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Fakten und Hintergründe zum Film "H?nde hoch oder ich schie?e"

Kino.de Redaktion |

Hände hoch oder ich schieße Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Hintergrund: Über den Film

„Hände hoch oder ich schieße“ geriet nach Beendigung der Dreharbeiten im Januar 1966 in die Mühlen der Überprüfungen aller DEFA-Filme auf politische Unbedenklichkeit und ideologische Linientreue. Trotz zahlreicher Schnitt-, Dialog- und Kommentaränderungen verweigerte das Ministerium des Inneren der anspielungsreichen Komödie schließlich seine Zustimmung. „Hände hoch oder ich schieße“ wurde mit dem Verdikt, der Film setze die Arbeit der Staats- und Sicherheitsorgane ins falsche Licht und entspreche nicht den „gegenwärtigen Aufgaben zur stärkeren Bekämpfung der Kriminalität“, verboten. Drehbuchautor Rudi Strahl machte aus dem Stoff vier Jahre später sein Theaterlustspiel „Noch mal ein Ding drehn“, das erfolgreich und ohne Beanstandungen an zahlreichen Bühnen der DDR gezeigt wurde.

Chronik eines verbotenen Films

8. Januar 1965

Der Schriftsteller und Drehbuchautor Rudi Strahl, dessen erster DEFA-Film DER RESERVEHELD kurz vor der Uraufführung steht, legt sein nächstes Exposé unter dem Titel „Der glücklichste Mensch“ vor. Wieder geht es um einen Mann in Uniform: diesmal um einen Volkspolizisten, der sich verzweifelt nach einem großen Fall sehnt. Der beliebte Komiker Rolf Herricht soll die Hauptrolle spielen.

Nach einer Beratung der Dramaturgen Werner Beck und Anne Pfeuffer mit Strahl am 26. Januar wird u.a. folgendes festgehalten:

„1. Es ist wichtig, bei allem Spaß das gesellschaftliche Anliegen nie aus dem Auge zu verlieren. Letzten Endes machen wir den Film um dessentwillen. Dass wir ihn solustig wie möglich machen, ist die andere Seite.

2. Es soll nie vergessen werden, dass die Realität im Film unsere Realität ist. Das ist keine Einschränkung der Möglichkeiten, sondern öffnet gerade bestimmte Wege, die man nutzen muss, um eine Qualität und sinnvolle Unterhaltung zu erreichen.

3. Bei dem Helden haben wir es nicht mit einem Lustspieltyp schlechthin zu tun; er ist ein Charakter und braucht deshalb in seiner Zeichnung mehr Sorgfalt als z.B. der Reserveheld. (…)“

27. Februar 1965

Strahls Lustspiel DER RESERVEHELD (Regie: Wolfgang Luderer) mit Rolf Herricht in der Titelrolle erlebt seine Uraufführung im Theater der Freundschaft Sondershausen.

5. März 1965

Die DEFA vereinbart mit Regisseur Hans-Joachim Kasprzik, dass er die Regie des Films DER GLÜCKLICHSTE MENSCH übernehmen wird. Da Kasprzik fest beim Deutschen Fernsehfunk angestellt ist, wird sein dortiges Monatsgehalt für die Dauer des DEFA-Gastspiels von 2 500,- Mark auf 600,- Mark heruntergefahren: genau die Summe, die er benötigt, um weiter voll sozialversichert zu bleiben.

19. Mai 1965

Werner Beck, Leiter der Künstlerischen Arbeitsgruppe „Berlin“, bestätigt den Filmstoff „Der glücklichste Mensch“. Er schreibt: „Diese Kriminalkomödie geht davon aus, dass die DDR in der Weltkriminalstatistik an letzter Stelle steht. Es wird erzählt, was einem Kriminalisten bei uns passieren kann, der dazu verpflichtet ist, durch prophylaktische Arbeit zur weiteren Senkung der Kriminalität beizutragen, der aber als Kriminalist sich nach ,großen Fällen‘ sehnt, bei deren Aufklärung er seine Kenntnisse und Fähigkeiten unter Beweis stellen kann.“ Rudi Strahl wird verpflichtet, das Rohdrehbuch bis Ende Mai 1965 zu verfassen.

