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Fakten und Hintergründe zum Film "Ganz nah bei Dir "

Fakten und Hintergründe zum Film "Ganz nah bei Dir "

Das bringt der Serienherbst auf Disney+
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Regiekommentar

Was mich an der Geschichte fasziniert hat, ist das Aufeinandertreffen von so speziellen und scheinbar widersprüchlichen Welten. Da begegnet dieser verschrobene Phillip, der es so gerne ruhig und stumm mag, der so gern gesehen werden will, aber gleichzeitig solch panische Angst vor echter Nähe hat, daß er sich in seiner kleinen Welt verkriecht, ausgerechnet der blinden Lina, einer Frau, die ihn nie sehen wird – zumindest nicht mit ihren Augen.

Zwei Menschen also, die so gar nichts gemein zu haben scheinen und doch, als sich die Beiden begegnen, passiert etwas Magisches. Obwohl Lina nicht sieht, kann sich Phillip ausgerechnet vor ihr nicht weiter verstecken. Wenn nur diese Angst nicht wäre. Aber um die Einsamkeit zu überwinden, muß die Angst besiegt werden.

Interview mit Almut Getto (Regie)

Wann und wie sind Sie auf das Drehbuch von Speedy Deftereos gestoßen? Und was hat Ihnen daran gefallen?

Als mich der Produzent Michael Eckelt im Mai 2007 ansprach und mir von seinem Projekt „Ganz nah bei Dir“ erzählte, an dem er bereits seit einigen Jahren arbeitete und für das er noch immer nach einem Regisseur suchte, war ich gerade dabei einen eigenen, neuen Stoff zu beginnen. Ich hatte einige Monate zuvor einen jungen Mann kennen gelernt, der zwar mitten unter uns, aber dennoch in einer sehr isolierten, eigenen Welt lebte und so voller für mich nicht nachvollziehbarer Widersprüche war, dass mich das sehr beschäftig hatte. Er konnte der liebenswürdigste Mensch sein, den man sich vorstellen kann, witzig und eloquent – und einen Moment später zog er sich in die komplette Isolation zurück, stieß unfähig jedweder Kommunikation jeden brutal vor den Kopf, der ihn in seinem „Panzer“ stören wollte. Für Außenstehende war sein Verhalten so schwer zu begreifen, schien es einem oft auch so unlogisch und unsinnig. Vor allem erreichte er damit fast immer das Gegenteil von dem, was er sich eigentlich für sein Leben wünschte. Aber er war einfach so in seiner Vergangenheit und seinen daraus resultierenden Ängsten gefangen, dass er sich in bestimmten Momenten nicht anders zu helfen wusste. Das war einerseits sehr traurig anzusehen, zumal er wirklich jemand war, den man trotz allem nur mögen konnte, andererseits auch faszinierend. Als ich dann „Ganz nah bei Dir“ zum ersten Mal gelesen habe, fand ich so viel von jenem jungen Mann, über den ich ein Buch hatte schreiben wollen, in der Figur des Phillip wieder, sah so viele Parallelen in der psychologischen Struktur, dass ich mich fragte, ob das am Ende nicht ein kleiner Wink des Schicksals ist. Dass dieser Phillip, der für sich dieses extrem eigenartige Bild von der Welt und den Menschen kreiert hat, dann zudem ausgerechnet auf eine Frau trifft, die gar kein „Bild“ im herkömmlichen visuellen Sinne hat, fand ich sehr originell. Leider spielte die Liebes-Geschichte zu diesem Zeitpunkt nur eine untergeordnete Rolle. Ich fand das sehr schade, denn für mich hatte sie aufgrund der Konstellation das größte Potential. Wenn zwei Figuren, die sich in so eigenen, sehr speziellen und scheinbar so widersprüchlichen Welten bewegen, aufeinander treffen und es am Ende schaffen, ein kleines gemeinsames Universum zu betreten, dann ist das einfach etwas ganz Besonderes – und am Ende auch einfach schön. Deshalb war es für mich wichtig, in den bis zum Dreh verbleibenden Monaten, die Liebesgeschichte in den Vordergrund zu rücken und glücklicherweise sind Produktion und Redaktion diesen Weg, der letztlich auch ein zurück zur Originalidee von Speedy Deftereos war, mitgegangen.

