Für Links auf dieser Seite erhält kino.de ggf. eine Provision vom Händler, z.B. für mit oder blauer Unterstreichung gekennzeichnete. Mehr Infos.
  1. Kino.de
  2. Filme
  3. Greenberg
  4. Fakten und Hintergründe zum Film "Greenberg"

Fakten und Hintergründe zum Film "Greenberg"

Fakten und Hintergründe zum Film "Greenberg"
Poster Greenberg

Streaming bei:

Alle Streamingangebote

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Über die Produktion

Regisseur und Drehbuchautor Noah Baumbach und die an GREENBERG auch als Produzentin beteiligte Schauspielerin Jennifer Jason Leigh arbeiteten bereits an Baumbachs letztem Film MARGOT AT THE WEDDING (2007) mit dem Produzenten und Oscar-Preisträger Scott Rudin sehr erfolgreich zusammen. Bereits kurz nachdem dieser Film, der Leigh unter anderem eine Independent-Spirit-Award-Nominierung einbrachte, abgedreht und veröffentlicht war, begann das Trio mit den Planungen für ein neues gemeinsames Kinoprojekt.

Baumbach und Leigh konzipierten den neuen Film als einen, der Baumbach wiederum die Möglichkeit bieten sollte, emotionalen Tiefgang mit beißendem Witz zu verbinden, eine Mischung, für die der Regisseur seit seinem Debüt KICKING AND SCREAMING (1995) berüchtigt ist und die auch seinen Oscar-nominierten Kinoerfolg DER TINTENFISCH UND DER WAL (2005) prägt.

Baumbach und Leigh dachten sich eine Geschichte aus, die den Regisseur für seine Dreharbeiten diesmal nach Los Angeles brachte. Einige Jahre zuvor hatte Leigh in dieser Stadt bereits ihre Geschlechterkomödie BEZIEHUNGEN UND ANDERE KATASTROPHEN (The Anniversary Party, 2001) realisiert. In GREENBERG sollte die Stadt aber mehr darstellen, als nur den Hintergrund für die glänzend ausgearbeiteten Figuren des Drehbuchs.

Für die terminlich eng kalkulierten Dreharbeiten wurden sieben Wochen angesetzt, eine Zeitspanne, die ungefähr der Aufenthaltsdauer des Titelhelden der Filmgeschichte, Roger Greenberg, in Los Angeles entspricht.

„Los Angeles spielt in GREENBERG eine so große Rolle, dass man die Stadt fast als einen weiteren Filmcharakter, betrachten könnte, der ihm eine ganz eigene atmosphärische Note hinzufügt“, meint Location-Manager Stephenson Crossley. „Ich brauchte Noah gar nicht so viele Fotos zu zeigen, um ihm geeignete Drehorte vorzuschlagen, denn er wusste zum größten Teil bereits, wo er seine Aufnahmen machen wollte. Viele Drehorte waren bereits durch das Skript festgelegt, so dass ich mehr oder weniger nur noch dafür sorgen musste, Drehgenehmigungen einzuholen.“

„Viele der bereits im Drehbuch erwähnten Locations sind noch nie in einem Film gezeigt worden oder erscheinen auf den ersten Blick überhaupt dafür geeignet bzw. dafür in Frage zu kommen. Doch da wir keine Großproduktion mit dreistelligem Millionenbudget darstellten und auch nicht durch pyrotechnische Effekte sowie sonstige Spezialeffekte großen Schaden anrichten konnten, verhielten sich die Leute überall äußerst entgegenkommend. Wir hatten also nirgendwo das Problem, nicht drehen zu dürfen.“

Das berühmte Restaurant „Musso & Frank Grill” am Hollywood Boulevard, bereits 1919 eröffnet und seither eine lokale Institution, sollte beispielsweise den Schauplatz für Roger Greenbergs bescheidene und ruhige, dann aber doch, aufgrund seines eigenen Verschuldens, sehr hitzige kleine Geburtstagsfeier dienen.

Obwohl dort bereits andere Filme gedreht wurden, „waren wir die ersten, die den Inhaber dazu bewegen konnten, das Restaurant an einem Dienstag komplett zu schließen“, berichtet Crossley stolz. „Es gelang uns, ihn davon zu überzeugen, wie wichtig dieser Schauplatz für uns war, und dass er entscheidend dazu beitragen könnte, den Film und dessen Charaktere zum Leben zu erwecken. Noahs künstlerisches Credo lautete nämlich: Echte Menschen in authentischer Umgebung!“ Dementsprechend treten im Film auch die echten Kellner in Erscheinung, und bei allen Restaurantgästen, die man sieht, handelt es sich nicht etwa um Statisten, sondern um Leute, die dort auch normalerweise ein- und ausgehen.

Auch andere, bereits durch das Drehbuch festgelegte Schauplätze in Los Angeles sorgen für Wirklichkeitsnähe, darunter das „Lucy’s El Adobe Restaurant” schräg gegenüber den Paramount-Studios, die Wanderwege des „Runyon Canyons”, ein 64 Hektar großer Teil der „Santa Monica Mountains” und ein Refugium für Spaziergänger und Hunde, der „Fairfax district“, wo man an jedem Freitag und Samstag orthodoxe Juden zum Tempel eilen sehen kann, aber auch hippe Trendsetter, die in die schicken Restaurants und Boutiquen an der Melrose Avenue strömen, sowie das „Highland Gardens Hotel“.

Die meisten Schauplätze des Films liegen in Hollywood oder West Hollywood. Sie umreißen ziemlich genau das Gebiet, welches der Nicht-Autofahrer Roger Greenberg vom Wohnhaus seines Bruders fußläufig erreichen kann, inklusive der Tierarztpraxis, in die Leigh und Baumbach auch ihre eigenen Haustiere für den Dreh mitgebracht haben.

Die im Quartier „Silverlake“ gelegene Galerie „Machine Project” ermöglichte dem Team, im Film eine echte Kunstinstallation erscheinen zu lassen. Diesbezüglich erläutert Crossley: „Die Künstler hatten in einem der Räume einen künstlichen Wald entstehen lassen – und wir konnten eine ganze Nacht lang dort drehen, bevor anderntags die Ausstellung eröffnet wurde.“

„Unser Ausstatter Ford Wheeler arbeitete die ganze Zeit über sehr eng mit mir zusammen, das heißt., er stimmte seine Entwürfe stets ganz genau mit den jeweiligen Drehorten ab. Ich hoffe inständig, dass die Zuschauer einen Eindruck davon bekommen, wie es hier wirklich aussieht.“

Nachdem er bereits 2007 an Noah Baumbachs Vorgänger MARGOT AT THE WEDDING arbeitete, fing Kameramann Harris Savides Los Angeles für GREENBERG im Breitbildformat ein. Die Stadt wirkt deshalb ebenso cinematografisch wie real, und dank der vielen Außenaufnahmen gewinnt der Film insgesamt einen fast dokumentarischen Touch.

