Reuten, die sich beim ersten Casting über Leander Haußmanns Regiestil gewundert hatte, singt inzwischen ein großes Loblied auf dessen Arbeit: „Er ist manchmal chaotisch, aber absolut einzigartig. Für mich ist er ganz einfach le-anders.“

Interview mit Michael Bully Herbig

Was wussten Sie vor diesem Filmprojekt über das Hotel Lux?

Michael Bully Herbig: Überhaupt nichts. Ich kannte nur das Hotel California.

Wann hat sich das geändert?

Als ich im Sommer 2008 am Walchensee WICKIE UND DIE STARKEN MÄNNER drehte, kam Herr Rohrbach zu Besuch. Ich fand es unglaublich reizend, dass er mit dem Auto extra so weit rausfährt, um sich mit mir zu treffen. Bei einem Abendessen hat er mir vom Hotel Lux erzählt. Das war wie Geschichtsunterricht für mich, denn es fielen sehr viele Namen, mit denen ich nichts anfangen konnte. Ich kam mir völlig unwissend vor.

Ist bei diesem Abendessen der Funke übergesprungen?

Wir sind so verblieben, dass er mir das Drehbuch schickt. Das hat er auch getan. Ich habe es gelesen, konnte es mir aber nicht so recht vorstellen. Meine Figur war wesentlich dramatischer angelegt als heute, und ich hielt es für keine so gute Idee, eine solche Rolle zu übernehmen.“

Keine Ambitionen?

Sagen wir so, es kommt auf die Rolle, den Stoff und das Drehbuch an. In diesem Fall erschien mir das ein Schritt zu viel. Ich habe lange überlegt, wie ich Herrn Rohrbach absage. Immerhin habe ich sehr großen Respekt vor ihm. Also habe ich mir vorher ein paar Argumente zurechtgelegt und ihn dann angerufen. Dieses Gespräch werde ich nie vergessen.

Wieso?

Ich sagte: „Herr Rohrbach, auch auf die Gefahr hin, dass Sie enttäuscht sind und mich für feige halten: Das Drehbuch ist nichts für mich und dazu habe ich noch ein zeitliches Problem. Aus diesem Grund möchte ich lieber absagen.“ Daraufhin sagte er wie aus der Pistole geschossen: „Nein, Sie sagen nicht ab!“ – „Wie bitte?“ – „Nein, Sie sagen nicht ab.“ – „Doch.“ – „Nein, ich hätte Ihnen das Buch nicht schicken dürfen. Das ist eine alte Version. Da sitzt jetzt Leander Haußmann dran. Der muss nur wissen, wer die Rolle spielt, dann tut er sich leichter beim Schreiben. Sie dürfen das nicht absagen. Sie wollen doch mal den Oscar!“ – „Ja, schon, Herr Rohrbach. Aber ich kriege es nicht unter. Ich muss leider absagen.“ Woraufhin er den legendären Satz sagte: „Sie sagen nicht ab! Einigen wir uns darauf, dass Sie nicht zusagen.“ Er hat mit so viel Leidenschaft gekämpft, dass ich mich natürlich auch sehr geschmeichelt gefühlt habe.

Wie hat er Sie am Ende überzeugt?

Ich habe die neue Fassung abgewartet und mehrmals mit Leander Haußmann telefoniert. Wir kannten uns vorher nicht. Ich habe gespürt, dass mit Leander eine ganz andere Temperatur in dieses Buch kam. Die Schlüsselfrage war immer: Was wird das? Eine Komödie? Ein Drama? Ein Abenteuerfilm?

Was ist es denn?

Die treffendste Formulierung stammt von Thekla Reuten: „Eine historisch korrekt erfundene Geschichte“. Mir gefällt besonders, dass dieser Hans Zeisig in eine Welt gestoßen wird, die ihn gar nicht interessiert. Er hat die naive Einstellung: Das mit den Nationalsozialisten kann ja nicht so lange dauern. Er will das aussitzen und später mit seinem Kumpel Siggi Meyer nach Hollywood gehen. Davon träumt er, dafür kämpft er. Für ihn ist alles Entertainment. Das ist seine Leidenschaft. Leander hat mal den schönen Satz gesagt: „Mit ein bisschen mehr Tingeltangel wäre die Welt ganz sicher besser!“

Sie sind bekannt für Ihren Hang zum Perfektionismus, Leander Haußmann dreht dagegen sehr spontan. Wie harmonieren Sie bei der Arbeit miteinander?

Erstaunlich gut, obwohl der Unterschied kaum größer sein könnte. Leander arbeitet komplett anders als ich, und ich arbeite komplett anders als er.

Wie arbeitet Leander Haußmann?

Er wirkt auf charmante Art unvorbereitet, könnte aber auch eine Masche sein. Er kommt ans Set und sagt in einigen Fällen schon nach der ersten Probe: „Lass uns mal eine drehen.“ Was den Vorteil haben kann, dass du mit einer enormen Frische an eine Szene herangehst. Auf der anderen Seite brauchst du manchmal eine gewisse Aufwärmphase, bis du in einer Szene drin bist. Leander dreht diese Proben einfach mit.

Haben Sie manchmal den Wunsch und Drang verspürt, heimlich Co-Regie zu führen?

Nein. Das wäre respektlos gegenüber Leander Haußmann. Ich finde sehr schön, dass er sehr offen ist für Vorschläge vom ganzen Team. Er sagt den Schauspielern, aber auch allen anderen Abteilungen wie Ausstattung, Kostüm oder Maske nicht exakt, was sie machen sollen. Er lässt sich überraschen, was sie von sich aus anbieten. Dann sucht er sich das raus, was seiner Vision am ehesten entspricht. Er ist völlig uneitel und hat überhaupt keine Profilneurosen.

Darf man einem Ort wie dem Hotel Lux, an dem Menschen gefoltert, getötet und denunziert wurden, mit Humor begegnen?

Ich hätte mich das als Regisseur nicht getraut. Aber Leander ist in einem Staat aufgewachsen, in dem es nicht die Freiheit gab, die man heute genießen kann. Er hat mir einen Auszug aus seiner Stasi-Akte gezeigt, in der so Sätzen stehen wie „H. erklärte den Studenten ungefragt, dass das Programm zum Geburtstag von Karl Marx scheiße ist!“. Wer da wen denunziert, verraten und bespitzelt hat, kann man sich kaum vorstellen, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Ich habe weder Freunde noch Verwandte, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind. Für mich ist das eine fremde Welt.

Wie haben Sie sich mit der Geschichte des Hotel Lux vertraut gemacht?

Von Produktionsseite hat man mir alle möglichen Bücher, DVDs, CDs organisiert. Je mehr ich erfahren habe, desto weniger wollte ich wissen. Sonst hätte ich womöglich beim Spielen moralische Zweifel bekommen. Es war gut, nicht im Detail zu wissen, wer und wie verschleppt und umgebracht wurde. Zeisig selbst merkt erst im Laufe der Zeit, in welche Hölle er dort geraten ist und dass er nur durch seine Begabung des Verstellens und Imitierens überleben kann. Das gefällt mir auch so an dieser Figur.

Wie wichtig ist es für den Zuschauer, die historischen Persönlichkeiten im Film zu kennen?

Das war schon bei der Stoffentwicklung die große Frage. Ich war immer ein bisschen die Spaßbremse und habe davor gewarnt, dass man am Ende für diesen Film eine Gebrauchsanleitung brauchen könnte. Der Film funktioniert nur dann, wenn man die Figuren nicht unbedingt vorher schon kennen muss, wie z.B. Georgi Dimitrow oder Wilhelm Pieck. Es wäre natürlich schön, wenn der Film Interesse weckt und die Leute hinterher selbst nachforschen, wer im Hotel Lux untergetaucht ist und sich Hoffnungen auf eine bessere Welt gemacht hat.

Greift HOTEL LUX ein reines Ost-Thema auf?

Ich hoffe nicht. Das Reizvolle an diesem Film ist die Geschichte von Zeisig. Es spielt keine Rolle, ob man weiß, dass es ein Hotel Lux gegeben hat. Da ist ein Komiker, der im Berlin der 30er-Jahre auf der Bühne steht und nach Hollywood will. Er macht einen Gag zu viel über Hitler, muss flüchten und hofft, dass er Papiere für die Vereinigten Staaten bekommt, um dort Karriere zu machen. Dann landet er in Moskau, versteht die Sprache nicht und muss mit seinem Talent, mit seinem Tingeltangel, überleben. Letztlich ist es auch eine Verwechslungskomödie. Aber eben mit tödlichen Konsequenzen, wenn der Protagonist einen Fehler macht.

