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Fakten und Hintergründe zum Film "Hidden Heart"

Fakten und Hintergründe zum Film "Hidden Heart"
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Über Hamilton Naki (1926-2005)

Hamilton Naki wurde 1926 in Centani, einem Dorf in der Transkei, geboren. Die Transkei liegt im Südosten und gehört bis heute zu den ärmsten Regionen Südafrikas. Schon als Junge scheint er jedes Mal, wenn ein Schaf geschlachtet wurde, fasziniert von den freigelegten Organen gewesen zu sein. Doch als schwarzer Junge, in einem Staat, der die schwarze Bevölkerung als minderwertig definierte, hatte er keine Chancen, diese Faszination weiterzuentwickeln.

Sein Weg war durch das System vorgeschrieben. Nach nur sechs Schuljahren gab es für ihn zwei Möglichkeiten: er konnte Schafzüchter werden oder nach Kapstadt gehen. Hamilton wählte den zweiten Weg. In seinem Fall bedeutete Kapstadt allerdings nicht die Ferienstadt am Meer mit dem Tafelberg im Rücken, sondern das Township Langa, das sich auf der Ebene hinter dem Berg ausbreitet und eines der Auffangbecken für die schwarzen Arbeitskräfte aus dem Land ist. Wie die meisten schwarzen Einheimischen fuhr Naki allein nach Langa, denn es war verboten, die Familie mitzunehmen. In Kapstadt fand er am Groote Schuur Krankenhaus eine Anstellung als Gärtner und pflegte die Tennisanlagen. Hartnäckig hat er sich dann emporgearbeitet bis zum medizinischen Assistenten im Tierlabor, wo Christian und sein Bruder Marius Barnard Hundeherzen verpflanzten.

Naki zeichnete sich durch Fingerfertigkeit und Genauigkeit aus. Unter der Apartheid war es Schwarzen verboten, in einem Operationssaal zu arbeiten. Naki zufolge habe Barnard es geschafft, ihn trotzdem ins Team aufzunehmen – unter der Bedingung, dass er es für sich behalte. Diese Version wird von Zeitzeugen bestritten.

Unbestritten hingegen ist Nakis außergewöhnliche Begabung. Während Barnard zu Ruhm und Ehren kam, arbeitete Naki weiterhin im Krankenhaus, wo er – und nicht Barnard – die meisten jener 3000 Doktoranden unterrichtete, die aus aller Welt nach Kapstadt pilgerten, um sich in die Kunst der Organtransplantation einweihen zu lassen. Lohnerhöhung hat er keine erhalten. Ihm wurde weiterhin das Gehalt eines Gärtners ausbezahlt, er wohnte in einem Zimmer in Langa und ernährte mit seinem mageren Gehalt 24 Familienmitglieder in seinem Dorf.

Erwähnt wurden er und sein Kollege erstmals in einem Buch über die erste Herztransplanta- tion, das ein amerikanischer Journalist 1969 veröffentlichte. Dort finden sich auch lobende Worte von Marius Barnard bezüglich des Teams im Tierlabor.

Berühmt wurde er erst nach Barnards Tod. Über Nacht wurde er zum Helden für die südafri- kanische Bevölkerung. Sein Beispiel zeigte, dass Träume möglich werden, dass man trotz minimaler Schulausbildung etwas erreichen kann. Er erhielt den Ehrendoktor der Universität Kapstadt und das Verdienstkreuz. Seinen Ruhm hat er leider nicht lange genießen können.

Er verstarb 2005 in seinem Heimatdorf Centani.

Über Christian Barnard (1922-2001)

Christian Barnard wuchs im Südafrika der 20er Jahre auf als Sohn eines Pfarrers in Beaufort West, einem verschlafenen Städtchen in der Halbwüste Karoo. Seine Familie gehörte zu den typischen Afrikaner Familien, die hart arbeiteten, deren Kinder barfuss übers «Veld» liefen und die vor jeder Mahlzeit beteten. Christian Barnard scheint bereits als Junge am Inneren von lebendigen Wesen interessiert gewesen zu sein. Er erzählte selbst gern die Geschichte, wie er erstmals einen Käfer sezierte.

Er zog nach Kapstadt, wo er diszipliniert und ambitioniert Medizin studierte. Dank seiner guten Noten erhielt er ein Stipendium zur Weiterbildung in den USA. Von dort kehrte er mit einem Abschiedsgeschenk zurück, das sein Schicksal entscheidend beeinflussen sollte: einer Herz-Lungen-Maschine. Sie ist für eine Herztransplantation Bedingung.

