Freiheit

  1. Ø 3.4
   2017

Freiheit: Drama mit Johanna Wokalek, um eine Frau, die Mann und Familie zurücklässt, um aus dem Gefängnis des Alltags auszubrechen und endlich Freiheit zu finden.

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Filmhandlung und Hintergrund

Freiheit: Drama mit Johanna Wokalek, um eine Frau, die Mann und Familie zurücklässt, um aus dem Gefängnis des Alltags auszubrechen und endlich Freiheit zu finden.

Eines Tages bricht Nora (Johanna Wokalek) alle Brücken ab. Ohne sich zu verabschieden, verschwindet sie aus ihrem bisherigen Leben, lässt Ehemann Philip (Hans-Jochen Wagner) und die beiden Kinder einfach zurück. Frei, wann hat sie sich zuletzt so gefühlt? Nora zieht es nach Wien und Bratislava. Sie arbeitet als Zimmermädchen, lernt eine Prostituierte kennen und verliebt sich Hals über Kopf. Doch wovor genau flieht sie eigentlich?

In Deutschland müht sich unterdessen Philip mit den Kindern ab. Ganz auf sich allein gestellt, ist er einfach überfordert mit der Situation. Während Philip versucht, den Alltag zu ordnen, wittert eine Ex-Kollegin von Nora die Chance und will aus der heimlichen Affäre endlich eine richtige Beziehung machen. Ewig kann der Schwebezustand nicht währen. Unterdessen schneidet sich Nora die Haare, die eine Hälfte lang, die andere kurz.

„Freiheit“ — Hintergründe

Regisseur, Drehbuchautor und Schnittmeister Jan Speckenbach liefert nach „Die Vermissten“ ein lakonisches Drama ab und zeichnet ein Psychogramm der Hauptfigur Nora — eine Frau, die alles zurücklässt. Dicht erzählt und so spannend wie ein Thriller nähert sich der Film der Frage, was sie antreibt. „Freiheit“ war der einzige deutsche Beitrag im Wettbewerb des 70. Locarno Film Festival und zeigt Hauptdarstellerin Johanna Wokalek („Anleitung zum Unglücklichsein“) in Höchstform.

Darsteller und Crew

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Kritiken und Bewertungen

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  • „Besonders wertvoll”