Nachdem die Crew sich kreuz und quer durch die Stadt bewegt hatte, fand die zweite Hälfte der Dreharbeiten in einem während der 1920er Jahre in den Hollywood Hills erbauten Haus statt, das im Film das Zuhause der Familie Phillip Greenberg darstellt.

Wheeler und sein Team gestalteten es so um, dass es sowohl eine glaubhafte Hülle für die gesetzte und geregelte Welt der Familie Phillips, als auch für die flüchtige und improvisierte Existierweise seines Bruders Roger bilden konnte. Auf Empfehlung eines Kollegen holte Wheeler für die Ausgestaltung des Hauses die Szenenbildnerin Elizabeth Keenan mit ins Boot. „Die Zusammenstellung der Einrichtung des Hauses“, berichtet sie, „erforderte vier siebentägige Arbeitswochen. Aber auf dem Set dieser Produktion herrschte eine wirklich wundervolle Kollegialität und Kameradschaft.“

„Noah und Jennifer hatten so genaue Vorstellungen darüber, was sie zum Ausdruck bringen wollten, und wer diese Filmcharaktere waren. Man merkte deutlich, dass sie sehr lange über ihre Figuren nachgedacht hatten, was die Sache für uns sehr viel einfacher machte. Mit den beiden zusammen zu arbeiten bedeutete, die Figuren nach und nach besser kennenzulernen, damit wir schließlich die Geschichte auch mit unseren Mitteln ein Stück weit voran bringen konnten. In meinem Fall bedeutete das konkret, dass ich mich mit allem auseinander zu setzen hatte, das kein Fußboden und keine Wand war, von der richtigen Bettlektüre über die passenden Toilettenartikel im Bad bis hin zur – mit der Kostümabteilung abgestimmten – geeigneten Kleidung im Schlafzimmerschrank.“

Wenn an dem Sprichwort „Kleider machen Leute“ wirklich etwas dran ist, „dann“, so Kostümbildner Mark Bridges, „muss Roger Greenbergs Kleidungsstil widerspiegeln, dass er ein wenig in der Vergangenheit lebt und sich seit vielen Jahren nicht wirklich weiter entwickelt hat. Er denkt, anders als sein Freund Ivan, immer noch, dass er sich im Aufbruch befindet, aber inzwischen ist viel Zeit vergangen. Sein Look trägt Anzeichen der späten 80er und frühen 90er Jahre und ist in Farben gehalten, die man heutzutage nicht mehr so häufig sieht: Man betrachte nur einmal seinen caramelfarbenen Baumwollpulli oder diese unsägliche braune Steppweste, die er bei vielen Gelegenheiten trägt. Für mich galt es also, vergangene Zeiten durch einzelne Details subtil anzudeuten, ohne dabei allzu dick aufzutragen. Sogar Greenbergs Schuhen schenkte ich meine Aufmerksamkeit, obwohl man sie wahrscheinlich kaum oder nie im Film zu sehen bekommt, denn ich gehe immer sehr gründlich vor.“

„Greenbergs L.A.-Erfahrung wird noch unangenehmer und surrealer, als sie es ohnehin schon ist, wenn er beispielsweise auf der Party am Ende des Films mit den 80er-Retro-Fashion-Vorlieben der 20-jährigen Kids konfrontiert wird. Wenn die Zuschauer dies nicht so deutlich merken, dann habe ich meinen Job gut gemacht. Denn es ist die Aufgabe von Noah und Harris, den Blick der Zuschauer zu lenken und zu leiten.“

Um deutlich zu machen, wie sehr er am Filmemachen gerade die Teamarbeit zu schätzen weiß, merkt Bridges an: „Nachdem ich das Skript gelesen hatte, lief der Film bereits vor meinem inneren Auge ab. Als später die Zusammenarbeit mit dem Regisseur begann, verglichen wir unsere Vorstellungen und Ideen und stimmten sie immer wieder aufs Neue miteinander ab, wenn eine weitere Rolle besetzt worden war. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich den Regisseur bei der Ausgestaltung einer Rolle unterstützen kann.“

Um den Titelcharakter Roger Greenberg zum Leben zu erwecken, klopften die Filmemacher bei Ben Stiller an. „Ich war zu der Zeit, als Noah und Jennifer mich kontaktierten, bereits ein großer Fan von DER TINTENFISCH UND DER WAL (2005), dessen Realismus, Atmosphäre und Emotionalität mich beeindrucken, und auch MARGOT AT THE WEDDING (2007) sowie KICKING AND SCREAMING (1995) gefielen mir sehr. Noah versteht es, Humor ins Spiel zu bringen, ohne auf plumpe Weise nach Lachern aus zu sein.“

„Deshalb war ich sehr neugierig darauf, das Drehbuch zu lesen und anschließend mit Noah darüber zu sprechen. Als wir später mit dem eigentlichen Arbeitsprozess anfingen, war ich mir sicher, dass ich es mit einem Filmemacher zu tun habe, der eine klare Vision verfolgt und genau weiß, was er will – und der dennoch für spontane Einfälle und Vorschläge offen geblieben ist.“

Dafür berühmt, ein Meister der Improvisation zu sein und auf diese Weise aus jeder zunächst noch so banal erscheinenden Szene etwas Besonderes machen zu können, konstatiert Stiller mit Erstaunen, dass „Noahs Drehbuch so überaus detailliert war und das Verhalten der einzelnen Charaktere bereits sehr treffend und genau beschrieb. Es stand alles schon auf der Seite. Improvisation war also überhaupt nicht von Nöten, und ich fand es sehr entspannend, einmal nicht ständig überlegen und einbringen zu müssen, damit eine Szene besser wird. Das Einzige, was ich zu tun hatte, war, mich in den Rhythmus seiner Dialoge einzufühlen. Manche Sequenzen, vier bis sechs Seiten lang im Skript, wirken regelrecht wie kleine Theaterstücke.“

