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Fakten und Hintergründe zum Film "Hinter Kaifeck"

Kino.de Redaktion |

Hinter Kaifeck Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Produktionsnotizen

E.T.A. Hoffman, Friedrich Wilhelm Murnau, Wilhelm Hauff, Fritz Lang – die deutsche Erzähltradition ist reich an Motiven des Schreckens und Grusels. Doch im modernen Kino ist davon wenig zu spüren. Produzentin Monika Raebel hatte schon lange eine Affinität für solche Stoffe und das Anliegen, dieses Genre auch in Deutschland zu etablieren. Für einen der ersten deutschen Mysterythriller hatte und auch den idealen Ausgangspunkt gefunden, um eine zeitgenössische Horrorgeschichte mit diesen düsteren Traditionen zu verknüpfen – den berühmt berüchtigten Mordfall von Hinterkaifeck aus dem Jahr 1922. Ein Protagonist, der über seine Visionen in das Mysterium des alten Mordfalls hineingezogen wird – das war die Grundidee mit der sich Raebel an Regisseurin Esther Gronenborn wandte.

Raebels Wahl für die Regie ist leicht nachvollziehbar: Esther Gronenborn hatte 2001 für ihr Langfilmdebüt alaska.de unter anderem den Deutschen Filmpreis gewonnen. Zunächst scheint das Drama über eine Ostberliner Plattenbau-Clique mit einer bayerisch-fantastischen Horrorwelt zwar nicht viel zu tun zu haben, doch dem ist nicht so, wie Gronenborn erläutert: „Für mich hatte alaska.de auch einen Genrecharakter. Zwar wurde es allgemein als Sozialdrama gehandelt, doch eigentlich war es in Krimiform geschrieben und inszeniert. Ich war schon lange ein Fan des Horror- und Mysterythrillers, und deshalb war ich froh, als Monika Raebel auf mich zukam.“ Und die Produzentin hatte dafür gute Gründe – wie sich Esther Gronenborn erinnert: „Das lag vor allem an der Ästhetik von alaska.de, weil wir dabei viel mit der Kamera experimentiert hatten, zumindest für deutsche Verhältnisse.“ Denn die Geschichte von HINTER KAIFECK brauchte ebenfalls ungewöhnliche Bilder, die eine Atmosphäre von Wahn und übernatürlicher Bedrohung expressiv vermitteln musste.

Für die Umsetzung ihrer Ideen fanden Raebel und Gronenborn die Autoren Sönke Lars Neuwöhner, bekannt für seine Drehbücher zur „Kommissar Stolberg“-Serie, und Christian Limmer, der sich mit Skripts für verschiedene „Tatort“- und „Unter Verdacht“-Folgen einen Namen gemacht hatte. Das bestehende Grundgerüst wurde dann mit der Regisseurin in Zusammenarbeit mit den Autoren verfeinert. Eine getreue Rekonstruktion des Verbrechens war dabei nicht beabsichtigt: „Wir sind mit dem Fall frei umgegangen, haben versucht, ihn eher emotional zu erfassen, und dabei einige Fakten verfremdet“, so Gronenborn. Von Anfang anspielten dabei symbolträchtige Bilder der deutschen Kultur eine tragende Rolle – wie der sagenumwobene deutsche Wald oder der alpenländische Brauch der Perchtenläufe.

Auch wenn es sich um ein für den deutschen Markt innovatives Projekt handelte, fanden sich vergleichsweise schnell Unterstützer. Zunächst kam der Sender Pro 7 an Bord, der über seine Tochter SevenPictures koproduzierte; der Kinowelt Filmverleih folgte. Auch die Förderanstalten ließen sich davon überzeugen – darunter der FFF FilmFernsehFonds Bayern, die MDM Mitteldeutsche Medienförderung, das Medienboard Berlin- Brandenburg und der DFFF DeutscherFilmförderfonds.

Produktion: Die Enstehung

Doch nicht nur die einschlägigen Gremien wollten dieses Projekt unterstützen, sondern nicht zuletzt auch die Kreativen. Als Kandidaten für die Rolle des Fotografen Marc, der in den Bann des Mordmysteriums gerät, hatte Esther Gronenborn sofort Benno Fürmann ins Auge gefasst: „Einerseits zeigt er sehr viel physische Präsenz und er vermag auch sehr viel allein mit seinem Gesicht zu vermitteln – was gerade bei dieser Rolle sehr wichtig ist. Gleichzeitig ist er ein hoch intelligenter Darsteller, der die Herausforderungen eines solchen Projekts gut durchschauen kann.”

Bei dem viel beschäftigten Schauspieler, der vor kurzem als Bergsteiger in Philipp Stölzls Nordwand (2008) einen großen Erfolg feierte und seine Intensität auch in Christian Petzolds Jerichow (2009) unter Beweis stellte, brauchte Esther Gronenborn keine lange Überzeugungsarbeit zu leisten. Beide hatten sich 2000 beim Filmfest von Toronto kennen gelernt, wo die Regisseurin mit alaska.de und Fürmann mit Tom Tykwers Der Krieger und die Kaiserin präsent war. Als Gronenborn ihm das HINTER KAIFECK-Projekt vorstellte, war der Darsteller sofort „sehr gebannt“. Das Drehbuch las er „in einem Rutsch durch“ und spürte bei der Lektüre gleich dessen unheimliche Wirkung: „Da horchst du auf einmal auf und denkst dir ‚Was sind das für Geräusche, die aus der Küche kommen’?“ Der nächste Schritt war die Besetzung der Juliana, der jungen Dorfbewohnerin, die in dem Konflikt zwischen Marc und der Gemeinde Stellung beziehen muss.

