Filmhandlung und Hintergrund

Zu schräg für 20.15 Uhr: Der ästhetisch ungemein reizvolle HR-Krimi erzählt von Waffen, die ein Eigenleben führen. Es ist sehr bedauerlich, dass die ARD-Fernsehfilmkoordination diesem Krimi des Hessischen Rundfunks eine Ausstrahlung um 20.15 Uhr verweigert hat. Mitunter schießt der HR bei seinen Eigenproduktionen zwar übers Ziel hinaus, aber immerhin traut sich der Sender was. Nach der gleichnamigen Novelle von...

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Kritikerrezensionen

  • Zu schräg für 20.15 Uhr: Der ästhetisch ungemein reizvolle HR-Krimi erzählt von Waffen, die ein Eigenleben führen.

    Es ist sehr bedauerlich, dass die ARD-Fernsehfilmkoordination diesem Krimi des Hessischen Rundfunks eine Ausstrahlung um 20.15 Uhr verweigert hat. Mitunter schießt der HR bei seinen Eigenproduktionen zwar übers Ziel hinaus, aber immerhin traut sich der Sender was. Nach der gleichnamigen Novelle von Gerhard Zahner erzählen Markus Busch (Buch) und Didi Danquart (Buch und Regie) eine Geschichte, die die Redensart „Nicht Waffen töten Menschen, sondern Menschen töten Menschen“ konterkariert: In und um Frankfurt scheinen Pistolen und Gewehre plötzlich von allein loszugehen. Hauptkommissar Goster (Bruno Cathomas) wird mit dem Phänomen konfrontiert, als er zum Schauplatz eines vermeintlichen Selbstmords gerufen wird: Ein offenbar aus einem Fenster gestürzter nackter Mann liegt tot im Vorgarten. Als sich Goster und ein uniformierter Polizist der entsprechenden Wohnungstür nähern, fällt ein Schuss; der Kollege stirbt, der Kommissar erleidet einen Herzinfarkt. Kurz drauf stellt sich raus, dass die Wohnung bis auf eine Pistole leer ist; die Polizei steht vor einem Rätsel. Aber dann kommt es vermehrt zu ähnlich mysteriösen Vorfällen, die nur einen Schluss zulassen: Waffen machen sich selbstständig.

    Neben der ungewöhnlichen Handlung liegt der Reiz des Krimis vor allem in seiner Machart: Immer wieder durchsetzt Danquart den Film durch Comic-Elemente. Anders als in vergleichbaren Hollywood- Produktionen wie „Sin City“ oder „Dick Tracy“ werden die Bilder jedoch nicht verfremdet, sondern ergänzt. Gelegentlich dienen die grafischen Einschübe auch der spielerischen Auflockerung, wenn Goster gleich zu Beginn ein Loch in den Mond schießt, aber meist illustrieren die Bilder Rückblenden oder Erzählungen. Gerade die Rechercheergebnisse von Gosters junger Kollegin (Julia Riedler) bekommen auf diese Weise Gewicht: Sie hat rausgefunden, dass der Tote im Garten Teil eines Pärchens war, dass „break-in-sex“ be- und getrieben hat. Menschen verabreden sich zum Einbruch in fremde Wohnungen, fotografieren sich beim Sex und stellen die Bilder auf einer Website zur Schau. Die entsprechenden Zeichnungen sind zwar recht freizügig, aber sicher kein Grund für die späte Sendezeit. Auch die Berichte über die weiteren Morde ohne Täter werden auf diese Weise optisch umgesetzt.

    Der spürbare Wille, einen mindestens ungewöhnlichen Film herzustellen, zeigt sich auch bei der Auswahl der Schauspieler; Titeldarsteller Cathomas ist schon als neuer Chef im „Tatort“ aus Frankfurt aus dem Rahmen gefallen. Der alleinstehende Ermittler erinnert ohnehin eher an amerikanische Privatdetektive; dafür sorgt nicht nur die Kameraarbeit mit ihren Reminiszenzen an entsprechende Hollywood-Filme, sondern auch ein Hinweis auf John Hustons Klassiker „The Maltese Falcon“ („Die Spur des Falken„). Leider hält der Film die Spannung der flott erzählten ersten Hälfte nicht durch; spätestens im letzten Drittel geht der Geschichte die Kraft aus, und der Schluss ist etwas enttäuschend; das Phänomen der zu einem Eigenleben erwachten Schusswaffen wird auch nicht aufgeklärt. Ästhetisch bleibt „Goster“ allerdings bis zum Ende enorm reizvoll. Als visuelles Experiment ist der Film sowieso sehenswert, zumal Kameramann Johann Feindt mit Licht- und Farbinseln über die grafischen Einschübe hinaus weitere Akzente setzt. Witzig ist auch die Idee, jedem Verdacht der Produktplatzierung Vorschub zu leisten: Auf dem Rotweinetikett steht „Rotwein“, auf der Kola-Flasche „Cola“, und die Tankstelle heißt „Tankstelle“. TPG.

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