„In diesem Film kann man zwei Menschen, die wie alle von Sorgen und Problemen gequält werden, dabei zusehen, wie sie allmählich eine Beziehung zueinander aufbauen. Greenberg und Florence bringen es fertig sich einander anzunähern, indem sie Barrieren einreißen, mit denen sie sich selbst umstellt haben. Bis jetzt habe ich noch nie an einem Film mitgewirkt, der mich so stark an Hal Ashbys und Robert Altmans Filme der 70er Jahre erinnert hat; an Filme, die ihre Figuren regelrecht erforschen und dabei deren subtilste und verborgendste Charakterzüge freilegen, wie man sie normalerweise nicht im Kino zu sehen bekommt.“

„Noah gelingt es“, staunt Stiller, „auf dem Set genau das zu bekommen, was er sich vorgestellt hat, ohne dabei auf den Kontrollblick auf ein Video-Playback angewiesen zu sein. Er merkt auch so, wenn etwas falsch läuft und gibt dann sehr genaue und hilfreiche Anweisungen wie etwa: ‚Du möchtest etwas schneller den Raum verlassen’ oder ‚Du fühlst Dich von diesem Kerl jetzt wirklich im Stich gelassen’. Er möchte an den Kern der Figuren herankommen.“

„Noah und Harris geben ein paar Szenenanweisungen und schießen dann mit mehreren Kameras gleichzeitig. Es wirkt alles so einfach, aber das, was die beiden da machen, erfordert eine Menge kreativen Mut.“

Savides erklärt dazu schlicht: „Ich mag es eben, wenn alles sehr natürlich und real wirkt. Dennoch habe ich großen Respekt vor dem Drehbuch.“

Und Stiller merkt an: „Noah schreibt so, wie die Leute sprechen, aber er berücksichtigt auch die Tatsache, dass sie in Gesprächen einander meistens nicht zuhören. Während der Dreharbeiten zu diesem Film habe ich realisiert, dass ich Leuten oftmals auch nicht richtig zuhöre: Jemand erzählt mir etwas, und ich nicke dabei nur mechanisch mit dem Kopf, während ich schon überlege, was ich als nächstes sagen möchte.“

„Einen weiteren Genuss“, fährt Stiller fort, „stellte für mich die Tatsache dar, einige Szenen gemeinsam mit Jennifer Jason Leigh spielen zu dürfen. Sie zählt meiner Meinung nach gegenwärtig zu unseren größten Darstellerinnen. Auf dem Set war sie, auch wenn keine Szene mit ihr auf dem Drehplan stand, ständig an der Seite ihres Mitstreiters Noah Baumbach anzutreffen.“

Eine noch wichtigere Filmpartnerin Stillers war Greta Gerwig, für die GREENBERG ihr bislang größtes Filmprojekt darstellt. Gerwig war sich ihres großen Karrieresprungs von Anfang an wohl bewusst: „Ich konnte kaum glauben, dass ich in einer aufwendigen, von Scott Rudin betreuten Focus Features-Produktion vorkommen werde. Als ich von Noah und Jennifer in ihrem Appartement gecastet wurde und für die beiden ein kleines Lied zum besten gab - denn Florence versucht sich im Film auch als Sängerin – da dachte ich nur: ‚Mann, Mann, auch wenn ich die Rolle nicht bekomme, darf ich mich doch freuen, überhaupt so weit gekommen zu sein.’“

„Nachdem ich das Skript durchgelesen hatte, wusste ich exakt, wer diese Florence ist. Noch nie zuvor habe ich etwas gelesen, das so perfekt beschreibt, was es heißt, eine 25-jährige Frau zu sein, die entdeckt, dass auch sie langsam älter wird. Deshalb wollte ich unbedingt an diesem ungewohnt großen Filmprojekt teilhaben, weniger weil es als ein logischer Schritt erschien, sondern vielmehr weil ich Filme dieser Art sehr liebe.“

Gerwig empfindet ihren Filmcharakter Florence als „eine Person mit viel Mut und einem starken Glauben daran, das alles schon irgendwie gut gehen wird, auch wenn eigentlich alles auf das Gegenteil hinausläuft. Sie erlaubt es sich nie, sich total down zu fühlen oder sich in Selbstmitleid zu suhlen. Das finde ich bewundernswert. Außerdem ist sie sehr ehrlich – ein Umstand, der ihr eine gewisse Komik verleiht.“

„In privaten, intimeren Momenten ist sie jedoch in der Lage darüber zu reflektieren, dass ihr Leben nicht so verläuft wie sie einmal geplant oder gehofft hatte. Dennoch schreitet sie mutig weiter voran, was man bewundern darf. Ihre Fähigkeit, auf sich selbst Acht zu geben, wird ihr auch nach dem Zeitpunkt, an dem die Filmhandlung abbricht, nicht abhanden kommen.“

Gerwig selbst fühlte sich von ihren GREENBERG-Kollegen durchaus wohl behütet, beachtet und umsorgt, wie sie selbst zum Ausdruck bringt: „Ich habe herausgefunden, das sich große Produktionen von kleineren, wie ich sie bisher ausschließlich gemacht habe, in einem Punkt jedenfalls nicht von einander unterscheiden: Alle Team-Mitglieder fühlen sich wie eine große Familie und verhalten sich auch so. Es gab auch keine spürbare Hierarchie auf dem Set. Nichtsdestoweniger hat sich Rhys Ifans regelmäßig wieder darüber erstaunt, wie viel zu Essen täglich vom Catering herangekarrt wurde. Er hat extra Fotos davon geschossen, um sie an seine Freunde in London zu schicken.“

„Wir verbrachten einige Wochen mit Proben. Noah, Ben und Jennifer, die alle so viel erfahrener sind als ich, sorgten durch ihre große Unterstützung sofort für eine Atmosphäre der Geborgenheit, so dass ich mich jederzeit absolut sicher fühlen konnte bei dem, was ich tue, sogar im Verlauf der schwierigsten Szenen zwischen Ben und mir. Ben, der sich für diesen Film maßlos engagierte, half mir in diesen Szenen ungemein, indem er auch dann weiterspielte, wenn die Kamera nicht auf ihn gerichtet war.“

„Wenn man mit Greta vor der Kamera steht“, schwärmt Stiller, „dann denkt man nicht, dass man spielt, sondern dass man sich mit ihr im normalen Leben befindet. Sie scheint geradezu unfähig zu sein, vor der Kamera unecht oder gekünstelt zu wirken. Nichts, was sie tut, wirkt irgendwie angestrengt oder gezwungen. Sie ist eine sehr schöne Frau, und das artikuliert sich vor allem in dem, was sie tut, in ihren Handlungen. Sie zeigte durchweg eine große Verbundenheit mit dem Thema des Films und mit ihrer Figur.“