Auch hier kam Esther Gronenborn schnell auf eine der größten Star-Schauspielerinnen der deutschen Branche – Alexandra Maria Lara, die seit ihrem großen Durchbruch mit Der Untergang (2003) auch zunehmend in internationalen Produktionen zu sehen ist, zuletzt in der Oscar-nominierten Literaturverfilmung Der Vorleser (2009). Wie gut sie im Paar mit Fürmann harmonierte, hatte sie bereits mit „Die Bubi Scholz Story“ (1998) und Nackt (2002) bewiesen. „Für mich war es außerdem wichtig, jemanden zu finden, der eine warme Ausstrahlung hat und dem man abnimmt, dass er in einem Dorf leben kann – eine Frau, die aber auch mysteriös und ambivalent wirkt, die den Zuschauer lange glauben lässt, sie sei bei der Verschwörung gegen Marc dabei,“ so Gronenborn ergänzend. „Genau das trifft auf Alexandra zu.“

Die Schauspielerin selbst war nach der Lektüre des Drehbuchs noch nicht sicher, ob sie das Projekt annehmen sollte. Das mochte damit zu tun haben, dass sie „kein Riesenkrimi-Fan“ ist. Aber sie schätzte alaska.de sehr, und bei einem Treffen konnte Esther Gronenborn die letzten Zweifel ausräumen. „Sie hat ein Auge für ungewöhnliche Bilder. Ich fand es sehr spannend, wie sie Dinge beobachtet“, so Lara über die Regisseurin. „Deshalb war sie die richtige Person, diese Geschichte zu verfilmen.“

Dritte Schlüsselfigur der Geschichte ist Marcs Sohn Tyll. Auch in diesem Fall musste Esther Gronenborn nicht lange suchen. In „Die Sturmflut“ (2006) hatte der damals 10jährige Henry Stange den Sohn von Benno Fürmann gespielt, und der war von seinem jungen Partner sehr beeindruckt: „Der ist ein Riesentalent und ein feiner Kerl.“ Davon konnte sich auch die Regisseurin überzeugen. Wobei eine Beteiligung des jungen Hamburgers zunächst an Terminproblemen zu scheitern schien. – „Der ist so viel beschäftigt, dass man sich bei ihm schon frühzeitig anmelden muss,“ meint sein Filmvater. Doch HINTER KAIFECK handelt nicht zuletzt vom Bann verwunschener Szenerien – deshalb waren auch Bauten und Drehorte von enormer Bedeutung.

Die meisten Bildmotive fand Esther Gronenborn in Niederbayern, in mehreren Dörfern zwischen Passau und Simbach am Inn. Szenenbildner Tom Hornig ließ einen Bauernhof zum Schauplatz der Morde umbauen. Das passende Waldstück mit mystischer Atmosphäre bot dann Thüringen – in einemehemaligenMilitärgebiet in der Nähe von Jena. Für die Szenen in der Pension, in der Marc und Tyll unterkommen, wurde ein Ferienhof präpariert, der im Winter leer stand.

Produktion: Die Vorbereitungen

So konnten nach rund vier Jahren Vorbereitung die Dreharbeiten am 8. November 2007 in Thüringen beginnen. Von vornherein stand das Team unter Zeitdruck. Denn durch das vergleichsweise knappe Budget von 2,2 Millionen Euro war automatisch auch die Drehzeit mit 32 Tagen stark begrenzt.

Aber Esther Gronenborn dachte nicht im Entferntesten daran, ihre qualitativen Ansprüche herunterzuschrauben. Mit Kameramann Chris Valentien, der für sie schon verschiedene Werbespots und Musikvideos fotografiert und mit dem sie bereits bei Adil geht zusammenarbeitet hatte, hatte sie vorab eine anspruchsvolle Bildsprache entwickelt. Orientierungspunkte waren Gore Verbinskis Remake von The Ring (2002), darüber hinaus Takashi Shimizus Asia Horror-Kultfilm Ju-on: The Grudge (2000), aber auch Genreklassiker aus Hollywood wie Der Exorzist (1973) oder Das Omen (1976). Da HINTER KAIFECK auch sehr stark durch die subjektiv-verzerrte Perspektive des Protagonisten erzählt wird, studierten sie und Valentien zudem Filme mit ähnlicher Motivik wie Die Mothman Prophezeiungen (2002), The Others (2001) oder Nummer 23 (2007) mit Jim Carrey.

„Wir wollten Marcs Visionen so zeigen, dass man sie auch ernst nimmt,“ so die Regisseurin. „Bei unseren Vorbereitungen fanden wir heraus, dass es am besten ist, diese Visionsebene nicht so stark zu verfremden, sondern möglichst normal und realistisch zu gestalten.“ So konzentrierte man sich bei der Umsetzung absichtlich auf vorwiegend filmische Mittel – auch, so ergänzt Gronenborn, „weil wir den Eindruck hatten, dass dadurch eine größere Nähe zu Mark hergestellt wird. Gleichzeitig sollte diese Welt visuell einen eigenen Charakter bekommen. Ein wichtiges Mittel war es, die entsprechenden Szenen in einer „unmerklichen Zeitlupe“ zu drehen, um ihnen einen traumhaften Charakter zu verleihen. Visuelle Effekte dagegen blieben weitgehend außen vor. Zur Ästhetik des Films trug vor allem eine komplizierte und damit zeitaufwendige Ausleuchtung bei – „Wir konnten da keine Abstriche machen“ (Gronenborn) – sowie die Farbkorrektur in der Postproduktion.