26. Juni 1965

Die DEFA genehmigt das Rohdrehbuch. Dramaturgin Anne Pfeuffer schreibt in einer Aktennotiz: „Das Rohdrehbuch ist wirklich sehr gelungen. Es verspricht einen reizvollen, einfallsreichen, heiteren Film, der versucht, für uns neue Wege zu gehen. (…) Eine offizielle Gruppenberatung findet in dieser Phase nicht statt. Es sollen darüber jedoch Gespräche mit Wolfgang Kohlhaase und Jurek Becker geführt werden, um ihre Meinung bei der Arbeit am Drehbuch zu kennen.“

15. Juli 1965

Die Künstlerische Arbeitsgruppe „Berlin“ bittet den DEFA-Direktor Jochen Mückenberger um die Freigabe der Produktionsvorbereitung. DER GLÜCKLICHSTE MENSCH, nunmehr unter dem Titel HÄNDE HOCH ODER ICH SCHIESSE, wird unter der Filmnummer 454 registriert. Erich Albrecht, Produktionschef der Künstlerischen Arbeitsgruppe „Berlin“, vermerkt: „Auf Grund der schwierigen Situation mit Farbfilmmaterial ist noch kein endgültiger Entscheid getroffen, ob der Film tatsächlich in Farbe hergestellt wird.“

HÄNDE HOCH ODER ICH SCHIESSE wird schließlich in Schwarzweiß gedreht. Dennoch probieren der Regisseur und sein Team, ob einige der Sequenzen, in denen sich die Hauptfigur Holms aus der DDR-Provinz in die Londoner Unterwelt hinwegträumt, blau, braun oder rötlich eingefärbt werden könnten. Von diesen Versuchen existieren noch Reste im Schnittmaterial.

Parallel zu den Produktionsvorbereitungen werden die Schauspieler ausgewählt. Rolf Herricht in der Hauptrolle steht von Anfang an fest. Bei der Figur des Ex-Ganoven Pinkas denkt die Besetzungsabteilung an Erwin Geschonneck, Hans Hardt-Hardtloff oder Albert Garbe, bringt aber auch die tschechischen Schauspieler Jan Werich und Jaroslav Marvan, den Westdeutschen Arno Paulsen und den Österreicher Karl Paryla ins Gespräch, die brieflich eingeladen werden. Alle diese Vorschläge scheitern aus terminlichen oder finanziellen Gründen. Aufgrund der guten Zusammenarbeit bei WOLF UNTER WÖLFEN (1964/65) schlägt Regisseur Kasprzik Zdenek Stepanek vor, der die Rolle des Pinkas schließlich übernimmt.

2. August 1965

Das Drehbuch wird bestätigt. Hauptdramaturg Werner Beck schreibt über die kulturpolitische Bedeutung des Films: „Die DDR liegt nach der Statistik in der Kriminalität, gemessen an anderen Ländern der Welt, an letzter Stelle. Deshalb ist die aufgeworfene Frage des Films, wie werden unsere Kriminalisten einmal arbeiten und was wird aus ihnen, nicht unberechtigt. Dass dies nur in einer Gegenwartskomödie geschehen kann, ist selbstverständlich. Diese Komödie wendet sich an Jung und Alt.“

11. September 1965

Erster Drehtag von HÄNDE HOCH ODER ICH SCHIESSE. Außendrehorte sind Altenburg (11. – 29. 9. 1965, 4. – 7. 10. 1965), Naumburg (30. 9. – 3. 10. 1965) und Leipzig (8. 10. – 12. 11. 1965). Wegen Stillstands- und Schlechtwettertagen kommt es immer wieder zu Verzögerungen.