Weltweit gab es in den frühen 60er Jahren unter Medizinern und Krankenhäusern ein Wettrennen, wem zuerst eine Herztransplantation gelingen würde. Christian Barnard und sein Bruder Marius verschafften sich die dazu nötige Erfahrung im Tierlabor, wo sie – eben mit einem Team von schwarzen Mitarbeitern – Dutzende von Hundeherzen verpflanzten.

Dass Barnard das Rennen gewann, verdankte er einer Mischung aus Glück und Wissen. Barnard hatte den idealen Patienten und erhielt im richtigen Moment dank eines verunglückten Mädchens ein passendes Spenderherz. Die im Vergleich zu den USA großzügigen gesetzlichen Bestimmungen erlaubten die Transplantation.

Von der Operation wusste niemand etwas, die Presse erfuhr davon erst am Tag danach. Doch dann wurde weltweit über die medizinische Sensation berichtet. Die zweite Transplantation, die bald darauf folgte, löste einen noch größeren Wirbel aus. Barnard wurde zur Berühmtheit. In den folgenden Jahren widmete er sich dann weniger der Forschung als den Annehmlichkeiten, berühmt zu sein. Er scheint ein wahrer Frauenheld gewesen zu sein und heiratete viermal.

Mit seiner Pioniertat verhalf er der international geächteten Apartheid-Regierung zu Glamour und Anerkennung. Barnards Haltung zur Apartheid scheint widersprüchlich gewesen zu sein. Solange es um medizinische Aspekte ging, hat er offenbar keinen Unterschied zwischen Schwarz und Weiß gemacht. Doch verteidigte er gleichzeitig auch das System, etwa indem er ein französisches Fernsehteam in Südafrikas Gefängnisse führte, um zu demonstrieren, wie gut die schwarzen Gefangenen behandelt werden. Die Operation hat Barnard über Nacht zum Star gemacht. Er gehörte plötzlich zur Crème de la Crème des Jetsets. Die Presse belagerte ihn auf Schritt und Tritt, jede Veränderung des Gesundheitszustandes des ersten Transplantationspatienten Washkansky war ein Thema.

Barnard selbst war vom ganzen Rummel ziemlich überfordert. Als Washkansky nach 18 Ta- gen starb, befand sich Barnard unter erheblichem Druck, eine zweite Transplantation mit nachhaltigerem Erfolg durchzuführen. Ethische Fragen wurden öffentlich diskutiert, Ängste formuliert. So erzählt Dirk de Villiers, wie sich Washkanskys Frau fragte, ob ihr Mann mit dem Mädchenherz wohl so fühlen werde wie das Mädchen.

Erst nach 1994, als nach der Freilassung Nelson Mandelas die Apartheid endgültig der Vergangenheit angehörte, musste er, wie so viele «hardcore Afrikaner», seine Haltung korrigieren. Dann erzählte er auch vor der Kamera, wie begabt sein schwarzer Mitarbeiter Hamilton Naki gewesen sei, ja, dass dieser sogar besser habe nähen und transplantieren können als er selbst.

Christian Barnard starb 2001 78-jährig. An Barnard erinnern bis heute ein nach ihm be- nanntes Herzzentrum in Kapstadt und ein Museum in seinem Geburtsort Beaufort West.

Über Dirk de Villiers

Dirk de Villiers ist ein Mann voller Widersprüche, er führte ein interessantes Leben, das sich in seinem Gesichts und im Funkeln seiner Augen wiederspiegelt. Einst besaß er acht Häuser und ein Motorboot. Sein Vermögen, dass er als einer der erfolgreichsten Regisseure und Produzenten der Apartheid-Ära (er produzierte und drehte die ersten TV-Filme für die schwarze Bevölkerung) gemacht hat, hat er wegen Fehlinvestitionen verloren. Dirk De Villiers lebt heute in einer einfachen Wohnung in Kapstadt und führt seine Produktionsfirma von einem bescheidenen Büro aus. Er nennt sich ein «die hard Afrikaner» und sagt, er habe damals die Idee der Apartheid unterstützt, aber auch schwarze Freunde gehabt. Christian Barnard lernte er Mitte der 60er Jahre kennen. Er war mit ihm in den Ferien, als die Nachricht eintraf, ein Herzspender sei gefunden.

Er war dabei, als Chris Barnard vom Ruhm überwältigt wurde. Er erzählt vom ethischen Zwiespalt, den die erfolgreiche Operation für Barnard bedeutete. De Villiers wollte schon 1967 einen Spielfilm über Barnard machen. Aber dazu ist es nie gekommen. Barnard war damals noch zu unsicher, ob das, was er tat, richtig war. Nach der bahnbrechenden Herzoperation hat De Villiers nicht mehr viel von Barnard gesehen. Erst als Barnard sein Ferienhaus neben jenem von De Villiers baute, kreuzten sich ihre Wege erneut.