Mindestens ebenso hoch waren die Anforderungen an die Darsteller. So galt es die psychologische Entwicklung für die Figur des Marc von realer Wahrnehmung bis zu Wahnvorstellungen stufenweise festzulegen. „Die Visionen mussten sich steigern, aber dabei auch plausibel wirken“, so Gronenborn. Auch Fürmann war sich dieser Herausforderung voll bewusst: „Normalerweise setzt du dir als Schauspieler klare Ziele: Was will ich in einer Szene erreichen? Was sind meine Hindernisse? Wie überwinde ich sie? Aber bei HINTER KAIFECK ist das nicht eindeutig benennbar. Ich muss jemanden spielen, der den nächsten Schritt noch nicht weiß. Das einzige, was er machen kann, ist in sich hineinzuhören und abzugleichen: Was ist Realität und was Wahnsinn? Als Schauspieler brauchst du dabei Regisseure, die dich begleiten und für dich einen Rahmen schaffen. Und Esther ist das wunderbar gelungen.“ Für dieses Talent hat er auch eine eigene Erklärung: „Weibliche Energie hat unter Umständen einen besseren Zugang zu atmosphärischen, nicht greifbaren Bereichen. Und ich fand es sehr beeindruckend, wie sich Esther bestimmten Situationen erstmal gefühlsmäßig angenähert hat.“

Produktion: Die Dreharbeiten

Für harte Realität war beim Dreh ohnehin genügend gesorgt. Während bei den Aufnahmen in Bayern klirrende Kälte herrschte, wechselten die Bedingungen in Thüringen zwischen Tauwetter und Frost. Dass der Ofen in dem Bauernhof, wo die Pensionsszenen entstanden, bei erster Inbetriebnahme seinen Geist aufgab, machte die Lage nicht bequemer. „Es war ein unglaublicher Matsch. Man hatte den sozusagen in allen Poren,“ erinnert sich Fürmann. „Das alles hatte etwas Grauschleirig- Unangenehmes.“ Zwar passt das zur Geschichte, aber wenn man das ein paar Wochen hintereinander erlebt, ist es schwer zu ertragen.“

Der wahre Horror für Fürmann war es aber, als er in einer Szene in einen eiskalten See steigen musste. „Ich bin ein Mensch der modernen Zeit, der kaltes Wasser extrem unangenehm findet.“ Doch nach außen ließ sich der Hobby-Bergsteiger und passionierte Abenteuerurlauber nicht viel anmerken: „Er sagte zu mir: ‚Nein, das mache ich. Kein Problem’,“ so Gronenborn. „Die Darsteller haben alle toll mitgezogen. Es war ein Wahnsinn, was sie alles mitmachten.“

Das galt auch für Alexandra Maria Lara, die für eine wichtige Szene nachts bei Minusgraden am Boden liegen musste. „Dann fing es auch noch an zu schneien, und wir wussten nicht: Sollten wir warten, bis es aufhört oder alles bei Schneefall drehen“, erinnert sich die Regisseurin mit Schaudern. Ein anderes Dreh-Extrem war der Showdown, bei dem 120 Darsteller in Perchten-Kostümen am Set waren. Teilweise brachten die Statisten, manche davon Angehörige eines Perchten-Vereins, ihre eigenen Masken mit, teilweise fertigte das Make-up Team um Astrid Lehmann und Thommy Opatz die 30 bis 35 Kilo schweren Kostümierungen eigens an.

Lediglich von der Hauptmaske wurde eine Dublette aus leichterem Fiberglas hergestellt. Zur physischen Masse kam noch das akustische Getöse – da die Perchten mit ihren Schellen eine „überwältigende Lautstärke“ (Gronenborn) produzierten. Um dieses Gewimmel zu koordinieren und zu filmen, standen nur zwei Tage zur Verfügung. Dass dabei auch noch Feuerstunts zu vollführen waren, machte das Ganze nicht einfacher.

Alexandra Maria fühlte sich bei dem Getümmel nicht immer ganz wohl: „Das sah sehr beeindruckend aus, aber diesen Menschen konntest du wegen ihrer monströsen Kostüme nicht in die Augen schauen. Da kannst du nicht leise sagen: ‚Du stehst auf meinem Fuß’. Nicht dass das passiert wäre, aber es lag schon viel Spannung in der Luft.“

Die Spannung entlud sich gerade dann, als niemand damit gerechnet hatte. Für eine Szene kam eine Kutsche zum Einsatz und aus unerklärlichem Grund gingen die Pferde durch – obwohl diese etliche Filmeinsätze absolviert hatten. „Ich stand vor dem Monitor, und plötzlich hörte ich ein Riesengeschepper und Geschrei“, so Gronenborn. „Die Pferde liefen durch das Filmequipment, dass alles kaputt ging. Ich bin ein eher ruhiger Mensch, aber in dem Moment zitterten mir die Knie. Denn es war nicht klar: Ist jemandem was passiert? Ist den Tieren was passiert? Zum Glück war das nicht der Fall. Die trabten einfach fünf Kilometer mit der kaputten Kutsche die Straße hinunter.“

Abergläubische Seelen könnten vermuten, dass hier der Geist von Hinterkaifeck zugeschlagen hatte. Wenigstens legte die Landbevölkerung, die mit dem realen Fall vertraut war, dem Filmteam keine Hindernisse in den Weg: „Die haben gut reagiert, fanden es sogar interessant, dass wir diese Geschichte hier drehten”, so die Regisseurin.