31. Oktober 1965

In der Kino-Werbesendung des Deutschen Fernsehfunks „Hauptfilm läuft!“ stellt Moderator Herbert Köfer HÄNDE HOCH ODER ICH SCHIESSE vor. Dazu führt er, dank moderner Tricktechnik, ein Interview mit sich selbst in der Rolle des Heuschnupf.

Weil „Hauptfilm läuft!“ nicht nur HÄNDE HOCH ODER ICH SCHIESSE, sondern im Laufe der Zeit auch zahlreiche andere der später verbotenen DEFA-Filme vorstellt, wird die Sendung nach dem 11. Plenum aus dem Programm genommen.

15. – 18. Dezember 1965

In Berlin tagt das 11. Plenum des ZK der SED. Die ursprünglich als Wirtschaftsplenum geplante Tagung gerät zu einer Abrechnung mit kritischen Kunst- und Kulturschaffenden. Den Delegierten des Plenums werden die DEFA-Filme DAS KANINCHEN BIN ICH (Regie: Kurt Maetzig) und DENK BLOSS NICHT ICH HEULE (Regie: Frank Vogel) als besonders abschreckende Beispiele für „falschen Liberalismus, Pessimismus und Skeptizismus“ unter den DDR-Künstlern vorgeführt.

Erich Honecker erklärt im Bericht des Politbüros: „Unsere DDR ist ein sauberer Staat. In ihr gibt es unverrückbare Maßstäbe für Ethik und Moral, für Anstand und gute Sitte. (…) In einigen während der letzten Monate bei der DEFA produzierten Filmen, DAS KANINCHEN BIN ICH und DENK BLOSS NICHT ICH HEULE, im Manuskript des Bühnenwerkes ,Der Bau‘, veröffentlicht in ,Sinn und Form‘, in einigen Fernsehproduktionen und literarischen Veröffentlichungen zeigen sich dem Sozialismus fremde, schädliche Tendenzen und Auffassungen. (…) Im Namen einer ,abstrakten Wahrheit‘ konzentrieren sich diese Künstler auf die Darstellung von angeblichen Mängeln und Fehlern in der Deutschen Demokratischen Republik. Einige Schriftsteller sind der Meinung, dass die sozialistische Erziehung nur durch die summierte Darstellung von Mängeln und Fehlern erfolgreich sein kann. Sie bemerken nicht, dass die Wirkung ihrer Kunstwerke nach rückwärts zerrt und die Entwicklung des sozialistischen Bewusstseins der Werktätigen hemmt. Was soll eine Ideologie des ,spießbürgerlichen Skeptizismus ohne Ufer‘ den Werktätigen helfen? (…) Es gibt eine einfache Rechnung: Wollen wir die Arbeitsproduktivität, und damit den Lebensstandard weiter erhöhen (…), dann kann man nicht nihilistische ausweglose und moralzersetzende Philosophien in Literatur, Film, Theater, Fernsehen und Zeitschriften verbreiten. Skeptizismus und steigernder Lebensstandard beim umfassenden Aufbau des Sozialismus schließen einander aus. (…)“

Inge Lange erklärt: „Nach meiner Meinung machen sich manche Mitglieder unserer Partei – im Ministerium für Kultur, im Fernsehen, im Rundfunk, bei der DEFA und wo sie überall tätig sind – viel zu wenig Gedanken, wie sich ihre Arbeit auf den heranwachsenden jungen Menschen auswirkt. Sie erkennen offensichtlich nicht ihre Verantwortung für die sozialistische Erziehung der Jugend und lassen Dinge zu, die den Anstrengungen von Schule, Jugendverband und Elternhaus direkt ins Gesicht schlagen. (…)“ Als Verantwortliche für die „pessimistischen und skeptizistischen“ Filme werden von ihren Ämtern entbunden bzw. aus dem Studio entfernt: Hans Bentzien, Minister für Kultur (Abberufung im Dezember 1965), Günther Stahnke, Regisseur des Films DER FRÜHLING BRAUCHT ZEIT (Entlassung im Frühjahr 1966), Jochen Mückenberger, Direktor des DEFA-Studios für Spielfilme (Abberufung am 2. 2. 1966), Dr. Günter Witt, Leiter der Hauptverwaltung Film (Abberufung im März 1966), Dr. Werner Kühn, Parteisekretär des DEFA Studio für Spielfilme (Abberufung am 19. 8. 1966), Dr. Günter Karl, Leiter der Künstlerischen Arbeitsgruppe „Roter Kreis“ (Entlassung im September 1966), Frank Beyer, Regisseur des Films SPUR DER STEINE (Entlassung im September 1966), Klaus Wischnewski, ehemaliger Chefdramaturg und jetziger Leiter der Künstlerischen Arbeitsgruppe „Heinrich Greif“ (Entlassung am 31. 12. 1966).

