Für Links auf dieser Seite erhält kino.de ggf. eine Provision vom Händler, z.B. für mit oder blauer Unterstreichung gekennzeichnete. Mehr Infos.
  1. Kino.de
  2. Filme
  3. Faustrecht
  4. Fakten und Hintergründe zum Film "Faustrecht"

Fakten und Hintergründe zum Film "Faustrecht"

Fakten und Hintergründe zum Film "Faustrecht"
Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Interview mit dem Regisseur Bernard Weber

Woher kam eure Motivation einen Film über gewalttätige Jugendliche zu drehen?

Mein letztes Filmprojekt befasste sich thematisch mit den Themen Vorurteile und Rassismus. Beim Film Faustrecht war die Absicht eine ähnliche. In den Medien werden oft durch einfache Vorurteile gewalttätige Jugendliche zu „Monstern“ reduziert. Unsere Absicht war es, den anonymen “Monstern” aus den Gewaltstatistiken ein Gesicht, eine Identität zu geben. Denn solange sie in der Anonymität sind, ist es einfach und bequem, sie mit allen möglichen Klischees zu stigmatisieren. Mit diesem Film versuchen Robi Müller und ich, dem Betrachter unser Erleben, unseren Blick hinter die Maske möglichst authentisch wieder zu geben. Wir wollen und können die Frage nach dem warum ihrer Gewalttätigkeit jedoch nicht beantworten. Unsere Absicht ist es, dem Zuschauer einen emotionalen Zugang zu den Protagonisten zu ermöglichen. Dies erschwert vielleicht das Vorurteil: Wir hier die sogenannt Normalen und sie dort die brutalen Monster.

Wie habt ihr eure Protagonisten gefunden?

Vielleicht muss man zuerst kurz etwas dazu sagen, welche Jugendlichen wir überhaupt gesucht haben. Uns war von Anfang an klar, dass wir uns nicht auf die sensationellen Fälle wie Mörder oder extreme Gewalttäter, die nur die kleine Spitze eines Eisbergs bilden, konzentrieren wollten. Unser Fokus war auf die grosse Mehrheit der Jugendlichen gerichtet, die Hunderte von mittleren bis schweren Schlägereien aus absurden Motivationen haben, bevor sie mit der Jugendanwaltschaft ernsthafte Probleme kriegen. Bis wir uns endgültig für Tim entschieden haben, hat es lange gedauert. Am Anfang stand ein “Casting” mit 80 Kids aus Heimen und Schulen über mehrere Monate. Von diesen haben wir sechs ausgesucht, die wir zum Teil bis zu einem Jahr lang filmisch begleitet haben. Gibran hingegen haben wir aus Interesse am Antiagressivitätstraining gefunden - in Zusammenarbeit mit seinen Betreuern beim Aufnahmeheim Basel. Da er in seinem Gewaltverhalten komplett verschieden war von Tim hat uns dann überzeugt, mit ihm zu drehen.

Die beiden stehen sowohl vom Persönlichkeitstyp als auch von der Therapie-methode her, für Gegensätze. War dies eine bewusste Entscheidung?

In gewisser Hinsicht stehen Tim und Gibran für zwei Grundstereotypen. Tim ist der Introvertierte, der im Affekt vollkommen unkontrolliert Gewalt anwendet. Gibran ist der Extrovertierte, der Gewalt ganz bewusst und gezielt einsetzt, um sich durchzusetzen und seine Machtposition in der Gruppe stärken. Natürlich war die Entscheidung für Tim und Gibran eine bewusste Entscheidung. Es spielten aber auch andere Faktoren eine Rolle. So gab es Jugendliche, die sich nicht so öffnen konnten, wie wir uns das erhofft hatten. Und immer wieder gab es auch Ausseneinflüsse, Eltern, Therapeuten oder Vertreter der Jugendanwaltschaft, die Bedenken in Bezug auf unser Filmprojekt hatten. Im Nachhinein sind wir nun beinah froh über die damaligen Schwierigkeiten, denn beim Schnitt zeigte sich, dass die Spannung, die sich aus den beiden Gegensätzen Tim und Gibran ergibt, für die Dynamik und den Rhythmus sehr gut ist.