Jetzt hoffen die Filmemacher, dass sich das Publikum ähnlich aufgeschlossen zeigt. Esther Gronenborn will dem Zuschauer dabei keine Interpretation aufdrängen: „In HINTER KAIFECK passieren übersinnliche Dinge, aber es war uns wichtig, dass das Projekt auch geerdet bleibt. Diese Ereignisse lassen sich auch psychologisch erklären. Eine eindeutige Lesart gibt es nicht.“

Produktion : Die Musik

„Die besondere Herausforderung am Film war, einen klassischen Score zu kreieren und dennoch die Besonderheiten des Themas zu berücksichtigen, damit der Zuschauer die scheinbar vertraute Umgebung in einem ganz neuen Licht erfährt“, erklärt Alexander Hacke, der für die Komposition der Filmmusik gewonnen werden konnte. Hacke, der unter anderem Bassist der Band „Die Einstürzenden Neubauten“ ist und die Filmmusik zu Fatih Akin`s Erfolgsstreifen Gegen die Wand beisteuerte, hat sich sehr gefreut solch ein „Bildmaterial von hoher atmosphärischer Dichte vertonen zu können“.

Die Musik im Mysteryfilm nimmt allgemein einen ganz besonderen Stellenwert ein und birgt diverse Unterschiede zu „herkömmlichen“ Genre, wie Hacke weiter ausführt: „Das ist sozusagen die Königsdisziplin im Bereich der Filmkomposition. Mit subtilsten Nuancen die Spannung ins Unermessliche zu steigern und sich mit den elementaren Gefühlen zu beschäftigen, die dieses Genre ja ausmachen, gibt mir die Möglichkeit mit meiner Arbeit ganz andere Ebenen zu erreichen. Das Ziel ist es, mit der Musik tiefste Bereiche des Unterbewusstseins zu stimulieren und das Hörbare so zu einer besonderen Sinneswahrnehmung zu machen.“

Interview mit Benno Fürmann

Sie scheinen sich Projekte auszusuchen, die starke physische und psychische Anforderungen mit sich bringen. Woher kommt das?

Mich interessieren extreme Situationen – nicht der Büroalltag von Datenverarbeitern, die beim Kaffeetrinken über ihr Wochenende plaudern. Denn du hast immer viel mehr zu spielen, wenn eine Figur etwas erlebt, was über die normalen Umstände hinausgeht, und andere Denk- und Verhaltensmuster einsetzen muss. Ich finde es spannend, was mit Menschen passiert, wenn Vernunft und Worte nicht mehr ausreichen. Und das hat in meiner Vita den einen oder anderen Film zur Folge, wo es ans Eingemachte geht. Ich freue mich einerseits auf solche vollen und dichten Drehtage, andererseits mag ich sie aber auch nicht, denn ich bin ja kein Masochist. Aber du gehst als Schauspieler immer in Bereiche, wo es nicht immer Spaß macht, hinzugehen – ob physisch oder emotional.

Können Sie diese Erfahrung am Ende einer Aufnahme gleich abstreifen oder leben Sie während der Drehzeit in einem Zustand der Anspannung?

Meine Befindlichkeit liegt dazwischen. Ich will einen klaren Kopf behalten, und deshalb trenne ich Rolle und Realität natürlich voneinander. Aber wenn ich mich mit Themen wie Urängsten oder Trauer auseinandersetze, bin ich natürlich anders mit mir in Kontakt und brauche den Raum für mich, um etwas zu entwickeln, um feinporig zu sein. Du versuchst ja in unnatürlichen Umständen, wie Filmsets, instinktiv zu sein und das geht nur, wenn Du nicht plump in eine Szene reinknallst, sondern Dich wirklich einlässt. Um diesen Zustand über den Tag auszuhalten, brichst Du natürlich auch hier und da aus z. B. mit den deplaziertesten Scherzen. Haben Sie trotzdem Lust bekommen, wieder einen deutschen Mystery-Thriller zu drehen? Unbedingt. Ich würde liebend gerne öfter Ausflüge in diese Genres machen: Grusel, Horror und Thriller. Der Spaß ist doch beim Gucken im Kinosessel oder auf der Couch, dass Dir schön gemütlich ist, während jemand stellvertretend auf der Leinwand tausend Leiden leidet und Du aus der Distanz Zeuge von Dingen wirst, die es nicht gibt – oder vielleicht doch…

Was ist für Sie der Höhepunkt des Genres?

Das ist Kubricks The Shining (1980). Der Film ist extrem straff und grandios getaktet. Gerade bei Horrorfilmen besteht die Gefahr, dass sie sich nur auf Atmosphäre verlassen, aber hier findest du sowohl sehr starke atmosphärische Elemente und hervorragendes Thriller-Timing. Hinzu kommt Jack Nicholson auf der Höhe seiner Schaffenskraft, geführt von einem Regisseur, der für seinen Perfektionismus bekannt ist. Und der Film schildert den größten Alptraum, den man sich vorstellen kann – nämlich, dass du mit jemandem an einem Ort eingesperrt bist, der nach und nach in den Wahnsinn abdriftet.