Hinzu kommen die fristlosen Entlassungen der Mitarbeiter im Institut für Filmwissenschaft an der Deutschen Hochschule für Filmkunst Dr. Heinz Baumert, Dr. Günther Dahlke und Dr. Christiane Mückenberger, die der DEFA laut SED-Vorwurf den theoretischen Unterbau für ihre Filme geliefert haben sollen. Alle abgedrehten, im Drehprozess befindlichen und vorbereiteten DEFA-Spielfilme werden noch einmal im Studio sowie von Mitarbeitern der HV Film und der SED überprüft.

7. Januar 1966

Nach insgesamt 71 Drehtagen, davon 31 im Atelier und vierzig an Außendrehorten, wird HÄNDE HOCH ODER ICH SCHIESSE abgedreht.

28. Februar 1966

Rohschnittabnahme von HÄNDE HOCH ODER ICH SCHIESSE im DEFA-Studio für Spielfilme. Das Klima der Unsicherheit und Angst nach dem 11. Plenum erfasst sofort auch die Gespräche um diesen Film. Unmittelbar nach der Rohschnittabnahme finden Beratungen in der Gruppe und eine Aussprache mit der Studioleitung statt, bei der Schnitte, Kommentar- und Dialogänderungen festgelegt werden. Autor und Regisseur legen eine Liste von 22 „Korrekturen“ vor. Unter anderem:

„1. Bei Holms Radfahrt zum Kleingarten endet jetzt der Kommentar mit den Worten: ,Außerdem ist er privat etwas schüchtern…‘ Es entfällt also der Satz: ,Wenn er ihr tatsächlich einmal begegnet, verlassen ihn sowohl die menschliche Phantasie wie der dialektische Materialismus. Und das ist gefährlich, Freunde!

2. In der Traumszene ,Verbrecherkneipe‘ entfällt der Kommentar des Sprechers: ,Beispielsweise in London, Soho, wo schon das Vergnügungsleben ganz anders aussieht als bei uns…‘

6. Im Konferenzzimmer entfällt der Block, wo von dem im Knast sitzenden Gustav die Rede ist. Statt Schimmys Frage an Pinkas ,Und Gustav?‘ erfolgt jetzt der Gegenschnitt auf den Hund, dann wird gestrichen: Pinkas: ,Gustav, Kumpels – Gustav sitzt – im Knast. Politisch…‘ Ferner Josefs erstaunte Frage: ,Gustav? Popolitisch?‘ Und Pinkas Erklärung: ,Jawoll. In ei’m Parteibüro injebrochen isser… Und die Beitragskasse jeklaut hatter…‘ Er fährt jetzt also nach dem Zwischenschnitt auf den Hund fort: ,Na kurz und klein – nu sind wer eben bloß noch sechs…‘

11. Bei der Debatte im Bürgermeisteramt entfällt der Frauenruf aus dem Off: ,Ein Werk des Klassenfeinds!‘ Stattdessen ruft sie: ,Das ist weg für immer!‘

12. Bei der Frage Josefs, wohin die beiden Knaben wollen, sagen sie jetzt nicht mehr: ,Nach Amerika! Nach Sibirien!‘, sondern: ,Nach Leipzig!‘

