Filmhandlung und Hintergrund

Erschütternde Verfilmung des Romans "Adam Hundesohn" von Yoram Kaniuk über einen einstigen Varieté-Clown in einem Sanatorium für Holocaust-Überlebende.

Anfang der 60er Jahre grassiert in einer Heilanstalt für Holocaust-Traumatisierte der Wahnsinn. Auch Adam Stein (Jeff Goldblum) ist eine zerstörte Seele. Er wurde von dem sadistischen KZ-Kommandanten Klein (Willem Dafoe) wie ein Hund gehalten und verlor dabei nicht nur seine Familie, sondern auch den Verstand. Durch seine magischen Fähigkeiten kann der einst gefeierte Berliner Varieté-Star einem kleinen Jungen helfen, der sich für einen Hund hält.

Tragisches und Komisches ergänzen sich auf erschütternde Art in Paul Schraders unorthodoxem Holocaust-Drama, das mit bizarrer Theatralik der berühmten Vorlage von Yoram Kaniuk mehr als gerecht wird. Eine deutsche wie internationale Schauspielelite beeindruckt mit starken Auftritten.

Im Berlin der Weimarer Republik war Adam Stein ein gefeierter Varieté-Clown mit scheinbar übermenschlichen Fähigkeiten. Jahre nachdem er bei einem Auftritt den lebensmüden SA-Mann Klein vor dem Selbstmord bewahrt hat, treffen sich die beiden Männer wieder. Klein ist nun Lagerkommandant und lässt Adam am Leben, unter der Bedingung, dass er für Klein wie dessen Schäferhund lebt. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs umgibt sich Adam in einem Institut für Überlebende des Holocaust in der Wüste Israels mit Chaos und nacktem Wahnsinn, bis er einen Jungen trifft, der wie ein Hund erzogen wurde.

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Kritiken und Bewertungen

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Kritikerrezensionen

    1. Dies ist kein Holocaust-Film, darauf besteht Regisseur Paul Schrader. Tatsächlich geht es mindestens so sehr wie um die Vernichtung der Juden um Wiederauferstehung. Um eine Beziehung, die sich im englischen am besten zeigt: god und dog, um den Gott und den Hund im Menschen. Und es geht um das Lachen. Ohne dass der Film komisch wäre.

      Das Lachen ist Überlebensschutz im Angesicht des Todes, es ist der Strohhalm, an dem man das letzte bisschen Leben in sich festkrallen kann. Und es ist Mittel zur Demütigung und tödliche Waffe. Die groteske Ambivalenz des Lachens zeigt der Film auf, des Lachens der Täter wie der Opfer, das Auslachen, das Lachen, das die Täter den Opfern aufzwingen, das Lachen, mit dem die Opfer auf den Wahnsinn reagieren, dass sie sich selbst als Täter sehen.

      Adam Stein hat sein Menschsein verloren, seine Seele, in seinem früheren Leben als Hund. Im KZ musste er dem Kommandanten Klein den Vierbeiner geben, Komm, bring mich zum Lachen, unterhalte mich, spende mir Trost – erlöse mich von der Last der (Todes)Arbeit, die mich zu zerfressen droht: Ein Leben für ein Leben. Du bist mein Hund und bekommst dafür dein Leben.

      Bekommt Adam je sein Leben zurück? In den 60ern ist er der Star im Sanatorium irgendwo in der israelischen Wüste, wo die Gestörten, Verstörten, Zerstörten zusammenkommen, die das KZ, ihre eigene Vernichtung, überlebt haben. Adam, der Clown, der Magier, der Taschenspieler, gibt den Zampano; doch innerlich ist er am Boden wie alle. Wie Rachel, die von ihm eine messiasartige Erlösung erhofft, wie Wolfowitz, der so zornig ist auf Gott; wie die Frau, die den Arm ausstreckt, um den Himmel am Einstürzen zu hindern, oder der Typ, der mit einem imaginären Besen kehrt. Das ist ein Panoptikum all der Traumata aus der Vergangenheit, die sich in der Gegenwart niederschlagen. Bei Adam, dem Zirkusstar der 20er mit der absoluten Körperbeherrschung, geraten die psychischen Deformationen zur physischen Realität: er kann nach Belieben bluten, sich einen Herzanfall generieren, ein Stück seiner Lunge ausspucken: er zerfrisst seinen eigenen Körper, aus Verachtung sich selbst gegenüber und gegenüber der Grausamkeit der Welt. Um dann zum Erstaunen der Ärzte wieder aufzuerstehen.

      Adam verübt an seinen Mitleidenden immer wieder böse Scherze, um sie dann wieder in alter Entertainer-Qualität aufzuheitern. Das sind bittere Scherze, die die Scherze wiederaufleben lassen, die im KZ mit ihm gespielt wurden: Witze, die den Tod mit einschließen, zum Spaß derer, die außen stehen und nicht mitleiden müssen. Ein grausamer, makabrer Humor, den die Protagonisten zu Galgenhumor umdeuten – und den der Film straight präsentiert, um damit subtil den Eindruck des Grauens zu verstärken und andererseits – ex negativo – die Unmenschlichkeit der Täter zu entlarven.