Mit Wahnvorstellungen ist auch Ihre Figur in HINTER KAIFECK konfrontiert. Haben Sie sich „Shining” noch einmal zur Vorbereitung angeschaut?

Nein, denn der Ansatz ist ein anderer. Die Figur des Jack wehrt sich gegen den Wahnsinn nicht, sondern gleitet Schritt für Schritt ab. Der Marc in HINTER KAIFECK dagegen versucht sich mit den Zuständen auseinanderzusetzen, die ihn überwältigen. Er will aktiv herausfinden: Bin ich verrückt oder spielen sich in diesem Dorf tatsächlich mysteriöse Dinge ab?

Haben Sie selbst schon einmal Orte mit einer vergleichbaren Aura erlebt?

Nicht vergleichbar. Aber ich war schon an Orten in den Alpen, die extrem düster und verwunschen waren. Da spürte ich, dass es mehr gibt als das, was konkret greifbar ist. Aber von diesen Erfahrungen möchte ich jetzt lieber nicht weiter erzählen.

Interview mit Alexandra Maria Lara

Interessieren Sie sich privat für ungelöste Morde wie den Fall Hinterkaifeck?

Ich fand es spannend, mich im Kontext des Films damit auseinanderzusetzen, aber sonst nehme ich privat eher andere Bücher zur Hand. Beim Fernsehen passiert es manchmal, dass ich in eine Sendung über ungelöste Mordfälle hinein zappe, und da schalte ich schnell weiter. Nicht weil ich davor eine Scheu hätte, aber oft interessieren mich einfach mehr.

Wie sieht es mit Ihrer Vorliebe für Horror- und Genrefilme aus?

Ich grusle mich gerne. Wenn einem Film so etwas gelingt, ist das eine Riesenleistung. Aber es gibt nicht so viele, die das schaffen. The Shining (1980) ist so ein Fall und vor kurzem habe ich Rosemarys Baby (1968) wieder gesehen und war total überwältigt.

Glauben Sie selbst an übernatürlich-private Dinge?

Ich bin zwiegespalten. Mir persönlich ist noch nie etwas passiert, wofür sich keine normale Begründung findet. Aber ich habe auch Vieles gelesen, und so denke ich durchaus, dass es Dinge gibt, die wir nicht rational zu erklären vermögen, oder Ereignisse, die nicht auf Zufällen beruhen können.

Ihre Figur in HINTER KAIFECK lebt in einer von Aberglauben geprägten Dorfgemeinschaft. Könnten Sie sich ein so abgeschiedenes Dasein für sich vorstellen?

Nein, denn ich bin ganz anders groß geworden. Seit ich denken kann, bin ich von einer Vielzahl von Menschen und Kulturen umgeben. Wenn man in so einer Isolation lebt, dann besteht vielleicht auch die Gefahr, dass man keinen Weitblick entwickelt. Und Weitblick finde ich ungeheuer wichtig. Das Dasein, das Juliana führt, ist eher trist, und es ist klar, dass sie nichts lieber tun würde als auszubrechen. Deshalb ist es ja für sie ganz wichtig, als der von Benno Fürmann gespielte Fremde auftaucht.

Wie beklemmend ist, es solche Szenen zu drehen – noch dazu in einer düsteren Winterstimmung?

Die äußeren Umstände waren nicht ohne. Aber man ist ja von vielen Teammitgliedern umgeben, die dasselbe Schicksal teilen. Mit denen kann man sich dann gemeinsam über die äußeren Umstände aufregen. Ich bin auch ein geselliger Mensch, der sich am Abend gerne mit anderen Leuten zusammensetzt. Insgesamt war ich daher nach Drehschluss gut aufgelegt.

Einige Ihrer Aufnahmen hatten es in sich. Wer spielt schon gerne um drei Uhr morgens bei Frosttemperaturen eine hoch emotionale Szene, und das auch noch am Boden liegend?

Das ist für mich überhaupt kein Problem. Und auf diese Herausforderungen hatte ich mich gefreut. Natürlich war es dabei wahnsinnig kalt, aber sobald eine Einstellung vorbei war, kamen sofort zwei nette Damen von der Kostümabteilung und haben sich um mich gekümmert. Für mich wiegt die Aussicht auf eine aufregende Szene viel mehr als unangenehme Bedingungen. Das ist es, was meinen Beruf für mich besonders macht.

Interview mit Esther Gronenborn

Sind Sie auch privat ein Mystery-Fan?

Unbedingt! Ich habe eine Vorliebe für alles Mysteriöse: Angefangen von E.T.A. Hoffmann – einer meiner deutschen Lieblingsautoren – über Gespenstergeschichten bis hin zu Übersinnlichem, dass unsja immer mal wieder im Alltag begegnet – Ich liebe es, mich zu gruseln.

Deutschland hat eine große Tradition an Genre- und Horrorfilmen, die mit dem Dritten Reich weitgehend abriss. Warum ist es so schwer, dieses hierzulande neu zu beleben?