Die Dreharbeiten fanden weitgehend im Haus Cumberland in Berlin statt. War das ein würdiger Ersatz für das echte Hotel Lux?

Dieses Hotel war ein totaler Glücksgriff. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wo man das anders hätte drehen sollen. Diese endlosen Gänge, dieser morbide Flair! Leander hat das clever gemacht: Wir sind öfter mit der Steadycam durch die Flure gelaufen, damit die Zuschauer sehen, dass die endlosen Gänge tatsächlich echt sind. Man verläuft sich fast darin. Das Cumberland in Berlin war ein Volltreffer.

An welchen Kleinigkeiten wurde die Liebe zum Detail besonders deutlich?

Die ganze Ausstattung ist unfassbar detailverliebt. Überall liegen Briefe und Mappen herum, die authentisch in verschiedenen Sprachen und von Hand oder Maschine geschrieben wurden. Für Pässe wurden vorher Schwarzweißfotos gemacht. Wenn die Kamera mal näher kommt, stimmt da jedes Detail. Ich bin in diese eingerichteten Hotelzimmer gegangen und habe sofort gedacht: Oups! Da möchte man wirklich nach einer Nacht wieder raus!

Hans Zeisig parodiert Joseph Stalin. Wie haben Sie die Parodie angelegt?

An Anfang stand im Drehbuch, dass es eine Hitler-und-Stalin-Parodie mit Meyer und Zeisig gibt. Da habe ich sehr früh meine Bedenken angemeldet. Ich finde, dass Bühnenprogramme in Filmen nur selten funktionieren. Sie sehen immer sehr gestellt aus und man merkt meistens, dass die Komparsen zum Lachen animiert wurden. Ich habe Leander sehr früh eine Musiknummer vorgeschlagen, eine Performance, die einen witzigen Text hat und an sich komisch ist. Das hat geholfen, denn letztlich kann man Stalin nicht parodieren. Kaum einer weiß, wie er sich benommen hat und wie er seine Reden gehalten hat. Im Gegensatz zu Adolf Hitler war Stalin ein sehr ruhiger Redner. Wenn man den parodieren möchte, passiert nicht viel. Insofern war es für mich sehr wichtig, dass wir daraus eine Musiknummer im Stil der alten Hollywood-Musicals machen.

Wie sind Ihre Qualitäten als Tänzer?

Ich habe ein paar Stunden Step-Unterricht genommen. Dann haben wir noch ein paar Can-Can-Tänzerinnen auf die Bühne gepackt. Ich glaube, das ist eine schöne Nummer geworden. Mir hat sie auf jeden Fall viel Spaß gemacht.

Sie haben Jürgen Vogel als Filmpartner vorgeschlagen. Was verbindet Sie außer der Tatsache, dass Sie beide am selben Tag geboren wurden?

Ich kenne Jürgen noch gar nicht so lang. Wir sind uns 2007 bei einer kleinen Vorführung von „Die Welle“ zum ersten Mal begegnet. Wir kannten uns gegenseitig nur aus dem Kino oder aus dem Fernsehen, aber offensichtlich bestand da eine Sympathie und wir sind uns gleich in die Arme gefallen. Witzigerweise hatte ich erst zwei Wochen vorher durch Zufall erfahren, dass wir am selben Tag Geburtstag haben. Das ist ein guter Aufhänger. Da war das Eis sehr schnell gebrochen.

Thekla Reuten kam erst Jahre später zur Welt. Wie ist das Eis zwischen ihr und Ihnen gebrochen?

Am Anfang haben wir uns den Kopf darüber zerbrochen, wer so eine geheimnisvolle Figur wie Frida spielen könnte. Da waren wir uns schnell einig, dass eine Schauspielerin am besten wäre, die man in Deutschland noch nicht so gut kennt. Es gab ein Casting, zu dem mehrere Schauspielerinnen eingeladen wurden. Thekla war die erste. Sie kannte mich nicht, ich kannte sie nicht, obwohl sie in Holland ein echter Star ist und schon in zwei Oscar-nominierten Filmen mitgespielt hat. Beim Casting war sofort klar, dass sie die Richtige ist.

Thekla hat sich inzwischen DER SCHUH DES MANITU, (T)RAUMSCHIFF SURPRISE und all Ihre anderen Filme zu Gemüte geführt.

Thekla recherchiert unheimlich viel. Sie kam auch sehr gut vorbereitet zu unseren Lesungen und wusste schon fast alles über die Historie des Hotel Lux oder sie bombardierte Leander mit Fragen. Ich finde das toll, wenn sich jemand so richtig in eine Rolle reinhängt.

Wie stehen die Chancen auf den Oscar, den Herr Rohrbach Ihnen versprochen hat?

Ich werde ihn daran erinnern, wenn der Film ins Kino kommt. (lacht)

Ist HOTEL LUX Ihr erster Schritt zum Abschied aus dem Komödienfach?

Dieser Film ist anders als alle Filme, die ich vorher gemacht habe. Und ein bisschen Komödie steckt ja auch noch drin. Ich hoffe, dass er den Zuschauern gefällt und dass man nicht anfängt, den Film mit meinen anderen zu vergleichen. Das kann man einfach nicht. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass der nächste Film, den ich selbst inszenieren werde, keine Komödie ist. Aber hundertprozentig sicher bin ich mir da auch nicht.

Interview mit Jürgen Vogel

Was wussten Sie vor diesem Filmprojekt über das Hotel Lux?

Jürgen Vogel: Absolut nichts. Ich habe erst davon erfahren, als mir das Projekt angeboten wurde. Ich finde es super interessant, dass so viel verschiedene Menschen, die später politische Karrieren gemacht haben und heute weltbekannt sind, damals an denselben Ort geflohen sind und dort unter einem Dach gelebt haben.

Erzählt der Film ein reines Ost-Thema?

Nein, das glaube ich nicht. Es geht um Menschen, die in einer Grenzsituationen vor dem Krieg fliehen. Das als Gerüst für einen Film zu nehmen, finde ich sehr spannend. Selbst wenn du nichts über die Historie weißt, weil du zu jung bist oder dich bislang nicht dafür interessiert hast, kannst du die Geschichte nachvollziehen.

Siggi Meyer ist Kabarettist und Kommunist. Was sollte man sonst noch über ihn wissen?

Er ist ein bodenständiger, proletarisch angehauchter Charakter. Als Künstler und Schauspieler ist er eher ein Handwerker und weniger ein Träumer. Wenn der Film anfängt, ist Meyers Karriere eigentlich schon am Ende. Vielleicht hätte er viel früher aufgegeben, wenn er seinen Freund Hans Zeisig nicht als Bühnenpartner hätte. Meyer ist unzufrieden mit der politischen Situation in Deutschland. Er sieht im Kommunismus den Weg aus der Krise. Das ist natürlich ebenfalls naiv, aber das kommt seiner proletarischen Herkunft sehr nahe. Er tritt in die kommunistische Partei ein und wird im Untergrund aktiv.

Siggi Meyer parodiert auf der Bühne Adolf Hitler. Haben Sie vorher schon mal Adolf Hitler gespielt?

Nein, das ist meine Premiere.

Wenn Sie sich im Maskenspiegel mit Seitenscheitel und Bart sehen, verändern sich dann gleich Ihre Stimme und Stimmung?

Natürlich versuche ich, diesen irren Blick zu imitieren, den Hitler immer hatte. Aber weil ich ihn nur parodieren und nicht eins zu eins spielen muss, hat der echte Hitler für mich keine allzu große Rolle gespielt.

Ihr Hitler steppt und tanzt sogar mit Stalin.

So eine Nummer wäre selbst für die damalige Zeit sehr mutig gewesen, aber die 20er und frühen 30er-Jahre müssen ohnehin der Knaller gewesen sein. Die Kunst in den Theatern und Varietes war geradezu anarchistisch. Schwarze Künstler kamen aus den USA und haben Musik gemacht. Menschen haben halbnackt Partys gefeiert, Kokain wurde in großen Mengen konsumiert.