Worauf kam es Ihnen bei der Umsetzung der Geschichte besonders an?

Die Welt in „Ganz nah bei Dir“ sollte atmosphärisch dicht und authentisch, aber eben nur so realistisch sein, wie Phillip und Lina sie jeweils erleben. Sie sollte ihrem so ganz speziellen „Blick“ Rechnung tragen. Es sind ja oft nicht die äußeren Begebenheiten, die die Dinge lenken – auch wenn man das so gerne denkt – sondern letztlich eher das individuelle innere Empfinden, alte Erfahrungen, Befindlichkeiten u.ä. die dafür verantwortlich sind, „Was“ man „Wie“ und „Ob“ man es überhaupt tut. Und weil das so individuell und komplex ist, handeln Menschen oft in einer Art, die für andere nicht immer nachvollziehbar ist. Wenn man dann, wie in Phillips Fall, noch einen Menschen vor sich hat, der nicht kommunizieren, sich nicht erklären kann oder will, dann ist es fast unmöglich zu verstehen. Obwohl und weil Phillip samt seiner Welt auf den ersten Blick so eigenartig, schräg und irgendwie fremd ist, obwohl und weil er manchmal verstört und nicht wirklich verstehen lässt, was er warum da gerade tut, und man ihn ab zu am liebsten kräftig schütteln möchte, ist es wichtig, dass man ihn trotzdem mag – dass er einem Stück für Stück ans Herz wächst. Phillip ist einfach ein Mensch, den man zwischen den Zeilen entdecken muss; jemand, der sich zwar auf den 1. und 2. Blick nicht erschließt, aber auf den 3., 4. und 5. Blick zu wandeln beginnt, – wenn man denn genau hinschaut. Vielleicht ist es am Ende gar nicht so paradox, wie es zunächst klingt, dass ausgerechnet Lina, die nichts sieht, genauer hinzuschauen vermag – am Ende diejenige ist, vor der sich Phillip nicht länger verstecken kann. Lina lebt überwiegend von ihrer Vorstellungskraft. Da sie die Dinge nicht sehen kann, muss sie sich von allem ein eigenes „Bild“ machen. Farben, Formen, Gesichter, alles „sieht aus“ wie Lina es empfindet. Gerüche, Töne und Schwingungen, die sie auffängt, komplementieren ihr Bild von den Menschen und der Welt. Sie begreift die Dinge anders – jenseits von Bild und Text. Trotzdem wollten wir, dass man ihre Welt als die „normalere“ empfindet. Obwohl und auch gerade weil sie blind ist. Mir war es wichtig, dass Linas Blindheit nicht zu sehr in den Vordergrund rückt, ab und zu sogar regelrecht „vergessen“ wird. Denn am Ende ist Linas Behinderung nichts im Gegensatz zu der emotionalen „Behinderung“ von Phillip. Er ist für mich einfach eine tragische Figur. Auch wenn seine teilweise überzogenen Ansichten, seine eigenartige Logik und seine Treffsicherheit was Fettnäpfchen betrifft, viel komisches Potential haben, galt es, das nicht aus den Augen zu verlieren. Dieses Pendeln zwischen Komik und Tragik, Risiko und Sicherheit, Einbildung und Realität, Glück und Krise, Logik und Emotion öffnet einen ganz neuen Raum und irgendwo da mitten drin steckt für mich das wahre Leben.

Phillip und Lina sind zu Beginn zwei Menschen, die sich offenbar gut in ihrem jeweiligen Leben eingerichtet haben. Was bringt diese beiden sehr unterschiedlichen Menschen dazu, es miteinander zu versuchen?