18. Vor dem geschlossenen Versatzamt sagt der Hinker nicht mehr: ,Planwirtschaft‘, sondern ,Na so was!‘

19. Als Holms die beiden Jungen in Leipzig aufgreift, sagt der kleine Redner nicht mehr: ,Immer bereit!‘, sondern: ,Jetzt passiert’s!‘. Und Holms antwortet nicht mehr: ,Jawohl – um euch den Hintern zu versohlen‘, sondern: ,Jawohl – ich sollte euch den Hintern versohlen…‘

20. Auf die Ohrfeige, die der kleine Redner von seinem Vater erhält, sagt er nicht mehr: ,Man haut keinen Jungen Pionier!‘, sondern: ,Hauen ist unpädagogisch!‘ 22. Weggeschnitten wird die Einstellung, in der Holms‘ Pistole nicht funktioniert und dieser sie wütend wegwirft.“ Darüber hinaus wird vom Satz des Ganoven Heuschnupf: „Keen Denkmal steht ewig. Da sind schon ganz andere abgebaut worden“, die zweite Hälfte geschnitten.

9. März 1966

Der Produktionsleiter Erich Albrecht übersendet der Abteilung Presse/Werbung des Progress Film- Verleihs zwei Fotoalben von HÄNDE HOCH ODER ICH SCHIESSE zur Ansicht. In einem Begleitschreiben heißt es: „Nachdem der Film durch die Direktion unseres Studios im Feinschnitt abgenommen wurde, steht auch nach Meinung unserer Direktion dem Beginn der Werbung für diesen Film nichts mehr im Wege.“ Am selben Tag übersendet die Leitung der Künstlerischen Arbeitsgruppe dem Progress Filmverleih eine Liste der Mitarbeiter, die zur Premiere eingeladen werden sollen. Progress plant als Premierendatum den 30. Juli 1966.

19. März 1966

Der Hauptdirektor des DEFA-Studios für Spielfilme, Franz Bruk, bittet in einem Brief an die Hauptverwaltung Film um die staatliche Abnahme von HÄNDE HOCH ODER ICH SCHIESSE. Als Termin schlägt er den 18. oder 19. April 1966 vor. Er bittet, den Film mit dem Jugendprädikat P 6 zu versehen. Als ökonomische Zielstellung für die Auswertung von HÄNDE HOCH ODER ICH SCHIESSE prognostiziert er 1,2 Millionen Mark (Inland) und 200 000 Mark (Ausland). Die Produktionskosten beliefen sich auf insgesamt 1,68 Millionen Mark.

14. April 1966

Im DEFA-Studio für Spielfilme findet die zweistreifige Abnahme des Films vor der Künstlerischen Arbeitsgruppe und der Direktion statt. Der Film wird abgenommen.

19. April 1966

Dr. Franz Jahrow von der Abteilung Filmproduktion der Hauptverwaltung Film fasst in einem Protokoll die Ergebnisse einer ministeriellen „Vorabnahme“ zusammen. An ihr haben Vertreter des Ministeriums des Innern der DDR (Oberstleutnant Kinzel, Major Zirke) sowie Mitarbeiter der HV Film und des DEFA-Außenhandels teilgenommen. Jahrow begründet im Namen aller, warum er HÄNDE HOCH ODER ICH SCHIESSE nicht für die staatliche Zulassung empfehlen könne:

„Der vorgelegte Film (…) baut auf eine Grundlage auf, die geeignet ist, den Zuschauer falsch zu orientieren. (…) In dem Film waren in seiner ursprünglichen Fassung offen ironisierende Dialoge, die in grotesker Form gesellschaftliche Erfolge unserer Republik abwerteten, bzw. in der bekannten Richtung des ,Antidogmatismus‘ zielten (Gespräche zwischen den alten Ganoven und den beiden ,Jungen Pionieren‘). Nachdem diese Stellen auf Weisung der Studioleitung herausgeschnitten worden sind, wird u.E. nunmehr sichtbar, dass der Film weiterhin eine versteckt ironische Haltung zu unserer Wirklichkeit einnimmt. Dieser Umstand ist schwer an Einzelszenen nachweisbar, er wird vielmehr in der Summe von Einzelheiten spürbar. Obwohl der vordergründige ,Antidogmatismus‘ in der Versammlung der Pioniergruppe geschnitten worden ist, bleibt doch z.B. beim Betrachter der Eindruck, das an dieser Stelle die Arbeit der Pionierorganisation nicht lustig, sondern ironisch aufs Korn genommen wird. Einen ähnlichen Eindruck hat man in der ersten Auseinandersetzung zwischen dem Helden des Films und ,Inspektor Wernicke‘, wo in einer Mischung von Ernst und Spaß die These erneut aufgestellt wird, dass in der DDR die Kriminalpolizei keine Arbeit hätte. Dadurch, dass diese These dann immer wieder in verschiedensten Zusammenhängen wiederholt wird, bis hin zu der Aussage, dass selbst die Leipziger Kriminalpolizei nichts mehr zu tun habe, lässt den Eindruck entstehen, dass entweder dieses Sicherheitsorgan überflüssig ist (seine Mitarbeiter also keine nützliche Arbeit mehr verrichten) oder eher, dass diese These als ,spaßhafter‘ Antipode zu einer wesentlich anderen Realität gestellt wurde. (…) Man hat (…) das unsichere Gefühl, einen ,Seitenhieb‘ zu erhalten. Wenn z.B. seitens des Helden die Bemerkung fällt, ,für Plagiate ist das Ministerium für Kultur zuständig‘, der Bürgermeister lieber einen Gaunertrick vertuscht als im Wettbewerb zu verlieren, sich der Leiter eines ,renommierten staatlichen Unternehmens‘ für Antiquitätenhandel als früherer Ganoven Spezialist für Kunstdiebstahl entpuppt, ein LPG-Bauer zweideutige Kunstbetrachtungen anstellt (…), so liegen in solchen scheinbar vereinzelten Gags doch Tendenzen, die angesichts der Summe dieser Einzelheiten nicht ohne weiteres übersehen werden dürfen.“

20. April 1966

In der Hauptverwaltung Film findet die offizielle Abnahmevorführung statt. An ihr nehmen unter anderem der neue Filmminister Dr. Wilfried Maaß, der DEFA-Hauptdirektor Franz Bruk sowie die HV-Mitarbeiter Dr. Jahrow (Abt. Filmproduktion) und Deckers (Abt. Filmabnahme) teil. In einem erst drei Monate später aufgeschriebenen handschriftlichen Aktenvermerk heißt es dazu: „Wegen der Probleme, die dieser Film im Hinblick auf den Stand der Kriminalität in der DDR aufwirft (sie ist faktisch nicht vorhanden u. muss, um einem jungen Kriminalisten – Herricht – der VP, Gelegenheit zu beruflichen Praxis und Bewährung zu schaffen, fingiert werden), sollen noch Konsultationen mit dem Genossen Minister für Kultur Gysi und dem Genossen Minister des Inneren, Dietzel, durchgeführt werden. Danach soll dann das Gespräch mit dem Künstlerkollektiv geführt werden.“

15. Juni 1966

Der DEFA-Film SPUR DER STEINE (Regie: Frank Beyer) wird uraufgeführt – und wenige Tage später verboten.

11. August 1966

Die DEFA-Direktion beschließt, alle Arbeiten an Herrmann Zschoches KARLA und Egon Günthers WENN DU GROSS BIST, LIEBER ADAM sofort einzustellen.