War das eine reine Spaßgesellschaft oder gab es auch politisches Kabarett?

Es gab beides, aber man konnte anfangs wohl nur ahnen, was später unter Hitler alles passieren wird. Da war einer, der spielte sich ein bisschen als Diktator auf, und darüber hat man sich anfangs noch lustig gemacht. Das war damals eine sehr mutige und freie Zeit, bevor die Nazis bestimmte Bücher verbrannten, manche Kunst als „entartet“ einstuften und alles in feste Bahnen drängten.

Im Hotel Lux wurde gefoltert, gemordet und denunziert. Darf man so einen Ort zum Hauptschauplatz einer Komödie machen?

Ob man das darf? Unbedingt! Weil Film, genau wie Theater und Musik, frei sein sollte. Man muss sich aber erst mal fragen, ob dieser Film wirklich eine Komödie ist. In meinen Augen ist das eher ein Abenteuerfilm mit komödiantischen Momenten. Es gibt ja keine Schenkelklopfer, sondern es geht auch um Bedrohung, um Leben und Tod.

Wie haben Sie die Zusammenarbeit zwischen Leander Haußmann und Bully Herbig erlebt?

Als sehr gut. Die beiden ergänzen sich ausgezeichnet, obwohl keiner von beiden Ergänzung nötig hätte. Bully bereitet alles bis ins kleinste Detail vor und hält sich an Vorgaben aus dem Drehbuch. Leander ist sehr offen und hat eine große Begabung, Dinge noch mal neu zu erfinden. Aber das Ziel ist bei beiden dasselbe: Sie wollen etwas Gutes schaffen.

Ist der Film für Bully Herbig der Sprung ins so genannte Charakterfach?

So darf man das nicht sehen. Hans Zeisig ist ja keine klassische Charakterrolle in einem Film, der ernsthaft und kritisch eine bestimmte Epoche beleuchtet. Das ist ein Komiker, der in ernste, zum Teil makabere Situationen gerät und darauf in einer Weise reagiert, die das Publikum im besten Fall zum Lachen bringt. Bully ist hier in erster Linie Schauspieler, wie er auch in vielen anderen Filmen Schauspieler war. Nur die Geschichte ist anders als in seinen früheren Filmen. Denn das hier ist ein Leander-Haußmann-Film und kein Bully-Herbig-Film.

Wie haben Sie die Dreharbeiten im Haus Cumberland in Berlin empfunden, das als Kulisse für das Hotel Lux diente?

Ich fand das super. Unser Szenenbildner Uli Hanisch ist ein toller Künstler. Da war jedes Zimmer hervorragend ausgestattet und jedes noch so kleine Detail stimmte. Als Schauspieler fühlt man sich in so einer Umgebung sehr wohl. Wenn man mal in eine andere Etage des Hauses gegangen ist, hat man genau gesehen, wie viel in unserer Etage verändert worden war. Sobald man in dieser Kulisse stand, fühlte man sich in das Moskau der späten 30er-Jahre zurückversetzt.

Haben Sie Moskau mal besucht?

Ich war bei einem Filmfestival in Moskau. Russland ist schon ein verrücktes Land.

Helfen solche Reiseerfahrungen bei den Dreharbeiten?

Kaum. Ich ziehe die meisten Informationen über meine Figuren und ihre Umwelt aus dem Drehbuch. Es gibt das Sprichwort „Psychoanalyse ist der Tod der Kunst“. Beim Schauspiel ist das ähnlich. Wenn man zu viel weiß, ist man nicht mehr so gut.

Mit DIE WELLE konnten Sie erfolgreich ein junges Publikum auf das Phänomen des Faschismus aufmerksam machen. Kann das junge Publikum durch HOTEL LUX auch etwas über die Geschichte lernen?

Solche Gedanken mache ich mir als Schauspieler nicht. Inzwischen gehen ja auch die Älteren wieder ins Kino, wenn sie ein bestimmtes Thema interessiert. Bei DIE WELLE war das sehr gemischt. Viele Ältere aus der Generation der 68er sind in diesen Film gegangen, aber auch viele jüngere Zuschauer konnten sich dafür begeistern, weil der Stoff unterhaltsam vermittelt wurde. Am besten ist es natürlich immer, wenn man die Alten und die Jungen gleichermaßen erwischt.

Sie und Bully sind am selben Tag im Jahr 1968 zur Welt gekommen. Flossen in Ihre Erziehung die Ideale der 68er-Generation mit ein?

In meiner Familie gar nicht. Ich komme aus der Arbeiterklasse. Da ging es ums nackte Überleben und Politik spielte keine Rolle.

Mit Thekla Reuten, die in HOTEL LUX die Kommunistin Frida spielt, haben Sie schon in Margarete von Trottas ROSENSTRASSE gearbeitet. Hatten Sie gemeinsame Szenen?

Nein, leider nicht. Thekla ist eine tolle Schauspielerin und eine tolle Person. Die Stimmung zwischen Bully, ihr und mir ist super.

Thekla hat mit Collin Farell BRÜGGE SEHEN … UND STERBEN? und mit George Clooney THE AMERICAN gedreht. War es da eine logische Konsequenz, dass ein Film mit Michael Bully Herbig und Jürgen Vogel folgen muss?

Wir stehen genau richtig in der Reihenfolge. Nach uns kann man diese Männerliste kaum noch toppen. Bully und ich hatten uns schon früh vorgenommen, dass Thekla nach dem Dreh mehr von uns schwärmen sollte als von George Clooney. Ich hoffe, dass uns das noch gelungen ist. Da müsste man Thekla mal fragen.

Habe ich schon. Sie sagt, dass die Dreierkombination aus Leander Haußmann, Bully Herbig und Jürgen Vogel besser ist als George Clooney.

Na super, es braucht also drei, um einen allein zu toppen. Aber immerhin ist der Anfang gemacht.

Interview mit Thekla Reuten

Was wussten Sie vor diesem Filmprojekt über das Hotel Lux?

Thekla Reuten: Nichts. Null. Nie gehört.

Wer ist Frida van Oorten?

Frida kommt aus einer wohlhabenden Familie aus Holland. Sie hat schon jung eine gute Erziehung genossen, dabei sogar Schießen und Fliegen gelernt. Das hat ihre Abenteuerlust vorangetrieben. Für die damalige Zeit ist sie eine sehr fortschrittliche junge Frau, die auch allein und unabhängig reist. In Berlin schließt sie sich den Kommunisten an, später erobert sie die Männerwelt des Hotel Lux. Ich sehe in ihr eine Frau, die sich schon immer für Politik interessiert hat und die instinktiv jede Art von Standesunterschieden ablehnt. Sie ist eine Idealistin, glaubt an die Grundidee des Kommunismus.

Welches Verhältnis hat Frida zu Hans Zeisig und zu Siggi Meyer?

Sie hat in Siggi Meyer einen Freund gefunden, der wie sie für ein Ideal kämpfen will. Sie verstehen einander sehr gut und leben beide für die Partei. Später sind sie umso enttäuschter, als sie merkt, dass ihre Ideale auch von der Partei, von den Kommunisten im Hotel Lux verraten werden, das haben sie gemeinsam. Hans Zeisig ist Siggis bester Freund, sie teilen die Liebe und das Talent fürs Varieté. Frida verliebt sich fast gegen ihren Willen in Zeisig. Sie sind absolut gegensätzlich, aber brauchen einander irgendwie. Frida ist rationell und pragmatisch, Zeisigs Welt ist voller Leichtigkeit und Tingeltangel. Genau dieser Mann, ohne Plan, ohne Idee, ändert Frida und ihre Welt, sogar bis hoch in die Partei. Und Zeisig kämpft vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben für ein Ideal, die Liebe. hat mit aller Kraft versucht, die Welt zu verändern. Und da taucht Hans Zeisig auf und ändert alles. Seine Welt ist voller Leichtigkeit und Tingeltangel. Das bringt sie zum Schmelzen. Leander Haußmann sagte mir immer, Frida sei so hart wie eine Wallnuss. Die lässt sich nicht brechen. Aber Hans Zeisigs Art macht sie ganz weich.

Wie beurteilen Sie die Freundschaft zwischen Hans Zeisig und Siggi Meyer?

Das ist eine echte Männerfreundschaft. Als Frau bin ich manchmal total eifersüchtig auf Männerfreundschaften.

