Hacksaw Ridge - Die Entscheidung Poster

„Hacksaw Ridge“ – die Kritik

Alexander Jodl |

Mel Gibson wirft Andrew Garfield als ersten Waffenverweigerer der Army in den Wahnsinn des Krieges. Und zeigt trotz mit ebenso belastend expliziten Szenen, wie auch Momenten großer Ruhe, dass es keiner Gewalt bedarf, um Heldenmut zu beweisen.

Filme von Mel Gibson sind keine dramaturgischen Warnschüsse – es sind Wirkungstreffer. Bereits „Die Passion Christi“ war so eine Erfahrung. Sein Ausflug in die Maya-Kultur „Apocalypto“ zeigte ebenfalls diesen Effekt. Und auch „Hacksaw Ridge“ entfaltet im Verlauf der üppigen zwei Stunden und 19 Minuten eine emotionale Wucht, der man sich kaum entziehen kann.

Dabei gönnte der Regisseur nach zehn Jahren Inszenierungs-Pause dem Werk erheblichen Anlauf, bevor er seinen Helden Desmond Doss samt Kameraden endgültig in die Hölle des Zweiten Weltkrieges schickt. Eine Hölle, die der zutiefst christliche Rekrut ohne Waffe betreten will – und für diese, in den Augen des Militärs geradezu verräterische Haltung sogar mit allen Mitteln kämpft.

Warum der junge Mann diesen Weg wählt, um seinem Vaterland zu dienen, wird dem Zuschauer im ersten Teil des Dramas nahe gebracht: Ein Kindheits-Trauma, tief verwurzelter Glaube und sein ganzes Weltbild verbieten ihm jede Form der Gewalt. Dennoch ist Doss auf seine Art Patriot –  möchte, ja muss seinem Land dienen. Sogar im Kampf. Wenn auch ausschließlich mit den wenigen Mitteln, die einem Unbewaffneten im Wahnsinn der Schlacht übrig bleiben: Verwundete pflegen, verbinden– und nicht zuletzt beten.

Mitten in der Hölle

Wäre er in einem Feldkrankenhaus weit jenseits der Frontlinie gelandet, hätte das ein akzeptabler Weg sein können. Doch das Schicksal führt Desmond in die Schlacht um Okinawa – und dort an den tödlichen „Hacksaw Ridge“. Einem blutgetränkten Schlachthaus oberhalb einer steilen Felswand, das unbarmherzige Ernte bei seinen Kameraden hält. Und auch dort versucht der unbewaffnete Soldat, einen Rest Menschlichkeit in den Irrsinn aus Explosionen, Metall, Flammen und Tod zu bringen: Er zieht Verwundete aus der unablässig umkämpften Hölle, bringt sie weg aus der Todeszone. Einen nach dem anderen. Und er hört einfach nicht damit auf…

Kann man mit einem schockierenden Blutbad, mit zerfetzten Leibern, abgerissenen Gliedmaßen und allgegenwärtigem Sterben die Sanftmut feiern? Mel Gibson kann es. Eines seiner großen Talente als Filmemacher war es stets, Gegensätze zusammenzuführen. Nicht filigran, nicht elegant – Gibson setzt auf dramaturgische Kernspaltung: Er lässt sie solange kollidieren, bis sich etwas daraus abspaltet, das ganz neue Eigenschaften besitzt.

Wucht und Stille

Eigenschaften, die auf das Publikum abfärben – und aus der Kombination zweier kaum vereinbarer Erzählweisen entstehen. Szenerien, deren schonungslose Wucht stark an die erste Viertelstunde aus Steven SpielbergsDer Soldat James Ryan“ erinnern, werden abgelöst durch anhaltende Momente der Stille und charakterlicher Entfaltung seines Protagonisten, in dessen Rolle Andrew Garfield zum ersten Mal zeigen darf, über welche darstellerischen Mittel er tatsächlich verfügt.

Diese sind im Übrigen extrem gut eingebettet in eine Riege von starken Schauspielern in wichtigen, wenn auch nur bedingt nachhaltigen Rollen: Hugo Weaving als verbitterter Vater. Sam Worthington und Vince Vaughn als Angehörige der Army – und nicht zuletzt Teresa Palmer als seine große Liebe.

Bilder des Grauens

Wer „Hacksaw Ridge“ nach über zwei Stunden verlässt, ist ebenso beeindruckt wie erdrückt. Doch diese emotional außergewöhnliche Gemengelage muss man sich verdienen. Vor allem durch das Ertragen von Szenen, wie sie vielleicht im Gefecht vorkommen – aber nach Möglichkeit auch dort bleiben sollten. Mel Gibson weiß, dass es keinen guten Weg gibt, solches Grauen angemessen zu schildern – und hält genau deshalb einfach schonungslos drauf.

Doch es gibt Erlösung – wodurch sogar Desmonds christliches Credo schließlich seine Bestätigung findet. Plump. Unglaubhafter Kitsch, konstruiertes Happy End, würde man jetzt sagen. Doch nicht, wenn man weiß, dass Desmond Doss keine Erfindung Hollywoods ist. Er war der erste US-Soldat, der den Vereinigten Staaten den Dienst an der Waffe verweigerte. Verspottet, gequält, verhaftet – und später mit der Medal of Honor geehrt. Mindestens 75 Soldaten verdanken seinem gewaltfreien Mut ihr Leben. Höchstens 50, wie er nach dem Einsatz standhaft behauptete. Sein Vorgesetzter zählte jedoch über 100 Gerettete. So einigten sie sich später auf 75 – und die höchste militärische Auszeichnung, die von den USA vergeben werden kann.

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Der Trailer zu „Hacksaw Ridge“

 

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