Phillip hat Rituale und Vermeidungsstrategien entwickelt, die ihm ein gewisses Maß an vermeintlicher Sicherheit bieten. Er sucht und findet Gründe, die ihn in seiner Abschottung von der Welt bestätigen. Er sieht die Welt, die er sehen möchte: eine Welt, die schlecht ist. Sein Fokus richtet sich ganz gezielt auf jene Details, die seine Vorurteile und Thesen stützen und findet sich so umgeben von Menschen, deren Nähe und Freundschaft gar nicht erstrebenswert scheint. Bis er Lina trifft. Denn tief im Innersten ist Phillip alles andere als glücklich. Eigentlich sucht er nach Freundschaft und Anerkennung, will gesehen werden. Aber die Angst vor echter Nähe, vor Zurückweisung, davor verletzt zu werden, ist einfach zu groß. Nur in seinen Träumen wagt er sich hinaus – doch wenn er aufwacht ist alles wieder vorbei. Sein Leben ist also letztendlich sehr einsam und leer. So leer wie seine Wohnung, als er eines Abends nach Hause kommt. Lina hingegen träumt nicht einfach vor sich hin, sie versucht sich ihre Träume zu erfüllen. Das macht durchaus Eindruck. Sie liebt das Leben und strebt nach größtmöglicher Unabhängigkeit. Sie will weder bemitleidet noch bevormundet werden. Aber auch wenn Lina so vermeintlich stark und mutig wirkt, so hat auch sie natürlich ihre wunden Punkte, muss für sich selbst durchaus auch noch das ein oder andere lernen – zum Beispiel Hilfe auch anzunehmen. Aber das passt nicht so recht in ihr Bild von sich selbst. Der verschrobene, eigenartige Phillip, der den Stummfilm und die Pantomime liebt und die sensible, blinde Lina, für die ihre Musik das ein und alles ist, scheinen zwar so gar nicht zusammenzupassen, aber da gibt es durchaus auch Parallelen. Beide brauchen z.B. eine gewisse Ordnung und Struktur im Leben, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen und in anderer Form. Beide glauben, alles irgendwie alleine zu schaffen und wünschen sich dennoch, bewusst oder unbewusst, jemanden, der ihnen dabei hilft. Und beide sind tief im Inneren – wie der Rest der Menschheit – letztlich einfach auf der Suche nach dem großen Glück. Sonst hätten sie wohl auch keine Chance zusammenzufinden. Der Rest ist Magie. Manche Menschen bezeichnen das Verlieben ja schlicht als einen „chemischen Unfall“, andere nennen es letztlich den „Triumph der Vorstellungskraft über die Realität“.

Sowohl Phillip, als auch Lina sind zwei ausgesprochen ungewöhnliche Charaktere. Worauf kam es Ihnen bei der Besetzung der beiden Rollen an?

Ich arbeite am liebsten mit Schauspielern, die eine größtmögliche Natürlichkeit mitbringen und denen es gelingt, eins mit der Figur zu werden; die sich nicht von außen nach innen, sondern immer von innen nach außen ihrer Rolle nähern. Ich meine damit Schauspieler, die sich so selbst (und damit auch mich als Regie) noch überraschen können und der Figur echtes Leben einhauchen, sie zu einem realen Menschen werden lassen, mit all seinen Widersprüchen. Und die es schaffen, dass man die Figuren mag – egal, was sie tun. In Phillips Fall war das gar keine so leichte Aufgabe. Seine Kommunikationsfähigkeit lässt sehr zu Wünschen übrig, er ist ziemlich unsensibel, latent aggressiv, recht wortkarg, und macht sehr viel mit sich im Inneren ab. Er tut eigentlich eine ganze Menge, damit man ihn nicht mag. Trotzdem soll ihm der Zuschauer am Ende alles verzeihen. Ein großer Spagat für einen Schauspieler. Den schafft man nur, wenn es einem gelingt, unter all der Verschrobenheit, dem dicken Panzer und den markigen Sprüchen, Phillips tief verschüttete Verletztheit und die ihm trotz allem innewohnende Liebenswürdigkeit nach draußen durchschimmern zu lassen. Für die Rolle der Lina wollte ich gerne eine Schauspielerin, die von Haus aus gewisse Cello- oder Geigekenntnissemitbringt, Vor allem aber war ich auf der Suche nach Jemanden, der eine Figur verkörpern kann, die verletzlich und stark zugleich ist, die auf der einen Seite gewisse Beschützerinstinkte weckt und doch genug Kraft ausstrahlt, das Leben tatsächlich alleine meistern zu können. Und die ausgeprägten Sinne einer Blinden musste sie auch noch überzeugend auf die Leinwand bringen können.