Damals, 1996, erinnerte sich der Filmemacher wieder an seinen Traum, Barnards Leben zu verfilmen. Den Anfang dazu schuf er mit jenem langen Exklusivinterview, in dem Barnard auch offen seine Bewunderung für Hamilton Nakis chirurgisches Talent kund tat. Obschon er die Exklusivrechte besitzt, hat de Villiers bis heute jedoch keinen Film machen können – weder über Barnard noch über Hamilton Naki, den er nach Barnards Tod behauptet «entdeckt» zu haben.

Spricht de Villiers über Barnard, ist er voller Bewunderung und gibt sich als eine Art Beschützer. Wenn er auf dessen Frauengeschichten zu sprechen kommt, zeigt sich der Frau- enheld in de Villiers selbst. Über die Apartheidzeit spricht er kritisch, und doch spürt man, dass er das System damals als selbstverständlich akzeptierte.

Wenn er erzählt, wie er diverse schwarze Stammesführer und Intellektuelle traf, um mit ih- nen die Natur der ersten Spielfilme für die schwarze Bevölkerung zu diskutieren, ist seine Stimme begeistert. Doch wenn es um das neue Südafrika geht, wo ihm die Anerkennung verweigert wird und er schwarzen Filmemachern Platz machen musste, ist er verbittert und frustriert.

Anmerkungen des Regisseurs

Südafrika ist für mich nicht irgendein Land. In den sieben Jahren, seit ich hier in der Metro- pole Johannesburg lebe, ist mir das Land ans Herz gewachsen. Es ist allerdings ein kompliziertes Land. Die Rassentrennung der Apartheidzeit ist zwar aus dem Gesetz, nicht aber aus allen Köpfen verschwunden. Unrecht und Leid sind noch nicht umfassend verarbeitet. Viel Wut und Frustration liegt in Südafrikas Luft, aber auch Enthusiasmus und Mut, eine neue Gesellschaft zu schaffen. Dieses Gemisch ist dynamisch und begeistert mich immer wieder. Die Geschichte von Hamilton Naki umfasst all diese Gefühle. Als ich sie zum ersten Mal hörte, war ich beeindruckt. Beeindruckt von dem Mann und seinen Leistungen. Seine Heimat, das Eastern Cape, gehört zu meinen Lieblingsgegenden. So arm die Leute sind, nirgendwo ist der Einfluss der Weißen so marginal und die Kultur der schwarzen Bewohner so ursprünglich. Bis heute werden dort in der Regel keine Karrieren gemacht. Umso erstaunlicher schien mir Nakis Werdegang.

Die Artikel über Naki hingegen irritierten mich. Deren Focus auf die erste Herztransplantation und seine Rolle schien mir zu eng und zu reißerisch. Sein Aufstieg vom Gärtner zum Labormitarbeiter tönte plakativ. Mein Ziel war ein Film, der punkto Naki und Herztransplantation keine schlüssige Antworten liefert und trotzdem die Zuschauer nicht frustriert entlässt. Ich hoffte, dass Nakis Werdegang so sehr beeindruckt, dass seine Rolle bei der ersten Herztransplantation letztlich gar nicht so wichtig ist.

Mich interessierte aber nicht nur Naki. Richtig spannend schien es mir, seine Biografie mit jener von Christian Barnard zu verknüpfen. Denn dadurch ermöglichte sich gleichzeitig eine Reise durch die Geschichte Südafrikas. Als ich den Filmproduzenten Dirk de Villiers traf, wusste ich, dass ich die ideale Erzählfigur gefunden hatte. Er kennt beide Männer persönlich, ist ein begnadeter Geschichtenerzähler und einer der wenigen weißen Afrikaner, der zur Vergangenheit steht und nichts beschönigt. Ich muss zugeben, dass mir beide Protagonisten, Naki und Barnard, ein Stück weit immer ein Rätsel bleiben werden. Natürlich war mir Naki von Anfang emotional näher, er war das Opfer, das Symbol für Unterdrückung und späte Anerkennung.

Doch machte dies Barnard nicht automatisch zum Bösen. Es war und ist mir wichtig, an beide mit der gleichen kritischen Neugierde heranzugehen – denn genau dies scheint mir im heutigen Südafrika der einzige Weg, die festgefahrenen Vorurteile endlich hinter sich zu lassen.