27. September 1966

Nach einer erneuten Vorführung vor der Direktion des DEFA-Studios für Spielfilme wird der Beschluss widerrufen, HÄNDE HOCH ODER ICH SCHIESSE zur staatlichen Abnahme vorzuschlagen. Die Studioleitung „anerkennt die politische Einschätzung durch den Genossen Dickel und andere führende Genossen, dass dieser Film den auf der 25. Staatsratssitzung des Jahres gestellten gegenwärtigen Aufgaben zur stärkeren Bekämpfung der Kriminalität nicht entspricht.“

In derselben Sitzung beschließt die DEFA-Direktion, die Arbeiten an JAHRGANG 45 (Regie: Jürgen Böttcher) sofort einzustellen. Zwei Wochen später (13.10.) folgt der Widerruf, Ralf Kirstens DER VERLORENE ENGEL zur staatlichen Abnahme vorzuschlagen. Und vier Wochen später (25.10.) wird Gerhard Kleins BERLIN UM DIE ECKE von der Direktion nicht abgenommen. Das sind die letzten direkten Opfer des „Kahlschlags“ nach dem 11. Plenum des ZK der SED.

20. Oktober 1966

Der Direktor für Atelier und Technik sowie die Maskenbildner-Abteilung gewähren dem Chefmaskenbildner Alfred Fleischert eine Filmprämie in Höhe von 1 800,- Mark für HÄNDE HOCH ODER ICH SCHIESSE. In der Begründung heißt es: „Für den Maskenbildner gab es viele dankbare Aufgaben zu lösen, die den Betrachter erfreuen, hat sich doch Kollege Fleischert ernsthaft bemüht, aus den doch ziemlich häufig strapazierten Gesichtern der Schauspieler, die uns in jedem DEFA-Streifen begegnen, etwas zu machen. Man spürt die Freude am Beruf und wünscht dem Kollegen noch viele solche dankbaren Aufgaben.“ Für HÄNDE HOCH ODER ICH SCHIESSE erhält er das Prädikat „gut“.

2. Februar 1970

DEFA-Hauptdirektor Bruk informiert den Filmminister Günter Klein davon, dass das Magdeburger Theater ein Stück von Rudi Strahl vorbereitet, „das in seiner Grundidee unserem DEFA-Film HÄNDE HOCH ODER ICH SCHIESSE entspricht. Vielleicht kann diese Mitteilung Veranlassung sein, die wiederholt diskutierte Frage zu entscheiden, ob wir den fertigen Film HÄNDE HOCH ODER ICH SCHIESSE zur öffentlichen Aufführung bringen können.“

10. April 1970

Dr. Franz Jahrow informiert über ein Gespräch mit dem stellvertretenden Leiter der Presseabteilung des Ministeriums des Innern, Zenner, und dem Mitarbeiter der Abteilung K des Ministeriums des Innern, Eihauer: „Genosse Zenner kennt diesen Film und äußerte die Meinung, dass eine Aufführung heute nach wie vor nicht möglich sein wird. Über diese Frage habe ich auch nochmals mit dem Genossen Kasprczick (sic!) gesprochen. Er meinte, dass er heute an einer Aufführung nicht mehr interessiert sei, weil er selbst den künstlerischen Wert des Films nach seinen persönlichen Entwicklungsprozessen der letzten Jahre als seine eigene Arbeit doch wesentlich kritischer einschätzt. (…) Wenn das Magdeburger Theater ein Stück von dem Autor dieses Filmes vorbereitet, das in seiner Konzeption diesem Film entspricht, so ist das eine innerbetriebliche Rechtsfrage, zu der wir uns nicht äußern müssen.“

21. April 1970

Im Einverständnis mit dem Filmminister teilt der Kommissarische Abteilungsleiter Lichtspielwesen der HV Film, Deckers, dem DEFA-Hauptdirektor Bruk mit, dass eine nochmalige Besichtung des Films geplant sei. „Dabei sollte u.a. auch die Frage geklärt werden, ob der Film für den Export geeignet ist.“

Die Vorführung findet am 27. Mai 1970 um 10 Uhr statt. In ihrem Ergebnis wird in einem Protokoll vom 8. Juni 1970 festgehalten, dass HÄNDE HOCH ODER ICH SCHIESSE „aus politischen und kulturpolitischen Gründen endgültig abgelehnt“ wird.