Wie kamen Sie zu Bastian Trost?

Meine Casterin Susanne Ritter hat ihn mit auf die Liste gesetzt. Dafür bin ich ihr heute noch dankbar. Er kam, sah und siegte, wie man so schön sagt. Phillip ist ja keine Figur, die man mit dem Verstand, sondern nur mit dem Herzen begreifen kann. Bastian Trost hat all das geschafft und die Herausforderung eine so schwierige Figur zu spielen so großartig gemeistert, dass ich davor nur meinen Hut ziehen kann.

Wie haben Sie Katharina Schüttler gefunden?

Ich hatte sehr früh einfach mal zum Spaß in einer Suchmaske für Schauspieler die Begriffe „Weiblich“ und „Cello“ eingegeben und las unter den Ergebnissen zu meiner großen Überraschung den Namen: „Katharina Schüttler“. Ich kannte sie aus ihrer Kölner Zeit, fand schon immer, dass sie eine ganz großartige und sehr besondere Schauspielerin ist, dass sie jedoch Cello spielen konnte, war mir neu – und in meinem Fall, ein außerordentlicher Glücksfall. Im Casting konnte Katharina Schüttler auf allen Ebenen überzeugen, hat uns eine so wunderbar blinde Lina gezeigt und er war eine Freude, ihr beim Spielen zuzuschauen. Vor allem die Kombination Katharina Schüttler / Bastian Trost war schon im Casting einfach unglaublich stark – wie sich die Beiden beim Improvisieren die Bälle zugespielt und etwas haben entstehen lassen, das man nur schwer auf Papier bringen kann, das war schon wirklich außergewöhnlich. Da hat die Chemie auch einfach gestimmt und wir wussten, dass wir das optimale Paar für diesen Film gefunden hatten. Ein Paar, dem man alles glaubt, auch wenn man es nicht immer versteht – zwei Menschen, die man mag und denen man einfach eine gemeinsame Zukunft wünscht.

Was zeichnete die Arbeit mit den beiden aus?

Beide arbeiten äußerst professionell, bringen sich mit Haut und Haar ein, sind offen und kreativ, haben eine ungeheuere Präzision und Präsenz vor der Kamera – und beide haben einen schönen Humor. Die Zusammenarbeit hat bis zum letzten Tag wirklich großen Spaß gemacht und ich hoffe, dass sich unsere Wege noch oft kreuzen werden. Für mich sind sie nicht nur der beste Phillip und die beste Lina, die man sich wünschen kann, sondern auch zwei sehr besondere Menschen.

Wie schon „Fickende Fische“ besticht auch GANZ NAH BEI DIR durch Orte und Räume, die viel über das Innenleben der Protagonisten erzählen. Wie finden Sie diese Orte?

Die Suche nach den richtigen Drehorten ist immer ein aufreibendes Spiel. Man sucht ja immer das Perfekte, vor allem dann, wenn die Orte soviel über die Protagonisten miterzählen sollen. Da schaut man sich ‘ne Menge an. Manchmal weiß man sofort, das ist es, manchmal muss man sich auf Ausstattung und Kamera verlassen, die immer wieder aus so manch scheinbar „unperfektem“ Ort etwas Großartiges machen. Und manchmal muss man sich seiner „Traumlocation“ einfach zeitlich anpassen. Ich hatte in diesem Fall einfach auch das große Glück, dass mein Kameramann Michael Wiesweg einen ungeheuer guten Blick für Locations besitzt. Er hat viele tolle Orte für den Film gefunden. Überhaupt hat „Ganz nah bei dir“ seiner tollen Kameraarbeit sehr viel zu verdanken, denn er hat es geschafft, diesem Film einen sehr speziellen visuellen Charakter zu geben.

Was nehmen Sie persönlich an Erfahrungen und Erkenntnissen aus diesem Film mit?

Die Hoffnung, dass es Menschen auch im realen Leben schaffen können, ihre Angst vor Verletzung dauerhaft zu besiegen und ein Stückchen Glück zu finden.