Ich glaube, dass das Publikum das Gefühl hat, dass das in anderen Ländern besser bedient wird. Natürlich gibt es das große Vorbild Hollywood, das solche Sachen sehr aufwendig inszenieren kann. Diese Filme überschwemmen vieles. Sie dürfen auch nicht vergessen, dass selbst die europäischen Horrorfilm-Versuche in Deutschland relativ schlecht im Kino gelaufen sind.

Woher kommen Ihrer Ansicht nach die besten Genrefilme?

Das kann man nicht vereinheitlichen. In jedem Land sind interessante Horrorfilme möglich. Zum Beispiel fand ich das amerikanische Remake von The Ring sehr gruselig – das japanische Original dagegen war mir ein wenig zu trashig. Andererseits ist Asia Horror sehr interessant, weil da mit sehr schlichten Mitteln gearbeitet wird, um unerklärliche Vorgänge zu inszenieren. Die Art und Weise, wie die Visionen in The Grudge gezeigt werden, warfür mich vorbildlich. Nicht vergessen sollte man auch Spanien – The Others ist ein sehr beklemmender Film.

HINTER KAIFECK setzt auch auf realen Grusel Motiven auf. Wie genau haben Sie beispielsweise die Perchtenläufe studiert?

Ich habe mir einen davon in Österreich angesehen. Allein schon die Geräuschkulisse fand ich gewaltig. Wenn man da steht und die Trommeln und Rasseln hört, ist das sehr unheimlich. Diese Perchten können auch ganz schön brutal werden. Die überfallen auch schon mal Leute und schmeißen sie zu Boden. Was ja zu unserem Film passt. Auch wenn es absurd klingt – es gab bereits Überlegungen, sie zu nummerieren, damit man besonders Brutale nachher ermitteln kann.

Wären Sie interessiert, nach HINTER KAIFECK auch einen amerikanischen Horrorfilm zu drehen?

Das ist eine schwere Frage. Zugegebenermaßen ist es in Deutschland problematisch, Genrefilme finanziert zu bekommen. Deshalb wäre es reizvoll, sozusagen im Herzen des Genres zu arbeiten. Mit der Ausnahme von Splatter – das ist nicht mein Fall. Doch ich schiele nicht bewusst nach Hollywood. Es wäre schön, wieder einen Genrefilm in Deutschland zu machen. Ein Projekt habe ich schon – aber es ist noch nicht ganz spruchreif.

Hintergrund: Sechs Opfer und kein Täter…

Es war und ist einer der mysteriösesten Kriminalfälle der jüngeren deutschen Geschichte: Auf dem Einödhof Hinterkaifeck, etwa 20 km von Ingolstadt entfernt, wurden in der Nacht vom 31. März auf den 1. April 1922 sechs Menschen ermordet: das Bauernehepaar Andreas und Cäzilia Gruber, deren verwitwete Tochter Viktoria Gabriel und ihre Kinder Cäzilia und Josef, sowie die Magd Maria Baumgartner. Trotz unzähliger Spuren und Verdächtiger wurde der oder die Täter nie gefunden.

Schon vor dem Verbrechen hatten die Opfer verdächtige Vorkommnisse registriert: Spuren im Schnee führten zum Hof hin aber nicht wieder davon weg. Ein Haustürschlüssel verschwand; an der Motorhütte des Hofes wurde das Vorhängeschloss aufgebrochen. Ein Unbekannter beobachtete das Anwesen vom nahe gelegenen Wald aus. Und auf dem Dachboden über den Schlafräumen waren Schritte zu hören. Doch Andreas Gruber, der davon unter anderem seinem Nachbarn Lorenz Schlittenbauer berichtete, weigerte sich, Hilfe anzunehmen oder die Polizei einzuschalten.

Was exakt in der Mordnacht geschah, ließ sich nie rekonstruieren. Offenbar wurden Eheleute, Tochter und Enkelin der Reihe nach in den Stall gelockt und mit einer Reuthaue, einer Hacke für Feld- und Waldarbeit, umgebracht. Die siebenjährige Cäzilia lebte noch mindestens zwei Stunden, nachdem ihr der Schädel eingeschlagen worden war. Während dessen tötete man den zweijährigen Josef in seinem Stubenwagen im Schlafzimmer der Mutter und die Dienstmagd in ihrer Kammer.

Doch wer immer dieses Verbrechen beging, hatte es nicht eilig. Die Tat wurde erst vier Tage später entdeckt, doch bis dahin war das Vieh noch versorgt worden. Auch stieg Rauch aus dem Kamin des Hofes auf.

Nachdem Beamte der zuständigen Gendarmeriestation die zahlreichen Schaulustigen vertrieben hatten, traf am 5. April der Münchner Kriminaloberinspektor Georg Reingruber ein – der sich bis zu seiner Pensionierung im Februar 1930 die Zähne an dem Fall ausbeißen sollte.

Die erste Besichtung des Tatorts war zumindest noch aufschlussreich: Einige Indizien deuteten darauf hin, dass jemand auf dem Dachboden übernachtet und von dort den Hof ausspioniert hatte. Von dem umfangreichen Vermögen der Grubers war ein Teil des Bargelds entwendet – aber unter anderem 1.800 Goldmark blieben zurück.

Am 8. April setzte das Innenministerium eine Belohnung von 100.000 Mark aus. Einen Tag später wurden die Opfer beerdigt – rund 3.000 Menschen gaben ihnen das letzte Geleit.