Wieso das?

Weil die so klar und einfach und stark sind. Ohne viel zu quatschen. Ich mag das. Vielleicht finde ich es darum auch so toll, in diesem Film eine Frau zu spielen, die wie ein Kumpel ist. Zwar kommt irgendwann auch die Liebe zu Zeisig ins Spiel, aber im Grunde ist das eine Freundschaft zwischen den dreien. Dass sie alle einander brauchen, finde ich schön.

Sie haben schon mit George Clooney und Colin Farrell gearbeitet. Können Bully Herbig und Jürgen Vogel da mithalten?

Nach der gemeinsamen Arbeit weiß ich ganz genau: Das Package aus Leander Haußmann, Bully Herbig und Jürgen Vogel hat George Clooney getoppt. (lacht)

Kannten Sie die drei Herren schon vor diesem Projekt?

Jürgen Vogel kannte ich von mehreren Rollen. In ROSENSTRASSE haben wir beide mitgespielt, aber da sind wir uns nie begegnet. Ich habe auch DIE WELLE gesehen und Jürgen als Schauspieler bewundert. Leider tauschen wir innerhalb Europas nicht so viele Filme aus, wie ich mir das wünschen würde. Von Bully Herbig und Leander Haußmann hatte ich, ganz ehrlich, vor HOTEL LUX noch nie gehört. Ich habe aber das ganze Oeuvre der beiden im Internet bestellt und mir inzwischen fast alle Filme angesehen. Damals bin ich noch total naiv zum Casting gegangen, ohne die Kollegen und ihre Filme zu kennen. Mich hat einfach nur das reizende Buch gelockt. Es ist ein wahnsinnig tolles Buch mit einem eigenen Genre, das ich „historisch korrekt erfunden“ getauft habe. Das ist Komödie und Satire zugleich, eine sehr unterhaltsame Geschichte und wenn man es sehen möchte, nicht unbedeutend.

Sie spielen in vielen internationalen Produktionen und werden in den Niederlanden für Ihre Rollen in US-Produktionen gefeiert. Müssen Sie sich in Ihrer Heimat dafür rechtfertigen, dass Sie auch in deutschen Filmen mitwirken?

Rechtfertigen? Nein. Aber ich habe bemerkt, dass es in der Wahrnehmung zwei ganz unterschiedliche Welten sind. Wenn ich mit George Clooney in THE AMERICAN spiele, schwärmen alle sofort drauf los. 2009, lange bevor THE AMERICAN in die Kinos kam, war ich in eine Fernsehshow eingeladen und wollte dort über meinen damals aktuellen deutschen Film WAFFENSTILLSTAND sprechen. Die Redaktion der Show machte klar, nur an Geschichten über George Clooney interessiert zu sein. Dann bin ich da nicht hingegangen. Bei HOTEL LUX habe ich schon jetzt angefangen, in Holland über den Film zu sprechen. Ich mag diesen Film und will unbedingt, dass er auch nach Holland kommt. Deshalb unternehme ich gerade alles, um Bully und Jürgen auch in meiner Heimat berühmt zu machen.

Darf man einem Ort wie dem „Hotel Lux“, an dem Menschen gefoltert, getötet und denunziert wurden, mit Humor begegnen?

Ich finde, ja. Wir machen uns ja nicht über die Opfer lustig. Vielmehr übt der Film humorvoll Kritik am absurden Handeln von Menschen, die ihre Machtposition missbrauchen, die von Macht benebelt die Grundidee aufgeben. Es ist natürlich eine ganz feine Linie, wir mussten auch bei den Dreharbeiten stets darauf achten, Respekt zu wahren. Das Hotel Lux und der Kommunismus werden als eine Arena benutzt, in der historische Persönlichkeiten und der fiktive Komiker Hans Zeisig auftreten. Zeisig geht mit einer gewissen Naivität durchs Leben und betritt damit auch diese Arena. Aus diesem Kontrast erwächst die Handlung. Bei Zeisig scheint immer die Sonne. Das ist beneidenswert. Meine Rolle als Frida ist dagegen ganz seriös. Ich glaube, sie ist der klarste Mensch im ganzen Hotel Lux.

Michael Bully Herbig ist als Regisseur für seinen Perfektionismus bekannt. Leander Haußmann führt dagegen ein bisschen lockerer Regie …

Ein bisschen? Nach dem ersten Casting war ich positiv verblüfft und fragte mich: Was war das? Leander hat mit großer Begeisterung an jeder Szene gearbeitet und ständig neue Ideen eingebracht. Das wirkte gar nicht wie ein Casting. Auch später bei den Dreharbeiten hatte er seinen ganz eigenen Stil. Natürlich hat er ein klares Ziel vor Augen, aber er arbeitet am Set ohne Buch, was für mich völlig neu war. Ich bin auch eher Perfektionistin, immer genau vorbereitet und mit einem festen Plan. Aber bei ihm ist alles Le-anders. Er ist einzigartig, manchmal chaotisch, aber für mich war das eine tolle Erfahrung.

Sie sprechen bereits fünf Sprachen. Ist Russisch als sechste dazugekommen?

Mein Sprach-Coach hat mir offiziell bestätigt, dass ich auch Russisch in meinem Lebenslauf auflisten darf. Ich habe gelacht, aber das als Kompliment aufgefasst. Der Coach meint, ich wäre zwar weiterhin auf seine Hilfe angewiesen, könnte aber problemlos eine komplette Rolle auf Russisch spielen. Ob ich das will, ist eine andere Frage. Denn es ist sehr anstrengend, man muss gleich doppelt so viel arbeiten. Trotzdem liebe ich solche Herausforderungen. Für „Waffenstillstand“ habe ich ein paar Sätze Arabisch gelernt. Ich kannte den Lernprozess also schon und war deshalb weniger im Stress, als ich Russisch lernen musste. Am Anfang denkt man immer: Das wird niemals funktionieren! Wenn man dann aber Silbe für Silbe lernt, sich das immer wieder mit dem iPod anhört, dann geht das auch.

Lernen Sie nur die Melodik oder wissen Sie, was Sie auf Russisch sagen?

Ich verstehe, was ich sage. Anders könnte ich es nicht spielen. In einer Szene schreit Frida Stalin als Verräter an. Ich weiß dann genau, was jedes einzelne Worte bedeutet.

Waren Sie schon mal in Russland?

Ja, aber nicht in Moskau, sondern in St. Petersburg. Da habe ich sieben Wochen lang bei minus 20 Grad IN TRANSIT mit Daniel Brühl, Thomas Kretschmann und John Malkovich gedreht und ein bisschen über die russische Kultur und die russische Seele gelernt. Allein schon diese Kälte beeinflusst einen sehr.

Wodurch zeichnet sich die russische Seele aus?

Oh, da bin ich nicht in der Lage, generell etwas dazu zu sagen. Ich habe mich schwer damit getan, dass die Russen im alltäglichen Umgang so wenig aus Höflichkeit lachen. In unserer Kultur ist das ein Zeichen der Freundlichkeit. Das machen die Russen überhaupt nicht. Sie sind zwar ganz warm und herzlich, zeigen das aber nicht. Vielleicht liegt das daran, dass die Gesichter im Winter immer gefroren sind. Später habe ich aber eine große Wärme und Herzlichkeit erfahren. Sehr schön fand ich aber, wenn ich im tiefsten Winter mal in eine der Kirchen gegangen bin, dann war dort alles farbenfroh und reich dekoriert: Gold, Grün, Blau, Rot. Dieser Kontrast ist vielleicht fast sinnbildlich für die Russen: Außen wie gefroren, innen warm und freundlich.

Für HOTEL LUX wurde Moskau in Berlin nachgebaut. Haben Sie sich im Berliner Haus Cumberland wie im russischen Hotel Lux gefühlt?

Und wie! Der Setdesigner muss für den Oscar nominiert werden. Da stimmte einfach jedes Detail. Zum Beispiel das Zimmer, in dem Georgi Dimitrow schon ganz lange lebte. Da habe ich mir eingebildet, dass es nach krankem Mann riecht, der sich nicht gut wäscht. Aber auch Zeisigs Zimmer, in dem er Russisch lernt, war voller liebenswerter Details. Schön fand ich, dass in Fridas Zimmer ein Bett mit Vorhang stand. Ich kann mir gut vorstellen, dass Frida in dem Hotel langsam verrückt wird und Heimweh nach Holland hat. Da kann sie das Tuch zuziehen und sich von der Außenwelt abschotten. Das hat so etwas Warmes und Weibliches. Toll, dass die Ausstattung auf solche Details achtet. Das hilft beim Spielen unheimlich.