Kostümbildner Mark Bridges kleidete Florence wie eine junge Frau ein, „die nicht viel Geld hat und sich in ihrer Haut ein wenig unwohl fühlt. Ich entschied mich in diesem Zusammenhang für eine Art eklektizistischen Kleider-Mix. Greta ist sehr groß. In der Rolle der unsicheren Florence wirkt sie deshalb wie ein ungelenkes Fohlen, manchmal atemberaubend anmutig und in anderen Situationen immer noch wie eine Heranwachsende.“

Die Rolle Ivans, des (ehemals) besten Freundes Greenbergs, spielt der gebürtige Waliser Rhys Ifans. Ifans meint, dass „wir alle Zeit damit verbringen uns unsere eigenen ‚Greenbergs’ erfolgreich vom Leib zu halten. Ivan setzt in seinem Leben mittlerweile andere Prioritäten und stellt dementsprechend auch andere Ansprüche an Greenberg, ist sich aber vollkommen bewusst, wer sie beide einmal waren. Noahs unglaublich gut geschriebenes Drehbuch macht sehr klar, woher mein Charakter kommt und welchen Weg er seit damals gegangen ist. In nahezu allen seinen Szenen, sagt Ivan nicht das, was er eigentlich sagen möchte.“

„Es wurde beschlossen, dass mein Charakter Engländer sein sollte, was mir einerseits die Sache wesentlich erleichtert hat und Ivan auf der anderen Seite eine gewisse Andersartigkeit verleiht, die den Film bereichert. Ich kenne übrigens eine Menge ‚Ivans’ in L.A., die lustigerweise alle Briten sind. Meiner Ansicht nach sind alle Figuren des Films ein wenig isoliert, Greenberg sicherlich am meisten. Anders als er scheint Ivan diesen Umstand jedoch weitaus besser bewältigen zu können.“

„Ich bin genau so alt wie Ivan“, fährt Rhys Ifans fort, „und diese Geschichte stellt Fragen an die 40-Jährigen, unter anderem die, ob sie in ihrem Leben das erreicht haben, was sie erreichen wollten. GREENBERG ist eine sehr witzige Komödie mit einem sehr ernsten Hintergrund.“

„Noahs Skript ist sehr analytisch, aber niemals verurteilend. Seine Dialoge wirken sehr nuanciert, sie resultieren aus einer sehr genauen Beobachtung der Art und Weise, wie wir miteinander sprechen. Mit Noah als Regisseur zu arbeiten war genauso, wie ich es mir erhofft hatte, meine Erwartungen wurden sogar noch übertroffen. Obwohl wir dem Drehbuch sehr treu blieben, gab es eine Erkundungsphase, in der wir viele Takes gedreht haben. Auf diese Weise konnten wir immer tiefer in unsere Charaktere eindringen.“

„Rhys und ich spielen alte Freunde, die sich seit über 20 Jahren kennen“, erklärt Ben Stiller, „doch im Vorfeld der Dreharbeiten hat sich nie die Möglichkeit ergeben, dass wir uns einmal persönlich treffen. Glücklicherweise ist Rhys ein unglaublich zugänglicher Mensch. Wir waren deshalb sofort in der Lage, die Dynamik zu ergründen, die zwischen Greenberg und Ivan nach all den Jahren immer noch besteht.“

„In GREENBERG geht es um Menschen, die ihre Träume nicht verwirklicht haben, und Träume sind etwas, womit man sich sehr stark identifizieren kann. Wie kommt man nun damit zurecht? Greenberg hat sich so viele Schutzschichten zugelegt und ist von so vielen Barrieren umgeben, dass er alle anderen Menschen von sich fern hält. Doch dann entwickelt sich zwischen ihm und Florence doch noch eine sehr eigentümliche Liebesgeschichte, an der die Zuschauer hoffentlich regen Anteil nehmen werden.“

Und Greta Gerwig ergänzt abschließend: „Der Ton des Films ist zugleich melancholisch, lustig, bittersüß und lebendig. Ich glaube, die Zuschauer werden sich darin selbst wiedererkennen, und ich hoffe, dass Noahs Fans GREENBERG als eine vertiefende Weiterführung seiner bisherigen Arbeit empfinden werden.“

„Auch dem Soundtrack ist anzumerken, dass GREENBERG - in mehrfacher Hinsicht - eine Liebesgeschichte darstellt. Für diejenigen, die Noahs Werk noch nicht kennen bietet dieser Film einen guten Einstieg, denn er repräsentiert genau das, was er machen will: Filme über echte Menschen.“

Interview mit den Filmemachern

Noah, Ihre Filme, sowohl diejenigen, bei denen Sie selbst Regie geführt als auch die, für die Sie ‚lediglich’ das Drehbuch verfasst haben, spielen stets an der US-amerikanischen Ostküste. Dachten Sie in dem Moment, als Sie die Figur des Roger Greenberg entwarfen, sofort daran, dass er ursprünglich aus Los Angeles stammen sollte? Oder beschäftigten Sie sich zunächst ganz unabhängig mit seinem Charakter und entschieden dann erst, woher er kommen und wohin er zurückkehren sollte?

Noah Baumbach: Erste Facetten des Charakters Roger Greenberg kamen mit bereits während der Arbeit an verschiedenen anderen Projekten in den Sinn. Ich meine damit nicht unbedingt nur Filmprojekte, sondern auch halbfertige Drehbücher oder andere Texte. Eine Figur in einem Entwurf für ein Theaterstück kommt beispielsweise dem Temperament Greenbergs schon sehr nahe.

Eine zentrale Vorstellung, die mich beim Verfassen des Drehbuchs leitete, war die, dass ich einen Film machen wollte, der in der Tradition der Romane Philip Roths, Saul Bellows oder John Updikes steht, also jener typisch amerikanischen Geschichten über Männer, die an einem bestimmten Punkt ihres Lebens in eine entscheidende Krise geraten. Einige dieser Texte sind bereits verfilmt worden, aber ich wollte keine weitere Adaption machen, sondern einen Film, der zwar Teil dieser Tradition ist, der sich aber allein auf filmische Erzählmittel verlässt.

