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"Heute bin ich blond": Interview mit Lisa Tomaschewsky und Marc Rothemund

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Mit “Heute bin ich blond” verfilmt Regisseur Marc Rothemund mit Lisa Tomaschewsky in der Hauptrolle das tragische Schicksal der schwerkranken 21-jährigen Sophie. CINEFACTS traf die beiden für ein exklusives Interview in Berlin.

Lisa Tomaschewsky über den Verlust ihrer Haare

Mit Heute bin ich blond verfilmt Regisseur Marc Rothemund mit Lisa Tomaschewsky in der Hauptrolle das tragische Schicksal der schwerkranken 21-jährigen Sophie, die mit ihren Perücken ihre Träume ausleben kann. CINEFACTS traf den Regisseur und seine Hauptdarstellerin bei der Deutschlandpremiere in Berlin. In einem exklusiven Interview berichtet sie über die Entstehung des Film und wie schwierig die Umsetzung der Buchvorlage war.

CINEFACTS: Die Frage, die sich wohl die meisten stellen, ist, wie Sie sich gefühlt haben, als Sie ihre Haare abschneiden musstest..

Lisa Tomaschewsky: Ich habe mich in dem Moment gar nicht mehr als Lisa gesehen, die sich vielleicht fragt, ob sie danach noch hübsch aussieht. Sondern viel mehr als Patientin, bei der es keinen anderen Weg gibt. Das Ganze hat sieben Minuten gedauert. Mir kam es vor wie Stunden. Als ich mich dann das erste Mal als Lisa ohne Haare gesehen habe, war ich natürlich schon schockiert. Aber andererseits auch stolz, dass ich es über mich gebracht habe. Ich hatte immer lange Haare, nur mit elf oder zwölf vielleicht mal kurze Haare. Außerdem bringt man lange Haare mit Weiblichkeit in Verbindung und es gehörte zu meinem Job als Model einfach dazu. Es war definitiv eine große Umstellung.

CINEFACTS: Was haben Sie denn dann während der Drehpausen privat gemacht? Sie hatten dann ja eine lange Zeit wirklich kurze Haare..

Lisa Tomaschewsky: In den Anfängen habe ich immer eine Perücke getragen, weil es auch einfach furchtbar kalt war. Ich habe die Haare im Winter abgeschnitten und es war unerträglich. Man merkt jeden Windzug und jeden Atemhauch anderer Menschen. Also hatte ich immer eine Perrücke auf und dann ‘ne Mütze drüber, damit sie hält (lacht). Es war ein Suchen und Finden, bis ich lernte, damit umzugehen. Aber ich hab es tatsächlich auch ein bisschen aus dem Film übernommen und mich frisurentechnisch ein bisschen ausprobiert. Lange Zeit hatte ich aber auch Extensions drin. Gestern kamen die dann raus und nun habe ich halt erstmal kurze Haare. Es ist schon enorm, wie lange es dauert, bis sie auch nur halb so lang sind, wie sie es vorher waren.

CINEFACTS: Aber gerade wenn man so einen dramatischen Film dreht, verlieren die Haare doch sicherlich auch an Relevanz, oder nicht? So dass man plötzlich denkt, dass es einen auch viel schlimmer treffen könnte?

Lisa Tomaschewsky: Ja, das ist gar keine Frage. In dem Sinne sind es dann wirklich “nur Haare”. Vorher wurde man vielleicht darauf reduziert oder hat Komplimente dafür bekommen, aber im Endeffekt ist es natürlich nicht wirklich wichtig. Für mich hatte es auch mit dem Respekt der Figur gegenüber zu tun. Es wäre einfach komisch gewesen, eine solche Rolle zu spielen, dann aber jeden Tag mit voller Mähne ins Bett zu gehen. Ich glaube nicht, dass ich das mit mir selbst hätte vereinbaren können. Natürlich war es nicht einfach, aber im Angesicht der Situation war es dann auch irgendwann nicht mehr wichtig.

CINEFACTS: Wie war Ihr erstes Treffen mit Sophie van der Stap, die Sie ja im Film darstellen?

Lisa Tomaschewsky: Ich sage immer, dass es Liebe auf den ersten Blick war. Sie war extrem gut gekleidet und sah sehr gut aus und wir haben einfach drauf los gequatscht. Aber ich wusste natürlich auch, dass man über die Ernsthaftigkeit der Geschichte reden musste, ohne mit der Tür ins Haus zu fallen. Ich konnte ja nicht sagen, dass ich eine Liste von Fragen hatte, die abgearbeitet werden musste. Ich habe versucht, sehr feinfühlig und respektvoll zu sein. Es ist schwer zu beschreiben, aber ich habe einfach auch große Hochachtung davor, wie sie es geschafft hat mit ihrer Krankheit umzugehen und es auch heute noch tut.