Interview mit Regisseur Leander Haußmann

War das Hotel Lux ein Thema im Schulunterricht der DDR?

Leander Haußmann: Nein. Alles, was den Ruhm und die Errungenschaften der Sowjetunion in irgendeiner Weise schmälerte, war natürlich kein Thema. Obwohl die Entstalinisierung in den 50er-Jahren durch die berühmte geheime Rede Chruschtschows zum Parteitag der KPdSU bereits auf dem Wege war, bestand die Auseinandersetzung mit den Gräueln des Stalinismus nur darin, diese bis in die 80er-Jahre hinein einfach nicht zu erwähnen.

Wie sah Ihre erste Begegnung mit dem Hotel Lux aus?

Die Idee, eine Komödie über das Hotel zu machen, geht auf den geschätzten Kollegen Helmut Dietl zurück. Das muss vor 15 Jahren gewesen sein. Nach einigen vergeblichen Versuchen Dietls, den Zug nach Moskau zu besteigen, und einigen verschlissenen Autoren, landete das Ding bei mir. Und zwar via Günter Rohrbach, in Tateinheit mit Uwe Timm, der dann entnervt das Feld räumte, um doch lieber einen Roman zu schreiben. Daraufhin wurde auch mir das Projekt wieder sanft aus den Fingern gewunden und dem Autoren Volker Einrauch übergeben. Der schrieb aus dem Treatment von Uwe Timm die erste Drehbuchfassung, in der Zeisig noch Vogel hieß und Frida noch die polnische Gräfin Anna war, aber das Potential des Stoffes war schon sichtbar, woraufhin ich mich entschloss, die nächsten drei Jahre meiner Lebenszeit diesem Projekt zu widmen. Nach einigen Überredungskünsten durch Günter Rohrbach erklärte ich mich bereit, das Drehbuch zu schreiben, das jetzt in der filmischen Form vorliegt.

  

War von Anfang an klar, dass die Komödie die beste Erzählform ist?

Ja, wobei es sich nicht wirklich um eine reine Komödie handelt. Es ist eher eine Mogelpackung. Die Geschehnisse, die wir unmittelbar mit dem Schicksal von 20 Millionen Opfern verbinden, sind Dramen und damit extrem komödienunfreundlich. Mit „Sonnenallee“ ist es mir damals gelungen, Kommunismus als Komödie getarnt überhaupt wieder zum Thema zu machen. Populär, unterhaltsam, didaktisch, leicht verdaulich. Der Film HOTEL LUX muss sich auch wieder sein eigenes Genre schaffen. Ich denke da an eine typisch deutsche literarische Gattung, die nur noch nicht im Kino angekommen ist: den Schelmenroman.

Wie viel Leander Haußmann steckt in der Rolle des Schelms Hans Zeisig?

Zeisig ist ein durch und durch erfundener Charakter, der auf Erfahrungen meiner Persönlichkeit beruht, aber auch auf anderen tatsächlichen Zeitgenossen der 30er-Jahre, wie etwa Karl Valentin und Werner Fink. Identifizieren kann ich mich mit seinem gnadenlos menschlichen Ansatz der Betrachtung gesellschaftlicher Zustände. Er baut auf die Kraft des Lachens, der Kunst und des Theaters, er pocht auf das Recht der Individualität. Seine Art der Bewegung in diesen zwei Diktaturen ist geradezu selbstmörderisch, doch er kann nicht anders. Er liebt das Leben und die Freiheit, aber noch mehr liebt er die Bequemlichkeit. Er hält sich selbst für einen Zyniker, aber er ist eigentlich warmherzig und – entgegen seiner Selbsteinschätzung – ziemlich mutig.

Wie viel Bully Herbig steckt in der Rolle?

Tja, genauso viel, wie er bereit war, hineinzustecken. Und das war ziemlich viel. Allerdings ist Bully kein Ladykiller wie Zeisig. Es ist auf keinen Fall von Nachteil, wenn man die Besetzung der Hauptrolle kennt, während man das Drehbuch schreibt. Die Rolle habe ich Bully auf dem Leib geschrieben.

Bully Herbig ist für seinen Perfektionismus bei der Regieführung bekannt. Wie würden Sie Ihren eigenen Regiestil beschreiben?

Sehr offen.

Wie war die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Bully Herbig?

Sehr offen.

Wie wichtig war für Sie die Motivsuche in Moskau?

Wenn man einen „historisch korrekt erfundenen“ Film macht, sollte man sehr genau recherchieren. Insofern war die Moskau-Reise für die Arbeit existentiell. In Stalins Villa haben mich zwei Dinge auf Anhieb beeindruckt: Die Pantoffeln im Eingangsbereich, darunter ein paar winzige Puschen, nämlich die von Putin, und Stalins Badezimmer. Hier also ging selbst der Diktator zu Fuß hin. Ich habe diese Eindrücke und viele andere szenisch verarbeitet. Am Schreibtisch wäre mir das nicht eingefallen.

Wären Dreharbeiten in Russland eine Alternative zu den Dreharbeiten in Deutschland gewesen?

Natürlich war der Gedanke reizvoll, in Stalins Original-Datscha zu drehen. Aber die Schwierigkeiten waren zu groß. Außerdem ist die jetzige Führung immer noch sehr stalinfreundlich. Man mag es nicht, wenn Ausländer sich auf diesem Gebiet kritisch betätigen. Schon gar nicht die Deutschen.

Das Hotel Lux existiert heute nicht mehr. Wie haben Sie es bei Ihrem Besuch erlebt?

Ein Oligarch hat es erworben, und es befand sich bei unserem ersten Besuch im Jahr 2008 kurz vor dem Umbau. Die Fassade war bereits von meterhohen Betonblöcken eingemauert, sodass man die Fassade von der Straße aus nicht sehen konnte. Fotografieren und Filmen war im Innern des Hotels strengstens verboten. Das Luxushotel, das entstehen sollte, durfte nicht befleckt werden vom Blut der Kommunisten, die dort durch Kommunistenhand umgekommenen sind. Bei unserem zweiten Besuch stand nur noch die Ummauerung, die Hotelfassade war komplett verschwunden.

Wie gut war die Kopie des Hotels Lux, das Haus Cumberland in Berlin, für die Dreharbeiten geeignet?

Das Haus Cumberland ist beinahe identisch mit dem ehemaligen Hotel Lux.

Erzählt der Film HOTEL LUX ein Ost-Thema?

Es gibt kein Ost-Thema. Es ist ja alles sehr miteinander verquickt. Man denke in dem Fall nur an Herbert Wehner alias Kurt Funk. Nein, es ist die Geschichte von Hans Zeisig, einem Schelm, der vor einem extremen Hintergrund seine menschliche Integrität, sein Leben und seine Liebe zu retten versucht. Es ist ein universelles Thema: Wie bleibe ich in unmenschlichen Zeiten menschlich? Natürlich entstehen daraus Helden. Also ist es auch eine Heldengeschichte, ein Abenteuerfilm und in gewisser Weise eine Abrechnung mit den Kommunisten.

Ist es wichtig für das Publikum, die historischen Personen im Film zu kennen?

Nein, aber ein bisschen politisches Hintergrundwissen würde doch vielen nicht schlecht zu Gesicht stehen. Überhaupt ist der Stand des Wissens im Allgemeinen sehr dürftig. Da gibt es Nachholbedarf, wenn ich mal so schulmeisterlich den Finger heben darf. Aber dem Genuss des Films tut politische Unbildung keinen Abbruch. Wer nicht weiß, wer Walter Ulbricht war, dem ist natürlich nicht zu helfen.

Wie sehr müssen die Politiker im Film historisch korrekt sein?

In diesem Film sehe ich keine Politiker, ich sehe nur Gangster, Scharlatane und Opportunisten. Na ja, so gesehen sind es dann wahrscheinlich doch wieder Politiker. Die Idee des Kommunismus war ja schon gescheitert, bevor sie sich richtig behaupten durfte. Nur die Verräter, die Kriecher sind damals durchgekommen. Die Menschen mit großen Träumen, großen Hoffnungen und großen Visionen haben die Säuberungen nicht überlebt. Sie wurden ausgerottet. Die anderen wurden Staatschefs.