    Eines Abends hat sie beschlossen zu gehen. Ohne sich zu verabschieden. Weder von ihren beiden Kindern, die sie über alles liebt, noch von ihrem Mann, mit dem sie 14 Jahre zusammen ist. Sie hat nicht gewusst, wohin sie gehen soll. Hat nicht darüber nachgedacht, wie es ihrer Familie nach ihrem Verschwinden gehen mag. Sie hat nur gespürt, was ihr fehlt. Und so fängt sie neu an. Erst in Wien, dann in Bratislava. Lernt Menschen kennen, findet Freunde. Doch in Gedanken ist sie auch immer wieder bei ihrer Familie, die damit leben muss, dass die Mutter gegangen ist. Und ihre Freiheit gesucht hat. Schon der Einstieg in Jan Speckenbachs Film zieht den Zuschauer sofort in seinen Bann. Eine Frau steigt in einen Bus, fährt bis zum Ende der Route, will nicht aussteigen, wird Zeugin eines Überfalls und geht wortlos fort. Auf der Soundebene eine Opernarie, laut, kraftvoll, danach die Titeleinblendung, schwarz auf weiß, leinwandfüllend: FREIHEIT. Es ist diese Größe der ausdrucksvollen Bilder, die den Zuschauer sogartig gefangen nimmt und nicht mehr loslässt. Die hervorragende Kamera von Tilo Hauke folgt Johanna Wokalek auf ihrem Weg in ein neues Leben, sie ist ihr stets auf der Spur und lässt sie doch immer auch ein wenig unnahbar wirken. Die Balance einer Darstellung zwischen mitfühlender Empathie und entfremdeter Distanz ist das Verdienst der großartigen Johanna Wokalek, die ihre Figur mit den sich wandelnden Identitäten und Namen bedingungslos intensiv verkörpert. Zusammen mit ihr erkundet der Zuschauer neugierig und fasziniert die fremden Welten und Kulturen und findet neue Freunde, die immer auch interessante und authentische Figuren abgeben. Speckenbach arbeitet intensiv und auf ganz eigene originelle Weise mit Licht und Farbe, mit Symbolen, Nahaufnahmen und Projektionen, um das Gefühlsleben seiner Protagonisten filmisch zu spiegeln. Doch neben der Geschichte des Aufbruchs erzählt Speckenbach auch einfühlsam von der Familie, die zurückbleibt. Hans-Jochen Wagner überzeugt mit seinem authentischen Spiel als überforderter und verletzter Ehemann und Vater, der nicht verstehen kann, dass seine Welt sich auf den Kopf gestellt hat und der doch in ihr funktionieren muss. Am Ende des Films kehrt die Geschichte zum Davor zurück und zeigt auf nachvollziehbare Weise und mit lebensnahen Dialogen, wie schnell ein Lebensentwurf, der unverrückbar erschien, kippen kann. Jan Speckenbachs zweiter Kinofilm FREIHEIT ist ein Film, der auf besondere und kraftvolle Weise von einer alltäglichen Geschichte erzählt. Wahrhaftige und beeindruckende Filmerzählkunst. Jurybegründung: Nora streift einsam durch die Straßen Wiens. In der glatten, abweisenden Oberfläche der Schaufenster spiegelt sich die Seele einer Suchenden, die die oberflächliche Perfektion ihres Lebens satt hat. In nur wenigen Minuten zieht die überragende Johanna Wokalek den Zuschauer in ihren Bann. Er folgt ihr gerne auf Noras Odyssee, auf der sie vor dem eigenen Ich und ihrer Vergangenheit flieht. Sie wird Zeugin eines Raubüberfalls und verschwindet spurlos. Später gabelt sie einen jüngeren Typen für einen One-Night-Stand auf. In der Konversation beweist der junge Autor und Regisseur Jan Speckenbach auch sein Gespür für lakonische, originelle Dialoge, die den Film prägen. Nora wechselt Namen und Plätze, sie erlebt die Oberflächlichkeit von Reisebekanntschaften. In Bratislava bleibt sie länger. In der slowakischen Metropole nimmt sie einen schlecht bezahlten Job in einem Luxushotel an und freundet sich mit einer Familie an. Als sie mit in den Alltag des Vierpersonenhaushalts eintaucht, kehren die Erinnerungen an die eigenen Kinder und den Mann zurück, die sie Hals über Kopf in Berlin verlassen hatte. Sie spürt, dass sie auch bei einem Neuanfang in der Fremde Gefangene ihres bisherigen Lebens und ihres Charakters bleibt. Die ersehnte Freiheit erweist sich für die Anwältin und Mutter als Illusion, die Erkenntnis führt der Regisseur zum einzig logischen Ende. Sentimentalitäten und Illusionen sind dem Film jedoch fremd, er setzt auf hohe Authentizität und die genaue Psychologisierung der Figuren. Aus ihnen entwickelt sich die dramaturgisch schlüssige Handlung. Wenn die Freiheit des Individuums aber immer auch die Freiheit des Andersdenkenden sein sollte, ist nur konsequent, der anderen Hälfte des einstigen Paares den gleichen filmischen Raum wie Nora einzuräumen. Hans-Jochen Wagner, raumfüllend in seiner Erscheinung, spielt die Verzweiflung von Noras Ex leise, er frisst den Frust in sich rein. Er funktioniert für den Job und ist mit den beiden Kindern überfordert, die unter der Ungewissheit leiden, warum die Mutter die Familie ohne Erklärung verließ. Dass sie nur kurz raus wollte und ihr Mann sie bat, Zigaretten mitzubringen, mag für Teile der Jury etwas zu viel der Erklärung sein, dass die herkömmliche Konstellation im Geschlechterverhältnis umgedreht wurde. Die beiden Schicksale verbindet Speckenbach stringent zu einem Ganzen, niemals ergreift er Partei. Er ist sich seiner filmischen Mittel sehr sicher, untermalt mit der Musik treffend die Gefühle seiner Protagonisten und findet nicht zuletzt schnell einen stimmigen Rhythmus. Die Nebenrollen sind präzise besetzt, die Nebenhandlungsstränge zu Beruf und sozialen Beziehungen der Ex-Partner treiben die Handlung elegant und konstruktiv voran. Vor allem setzt der junge Filmemacher auf zwei grandiose Hauptdarsteller. Seine Geschichte einer schmerzhaften Separation und einer tiefen Verunsicherung ist jedoch mehr als ein Familiendrama. Es verweist in der Subebene auf eine Grundfrage der Gesellschaft, das Spannungsfeld zwischen Individualität, Freiheit und dem Glücksversprechen auf der einen, dem Eingebundensein in Zwänge und Strukturen auf der anderen Seite, das jeden Tag im Kleinen wie im Großen neu austariert werden muss. Quelle: Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW)

Kritikerrezensionen

  • Faszinierendes Psychodrama über eine Frau, die ihre Familie verlassen hat und um einen Neuanfang ringt.