Die Ermittlungen konzentrierten sich zunächst auf die üblichen Verdächtigen: Vorbestrafte, Hamsterer und Hausierer, die aus der Gegend von Hinterkaifeck stammten oder dort gesehen worden waren. Der erste festgenommene Verdächtige indes hatte ein hieb- und stichfestes Alibi. So wandte die Polizei auch unkonventionelle Methoden an: Wahrsagerinnen führten spiritistische Sitzungen mit den sechs Schädeln der Opfer durch, die bei der Obduktion abgetrennt worden waren.

Andererseits waren die Behörden sichtlich überfordert – zumal man sämtlichen Hinweisen aus der Bevölkerung nachging und die Personaldecke der Münchner Polizeidirektion aus heutiger Sicht unzureichend war. Gleichzeitig waren die Zuständigkeiten kompliziert. „Da haben zu viele mitgeredet,“ meinte Reingruber nach seiner Pensionierung. Manche mögliche Zeugen wurden nie oder erst nach vielen Jahren vernommen. Das persönliche Umfeld der Opfer wurde nie hinreichend untersucht – auch nicht das der ermordeten Magd, die ihr Dienstverhältnis erst wenige Stunden vor der Tat angetreten hatte. Die Mordwaffe sollte erst Monate später beim Abbruch des Einödhofs entdeckt werden. Und die Einstufung als ‚Raubmord’ war angesichts der zurückgelassenen Wertgegenstände mehr als gewagt.

So war auch Reingrubers Nachfolgern kein Erfolg beschieden. Als letzter Kandidat scheiterte der Augsburger Staatsanwalt Andreas Popp mit seinem Versuch, einen Mittäter zu überführen. 1955 wurden die Akten geschlossen. Dennoch kristallisierten sich im Lauf der Jahrzehnte einige Favoriten unter den Verdächtigen heraus:

1. Ein Toter

Angeblich war der Mann der Jungbäuerin Viktoria Gabriel im Dezember 1914 im Ersten Weltkrieg gefallen. Aber wenn nicht? Beliebten Spekulationen zufolge kehrte Karl Gabriel mit der Identität eines anderen Kameraden in die Heimat zurück, um dort eine ungeheuerliche Entdeckung zu machen: Seine Frau unterhielt mit ihrem eigenen Vater ein inzestuöses Verhältnis – ein Fakt, für das beide mit Gefängnishaft bestraft worden waren. Gerüchten zufolge war der kleine Josef Andreas Grubers Sohn. Nach dieser Lesart des Verbrechens beging der vermeintliche Tote Rache, um dann seiner Wege zu ziehen. Noch in den 40ern meldeten sich Personen, die ihn als Soldat der Roten Armee gesehen haben wollten.

2. Die Vorboten des Dritten Reiches

In den 20ern begingen rechtsradikale Kräfte in Bayern verschiedene Fememorde. Diesen fielen unter anderem Personen zum Opfer, die den Behörden illegale Waffenlager angezeigt hatten. Womöglich galt dies auch für die Bewohner des Einödhofes. Am 9. April 1922 löste Kriminaloberinspektor Reingruber im Zusammenhang mit dem Fall „Hinterkaifeck“ die Fahndung nach dem Freikorps-Mitglied Adolf Gump und drei seiner Kameraden aus. Trotz des Vermerks ‚dringend’ verlief sie offenbar im Sand. Auch fand sie nie Eingang in die Akten, anders als alle anderen noch so abstrusen Fahndungen. Oder sie verbrannten bei einem Bombenangriff auf Augsburg im Februar 1944, der die Unterlagen der Staatsanwaltschaft vernichtete.

Eine letzte spektakuläre Wendung nahm dieses Verdachtsmoment erst im Jahr 1952. Durch verschiedene Zufälle erfuhr Staatsanwalt Popp, dass die Schwester Gumps vor ihrem Tod ihre beiden Brüder gegenüber zwei verschiedenen Geistlichen der Tat bezichtigt hatte. Adolf Gump war zwar nicht mehr am Leben – aber sein Bruder Anton. Popp ließ ihn in Untersuchungshaft nehmen – was nach Bekanntwerden prompt für ein Medienspektakel sorgte. Gump leugnete die Tat, und der Staatsanwaltschaft gelang es nicht, die Verdachtsmomente zu erhärten.

Am 1. Februar 1954 wurde der Rentner wieder auf freien Fuß gesetzt. Popp hielt ihn nicht für den eigentlichen Täter, sondern für einen Mitwisser- und helfer. Nach seiner Auffassung spielten auch die rechtsradikalen Motive keine Rolle. Angeblich war Gump Vater des kleinen Josef und wollte Gruber als Rivalen beseitigen. Aber der einzige mögliche Zeuge für die Vaterschaft Gumps konnte sich später nicht mehr daran erinnern.

3. Der Wahnsinnige

1921 floh der geisteskranke Bäcker Josef Bärtl aus der Heilanstalt in Günzburg. Bei einer spiritistischen Sitzung wurde er anhand einer Fotografie als Täter identifiziert. Im Lauf der Jahre gab es immer wieder Personen, die ihn von einander unabhängig der Tat bezichtigten. Doch der Verdächtige wurde nie gefasst

4. Nachbar und Liebhaber

Wohl kaum eine der Personen aus dem Umfeld Hinterkaifecks geriet so häufig ins Zentrum der Ermittlungen wie der Bauer Lorenz Schlittenbauer, der Inhaber des Hofes, der dem Gruber-Anwesen am nächsten lag. Und dafür gab es mehrfache Gründe.