Wie erklären Sie sich die bis heute anhaltende Verehrung Stalins in Russland?

Das hat natürlich mit seinem Sieg über die Faschisten zu tun und damit, dass es vielen Menschen in Russland heute sehr schlecht geht. Außerdem hat sich nach der zaristischen Monarchie in diesem riesigen Land, das ja eine Union verschiedener Länder ist, nie eine demokratische Struktur etablieren können.

Gibt es einen roten Faden, der von Ihrem Kinoregiedebüt SONNENALLEE über HERR LEHMANN und weitere Filmprojekte nun bis zu HOTEL LUX führt?

Ja. Mich.

Interview mit Produzent Günter Rohrbach

Warum haben Sie so stark darum gekämpft, Bully Herbig für die Hauptrolle des Hans Zeisig zu gewinnen?

Günter Rohrbach: Ich war von Anfang an der festen Überzeugung, dass man diesen Film nur mit Bully Herbig drehen kann. Nachdem er eine frühe Fassung des Drehbuchs bekommen hatte, rief er mich an und sagte, er müsse leider absagen. Es sei nicht das, was er sich vorgestellt habe. Ich entgegnete ihm, dass ich das gar nicht zur Kenntnis nehme, sondern fest davon ausgehe, dass er diesen Film machen werde.

Wieso waren Sie sich so sicher?

Ich war mehr als zuversichtlich, dass Leander Haußmann das richtige Drehbuch schreiben wird, wenn er Bully Herbig als Hans Zeisig vor Augen hat. Zugleich musste auch Bully Herbig klar sein, dass ihm dieser Film die Chance bietet, einen völlig neuen Weg in seiner Karriere zu gehen. Also haben wir uns am Ende des Telefonats auf die Formulierung geeinigt: „Sie haben nicht abgesagt, sondern Sie haben nur noch nicht zugesagt.“ Es wäre falsch gewesen, die Tür in einem Augenblick zu schließen, in dem es dafür noch keinen wirklichen Grund gab. Bully hatte ja die Möglichkeit, nach einer späteren Fassung des Drehbuchs immer noch abzusagen.

In Ihrer Zeit als Präsident der Deutschen Filmakademie haben Sie schon eng mit Bully Herbig zusammengearbeitet. Haben Sie seither engen Kontakt?

Ich habe Bully damals gefragt, ob er nicht Lust hätte, den Filmpreis zu moderieren. Auch damals musste ich ihn überreden. Er war skeptisch und sagte, er wisse nicht, ob er das kann. Ich war aber der festen Überzeugung, dass er der perfekte Moderator wäre. Immerhin hing viel davon ab, dass der Deutsche Filmpreis in seiner neuen Form ein Erfolg wird. Bully Herbig hat die Preisverleihung dann insgesamt drei Mal moderiert. Ich habe noch versucht, ihn länger dabeizuhalten. Er sagte aber, er könne das nicht machen, so lange er lebe. Auch auf meine Erwiderung, es würde mir schon genügen, wenn er es so lange macht, wie ich lebe, ist er leider nicht eingegangen.

Wie kam es denn zu dem Projekt HOTEL LUX

Meine Geschichte mit HOTEL LUX begann mit dem Autor Uwe Timm. Er hat auf meinen Wunsch ein ausführliches Treatment geschrieben, auf dem dann alle weitere Arbeit aufgebaut hat. Als Regisseur hatte ich Leander Haußmann im Visier.

Ich habe dann versucht, Leander Haußmann mit Uwe Timm zusammenzuspannen. Das hat nicht funktioniert. Haußmann entwickelt in allen Gesprächen eine Fülle von Ideen, er wirft die Bälle in die Luft und hofft, dass der arme Autor herumrennt und sie auffängt. Das war aber nicht das, was Uwe Timm sich vorgestellt hatte. Also haben wir uns getrennt. Auch Leander Haußmann und ich haben uns noch mal getrennt. Ich habe einen neuen Autor gesucht, der das Buch im Alleingang schreibt, unabhängig von einem Regisseur. Das war Volker Einrauch. Der hat ein sehr gutes Buch geschrieben, das in seiner Struktur und seiner Ernsthaftigkeit überzeugend war, das aber die Ansprüche an eine Komödie nicht wirklich erfüllte und das Bully deshalb auch nicht spielen und Haußmann so auch nicht inszenieren wollte.

Erst dann kam Leander Haußmann als Drehbuchautor ins Spiel?

Ich habe gesagt: „Leander Haußmann, jetzt müssen Sie selbst ran! Sie haben eine gute Struktur, Sie haben eine interessante Figur, Sie haben eine Menge Ideen, die Volker Einrauch und Uwe Timm zusammengetragen haben. Daraus müsste sich ein erstklassiges Drehbuch entwickeln lassen.“ Es war dann noch ein langer Prozess mit vielen Fassungen, bei denen kein Stein auf dem anderen blieb.

Die Hauptfigur Hans Zeisig war also schon von Anfang an gegeben?

Die Grundidee, dass die Geschichte des Hotels Lux erzählt werden sollte über einen Komiker, der aus Deutschland fliehen muss, stammt von Helmut Dietl. Aber die Ausarbeitung seiner Persönlichkeit wurde von Leander Haußmann geprägt.

Wie viel Leander Haußmann steckt in Hans Zeisig?

Eine ganze Menge. Als Bürger der DDR ist er ja selbst in einer kommunistischen Umgebung aufgewachsen. Er hat persönlich erfahren, wie ein Künstler mit einem solchen System umgehen muss. Nach unseren Gesprächen schätze ich ihn so ein, dass er immer aufmüpfig war. Er stand quer zu allem, was die Ideologie ihm vorgeschrieben hat. Er war aber kein sturer Revoluzzer oder Widerstandskämpfer, sondern hat sich mit der Klugheit und dem Witz eines Künstlers wie ein Fisch im Wasser in diesem System bewegt. Diese Eigenschaft hat er auch auf Hans Zeisig übertragen.

Und wie viel Bully Herbig steckt in Hans Zeisig?

Bully gibt der Figur seinen ganzen Charme, seine Persönlichkeit, seinen Reichtum an Darstellungsformen, seinen Witz, seine komödiantische Begabung. Er gibt ihm aber auch den Ernst, den die Figur braucht, und zu dem Bully Herbig durchaus in der Lage ist. Er ist keineswegs auf die pure Komik festgelegt, auch wenn sie in seinen bisherigen Filmen klar im Vordergrund stand. Er ist ein Künstler mit sehr vielen Fähigkeiten, er kann singen, er kann tanzen, er kann sich wunderbar bewegen.

Sie sollen ihn sogar mit der Aussicht auf den Oscar gelockt haben.

Na ja, das wäre natürlich schön, wenn das gleich mit diesem Film gelingen würde. Aber meine Bemerkung bezog sich auf die mögliche Entwicklung, die ihn ihm steckt. Es kann nicht sein Ziel sein, auf ewig die Figur aus DER SCHUH DES MANITU zu spielen, die ja in gewisser Weise im (T)RAUMSCHIFF SURPRISE wiedergekehrt ist. Dafür ist er zu ehrgeizig und auch zu vielseitig begabt. HOTEL LUX war jetzt ein Angebot ganz anderer Art. Warum sollte das nicht irgendwann zum Oscar führen? Wenn das bei diesem Film geschehen würde, wäre das natürlich wunderbar. Aber das muss nicht sein. Wir wären auch mit einem großen Erfolg national und international zufrieden. Ohne Oscar.

Darf man sich einem Ort wie dem Hotel Lux, an dem denunziert, Menschen verhaftet und verschleppt wurden, mit Humor nähern?

Das war, zugegeben, eine riskante Idee. Normalerweise bietet sich dieser Stoff für das klassische Drama an, in dem auf realistische Weise das geschildert wird, was in diesem Hotel geschehen ist. Das war zu großen Teilen nicht komisch. Aber wie vermittelt man das so, dass es die Menschen auch sehen wollen? Ich hatte eine sehr negative und für mich auch deprimierende Erfahrung mit dem Film ANONYMA, in dem es um die Massenvergewaltigung deutscher Frauen durch russische Soldaten ging. Der Film wurde von den Zuschauern nicht angenommen, weil ihnen offenbar von vornherein klar war, dass sie ein so hartes Thema nicht sehen wollen.