      Adam, der kein Mensch mehr sein will, begegnet einem Jungen, der sich für einen Hund hält. Der jahrelang an einer Kette in einem Keller gefangen war – ohne Holocaust-Opfer zu sein, hat er unmenschlich gelitten, denn die Grausamkeit der Täter gegen ihre Opfer ist nicht auf historische Menschheitsverbrechen beschränkt. Adam sieht sich herausgefordert, da will einer ein noch elenderes Hundeleben als er selbst führen. Und er wird zum Herrchen des Kindes, das er David tauft, David Rex, König der Hunde. Er lässt seine Geliebte, die Krankenschwester Gina mit dem klasse Arsch, fallen, die ihn in erotisiertem Zustand die läufige Schäferhündin machte, wenn er sie doggy style nahm – er hat jetzt einen anderen, um sein Herr-Hund-Schockerlebnis auszuleben.

      Demütigung, der Verlust des Menschseins und der Menschlichkeit und das Wiederauferstehen, die Menschwerdung, liegen eng beieinander. Das hat in der Tat nur bedingt mit dem Holocaust zu tun: Der Film verknüpft es zu einem Plädoyer für die Humanität, für den Respekt, egal aus welcher Motivation. Aus Adams offen zur Schau gestellter Abrechnung mit allem, was menschlich sein könnte, erwächst Heilung, für ihn und für den Anderen.

      Fazit: Ein Holocaustfilm über das Lachen im Angesicht des unerhörten Grauens.
    2. Ein Leben für ein Leben - Adam Resurrected: Erschütternde Verfilmung des Romans "Adam Hundesohn" von Yoram Kaniuk über einen einstigen Varieté-Clown in einem Sanatorium für Holocaust-Überlebende.

      Mit internationalen Stars hat Paul Schrader den Roman „Adam Hundesohn“ des Israelis Yoram Kaniuk besetzt: Ein erschütterndes Drama vom Versuch, nach dem Holocaust wieder Mensch zu werden.

      Viele Filme künden vom Grauen der KZs; nur wenige widmen sich dem Weiterleben nach dem Holocaust, sofern man ihm entrinnen konnte. Manche Erlebnisse sind so schlimm, dass man sie nur mit Humor ertragen kann. Oder dass man den Verstand verliert. Manchmal beides – wie die Insassen eines israelischen Sanatoriums Anfang der 60er Jahre mitten in der Wüste. Die Ärzte haben die Behandlung längst aufgegeben. Auch Adam Stein (Jeff Goldblum) fristet hier als wandelnder Grabstein die Zeit bis zu seiner Wiederauferstehung. Derweil führt er sich auf wie ein Zampano und begeistert die Patienten mit verblüffenden Zaubertricks. Denn Adam war ein umjubelter Varieté-Clown, der seit den 20er Jahren Berlin mit übersinnlichen Shows verzückte. Sein sechster Sinn bewahrte ihn und seine Familie jedoch nicht vor der Deportation, wo er den einst suizidalen SA-Mann Klein (furchteinflößend: Willem Dafoe) wieder trifft. Der ist nun Lagerkommandant und hält Adam wie einen Hund, der ihn unterhalten soll und täglich um das Leben seiner Familie betteln muss – vergeblich. Dieses erschütternde Schicksal wird in Rückblenden Stück für Stück offenbar und konterkariert Adams sexuelle Frivolität und übersensible Märchenwelt. Die komischen Manieren dieses „Jakob der Lügner“ übertünchen sein bitteres Schicksal nur ungenügend. Was zum Vorschein kommt, sind zerstörte Seelen wie Wolfowitz (nur einer von vielen starken deutschen Akteuren: Joachim Król), die Gott verfluchen.

      Darum geht’s: Um Hund und Gott, was im Original ein augenfälliges Anagramm bildet (dog & god). Schrader inszeniert den 1969 erschienenen, internationale gefeierten Roman als großes absurdes Theater, das rasant zwischen groteskem Satyrspiel, hysterischer Komik, frappierender Tragik und übernatürlicher Passionsgeschichte pendelt. Das ist gewollt bizarr und dennoch eine atemberaubende Kombination, zumal sich alles in ein großes Gemälde fügt und obendrein von einer hervorragenden Schauspielergarde eindringlich interpretiert wird. Anleihen bei „Einer flog übers Kuckucknest“ finden sich ebenso wie ein Gestus permanenter Provokation – etwa wenn sich Parallelen von Heilanstalt und Nazi-Lager auftun. Die schwarzweiß gehaltenen KZ-Szenen haben nicht so sehr authentischen, denn symbolischen Charakter, doch Dafoes grausame Figur prägt sich so schauerlich ein wie Ralph Fiennes in „Schindlers Liste“. Noah Stollmans Drehbuch handelt indes nicht nur vom (Seelen)Tod, sondern exemplarisch von der Verarbeitung des Vernichtungstraumas. Als Adam einen Jungen entdeckt, der sich für einen Hund hält, öffnet sich ihm die Chance zur Heilung. Aber es wird ein steiniger Weg.

      tk.

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