Außerdem sollte dieser Film Los Angeles als reale Stadt zeigen, nicht als reine Industriemetropole. Jennifer stammt aus L.A.. Diese Tatsache gab mir die Möglichkeit, die Stadt aus der Perspektive einer ‚Eingeborenen’ zu erkunden. Eine meiner beeindruckendsten Erfahrungen, die ich im Verlauf der Dreharbeiten für GREENBERG sammeln dufte, war die, L.A. als einen bemerkenswerten, einzigartigen Ort wahrzunehmen, an dem wirkliche Menschen in wirklichen Familien leben.

Daraufhin habe ich mir einige großartige L.A.-Filme aus den 70er Jahren noch einmal angesehen, Filme von Paul Mazursky, John Cassavetes, Hal Ashby und Robert Altman. Sie alle vermitteln sehr unterschiedliche Eindrücke dieser Stadt. Besonders liebe ich Altmans DER TOD KENNT KEINE WIEDERKEHR (The Long Goodbye, 1973) mit Elliot Gould und Sterling Hayden, weil L.A. in diesem Film so reizvoll und verlockend wirkt und anscheinend gar nichts mit der Filmindustrie zu tun hat. Daneben habe ich Joan Didion und Leonard Michaels, zwei Autoren, die über diese Stadt schreiben, so manche Inspiration zu verdanken.

Jennifer Jason Leigh: Da ich in Los Angeles aufgewachsen bin, sehe ich die Stadt in einer sehr persönlichen Weise, die ich anderen gerne vermitteln würde. Das Licht in L.A. unterscheidet sich zum Beispiel sehr stark von dem an der Ostküste, außerdem herrscht hier eine gewisse Weite und Offenheit. Sicherlich gibt es viel Hässliches in L.A., aber auch eine spezifische Schönheit innerhalb dieser Hässlichkeit. Es gibt beispielsweise immer noch Abschnitte des Sunset Strips, an denen keine Bürotürme stehen. Es gibt dort sogar einen von historischen Häusern aus den 20er Jahren umgebenen Bauernmarkt, und nur wenige Meter die Straße hinunter befindet sich ein 99-Cent-Shop. Wenn der Staub in der Luft das Licht reflektiert, erscheint er fast grün. Oder die Schönheit des Winterhimmels …

Welche Ihrer favorisierten Gegenden und Plätze tauchen im Film auf?

Jennifer Jason Leigh: Es gibt viele. Da L.A. meine Heimatstadt ist, kenne ich natürlich alle Drehorte des Films. Schwierig zu sagen, welcher davon mein Lieblingsort ist. Greenberg geht zum Beispiel hinauf nach Fairfax und fährt hinunter nach La Brea, Florence fährt mit dem Auto über den Sunset Strip, an den Marktständen von Silverlake entlang, wandert durch die Hügel. Sogar die Tierarztpraxis kenne ich.

Noah Baumbach: Von jedem ein bisschen vielleicht.

GREENBERG stellt Ihr zweites gemeinsames Filmprojekt mit Kameramann Harris Savides dar. Welche Aufgabe haben Sie beide sich für diesen neuen Film gestellt, wie sollte sich GREENBERG von Margot at the Wedding, der in einem sehr experimentellen, schroffen Stil aufgenommen ist, in visueller Hinsicht unterscheiden?

Noah Baumbach: Margot at the Wedding ist visuell tatsächlich ganz bewusst rauer und unmittelbarer gestaltet. Um diesen Effekt zu erreichen, benutzten wir damals sehr alte Linsen, und die Handkamera kam häufig zum Einsatz. GREENBERG sollte im Unterschied dazu offener und freundlicher wirken. Denn obwohl es in diesem Film um einen Mann geht, der versucht, gar nichts zu tun, charakterisiert sich seine Umwelt als durchaus gefällig, lebendig und aktiv. Deshalb wählten wir ein Breitbildformat. Zur visuellen Orientierung sahen wir uns Filme wie Frank Perrys PLAY IT AS IT LAYS (1972) sowie Fotografien von William Eggleston und Ed Ruscha an.

Die Party-Sequenz bildet nach guter filmischer Tradition sicherlich einen Höhepunkt des Films, einen Moment, an dem die Lage eskaliert und die Stimmung jäh umschlägt. Wie haben Sie Ihre jungen Darstellerinnen und Darsteller, allen voran Brie Larson und Juno Temple, aber auch die Nebendarsteller wie Dave Franco, auf diese Szenen vorbereitet, damit sie natürlich und ungestellt wirken? Oder haben Sie vollkommen auf Anweisungen verzichtet?

Noah Baumbach: Wir haben einfach eine richtige Party abgefilmt. Brie und Juno wurden kurzerhand damit beauftragt, ihre Freundinnen und Freunde einzuladen. Deshalb agiert dort jeder authentisch, alle Hintergrundgespräche sind echt und nicht gestellt. Im Grunde genommen haben die jungen Leute lediglich fünf Nächte lang gefeiert, und wir haben die Kamera draufgehalten.

In der angesprochenen Partysequenz, aber auch in anderen Szenen GREENBERGs spielt Musik eine große Rolle. Es gibt einen speziell für den Film komponierten Soundtrack, und dann einige bekannte Songs, die dem Film zusätzlich eingefügt wurden.

Diese Musikstücke verdeutlichen, wer diese Leute sind, sie charakterisieren die Figuren und beispielsweise auch die Art und Weise, wie Roger Greenberg vorsichtig versucht, sich Florence anzunähern. Können Sie uns ein wenig zu James Murphys Musik erzählen?

Noah Baumbach: GREENBERG ist mein erster Film mit einem wirklichen Soundtrack. In meinem letzen Film Margot at the Wedding kamen zum Beispiel nur einzelne Songs vor, eine untermalende Filmmusik gab es nicht. Einmal, zu der Zeit als ich gerade das Drehbuch für GREENBERG verfasste, fuhren Jennifer und ich gerade mit dem Auto durch Los Angeles, und wir vermissten New York ein wenig. Da ertönte im Radio der Song „New York, I Love You But You’re Bringing Me Down”. Es war der erste Titel der Band „LCD Soundsystem”, den ich jemals gehört hatte. Ich war davon total hingerissen und besorgte mir daraufhin sofort die CD. James Murphys Betrachtung der Stadt New York und seine Beschreibung des Gefühls, älter zu werden, passten absolut perfekt zum Charakter Roger Greenbergs. Deshalb hörte ich mir den Song sehr oft an, während ich am Drehbuch schrieb. Ich dachte daran, mir diese Band genauer anzuschauen, wenn es später daran gehen würde, sich mit dem Soundtrack für den Film näher zu befassen.