Welche Lehren haben Sie daraus für HOTEL LUX gezogen?

Wenn man die Geschichte eines Hotels erzählt, in dem kommunistische Funktionäre leben, diskutieren, intrigieren, in dem aber auch verhaftet, verschleppt und (später) getötet wird, dann kann das auf die Zuschauer zunächst eher abschreckend wirken. Deshalb war es unser Ziel, ein schweres Thema mit einer gewissen Leichtigkeit zu erzählen. Es ist ja kein Schwank, bei dem man sich unentwegt auf die Schenkel klopft, aber diese Art von Komödie verlangt durchaus eine gewisse Kühnheit und Risikobereitschaft in der Art der Inszenierung. Dieser Herausforderung haben wir uns, hat sich vor allem Leander Haußmann gestellt.

Wie wichtig ist es für die Zuschauer, die historischen Personen im Film zu kennen?

Der Film ist auf verschiedenen Ebenen konsumierbar. Er ist für Leute, die noch nie etwas vom Hotel Lux gehört haben und für die selbst der Name Stalin etwas Fernes ist, verständlich. Gleichzeitig sollen aber auch diejenigen, die historisch gebildet sind, nicht das Gefühl haben, um ihre Intelligenz betrogen zu werden. Auf dieser breiten Skala muss unser Film funktionieren. Das war ein langer, schwerer Weg, aber am Ende ist uns das, wie ich meine, gelungen.

Bully Herbig ist bekannt für seinen Perfektionismus, Leander Haußmanns für seinen unkonventionell lockeren Regiestil. Hatten Sie Sorgen, dass beide nicht miteinander harmonieren könnten?

Sicherlich haben sie sehr unterschiedliche Mentalitäten und beide differieren in der Ausübung ihres Berufes. Aber gleichzeitig gibt es vieles, was sie verbindet. Das ist der Ideenreichtum ebenso wie eine gewisse Kühnheit des Denkens. Ich bin davon überzeugt, dass sie sich bei der Arbeit an HOTEL LUX gegenseitig befruchtet haben. Leander Haußmann bewundert Bully als Künstler, gerade auch in seinem Perfektionismus. Aber umgekehrt bewundert Bully auch Leander Haußmann als einen hochgebildeten, sehr sensiblen und phantasievollen Künstler.

Wieso fiel die Wahl auf Jürgen Vogel als Bully Herbigs Filmpartner?

Ursprünglich war die Figur, die Jürgen Vogel spielt, ganz anders gedacht. Der hieß nicht Meyer sondern Brandmaier und war ein kerniger Bayer mit kommunistischen Idealen. Der hatte mit dem Kabarett überhaupt nichts zu tun, Zeisig lernte ihn durch Zufall auf der Flucht nach Moskau kennen und kam mit ihm im Hotel Lux unter. Für diese Rolle wäre Jürgen Vogel falsch gewesen. Dann entwickelte sich das Buch aber weiter und auch Meyer sollte Kabarettist sein, damit eine mentale Nähe zwischen ihm und Zeisig gegeben war. Bully schlug vor, die Rolle mit Jürgen Vogel zu besetzen. Leander Haußmann rief mich an und fragte nach meiner Meinung. Zuerst war ich überrascht, weil ich ein bisschen an der Idee hing, Meyer sollte ein Bayer sein. Doch dann gefiel mir die Idee, denn Jürgen Vogel bringt in diese historische Geschichte eine Form von Modernität hinein, die ihr gut tut.

In der Anfangsszene parodieren Bully Herbig und Jürgen Vogel Joseph Stalin und Adolf Hitler. Ist diese Szene ein reales Abbild der Berliner Varieté-Welt oder doch eher eine Art Märchen?

Es war im Berlin der 20er-Jahre die große Zeit des Varietés und Kabaretts, in dem fast alles möglich war. Einige Historiker mögen vielleicht bezweifeln, dass man im Januar 1933, also unmittelbar vor der so genannten Machtergreifung Hitlers, eine Nummer auf die Bühne gebracht hätte, in der Hitler und Stalin quasi als Freunde auftreten. Das mag in der Tat etwas gewagt sein, aber die Idee bewegt sich noch in einem Rahmen, der vorstellbar ist.

Thekla Reuten ist in den Niederlanden ein Star und hat auch schon in großen US-Filmen wie BRÜGGE SEHEN … UND STERBEN? oder THE AMERICAN gespielt. Wie kam sie zum HOTEL LUX?

Das war der Vorschlag einer Agentin. Ich kannte Thekla Reuten bis dahin überhaupt nicht. Niemand von uns kannte sie. Beim ersten Casting war auf Anhieb klar, dass sie eine sehr gute Schauspielerin ist und auch hervorragend zu Bully passt. Die Chemie zwischen den beiden stimmte einfach. Im Drehbuch war sie ursprünglich eine polnische Gräfin. Das ging jetzt natürlich nicht mehr. So haben wir beschlossen, aus der Rolle eine Holländerin mit reichem Unternehmerhintergrund zu machen.

Hatten Sie jemals in Erwägung gezogen, den Film in Moskau zu drehen?

Am Anfang zieht man immer alle Möglichkeiten in Betracht. Man will ja gern an den Orten drehen, an denen die Geschichte auch spielt. Da war also auch Moskau ein wichtiger Baustein in unseren Überlegungen. Aber schon die ersten Gespräche in Moskau haben gezeigt, dass das völlig unmöglich ist. Selbst Moskauer Produzenten sagten uns, dass sie ihre Filme anderswo drehen, auch wenn sie in Moskau spielen. Moskau hat sich stark verändert, man erstickt dort im Verkehr. Niemand hätte uns da eine Dreherlaubnis gegeben, zumal für einen Film, in dem der stalinistische Terror eine wichtige Rolle spielt. Wir hatten einige Länder in Osteuropa in Betracht gezogen, aber diese dann Stück für Stück verworfen.

Die Amerikaner bauen vieles, was auf der ganzen Welt spielt, in Hollywood nach. Warum sollen wir das nicht auch in Deutschland können?

So entstand der Film etwa zu gleichen Teilen in Nordrheinwestfalen und Berlin. Für Berlin sprach das Haus Cumberland, für Nordrheinwestfalen eine ganze Reihe schöner Motive, so das Varieté Valetti (innen), Stalins Datscha, der Flughafen Moskau usw.

Was sprach für das Haus Cumberland in Berlin?

Das Cumberland war wie ein Geschenk für uns. Ich kannte es nicht, aber Frau Niehuus von der Berliner Förderung hatte mir davon erzählt. Unser Ausstatter Uli Hanisch hat es sich angesehen und war ganz begeistert. Wir konnten in einem einzigen Gebäude alles drehen, was wir rund um das Hotel Lux brauchten: die Zimmer, die Gänge, das Foyer, das Restaurant, den Dachboden, das Dach. Es war ein Glücksfall, dieses Motiv zu haben.

Haben Sie das echte Hotel Lux besuchen können, bevor es abgerissen wurde?

Nein, im Gegensatz zu Leander Haußmann und Corinna Eich habe ich das Hotel nie in der Realität gesehen. Ich kenne nur den Film, den Heinrich Breloer im Hotel Lux über Herbert Wehner gedreht hat. Insgesamt finde ich unser selbst geschaffenes Hotel Lux schöner. Nicht im Sinne von ästhetisch schön, aber hinsichtlich seiner Möglichkeiten. Unser großer Trumpf sind diese wunderbaren, langen Gänge. Außerdem war das Hotel Lux sehr grau. Uli Hanisch hat sich jedoch für dunkle Brauntöne entschieden. Die verleihen unseren Bildern eine beklemmende Atmosphäre, die perfekt zur Grundstimmung des Films passt.

Interview mit Produzentin Corinna Eich

Was wussten Sie vor diesem Filmprojekt über das Hotel Lux?

Corinna Eich: Ende 2008 hatte ich nur eine vage Erinnerung an Heinrich Breloers TV-Dokumentation über Herbert Wehners unrühmliche Zeit in diesem Moskauer Exilantenhotel. Mit anderen Worten: Bei mir bestand anfangs beträchtlicher Lektürebedarf.