10. Oktober 1970

Unter dem Titel „Noch mal ein Ding drehen“ wird die Theaterfassung von HÄNDE HOCH ODER ICH SCHIESSE an den Bühnen der Stadt Magdeburg uraufgeführt.

Weitere Aufführungen folgen in Karl-Marx-Stadt (1971), Zwickau (1971), Erfurt (1971), Leipzig (1971), Anklam (1972), Prenzlau (1972), Quedlinburg (1972), Wittenberg (1972), Schwerin (1975) und Zeitz (1979). Nur in einer einzigen Rezension, im „Neuen Weg“ vom 27.11.1979, wird Bezug auf den „ursprünglichen“ Film genommen, ohne aber konkreter auf die Verbotsgeschichte einzugehen.

1972

Im Eulenspiegel Verlag Berlin erscheint das Gaunerspiel „Noch mal ein Ding drehn“ mit Grafiken von Eberhard Binder-Staßfurt. Jegliche Verweise auf den verbotenen DEFA-Film fehlen.

Oktober 1989

Beim Verband der Film- und Fernsehschaffenden der DDR bildet sich eine Arbeitsgruppe „Verbotene Filme“. Während der Sichtungen, die bis Anfang 1990 regelmäßig stattfinden, werden vor allem die nach dem 11. Plenum des ZK der SED verbotenen Filme für eine verspätete Premiere geprüft. Nach der Sichtung von HÄNDE HOCH ODER ICH SCHIESSE beschließen Regisseur Hans-Joachim Kasprzik und Autor Rudi Strahl, auf eine erneute Bearbeitung des Materials zu verzichten. Angesichts anderer Verbotsfilme wie DAS KANINCHEN BIN ICH oder SPUR DER STEINE halten sie HÄNDE HOCH ODER ICH SCHIESSE für sehr leichtgewichtig. Das Schnittmaterial verbleibt, wie bisher, im Staatlichen Filmarchiv der DDR und wird nach dessen Auflösung vom Bundesarchiv- Filmarchiv übernommen.

Zur Rekonstruktion des Films

Im Bundesarchiv-Filmarchiv lagerten zu Beginn der Restaurierungsphase rund 570 Filmbüchsen mit Materialien ZU HÄNDE HOCH ODER ICH SCHIESSE, darunter zehn Rollen Bildschnitt, die Originalmischung des Tons und eine Lichttonfassung, die 1966 zu Vorführzwecken vor den Gremien der DEFA und der HV Film hergestellt worden war. Diese bildeten den Ausgangspunkt für die von der DEFA-Stiftung und dem Bundesarchiv-Filmarchiv beauftragte Rekonstruktion des Films.

Den Schnitt übernahm, wie schon im Fall der rekonstruierten Verbotsfilme DIE SCHÖNSTE (1958) und FRÄULEIN SCHMETTERLING (1965/66), die Cutterin Ingeborg Marszalek, den Negativschnitt führte Barbara Gummert aus.

Während der Sichtung der Restmaterialien wurden unter anderem auch dokumentarische Szenen von den Drehorten Naumburg, Quedlinburg und Stolberg gefunden, die 1966 nicht in den Film aufgenommen worden waren. Außerdem enthielten die Büchsen einige Farbtests von Traumsequenzen mit der Hauptfigur Holms, die verschiedenfarbig koloriert wurden. In die Schnittfassung von 1966 wurden diese Farbsequenzen ebenso wenig aufgenommen wie in die Schnittfassung von 2009.

Probeaufnahmen wurden nicht gefunden, auch keine der aus politischen Gründen geschnittenen Sätze und Szenen. Der Zeichentrick-Vorspann einschließlich der Vorspannmusik war dagegen komplett vorhanden.

Die Sichtungs- und Schnittarbeiten wurden im Sommer/Herbst 2008 im Bundesarchiv-Filmarchiv durchgeführt, der Negativschnitt fand Anfang 2009 statt.

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