Als ich James später traf, verstanden wir uns auf Anhieb blendend, und zufälligerweise plante er gerade, sein neues Album in Los Angeles aufzunehmen, genau zu der Zeit, als wir dort drehten. Ein äußerst glücklicher Zufall, denn auf diese Weise konnte er häufig bei den Dreharbeiten anwesend sein und das aktuelle Filmmaterial sichten. Seine Songs bilden im Film eine weitere Stimme.

Viele der anderen Songs in GREENBERG – wie Albert Hammonds „It Never Rains In Southern California“, Duran Durans „The Chauffeur“ oder Paul & Linda McCartneys „Uncle Albert/Admiral Halsey“ wurden direkt ins Skript hineingeschrieben. Diese Songs kommen sozusagen aus den Charakteren, sie spiegeln deren Gefühle und Stimmungen wider.

Wo wir gerade bei den Charakteren angelangt sind: Der Titel des Films lautet GREENBERG, aber am Anfang nimmt man alles aus Florence’ Perspektive wahr, sie steht zunächst im Blickzentrum, was sicherlich sehr schön ist. Denn man verliebt sich sofort in sie, weil sie eine so sympathische Erscheinung ist. War es von Anfang an geplant, so zu beginnen, oder hat es sich erst so entschieden, nachdem feststand, dass Greta Gerwig diese Rolle spielen würde?

Noah Baumbach: Es stand schon vorher fest, aber es hat sich innerhalb des Schreibprozesses erst sehr spät ergeben. Die ersten Entwürfe beginnen alle mit Roger Greenberg. Manche zeigen ihn am Anfang sogar noch in New York. Ich kann mich nicht mehr richtig daran erinnern, warum ich mich schließlich dazu entschieden habe, mit ihr anzufangen, es fühlte sich irgendwie richtig und überzeugend an, seinen Auftritt etwas aufzuschieben. Jetzt wirkt der Anfang etwas wie ein Kurzfilm über Florence, die den Fokus dann auf Greenberg verschiebt.

Das beinahe zärtliche Mitgefühl, das der Film Gretas Charakter entgegenbringt – und das auch Greenberg ihr gegenüber verspürt – scheint sich, ob es nun durch Greta Gerwig oder den Regisseur selbst vermittelt, aus einem sehr persönlichen Erfahrungsschatz zu speisen. Haben Sie das Gefühl, solche Frauen auch in Wirklichkeit zu kennen?

Noah Baumbach: Ja, wir kennen beide solche jungen Frauen wie Florence.

Jennifer Jason Leigh: Sie weiß nicht genau, wie man eine Beziehung führt oder auch nur zustande bringt. Ihre Sexualität ist ihr selbst ein Mysterium und stellt für sie bislang noch nichts wirklich Wertvolles dar. Aber sie hat sich dennoch ihre Unschuld bewahrt, sie ist nicht abgestumpft oder verbittert, die Verletzungen, die sie erfahren hat, haben noch keine Spuren hinterlassen.

Greta war die erste Schauspielerin, die wir für die Rolle gecastet haben. Sie hat Florence spontan verstanden und sich in ihren Charakter vollkommen einfühlen können, sodass wir uns sofort für sie entschieden haben. Greta verleiht Florence eine gewisse sonnige Offenheit, die zuweilen regelrecht ins Tapsige hineinspielt. Sie kann sehr schön aussehen, aber auch äußerst tollpatschig wirken. Das ist so lustig, charmant und ungekünstelt, dass einem manchmal die Sprache wegbleibt.

Noah Baumbach: Greta hat eine sehr tiefe, persönliche Verbindung mit ihrem Filmcharakter aufgebaut. Sie geht mit ihrer Darstellung sogar weit über das hinaus, was ich geschrieben habe. Deshalb habe ich sie einfach machen lassen. Anweisungen waren vollkommen überflüssig.

Sie haben in GREENBERG zum ersten Mal mit Ben Stiller zusammengearbeitet. Gab es eine gemeinsame Probenphase?

Noah Baumbach: Ben und ich haben wochenlang gemeinsam an der Figur Roger Greenberg gefeilt. Bens Einfühlungsvermögen in diesen Charakter war beinahe ehrfurchtgebietend. Es hat wirklich Spaß gemacht, ihm dabei zuzusehen. Es gab auch Proben mit ihm und Greta gemeinsam, aber nicht allzu viele. Da sich Greenberg und Florence im Film ja erst kennenlernen, sich zunächst also sehr fremd gegenüberstehen, wollte ich nämlich nicht, dass ihre Darsteller bereits sehr familiär miteinander sind.

Der Film zeigt auch Momente, in denen die beiden Hauptfiguren ganz allein mit sich sind, sehr eindringliche und realistische Momente: Greta, die allein im Auto unterwegs ist, und Roger, wie er seine merkwürdigen Briefe verfasst. Was bedeuten diese Briefe für ihn, was haben Sie sich dabei gedacht, als Sie ihm diesen Charakterzug verliehen haben?

Noah Baumbach: In diesen Momenten zeigt sich Rogers ganze Energie, seine Leidenschaft, sein Zorn, seine Angst und seine Frustration. Vor allem die Streitlust gehört untrennbar zu Greenbergs Charakter.

Lange Zeit habe ich in meinen Filmen sehr viel Dialog untergebracht. Nun aber wollte ich die Stimmung etwas beruhigen. Eigentlich liebe ich nämlich Filme, in denen die Figuren sehr stark bei sich selbst sind, in denen es Momente gibt, die ihr ganz privates Gesicht vollkommen jenseits des öffentlichen zeigen. Ich glaube, darum geht es mir in GREENBERG sogar ganz entscheidend. Dabei spielt auch die Atmosphäre, die die Figuren umgibt, eine große Rolle, nicht zuletzt die akustische: James Murphys sensible Musik sowie die ganz spezifischen Sounds von Los Angeles, das Vogelgezwitscher, das Summen der Laubgebläse, das Geplätscher der Swimmingpools, das Brummen vorbeifahrender Autos. Wir haben all diese Geräusche separat aufgenommen, um daraus später bei der Tonmischung den realistischen Klang der Stadt rekonstruieren zu können. Außerdem war es ungemein fesselnd, in diesen einsamen Momenten das Spiel unserer Darsteller zu beobachten. Ben zum Beispiel ist ein wahrer Meister darin, die komplette Gedanken- und Gefühlswelt seines Charakters deutlich zum Ausdruck zu bringen, während er nichts sagt und eigentlich auch nichts tut.

