Futschicato

Bilderstrecke starten(4 Bilder)
Alle Bilder und Videos zu Futschicato

Darsteller und Crew

Videos und Bilder

Kritiken und Bewertungen

0,0
0 Bewertung
5Sterne
 
(0)
4Sterne
 
(0)
3Sterne
 
(0)
2Sterne
 
(0)
1Stern
 
(0)

Wie bewertest du den Film?

Kritikerrezensionen

    1. Revolution ist unmöglich geworden. Der menschliche Faktor steht der radikalen Umkehr der Verhältnisse im Weg. Alternativer Lebensstil in der Kommune: Das ist eine schöne Utopie, doch „Futschicato“ zeigt den gruppendynamischen Prozess, der entsteht, wenn Individuen zwanghaft miteinander wohnen und leben wollen.

      Zehn Gebote gegen Besitzdenken und für Selbstbestimmtheit hat die Autonome Republik Bebelstraße 77 aufgestellt, damals in den wilden 80ern. Und seither hat sich nichts geändert außer dem Innenleben seiner Bewohner. Rainer und Marie haben eine Tochter, Jürgen kämpft mit dem Arbeitsamt und hat nie Hosen an, Sven ist gepiercter Ex-Punk. Doch es herrscht Stillstand, im Leben, in der Ideologie, die einer reinen Anti-Haltung entspringt: gegen den Staat, gegen Kirche, gegen Tradition und falsches Bewusstsein. Doch da sitzen sie, die Revoluzzer, denen die Revolution abhanden gekommen ist, und zerfressen sich selbst.

      Gruppendruck unter der Tarnung der Offenheit, aus dem Postulat der Streitkultur entsteht Konfliktexplosion. Rainer wird seinem Vater immer ähnlicher, darüber sind sich die Mitbewohner einig, und der war damals in der SS. Rainer ist der Chef in der individualistisch-revolutionären Kommune, ein Führer, der Forderungen stellt und mit linken Parolen argumentiert, die er al gusto interpretiert. Und gegen die Demütigungen des inoffiziellen Königs mucken die anderen auf, man treibt auseinander, wo doch der gemeinsame Kampf gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse im Mittelpunkt stehen sollte; doch die wechselnden Liebesverhältnisse (man ist schließlich für sexuelle Freiheit) führen zum Scheitern aller Ideale, und in die gemeinschaftliche Kommune schleicht sich eine hierarchische Gesellschaftsordnung ein.

      Daraus nimmt der Film seine Komik: Aus der Diskrepanz zwischen der Realität der autonomen Republik und deren Ideale. Die geforderte Individualität führt zu Verantwortungslosigkeit, die gewollte Auflösung bürgerlicher Verhältnisse zu Spießertum und egoistischer Rücksichtslosigkeit.

      Mit 16mm-Handkamera gefilmt, erinnert der Film sicher nicht von Ungefähr an Lars von Triers „Idioten“, ein Film, der gegen die filmische Tradition ein Dogma stellte, das gar nicht einhaltbar ist. Freilich ist Futschicato ungleich komischer, weit mehr Satire, weit weniger darauf bedacht, mit dialektischer Darstellung selbst die Welt verändern zu wollen. Nein, in Futschicato geht es um die Veränderungen der Menschen an sich, die älter werden, deren Radikalität abgeschliffen wird; die nicht aus ihrer Haut können. Und die lernen müssen, sich der Flexibilität des Lebens zu stellen, ohne dabei die Utopie ganz aufzugeben.

      Der Filmton ist laut und übersteuert, teilweise fast unverständlich – aber das macht gar nichts, denn meist werden nur die immergleichen Schlagworte ausgestoßen. Freilich, bei den lustigen Revolutionsliedern, die erklingen, da sollte man schon genau zuhören, wenn der „Könich aus Gebärmutterland“ besungen wird etwa.

      Fazit: Witzige Kommunen-Komödie wider die Ernsthaftigkeit der Revolution.
    2. „Wertvoll”

        Kurztext:

        Eine erfrischend mutige und ungewöhnliche 47-Minuten-Produktion, für die auch die Förderer (darunter die Stiftung Landesbank Baden-Württemberg) zu loben sind. Voll unter Strom steht dieser ironische, ebenso humorvolle wie erstklassig recherchierte fiktionale Blick auf eine anarchistische 68er WG, die es bis in die Gegenwart geschafft hat. Wie aus dem Leben gegriffen wirken viele Szenen, die Ästhetik der Bildsprachen ist auf allen Ebenen überzeugend und von individueller Handschrift geprägt. Der perfekt ungemütliche Film für einen Themenschwerpunkt „1968“ - bald schon 40 Jahre her.

        Gutachten:

        Ist ein anderes Leben möglich? „Wir haben uns damals zusammengetan, um eine andere, bessere Form des Zusammenlebens zu finden. Scheiß‘ auf gesellschaftliche Konventionen und Regeln, wir haben unsere eigenen Gebote, nach denen wir glücklich zusammen leben.“ Diesem Credo folgt dieser gewagte, ungewöhnliche Film.

        „Futschicato“ ist ein ironischer - wenn man sich darauf einlässt - und ebenso humorvoller wie erstklassig recherchierter Blick auf eine 68er WG, die es bis in die Gegenwart geschafft hat. Der Zuschauer steigt an dem Punkt ein, als die Idylle auseinander zu brechen beginnt.

        Von nahezu dokumentarischer Präzision sind die gefundenen Betroffenheitsgesten und ideologischen Worthülsen, mit denen die Bewohner aufeinander losgehen. Die gezeigten Rituale wirken tatsächlich wie aus dem Leben gegriffen. Die Ästhetik der Bildsprachen ist auf allen Ebenen überzeugend und von individueller Handschrift geprägt.

        „Futschicato“ ist gespickt von hinreißender Ironie, die sich geschickt mit Sympathie für die Protagonisten mischt, perfekt zusammengeführt am Siedepunkt der individuellen Emotionen einer angeblichen „Wir-haben-uns-doch-alle-so-lieb“-Lebenseinstellung.

        Die Darsteller, allen voran Patrick von Blume, spielen virtuos, hervorhebenswert sind auch Inszenierung, Licht, Farbgebung, Kamera, Ausstattung und Musik.

        Der Film ist auch formal spannend, die Musik hörenswert. Nicht nur in jeder Programmkinoreihe zum Thema 1968 ist dieser Film eine Zier.

        „Futschicato“ gehört zu den erfrischenden Höhepunkten deutscher Filmförder-Projekte, die sich deutlich jenseits kommerzieller oder allzu individuell gehaltener Projekte bewegen. Es wäre wünschenswert, wenn es auf der kreativen Seite mehr solcher ungewöhnlicher Filme geben würde und zugleich auf der administrativen Seite der Mut und das Vermögen erhalten bliebe, solche Vorhaben auch zu unterstützen.

        Quelle: Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW)

      Kommentare

      1. Startseite
      2. Alle Filme
      3. Futschicato