    Wer seinen Film ganz lapidar „Freiheit“ nennt, der weiß, dass er liefern muss. Jan Speckenbach liefert. Weil er, der Regisseur, Autor und Schnittmeister in Personalunion ist, eine Geschichte erzählt, die Substanz hat. Weil er Schauspieler hat, die die schwierigen Rollen überzeugend mit Leben erfüllen. Und weil er das technische Rüstzeug mitbringt, um seinen faszinierenden zweiten Spielfilm so anlegen zu können, dass er sein großes Geheimnis lange Zeit geschickt behütet und so zwar immer Psychogramm verwundeter Seelen, aber doch spannend wie ein Thriller ist. Der einzige deutsche Beitrag im Wettbewerb des 70. Locarno Film Festival zeigt Menschen in Bewegung und doch eingefroren, zwischen zwei Abschnitten und zwei Leben, im Limbo, im Schwebezustand, auf der Suche nach Freiheit und konfrontiert mit der Erkenntnis, dass sie sich vielleicht nicht einstellen mag, weil man sich doch nie von sich selbst und dem bisher Erlebten lösen kann. Oder wie schon die Weisheit aus der griechischen Mythologie sagt, die „Freiheit“ voranstellt: Bevor Tote wiedergeboren werden können, müssen sie aus dem Fluss Lethe trinken, der sie ihr vorheriges Leben vergessen lässt.

    Flüsse sieht man immer wieder im Film und Brücken, die über sie führen. Einmal trinkt die Hauptfigur, Nora, gespielt von Johanna Wokalek, sogar buchstäblich aus einem Fluss. Aber ihr altes Leben, dem sie entkommen will, wie nach und nach preisgegeben wird, kann sie dennoch nicht entkommen. So irrlichtert sie durch Wien und später Bratislava, lässt sich auf Abenteuer mit Männern ein, arbeitet als Zimmermädchen, freundet sich mit einer Stripperin an, testet aus, wie sich das anfühlt, jemand Anderes zu sein: Als sie sich die Haare abschneidet, schert sie nur die eine Hälfte, die andere bleibt lang. Nichts Halbes und nichts Ganzes. So wie ihr Leben. Während in Berlin ihr Ehemann, gespielt von Hans-Jochen Wagner, immer noch mit den Nachwehen und Wunden ringt, die ihr unvermitteltes Verschwinden mit sich gebracht hat: Er ist sichtlich überfordert mit seinen zwei Kindern und einer Affäre mit einer ehemaligen Kollegin Noras, die gerne eine feste Beziehung will. Auch sein Leben befindet sich im luftleeren Raum.

    Zwischen den beiden Protagonisten schneidet der Film, füllt nach und nach die nötigen Informationen und Zusammenhänge, bis „Freiheit“ eine furiose Volte macht und zurückspringt in der Zeit, zwei Jahre: Jetzt erlebt man mit, wie es zu Noras Schritt kam, was wirklich passiert ist. Und mit einem Mal stellt sich eine emotionale Dimension ein, die Speckenbachs so nüchterne Chronik der Ereignisse bislang gefehlt hatte: Wenn er Noras Ringen zeigt, ihr Leben, ihren Mann, ihre Kinder hinter sich zu lassen, in einer langen Einstellung gedreht und mit einem Chanson von Marlene Dietrich – „Wenn ich mir was wünschen dürfte…“ – unterlegt, dann ist Gänsehaut angesagt. Ganz konsequent landet der Film schließlich wieder an einem Fluss, wieder mit einer Brücke im Hintergrund. Und „Freedom“, die Woodstock-Hymne von Richie Havens, ertönt, doch so richtig hört man nur die Zeile „Sometimes I feel like a motherless child“. Da weiß man, dass die Freiheit, die Speckenbach meint, ein Gefängnis ist, aus dem man nicht entkommen kann. ts.

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