Wie kommt es zu Roger Greenbergs nervlichem Zusammenbruch, was passiert in seinem Kopf, und wie nimmt er sich selbst dabei wahr? Sieht er ihn in der Art einer hellsichtigen Selbstdiagnose voraus, erlebt er ihn also bewusst, oder stößt er ihm einfach zu?

Noah Baumbach: Ich denke, dieser innerliche Kollaps passiert ihm einfach, etwas entzieht sich seiner Kontrolle, und das macht ihm Angst. Er verbringt allgemein viel Zeit damit, die Kontrolle über sein Leben zu behalten. Doch manchmal entgleiten ihm einfach die Zügel, wie man an mehreren Stellen des Films beobachten kann. Es gibt da einen starken Kontrast zwischen einer Szene vom Anfang, in der er Florence in der Küche seines Bruders den Albert-Hammond-Song vorspielt und sich dabei sehr scheu und zurückhaltend verhält, und einer späteren Restaurantszene, in der die anderen für ihm ein Geburtstagsständchen singen und er daraufhin vollkommen unkontrolliert aus der Haut fährt. Ein Umstand, über den ich mit Ben Stiller sehr intensiv diskutiert habe, betrifft Roger Greenbergs Schamgefühl, seine panische Angst vor Entblößung und Peinlichkeiten. Er versucht inständig möglichst jede Demütigung, jede Kränkung und jede Blamage zu umgehen, was natürlich ein aussichtsloses Unterfangen ist. Ich denke, der Zusammenbruch war in diesem Zusammenhang eine ganz zentrale, schockierende Erfahrung: Sein Körper, sein Gefühlsleben, alles hat plötzlich den Geist aufgegeben. Anderen Menschen erzählt er nichts über den Zusammenbruch, er versucht vielmehr, sein Problem zu rationalisieren und trifft eine ganz überlegte Entscheidung: „Ich tue nichts mehr, also kann ich auch nichts falsch machen.“ So verbirgt und verheimlicht er viel. Meiner Erfahrung nach, ändern sich Menschen, die einen emotionalen Kollaps durchmachen mussten, nicht sofort. Interessant ist außerdem, das die einzige Person, der er von seinem Nervenzusammenbruch erzählt, Beth ist, der er zwar vor 15 Jahren sehr nahestand, die aber jetzt kaum mehr ist, als eine entfernte Bekannte.

Jennifer, stand es von Anfang an fest, dass Sie die Rolle der Beth übernehmen würden? Oder wollten Sie sich schließlich doch nicht die Gelegenheit entgehen lassen, gemeinsam mit Ben Stiller diese sehr reizvollen Szenen auszugestalten?

Jennifer Jason Leigh: Beim Schreiben dachten wir noch gar nicht dran. Aber als wir damit begannen, über die Besetzung nachzudenken, erschien es uns plötzlich als eine gute Idee. Ich verliebte mich in die Vorstellung, gemeinsam mit Ben diese hochnotpeinliche und absolut unangenehme Restaurantszene zu spielen. Beth hat sich im Verlauf der Jahre so sehr verändert, Greenberg hingegen, für den sie einst sehr viel empfunden hat, ist irgendwie stehen geblieben. Als Schauspielerin mochte ich natürlich die Komik in dieser Szene, die auch enthüllt, wie tief Greenberg immer noch in seiner Vergangenheit steckt, und wie wenig er in der Lage ist, in der Gegenwart anzukommen.

Man muss unweigerlich über die in dieser Szene herrschende Beklemmung und Verlegenheit lachen, aber gleichzeitig empfindet man angesichts der sich artikulierenden Verletzlichkeit Greenbergs - genauso wie Florence - auch großes Mitleid mit ihm. Ähnlich ergeht es einem beim Betrachten der Geburtstagsparty-Sequenz, die zeitliche Sprünge aufweist. Aufgrund dieser durch den Schnitt bewerkstelligten Sprünge bekommt man ein Gefühl dafür, was Greenberg dort innerlich durchmacht. Wie haben Sie diese Sequenz eigentlich genau montiert?

Noah Baumbach: Wir haben die Geburtstagsparty zunächst vollkommen chronologisch aufgenommen, und obwohl dann auch alles einigermaßen funktionierte, erschien uns die Sequenz letztlich doch zu lang. Außerdem fehlte etwas, was wir eigentlich damit zum Ausdruck bringen wollten, irgendetwas stimmte nicht. Da fiel Jennifer John Schlesingers ASPHALT-COWBOY (Midnight Cowboy, 1969) mit John Voight und Dustin Hoffman in den Hauptrollen ein. In diesem Film besuchen die beiden eine Party, die wie eine Wiederauferstehung von Andy Warhols legendärer „Factory“ anmutet und die filmisch wie ein impressionistisches Erlebnis gestaltet ist: Alle Begegnungen und Gespräche, die dort stattfinden, sind durch Schnitte fragmentarisch und anschließend neu zusammengesetzt worden. Nach diesem Vorbild haben wir dann auch unsere Partysequenz neu montiert, in der Hoffnung, dass Greenbergs Empfinden auf diese Weise besser zum Ausdruck kommt als durch eine zeitlich stringente Erzählweise. Erstaunlicherweise hat es funktioniert. Es kam dem Geist des Drehbuchs sogar näher als der ursprüngliche Plan. Denn wenn man sich auf einer Party sehr unwohl fühlt, dann nimmt man die einzelnen Geschehnisse nicht mehr in einer geordneten Abfolge war, sondern als ein bedrängendes chaotisches Durcheinander. Leute stellen sich einem vor, reden auf einen ein, aber man hört eigentlich gar nicht mehr zu. Greenberg erleidet auf dieser Party so etwas wie eine kleine Panikattacke, weil sich um ihn herum alle so wohl zu fühlen scheinen und - im krassen Unterschied zu ihm - so ausgesprochen etabliert wirken.