Denn kaum jemand hatte ein so spannungsreiches Verhältnis zu den Ermordeten wie der Nachbar. Der Witwer unterhielt wahrscheinlich eine sexuelle Beziehung mit Viktoria Gabriel und wollte sie auch heiraten, was Vater Gruber verhinderte, der mit seiner Tochter wohl seit ihrem 19. Lebensjahr Inzest beging. Als Sohn Josef zur Welt kam, leugnete Schlittenbauer die Vaterschaft und zeigte Vater und Tochter im September 1919 wegen Blutschande an, um dann diese Aussage wieder zurückzunehmen. Offenbar weil ihm Gruber eine attraktive Summe gezahlt und die Hochzeit mit der Tochter in Aussicht gestellt hatte. Schließlich hatten Gruber und Gabriel bereits 1915 eine Haftstrafe wegen Inzucht verbüßt. Doch später forderte der Einödbauer den Betrag zurück; auch die Hoffnung auf baldige Heirat zerschlug sich.

Als eine kleine Gruppe den scheinbar verlassenen Hof inspizierte, war Schlittenbauer derjenige, der als erster die Leichen entdeckte. Zudem sperrte er das Haus der Grubers mit einem Schlüssel auf – der den Mordopfern zuvor auf unerklärliche Weise abhanden gekommen war.

Die Ermittlungen ergaben, dass der/die Mörder das Grundstück genau gekannt haben musste(n). Nach Einschätzung moderner Experten wie des Profilers Klaus Wiest vom Polizeipräsidium München bestand zwischen den Beteiligten eine persönliche Beziehung. Dafür spricht vor allem die Tatsache, dass alle Leichen sorgfältig aufeinander geschichtet und mit Heu, Stroh und einem alten Türblatt abgedeckt wurden – obwohl das Innere des Stalls nicht von außen einzusehen war.

Der Kinderwagen mit der Babyleiche war mit einem Kleid der Mutter verhüllt. Ein derartiges Verhalten ist bislang nur aus Fällen überliefert, wo Täter und Opfer einander kannten. Besonders brutal wurde Viktoria Gabriel getötet, so als hätte der Mörder zu ihr das intensivste Verhältnis gehabt. Sie erhielt nicht nur die meisten Schläge mit der Reuthaue, sondern wurde auch gewürgt.

Dass das Gold- und Silbergeld des Anwesens nicht gestohlen wurde, spricht gegen die These eines Raubmords. Gleichzeitig studierte(n) der/die Täter aber persönliche Schriftstücke der Opfer, die er offen zurück ließ. Dass das Vieh der Grubers nach der Tat gefüttert wurde, ließe sich damit erklären, dass man die Tat möglichst lang unentdeckt lassen wollte. Auf den scheinbar menschenleeren Hof wurde nicht der Nachbar Schlittenbauer, sondern ein Monteur aufmerksam, der bei den Grubers Reparaturen durchführen sollte.

Vor der Mordnacht entdeckte Andreas Gruber Fußspuren im Schnee, die zu seinem Haus führten. Laut Schlittenbauer sprach er dabei von zwei Personen, einem anderen Zeugen zufolge erwähnte er aber nur eine Person. Immer wieder bezichtigten Ortsansässige den Bauern der Morde, insbesondere nachdem er bei Wirtshausgesprächen verdächtige Bemerkungen gemacht haben sollte. Prompt führte Schlittenbauer mehrere Zivilklagen wegen Verleumdung.

Ein zwiespältiges Statement ist indes bis heute offiziell überliefert. Bei einer Vernehmung durch die Münchner Polizei im März 1931 meinte Schlittenbauer über die Mordopfer: „Die Leute waren nicht gut. Da hat der Herrgott schon die rechte Hand am rechten Platz gehabt.“ Doch auch in seinem Fall galt – bewiesen wurde nichts. Und am 22.05.1941 entzog sich Schlittenbauer allen theoretischen Bestrafungen – ins Jenseits.

Anmerkung

Kaum jemand hat sich so intensiv mit dem Fall Hinterkaifeck beschäftigt wie der Schriftsteller Peter Leuschner und der pensionierte Ingolstädter Hauptkommissar Konrad Müller.

Müller stellte jahrzehntelange private Recherchen an. In einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk vom 10.11.2007 lehnte er es ab, den seiner Meinung nach Schuldigen zu nennen. Nicht zuletzt da die Indizien nicht für eine Verurteilung reichen würden. Die Schuldfrage ist jedoch noch heute in Schlittenbauers Heimatort, dem 500 Meter vom einstigen Hinterkaifecker Hof gelegenen Gröbern, laut Müller „ein heißes Thema”.

Leuschner befasst sich mit dem Fall ebenfalls seit mehr als 30 Jahren und hat zwei der bekanntesten Bücher zum Thema veröffentlicht. In „Hinterkaifeck – Deutschlands geheimnisvollster Mordfall“ (1978) und „Der Mordfall Hinterkaifeck“ (1997) skizziert er die jahrelangen Ermittlungen der Polizei und stellt Überlegungen zu den Geschehnissen an. Auch er resümiert, dass „über die Akten allein dieser mysteriöse Mordfall nicht mehr zu klären ist“ und ergänzt, dass „Spekulationen unseriös wären und sich schon deshalb verbieten, weil immer noch Familien unter Verdächtigungen leiden.“

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