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Fakten und Hintergründe zum Film "Eisenfresser"

Fakten und Hintergründe zum Film "Eisenfresser"
Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Director’s Statement

Mit diesem Film wollte ich in eine Welt eintauchen, die für mich sehr lange verschlossen war. Ich war sehr neugierig und hoffte, etwas Neues zu entdecken. Die unglaublichen Arbeitsbedingungen, die man in dem Film sieht, waren dabei nicht die größte Überraschung für mich. Sondern die Verwaltungsstruktur, die die Menschen in eine oft tödliche Schuldenfalle treibt. Noch erschreckender ist für mich die Tatsache, dass die Regeln dieses ausbeuterischen Systems auf den Grundelementen des Wirtschaftssystems basieren, in dem wir alle leben. „Eisenfresser“ zeigt, wohin das führen kann.

Interview mit Shaheen Dill-Riaz

Wie sind Sie auf die Geschichte der Eisenfresser gestoßen?

Ich kenne den Ort, an dem die Schiffe abgewrackt werden, schon seit meiner Kindheit. Er liegt in der Nähe meines Heimatdorfs. Allerdings war damals wie heute der Zugang für alle streng verboten, die nicht zur Werft gehörten. Aber man hörte viele Geschichten von den großen Schiffen und den schlimmen Arbeitsunfällen. Wie zum Beispiel der von den zwei Männern, die dort als Schweißer arbeiteten und bei einer Explosion ums Leben kamen. Wir waren zusammen in die Grundschule gegangen. Ansonsten wussten wir Außenstehenden über diese Arbeitswelt so gut wie nichts. Das lag auch daran, dass die Arbeiterselbst nie viel davon erzählten, was sie dort erlebten. Die Schiffsabwrackung war mehr oder weniger ein Mysterium für uns, und so blieb es auch in meiner Erinnerung haften. Erst die aufrüttelnden Bilder des brasilianischen Fotografen Sebastiao Salgado über diese Arbeit und der Artikel von William Langewiesche in der Zeitschrift „The Atlantic“ weckten mein Interesse, das Mysterium zu erkunden. 2001 machte ich meine erste Recherche und schrieb danach das Treatment für einen Film.

Wo und wie lange haben Sie gedreht, wie groß war ihr Team?

Wir haben ausschließlich auf der PHP-Werft gedreht. „PHP“ steht für „Peace, Happiness and Prosperity“, also Frieden, Glück und Wohlstand. Ich habe diese Werft nicht selbst ausgesucht. Nachdem ich bei der „Bangladesh Shipbreakers Association“ (BSBA) eine Drehgenehmigung beantragt hatte, schlugen sie mir diesen Drehort vor. Ich bin sehr glücklich darüber, dass die Werftverwaltung uns fast vier Monate lang ohne Auflagen und Einschränkungen drehen ließ. Das Team vor Ort bestand aus insgesamt sieben Personen, aber in der Regel arbeiteten wir zu viert oder fünft: der Kamera-Assistent, der Material-Assistent, der Ton-Mann, der Ton- Assistent und ich. Außerdem haben wir mehrere Male die Arbeiter im Norden besucht. Mir war es sehr wichtig, davon zu erzählen, woher diese Arbeiter kommen.

Was waren die größten Schwierigkeiten, die Sie bei den Dreharbeiten meistern mussten?

Schon die Drehgenehmigung zu bekommen, war sehr schwierig. Denn ich musste die Verantwortlichen davon überzeugen, dass ich keinen Film über Umweltverschmutzung machen wollte. Das war nämlich ihre größte Sorge. Trotzdem musste ich sehr lange warten, bis ich drehen durfte. Während des Drehs hatten wir dann dieselben Probleme wie die Arbeiter, denn wir beobachteten hautnah äußerst heikle, mitunter lebensgefährliche Arbeitssituationen. Wir standen mit den Arbeitern barfuss im Schlamm, balancierten auf morschen Balken und tauchten ab in die ungesicherten Schiffsbäuche. Ich weiß bis heute nicht, woran es lag, dass uns nichts passiert ist. Waren wir tatsächlich so vorsichtig oder hatten wir einfach nur Glück?

Sie weisen in dem Film auf eklatante Missstände hin: Wie gestaltet sich die Situation der Eisenfresser heute?