Können Sie etwas zu Greenbergs altem Kumpel Ivan und die Beziehung zwischen beiden, die einen wichtigen Bestandteil des Films ausmacht, sagen? Die Freunde treten ja nach langer Zeit wieder in Kontakt, als Greenberg zurück in seine alte Heimat kommt. Mich interessiert dabei vor allem Ivan, und warum er sich wieder auf Greenberg einlässt …

Noah Baumbach: Ich denke, Ivan mag Greenberg wirklich, zwischen beiden besteht immer noch eine große Anziehungskraft. Egal wie viel sich im Leben verändert, was man alles hinter sich gelassen und wie viel Abstand sich gegenüber einer alten Freundschaft eingestellt hat. Wenn man Personen aus der Vergangenheit dann wieder sieht, stellt man fest, dass trotz all der Jahre doch noch eine enge Verbindung besteht. Oftmals fällt man sogar ganz spontan in die alten Beziehungsmuster zurück. Ivans Leben hat sich ganz entscheidend verändert: Er ist ruhiger geworden, er ist verheiratet, und er hat jetzt ein Kind. Greenberg hingegen ist weitgehend noch immer genau die Person, die er früher schon war, natürlich abgesehen davon, dass er nunmehr um 20 Jahre gealtert ist. Ivan möchte es vermeiden, in das alte Beziehungsmuster zurückzufallen, während Greenberg gerne so tun würde, als sei alles immer noch genau wie früher. Aber das Gewohnte funktioniert einfach nicht mehr. Ich finde es immer interessant zu beobachten, wie häufig längst verheilt geglaubte Wunden der Vergangenheit - in diesem Fall das Auseinanderbrechen der gemeinsamen Rock-Band - schließlich doch wieder aufbrechen. Im Verlauf ihrer Konfrontation am Ende des Films setzen sich Ivan und Greenberg mit Dingen auseinander, die vor 15-20 Jahren geschehen sind. Das mag auf der einen Seite ziemlich albern erscheinen. Auf der anderen zeigt es aber sehr deutlich, wie tief sich die Verletzung eingegraben hat und wie schmerzhaft sie gegenwärtig immer noch ist. Ein wirklich trauriger Moment in unserer Geschichte.

Der Film legt großes Augenmerk auf den Moment, an dem Greenberg beginnt, seine eigene Lage zu realisieren und daraufhin sein Verhalten zumindest ansatzweise zu überdenken. Er scheint tatsächlich etwas über sich zu entdecken im Verlauf des Mittagessens mit seinen ehemaligen Band-Kollegen…

Noah Baumbach: Man könnte vielleicht sagen, dass sich während dieses Mittagessens bei Greenberg eine Ahnung über sich selbst einschleicht. Aber er bringt es nicht fertig, das vor sich selbst auch zuzugeben. Er befindet sich immer noch in einer Abwehrhaltung, hängt Vorstellungen aus seiner Jugend nach sowie den alten Geschichten an, mit denen er versucht, seine schmerzlichen Erfahrungen zu rationalisieren und sein damaliges wie heutiges Verhalten zu rechtfertigen.

Er ist immer noch ein stolzer, unbeugsamer Mensch, obwohl er kein Künstler mehr ist.

Noah Baumbach: Weil seine Ideale, wenn man sie an sich betrachtet, durchaus gute Ideale sind. Man kann sie sogar bewundern. Aber sie müssen auch als Ausreden und Entschuldigungen herhalten. Und zwar dafür, dass Greenberg damals aus Furcht so gehandelt hat und heute noch weitaus ängstlicher agiert. Es gibt da diesen Gedanken in ihm, dass, falls das Leben nicht genau die Träume erfüllt, die er sich als 12-Jähriger in seiner Fantasie ausgemalt hat, alles andere einfach nicht gut genug ist. Sein hartnäckiges Festhalten an diesen Wunschvorstellungen hat, wie ich finde, etwas sehr Rührendes. Es wäre an diesem Punkt seines Lebens zu schmerzhaft, sie aufzugeben. Gleichzeitig stellt das Nicht-Loslassenkönnen in seinem Leben jedoch auch einen stetigen Quell der Unzufriedenheit und des Unglücks dar. Greenbergs aufgestauter Groll rührt daher, dass das Leben partout nicht kooperieren will!

Am stärksten spürt man dies in seiner Beziehung zu Florence… Was führt schließlich dazu, dass er sich ihr am Ende dann doch irgendwie öffnet?

Noah Baumbach: Es entwickelt sich prozesshaft im Verlauf des Films. Greenberg befindet sich auf einem Kollisionskurs mit sich selbst. Am Ende fegt eine Kombination aus Drogen, Erschöpfung, überdrehten 20-jährigen Party-Kids und Trauer über das Zerwürfnis mit Ivan alle Mauern um seine Seele hinweg. Und er öffnet sich vollkommen mit einem Anruf bei Florence. Eine Mitteilungsform, die es ihm leicht macht, weil ihm dabei niemand zusieht.

Dieser Anruf kommt auf raffinierte Weise in der letzten Filmszene wieder ins Spiel…

Noah Baumbach: Auf eine Weise, die äußerst gut zu Greenberg passt. Denn Florence hört die Nachricht, die er ihr in der Nacht zuvor auf ihrem Anrufbeantworter hinterlassen hat, anderntags während seiner Anwesenheit ab, sodass er in der Szene gleichzeitig als Vergangener und Gegenwärtiger erscheint.

Sind Sie optimistisch, dass er vielleicht dauerhaft bei Florence in Kalifornien bleibt? Oder ist das eine Frage, die nun wirklich eindeutig über den Film hinausreicht?

Noah Baumbach: Ich drücke den beiden die Daumen, obwohl ich nicht weiß, ob das etwas nützen wird. Es ist aber schon einmal sehr wichtig, dass er zumindest in diesem Augenblick auf sie zugeht und bei ihr bleibt.

Sie haben sich beide ein ganzes Stück vorwärts bewegt…

Noah Baumbach: Florence grenzt sich grundsätzlich nicht so sehr von anderen Menschen ab, während Greenberg sich mit Millionen Mauern umgibt. Florence ist bereit, einiges in Kauf zu nehmen, wenn sie an jemanden glaubt. Und sie entdeckt etwas in Greenberg, eine unterdrückte Liebenswürdigkeit und eine ganz spezifische Verletzlichkeit. Sie liegt damit vollkommen richtig und wird am Ende für ihre Ausdauer und Anhänglichkeit belohnt. Greenberg schafft es im Gegenzug, seinen ausgetretenen Pfad zumindest einen Augenblick lang zu verlassen und einen neuen Weg einzuschlagen. Dieser Moment des gegenseitigen Aufeinander-Zugehens hat für beide eine enorm große Bedeutung.

In GREENBERG ereignen sich intime Momente zwischen verschiedenen Menschen, Momente, die die hervorragenden Darsteller in meinen Augen zu wirklichen Ereignissen gemacht haben. Ihnen dabei zuzusehen war für mich als Regisseur eine große Freude und ein unglaubliches Geschenk.