Die Begleitung durch die Kamera ist gerade in Extremsituationen für die Jugendlichen eine zusätzliche Herausforderung. Wie sind sie damit umgegangen?

Wir haben versucht, von Anfang an so ehrlich und offen wie möglich zu sein mit den Jugendlichen. Wir haben intensive Gespräche geführt, in denen wir ihnen erklärt haben, was so ein Öffnen vor der Kamera für sie für Auswirkungen haben könnte. Was es bedeutet, vor der Kamera zu stehen und sich so auch einer Öffentlichkeit auszusetzen. Ich denke, im Fall von Gibran und Tim sind beide stolz auf den Weg, den sie gemacht haben. Sie schämen sich nicht für ihre Geschichte und sie stellen sich den erlebten Situationen. Zudem hatten alle Jugendlichen während des ersten Jahres das Recht auszusteigen und Tim und Gibran bis zum Schluss ein Mitspracherecht.

War die Struktur des Films von Anfang an geplant oder hat sie sich im Verlauf der Dreharbeiten ergeben?

Wir haben einerseits versucht, so offen wie möglich zu sein und haben eine grosse Bandbreite an Fragen entwickelt, die wir den Jugendlichen immer wieder gestellt haben. Anderseits habe ich auch versucht, bei jedem Protagonisten das Grundthema zu finden. Ich habe mir immer wieder die Fragen gestellt: Was ist sein Ziel? Was ist sein wirkliches Thema? Was könnte sein Schlüsselerlebnis werden? Kommt er seinem Ziel näher oder entfernt er sich davon? Das gab uns in der Montage dann die Möglichkeit, den Film dramaturgisch “spielfilmartig” aufzubauen. Die Struktur des Films hat generell viele spielfilmartige Elemente. Auch bei der Kameraarbeit habe ich stets darauf geachtet, die Szenen möglichst aus der Perspektive der Jugendlichen zu erzählen. Ebenso haben wir es bei der Filmmusik gemacht. Dort haben wir uns mit Fabian Römer darauf geeinigt, die Musik wie bei einem Spielfilm einzusetzen. Wir haben sie zur direkten Unterstützung der jeweiligen Emotionen eingesetzt und für die einzelnen Protagonisten adaptierte musikalische Themen entwickelt.

Was war der entscheidenste Moment bei den Dreharbeiten? Gab es eine Situation, in der der Film auf der Kippe stand?

Um ehrlich zu sein, habe ich während des ersten Jahres ernsthaft und immer wieder daran gezweifelt, dass wir jemals etwas wirklich Interessantes und Kohärentes aus dem Material machen können. Als ich dann Gibran fand und uns klar wurde, dass eigentlich eine simple Parallellmontage mit Tim und ihm die Lösung war, kippte die Situation komplett. Von da an wussten wir haargenau, was wir in den jeweiligen Situationen von den beiden benötigten. Wirklich einschneidend war für mich natürlich der “Rückfall”, den Gibran erlebte, als er auf seine Freundin schoss. Es war eher ein persönlicher Schock und nach ein paar Tagen und einem langen Telefon mit Gibran war mir wieder klar, wie es weiter geht.

Welche Beziehung haben Sie heute zu den Protagonisten? Hat sich der Kontakt über die Drehzeit hinaus erhalten?

Ja, ich bin vermutlich für Gibran so was wie ein “böser Onkel”. Ich rufe ihn oft an, weil ich wissen will, was er so macht und wie es seiner Freundin nach all den Operationen geht. Sie hatte komplexe Operationen, ihr wurden aus Teilen des Hüftknochens die fehlenden Teile ihres Oberkiefers ersetzt und anschliessend die Zähne wieder eingesetzt. Gibran und ich haben einen vollkommen direkten Umgang miteinander. Die Telefone enden dann meist mit ein paar ironisch gemeinten Gewaltandrohungen meinerseits, für den Fall, dass er “Scheisse baut”. Das quittiert er dann jeweils gelangweilt mit ein paar “jajaja”. Robi Müller pflegt ebenfalls engen Kontakt zu Tim, was auch daran liegt, dass er ihn während der Dreharbeiten mehr betreut hat.