Es hat sich seit Abschluss der Dreharbeiten nicht viel verändert. So weit ich weiß, hat die ILO (International Labour Organization) einige Kurse zur Verbesserung der Arbeitssicherheit angeboten, an denen viele Arbeiter teilgenommen haben. Aber die konkreten Arbeitsbedingungen auf den Werften sind die gleichen geblieben. Die Arbeiter empfinden diese Programme, die alle paar Jahre angeboten werden, als Augenwischerei.

Haben Sie eine Vision, wie sich die Lebenssituation der Eisenfresser verbessern könnte?

Die Lebenssituation der Arbeiter kann sich nur verbessern, wenn sich Schiffsbesitzer und Schiffsabwracker ihrer Verantwortung nicht entziehen. Dafür muss aber die Weltöffentlichkeit stärkeren Druck ausüben. Sowohl die Abwrackungsindustrie als auch die Schiffsverkäufer wissen nämlich genau, wie man die Lebenssituation dieser Menchen verbessern könnte. Aber es reicht eben nicht, wenn man es weiß. Man muss es auch wollen. Anstatt die Arbeiter weiter in die Verschuldung zu treiben, müssten die Verantwortlichen zugeben, dass hier etwas grundsätzlich schief läuft. Jeder, der diese Menschen bei ihrer Arbeit gesehen hat, weiß, dass sie viel zu wenig verdienen, und dass die Gefahren, denen sie ausgesetzt sind, leicht zu vermeiden wären. Es gibt technische Lösungen, die die lebensbedrohlichen Risiken für die Arbeiter vermeiden könnten. Und es gibt genug Experten, die den Werftbesitzern entsprechende Verbesserungsvorschläge gemacht haben. Sie werden aber nach wie vor ignoriert.

Können Filme Politik und Geschichte beeinflussen? Wie sehen Sie Ihre Rolle als Dokumentarist?

Ich glaube, wie alle andere Kunstformen kann auch ein Film auf Missstände in der Gesellschaft aufmerksam machen und sie aus einer Perspektive zeigen, aus der sie sonst nicht gesehen werden. Ob das Politik oder Geschichte beeinflusst, hängt sehr von dem transportierten Inhalt ab. Es gibt genügend Filme, die mit dem Ziel gemacht werden, Dinge in einer bestimmten Richtung zu beeinflussen. Ich möchte aber nicht Emotionen manipulieren, sondern zu einer Weiterbeschäftigung mit dem Thema anregen. Außerdem wird Politik ‚getrieben’ und Geschichte ‚geschrieben’. Ich persönlich glaube nicht daran, dass Politik und Geschichte sich heute von der Kunst beeinflussen lassen. Als Filmemacher möchte ich vor allem mit meinen Filmen bei den Menschen ankommen. Ich will, dass der Film sie emotional anspricht.

Sie haben in Ihrem letzten Film „die glücklichsten Menschen der Welt“ porträtiert – liefert Ihr neuer Film nun den Gegenentwurf der „unglücklichsten Menschen der Welt“?

Bei „Die Glücklichsten Menschen der Welt“ haben viele Zuschauer gesagt, dass die porträtierten Menschen gar nicht so richtig glücklich gewesen wären. Das stimmt, aber sie hatten Träume, wie sie glücklich sein könnten. Mit diesen Träumen konnten sich die Zuschauer identifizieren. Für mich sind die Arbeiter in „Eisenfresser“ genau so unglücklich wie Arbeiter in einer Textil-Fabrik in China. Der Film spricht ein universelles Thema an. Wir haben uns offensichtlich damit abgefunden, dass die Kurve der Börsenmärkte unser Leben bestimmt. Deswegen sollten wir uns über die Konsequenzen nicht wundern. Für mich zeigt „Eisenfresser“ eine der Konsequenzen dieser globalen Einstellung.

Momentan erlebt der politische Dokumentarfilm eine Renaissance: Wie erklären Sie sich den Trend?

Ich glaube, in Spielfilmen werden heutzutage die politischen Themen sehr dezent und subtil behandelt. Filmemacher sind vorsichtig geworden mit ihren Aussagen. Es besteht aber ein Bedürfnis nach einer Stellungnahme oder Haltung zu den politischen Themen unserer Zeit. Dokumentarfilme versuchen, diesem Bedürfnis Rechnung zu tragen. Leider behandeln sie diese Themen für meinen Geschmack oft zu reißerisch. Das macht die Filme zwar auffällig, aber sie verlieren dadurch auch die Ernsthaftigkeit.