Wie sind Sie zu diesem Filmprojekt gekommen?

Ich hatte Leander Haußmann gerade mit einem Output-Deal zur Bavaria geholt und war dabei, mit ihm einige Filmstoffe zu entwickeln. Da fragte Günter Rohrbach an, ob Leander als Regisseur Interesse am HOTEL LUX hätte, seinem langjährigen Herzensprojekt. Leander kannte das Projekt bereits. Als er mir davon erzählte, war ich sofort von der Logline – deutscher Komiker gerät während Stalins Säuberungen ins Emigrantenhotel „Lux“ – elektrisiert und traf mich mit Herrn Rohrbach. Nach unserem Gespräch bot er mir an, den Film bei der Bavaria Pictures zu produzieren. So wurde ich Rohrbachs Ko-Produzentin.

Was prädestinierte Leander Haußmann auch als Drehbuchautor?

Die Hauptfigur des Films. In Hans Zeisig spiegelt sich Leanders eigene Biografie. Ein Schelm, der sich mit Charme und Chuzpe durch Diktatur und ideologischen Irrsinn schlawinert, ohne seinen Witz und seine Würde zu verlieren. Leander, ein Enfant terrible der DDR, hatte das autobiografische Potenzial des Sujets sofort erkannt und konnte Zeisigs unglaubliche Abenteuergeschichte mit heißem Herzen schreiben.

Wie wichtig ist es für den Film, dass die historischen Figuren korrekt erzählt werden?

Die Darstellerin der Frida, Thekla Reuten, hat einen schönen Begriff für unseren Wahrheitsanspruch geprägt: „Das ist alles historisch korrekt erfunden“. Das Hotel, die Menschen darin, die Zeit und ihr Ungeist – alles ist genau recherchiert und entlang der Tatsachen nachempfunden. Die dramaturgische Verdichtung mehrerer Jahre und die Gesetze der Komödie erfordern und erlauben hier und da Umstellungen, logische Glättungen und dichterische Freiheiten. Doch Leanders Buch opfert an keiner Stelle den authentischen Hintergrund einer vordergründigen Pointe.

War von vornherein klar, dass Komödie die richtige Erzählform ist?

Wenn aus dem Ruf nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit das genaue Gegenteil wird, nämlich die Diktatur von Beschränktheit, Bonzentum und Brutalität, dann schlägt im Kino üblicherweise die Stunde des politisch korrekten, pathetischen, blutigen Dramas. Aber gerade das Böse lässt sich am besten durch die Komödie zeigen und entzaubern. Zum Beispiel, wenn im „Hotel Lux“ auf engstem Raum kommunistische Chefideologen aus Deutschland das erbärmliche Scheitern einer großen Idee am eigenen Leib erleben und doch unerbittlich immer wieder ins Gegenteil umlügen müssen – aus Todesangst, Eitelkeit und religiösem Wahn. Das Ehrenwerte und das Lächerliche, Spießertum und Grauen hausten im Lux unter einem Dach. Es musste nur noch der talentierter Komödienautor kommen und zwischen die historischen Gestalten eine Kunstfigur als Katalysator platzieren, um die Tragik und Komik der Situation sichtbar zu machen. Den Aha-Effekt der Komödie beim heutigen Kinopublikum schätzen wir alle, Leander, Herr Rohrbach und ich, inzwischen höher ein als jede ehrenwerte Dokumentation des blutigen Grauens.

Sie waren 2008 auf Motivsuche in Moskau und haben das echte Hotel Lux besucht. Wie war Ihr Eindruck?

Wir sahen uns das Hotel Lux und Stalins Datscha an, damals noch in der Hoffnung, dass das auch unsere Drehorte sein könnten. Doch das „Lux“ war eine Baustelle und ist inzwischen eine Bauruine. Nur die Fassade steht noch. Die für 2011 angekündigte Wiedereröffnung als Luxushotel und Shoppingmall wurde durch die Wirtschaftskrise wohl auf längere Zeit verschoben. Wir waren die Letzten, die noch die langen spukigen Gänge entlanglaufen und einen Blick in die alten Zimmer werfen durften. Und ob wir von den russischen Behörden, die ja inzwischen von Putin zum pfleglichen Umgang mit dem Andenken Stalins und des Stalinismus’ vergattert worden sind, je eine Drehgenehmigung erhalten hätten, wage ich sehr zu bezweifeln. Also suchten und fanden wir unser Hotel in Berlin. Und staunten, wie sehr das seit Jahren leer stehende Cumberland am Kurfürstendamm unseren historischen und atmosphärischen Ansprüchen gerecht wurde.

Wurde es auch den Ansprüchen der lokalen Filmförderer gerecht?

Ja, auch denen. Ironischerweise haben wir Moskau in Berlin und Berlin in Nordrhein-Westfalen gedreht. Aber unser Szenenbildner Uli Hanisch hat sich dabei wieder einmal selbst übertroffen. Auch wenn das Cumberland, das inzwischen ebenfalls verkauft wurde, zahllosen Filmen als Kulisse diente, sieht es in unserem Film russischer aus als das Originalgebäude je hätte sein können.

Standen Uli Hanisch Fotos und Filmaufnahmen vom historischen Hotel Lux zur Verfügung?

Erstaunlich wenige. Ein paar schummrige Aufnahmen aus Heinrich Breloers Dreh-Besuch mit der Ex-Bewohnerin Ruth von Mayenburg, die das Standardwerk über das Hotel Lux und seine damaligen Insassen verfasst hat. Dazu gab es noch ein paar alte Schwarzweißaufnahmen. Die Russen haben längst den Mantel des Schweigens und Verdrängens über das Gästehaus der Kommunistischen Internationale und seine unrühmliche Geschichte gebreitet. Niemand in Moskau ist daran interessiert, dass jemand noch mal ein großes Thema daraus macht. Das war, das ist unsere Chance.

Wie viel vom historischen Moskau wollten und können Sie im Film zeigen?

Weil der Film vorwiegend innen spielt, war es uns sehr wichtig, dass man durch die Außenaufnahmen auch ein Gefühl dafür bekommt, was für ein megalomaner, mythischer Ort Moskau damals war. Überlegungen, dokumentarisches Material und visuelle Effekte zu montieren, ließ Leander wieder fallen, da es in den Archiven zu wenig für uns brauchbare Bewegtbilder in Farbe gab. Auch die tatsächlichen Rechteinhaber ließen sich nicht ermitteln. Also haben wir uns dazu entschlossen, die Außenansichten von Scanline im Computer generieren zu lassen.

Wie haben Sie Ihren Stalin-Darsteller Valery Grishko für den Film gefunden?

Das war gar nicht so einfach. Unser Darsteller musste einerseits ein komödiantisches Talent haben, um dem Buch und der Besetzung mit Bully Herbig in der Rolle des Komikers und Stalin-Parodisten gerecht zu werden. Leander bestand zu Recht auf einen Schauspieler, der Stalins finstere Magie verkörpern konnte, ohne dabei auf heutige Zuschauer lächerlich zu wirken. Und er musste Russisch als Muttersprache sprechen. Also reisten wir wieder nach Moskau. Diesmal zum Stalin-Casting. Einige große russische Stars hatten schon im Vorfeld abgewunken: Nicht schon wieder eine Stalin-Rolle! Überhaupt gilt es in Russland als Affront, bekannte Schauspieler zum Vorsprechen einzuladen. Man kennt sie! Man muss doch wissen, dass sie gut sind! Wie raffiniert Leander es dann doch immer wieder schaffte, bei den uns gewährten reinen Kennenlern-Gesprächen kleine Casting-Situationen zu schaffen, war eine Komödie für sich. Das muss man sich mal vorstellen: Ein Regisseur, Schauspieler und Drehbuchautor aus der ehemaligen DDR sitzt in einem Moskauer Büro und bittet lauter Stalins zum Bewerbungsgespräch. Ich saß daneben und sagte mir: Genieß den Augenblick, er ist so schön! Nach langer Suche haben wir im allerletzten Moment dann genau den richtigen Darsteller gefunden.

Was wird das Kinopublikum im Oktober zu sehen bekommen: einen Leander-Haußmann-Film oder eine Bully-Herbig-Komödie?

Einen geistreichen, spannenden Kinofilm von zwei unserer größten deutschen Komödientalente der Gegenwart.

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