CINEFACTS: Haben Sie sie während der Dreharbeiten mal zu Rate gezogen?

Lisa Tomaschewsky: Ja, wir haben oft geskyped oder SMS geschrieben. Sie war auch teilweise am Set, aber nur zwei oder drei Tage. Trotzdem hatten wir ständig Kontakt. Für mich war es sehr wichtig, jemanden zu haben, an den ich mich wenden konnte, weil es einfach ihre Geschichte ist und sie die natürlich am besten kennt.

Lisa Tomaschewsky über ihr Debüt als Filmschauspielerin

CINEFACTS: Wie sind Sie denn eigentlich an die Rolle gekommen?

Lisa Tomaschewsky: Ich habe über meine damalige Agentur eine Anfrage erhalten. Damals hieß es erstmal nur, dass es um ein Projekt ging, bei dem ich mir die Haare abschneiden sollte. Da war ich natürlich zunächst skeptisch. Aber als die Details folgten und ich zum Beispiel hörte, dass Marc Regie führen würde, war es eigentlich gar keine Frage mehr. Ich wurde zum Casting eingeladen. Und weil ich ein großer Freund von Vorbereitungen bin, habe ich eben auch das getan und war dann ziemlich gut vorbereitet. Ich habe habe auch mit vielen männlichen Hauptdarstellern vorgesprochen und David (Rott) und ich kamen von Anfang an sehr gut miteinander aus. Daher war ich superfroh, dass wir dann am Ende auch zusammen drehen durften.

CINEFACTS: Was waren die größten Schwierigkeiten für Sie?

Lisa Tomaschewsky: Sicherlich zum Einen das Ganze so gut und so realistisch wie möglich rüberzubringen. Denn ich weiß natürlich nicht, wie man sich bei einer Chemo wirklich fühlt. Aber ich kannte auch die Abläufe beim Film nicht und die Schwierigkeit lag sicherlich auch darin, dass ich von Profis umgeben war und immer versuchte, meinen Anschluss zu finden. Ich wusste oft nicht so wirklich, wo ich nun hingehörte. Aber durch viele intensive Gespräche mit Marc (Rothemund) wusste ich nach ein oder zwei Wochen, wie alles funktioniert.

CINEFACTS: Konnten Sie gut zwischen ihrer Rolle und ihrem Leben differenzieren oder haben Sie einige der Sorgen mit nach Hause genommen?

Lisa Tomaschewsky: Es gab Momente, an denen ich in meinem Hotelzimmer saß und mir nicht mehr wirklich sicher war, ob ich nun krank oder gesund bin. Oder in denen ich dachte, dass ich ja auch krank werden könnte, ohne damit zu rechnen. Es fiel mir schon schwer, diese Gedanken abzulegen. Und als ich nach den Dreharbeiten nach Hause kam, ließ es mich auch nicht wirklich los. Durch die äußerliche Veränderung und die kurzen Haare war das Thema natürlich auch weiterhin präsent und ich habe schon viel darüber nachgedacht.

CINEFACTS: Würden Sie sagen, dass es ihnen Angst gemacht hat, dass Sie auch erkranken könnten? Oder hat es Ihnen eher Mut gemacht, weil Sie wussten, dass es auch eine Chance zur Heilung gibt?

Lisa Tomaschewsky: Ich fand es eigentlich ganz schön. Dadurch dass ich mich so in die Rolle hineinversetzt habe, habe ich mich auch oft genauso gefühlt, wie meine Figur es dem Moment tat. Eben sehr schlecht, oder aber auch sehr gut. Ich hatte also das Gefühl, dass ich etwas geschafft habe, von dem ich mir am Anfang nicht sicher war, ob ich es könnte. Also war ich froh darüber, dass es mir so nahe ging, weil es mir auch sehr geholfen hat.

CINEFACTS: Möchten Sie denn nun beruflich lieber weiter schauspielern oder wieder modeln?

Lisa Tomaschewsky: Für mich war es durch das Haareabschneiden eigentlich klar, dass ich erstmal kein Model mehr sein würde. Und ich freue mich natürlich, wenn Leute in der Schauspielerei nun Potential für mich sehen und ich bin gespannt, wie es weitergeht. Das weiß ich selber auch noch nicht genau.

Marc Rothemund über das Casting

CINEFACTS: Warum haben Sie sich nach einer leichten Komödie wie “Mann tut was Mann kann” für diesen Film entschieden?

Marc Rothemund: Weil ich das große Glück hatte, dass man mir die Autobiographie zu lesen gab und die mich beeindruckt, berührt und unterhalten hat. Ich glaube, ich habe daraus sogar viel gelernt. Ich habe schon immer versucht, bei meinen Projekten stetig zwischen Lachen und Weinen zu wechseln. Wenn es richtig gut läuft, bekomme ich beides in einen Film. Aber nach “Harte Jungs” habe ich zum Beispiel “Sophie Scholl” gedreht. Da ist die Spanne noch etwas extremer als von “Mann tut was Mann kann” zu “Heute bin ich blond”. Aber genau so gefällt es mir, ich mache gerne mal etwas humorvolleres und wechsele dann zu einer existenzielleren Geschichte.

CINEFACTS: Stellen autobiographische Geschichten hierbei noch einmal eine besondere Herausforderung dar, weil man dem Material gerecht werden möchte?

Marc Rothemund: Ich finde es einfach super spannend. Bei “Sophie Scholl” waren wir zum Beispiel die ersten, die an die originalen Gesprächsprotokolle rankamen. Durch mein Interesse an den letzten Tagen der Sophie Scholl kam es tatsächlich zu Stande, dass wir die Protokolle und Briefe als allererstes zu Gesicht bekamen. Wir haben auch mit der Schwester und mit Freunden gesprochen. Und ähnlich spannend war es auch mit der Sophie van der Stab, einer lebenden Person. Wir haben uns zusammengesetzt und uns erst einmal kennengelernt. Denn das geschriebene Wort unterscheidet sich dann doch noch einmal von der lebenden Person, die einem gegenüber sitzt.

Es ist einfach ein ziemlich magischer Moment, wenn man eine Autobiographie gelesen hat und genau die Person einem dann plötzlich gegenüber sitzt. Wir haben uns also wahnsinnig lange unterhalten und ich habe viele Fragen gestellt. Sie hat uns beim Drehbuch und den Kostümen begleitet und Lisa Tomaschewsky war bei ihr zu Hause und konnte ihre Familie kennenlernen. Wir haben auch alle Namen beibehalten und die Figuren sehen optisch ähnlich aus. Trotzdem muss man natürlich eine eigene Welt und eine eigene Figur schaffen. Und die Geschichte muss verdichtet werden, so dass sie in 105 Minuten passt. Aber ich muss sagen, dass ich das Ganze als Abenteuer empfinde und als das größte Geschenk, das der Beruf so mit sich bringt.

CINEFACTS: Und was empfanden Sie als größte Schwierigkeit?

Marc Rothemund: Ich arbeite meist zwei bis drei Jahre an einem Film, das und alleine die Finanzierung sind schon ein Abenteuer für sich. Dann natürlich das Casting, weil wir nach einer jungen Darstellerin suchten. Wir haben ganz breit alles angeschrieben: Modelagenturen, Theater, Schauspielschulen, einfach alles. Das ganze Material musste dann auch erst einmal gesichtet werden. Es gab circa sieben Durchläufe mit den emotionalsten Szenen aus dem Buch. Das Schwierigste war dabei nicht einmal, jemanden zu finden, der wirklich gut aussieht und bereit ist, sich die Haare abzuschneiden oder so. Sondern es war auch wirklich nicht einfach, jemanden zu finden, dem alle neun Perücken standen. Man glaubt es nicht! Ich hatte so viele Schauspielerinnen, die toll und wunderhübsch waren, aber an irgendeiner Perücke sind sie dann alle gescheitert.

Wir wollten aber jemanden, der wirklich mit jeder Haarpracht gut aussah und jemanden, bei dem man einfach nicht sofort erkennen konnte, dass die Haare nicht echt waren. Dadurch dass Lisa Model ist, hat sie natürlich auch die langen Maskenzeiten immer sehr gut bewältigt. Aber sie war auch bei dem emotionalen Szenen unglaublich gut. Es gab ja wirklich viele Szenen, die schon sehr ergreifend waren und als Regisseur versuche ich immer, die emotionale Reise mit den Schauspielern zu gehen. Dies mit jemandem zu tun, der wenig Schauspielerfahrung hat und es trotzdem authentisch hinzubekommen, das war natürlich auch eine Herausforderung. Es war also wirklich eine Achterbahn der Gefühle.

CINEFACTS: Zumal Sie den Film ja auch nicht in chronologischer Reihenfolge gedreht haben. Fröhliche und unbefangene Szenen wurden also manchmal direkt nach ganz furchtbar ergreifenden gedreht. Macht das die Sache noch schwieriger?

Marc Rothemund: Ja, das ist ein guter Punkt. Wir fingen quasi mit der Mitte des Films an. Alles, was im Sommer spielt, wurde zuerst gedreht. Und dann wurden die verschiedenen Sets alle nacheinander abgeschlossen. Sprich: Alle Szenen die in ihrem Zimmer spielen, dann alle, die im Rest der Wohnung spielen und so weiter und sofort. Dadurch ist es für die Schauspieler natürlich auch immer ein ziemliches Hin und Her und man erlebt die Reise nicht in dem gleichen Ablauf, wie sie für die Figur stattfinden soll.

Marc Rothemund über die Zusammenarbeit mit der Autorin

CINEFACTS: Und an welchem Drehtag musste Lisa ihre Haare lassen?

Marc Rothemund: Oh, das wird so am zehnten Tag gewesen sein. Danach mussten aber auch noch Szenen gedreht werden, in denen sie ihre Haare noch hatte. Also brauchten wir dafür noch eine weitere Perücke. Und die zwei Zentimeter langen Haare am Ende des Films sind auch nicht echt. Ich bin also nun ein ziemlicher Perückenfachmann (lacht).

CINEFACTS: Inwieweit sind Sie vom Buch abgegangen und welche Freiheiten haben Sie sich genommen?

Marc Rothemund: Wir sind grundsätzlich so wenig wie möglich von der Vorlage abgewichen. Das Wichtigste war, dass die Idee und der Spirit und die Aussage des Buches im Film wiederzufinden sind. Deswegen war es auch so wichtig, dass Sophie uns die ganze Zeit begleitet hat. Auch beim Schnitt. Bevor wir das Werk abgegeben haben, haben wir ihr den Film gezeigt und sie hat dann auch noch mal gute Vorschläge zu kleinen Änderungen gemacht. Außerdem beschreibt das Buch in den letzten hundert Seiten auch noch, wie ihre Laufbahn als Journalistin begann. Es hört also nicht wie wir mit der Heilung auf. Außerdem gab es in dem Buch noch ein paar andere Figuren, die ihr wichtig waren. In einem Film haben wir aber nicht soviel Zeit und Platz, das alles zu etablieren. Daher habe ich ein paar Personen zu einer zusammengefügt, das Ganze also wieder verdichtet. Sonst versuche ich natürlich, die Dinge, die mich am meisten berührt haben, gut auf die Leinwand zu bringen. Aber es ist schon immer wichtig, die Geschichte auf Filmlänge zu kondensieren, sonst sprengt es den Rahmen.

CINEFACTS: War es schwierig, die richtige Balance zu finden?

Marc Rothemund: Ja, das war gewiss nicht immer einfach. Ich bin zum Beispiel großer Fan von Andreas Dresen. Wenn ich nun “Halt auf freier Strecke” nehme, dann ist das etwas ganz anderes. Es ist ein sehr intensiver und wertvoller Film, aber einfach nicht die Art von Film, in die man die Massen bekommt. Es war mir schon wichtig, die Kraft und Lebensfreude dieser 21-jährigen mindestens so sehr auf die Leinwand zu bringen wie ihr leiden. Ich weiß gar nicht, ob ich einen Film wie “Halt auf freier Strecke” hätte machen können. Als Mensch fühle ich mir dafür fast noch zu jung. Es ist so ein hartes Thema. Deswegen war es mir wichtig, dass der Film nicht nur voller Verzweiflung ist, sondern dass man eben auch etwas dagegenhalten muss.

CINEFACTS: Aber die Diskussion gab es durchaus?

Marc Rothemund: Ja, bis heute (lacht). Sophie und ich haben da endlos drüber gesprochen. Aber die Geschichte ist so reichhaltig. Es geht ja nicht nur um Krebs, sondern zum Beispiel auch um den besten Freund, in den sie sich dann plötzlich verliebt und den Liebeskummer und all das. Oder der Vater, der immer so nah am Wasser gebaut und die Mutter, die die Starke ist. All diese Nebenstränge eben. Da war eine gewisse Ausgewogenheit einfach wichtig.

CINEFACTS: Ist ein Film für Sie jemals fertig?

Marc Rothemund: Ja, absolut. Wenn ich etwas kann, dann ist es gut loslassen. Ich reize zeitlich und finanziell eigentlich immer alles aus und kriege dann auch zu hören, dass jetzt wirklich nichts mehr geht. Dann habe ich eine letzte Vorführung, die ich mir ansehe und dann gucke ich ihn mir für Jahre nicht mehr an. Wenn ich nichts mehr ändern kann, dann wird der Film nicht mehr geguckt. Das ist doch ein schönes Schlusswort! (lacht).