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Fakten und Hintergründe zum Film "Ein fliehendes Pferd"

Kino.de Redaktion |

Ein fliehendes Pferd Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Über den Film

Rainer Kaufmann („Die Apothekerin“) hat für seine kongeniale Verfilmung von Martin Walsers gleichnamiger Bestseller-Novelle „Ein fliehendes Pferd“ (1978) mit Ulrich Noethen („Der Un-tergang„), Katja Riemann („Rosenstraße“) und Ulrich Tukur („Das Leben der Anderen“) nicht nur einige der besten deutschen Schauspieler versammelt, sondern stellt mit Petra Schmidt-Schaller auch noch ein aufregendes Newcomer-Talent vor.

Der Regisseur sieht in dem Stoff und seinen vier Figuren eine „zeitlose Handlung und eine wun-derbare Komödie“, in der die Frauen und die Liebe alte Gewohnheiten und scheinbar selbstver-ständliche Lebensphilosophien gründlich durcheinander bringen.

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Die Geschichte einer Ehe, die zeitweise in einen erotischen Liebesreigen mit neuen Teilnehmern abzudriften scheint, wird sommerlich leicht, aber auch spannend und immer sehr humorvoll er-zählt. Das Resultat ist eine moderne, intelligente, erotisch-frivole comédie humaine mit Tiefgang.

„Ein fliehendes Pferd“ ist beste Unterhaltung auf hohem Niveau. Zuschauer, die sich an Filmen mit doppelten Boden, überraschenden Wendungen, wunderschöner Bildgestaltung und sinnlichen Schauspielern erfreuen können, kommen hier voll und ganz auf ihre Kosten. Kurz: „Ein fliehendes Pferd“ ist ein herausragendes Kinoereignis.

Gedreht wurde in Überlingen am Bodensee und in verschiedenen Orten der Region, also an den Originalschauplätzen der Novelle. Walsers Buch gehört mit über einer Million verkaufter Ex-emplare in Deutschland zu den erfolgreichsten Titeln deutscher Gegenwartsliteratur. Kritiker-Papst Marcel Reich-Ranicki meint: „Martin Walsers Novelle „Ein fliehendes Pferd“ halte ich für sein reifstes, sein schönstes Buch.“

Am 24. März 2007 feierte Martin Walser seinen 80. Geburtstag.

Produktionsnotizen

Bei der Suche nach neuen Stoffen fiel dem Produzenten Rikolt von Gagern eine Neuveröffentlichung von Martin Walsers Novelle Ein fliehendes Pferd (Erstveröffentlichung: 1978) in die Hände. Allerdings hatte diese Idee auch schon ein anderer Produzent gehabt. Und so kam es zu einem Wettstreit unter den Anbietern. Nach eingehender Prüfung entschied sich Martin Walser schließlich für das vom Producer Paul Günczler erarbeitete Konzept für Rikolt von Gagerns GATE Filmproduktion (in Co-Produktion mit Clasart Film). Entscheidend für den Zuschlag war, dass schon im Ansatz sehr deutlich das Humorvolle der Story herausgearbeitet wurde.

Nachdem Walser das Treatment abgesegnet hatte, machten sich die Drehbuchautoren Ralf Hertwig und Kathrin Richter an die Arbeit, um aus der Novelle ein modernes, kinogerechtes Drehbuch werden zu lassen. Walser ließ den Autoren und dem Regisseur bei der Bearbeitung großen Spielraum und war gegenüber Veränderungen, die sich im Laufe des Schreibprozesses herauskristallisierten, immer sehr offen und positiv eingestellt. „Martin Walser wird ja gelegentlich als schwierig bezeichnet, was ich aus meiner Erfahrung allerdings ganz und gar nicht bestätigen kann. Im Gegenteil: Es war eine sehr erfreuliche, intelligente und humorvolle Zusammenarbeit“, meint Rikolt von Gagern und fährt fort: „Es hat wirklich sehr viel Spaß gemacht mit Walser zu arbeiten, und es war hochinteressant.“

Die Wahl des Regisseurs war für den Produzenten Rikolt von Gagern und den Producer Paul Günczler nicht sehr schwierig: „Wir sind relativ früh und schnell auf Rainer Kaufmann gekommen, weil er einer der ganz wenigen deutschen Regisseure ist, der einen gewissen intelligenten Humor hat, was für die Verfilmung unseres Projektes absolut unumgänglich war“, so von Gagern. „Was wir auf keinen Fall wollten, war ein trockene, verstaubte, schwere Literaturverfilmung. Satt dessen wollten wir uns im Ton etwas an die französischen Beziehungskomödien orientieren. Und das kann keiner so gut wie Rainer Kaufmann, dachten wir. Und Recht hatten wir: Ihm ist dieser ganz spezielle Ton bei der Verfilmung dann auch hervorragend geglückt.“

Im Wesentlichen ist EIN FLIEHENDES PFERD ja ein Ensemblestück, bestehend aus vier Personen. So fiel die Wahl der Schauspieler auch nicht besonders schwer, zumindest für die drei Rollen der „älteren“ Darsteller. Dazu von Gagern: „ Also standen Ulrich Noethen als Helmut, Ulrich Tukur als Klaus und Katja Riemann als Sabine auch relativ schnell fest. Besonders erfreut waren wir natürlich, das die drei auch verfügbar waren und Lust hatten mit uns diesen Film zu machen. Nach der richtigen Besetzung des vierten Parts - der wesentlich jüngeren Hel – haben wir dann allerdings lange gesucht. Wir haben viele bekannte und unbekannte Schauspielerinnen zum Casting eingeladen und wirklich sehr intensiv gefahndet. Bis wir dann zum Glück auf Petra Schmidt-Schaller gestoßen sind. Sie hat uns von Anfang an viel Freude gemacht. Und sie ist auch im Film ganz großartig. Sie ist eine echte Neuentdeckung, der noch eine große Filmkarriere bevorsteht.“

Da Martin Walsers Novelle am Bodensee spielt, war es das Naheliegendste auch dort zu drehen, zumal viele Leser das Buch mit dem Bodensee assoziieren. „Der Film musste letztendlich da entstehen, wo auch Walsers Roman spielt“, meint von Gagern. So wurde gut einen Monat lang am Bodensee, überwiegend in Überlingen und Umgebung, also ganz in der Nähe von Walsers Wohnort, gedreht. Ausschlaggebend für diesen Standort war das Haus am See, das dort gemietet werden konnte und den Anforderungen als Ferienvilla von Helmut und Sabine ideal entsprach.

Bis auf eine Szene wurden sämtliche Segelszenen auf dem Bodensee gedreht. Das wunderschöne Holzboot, ein 75er nationaler Kreuzer, stammte aus dem lokalen Yacht-Club und bot genug Raum, um die Cast und Crew während einiger Segeltörns zu beherbergen. Für den finalen Showdown auf dem See – bei dem ja ein furchtbarer Sturm tobte – wurden die Dreharbeiten dann noch für ein paar Tage nach Malta verlagert. „Die Sturmsequenz war aus verschieden Gründen auf dem Bodensee einfach nicht machbar“, erklärt von Gagern. „Zeitweilig haben wir tatsächlich mit dem Gedanken gespielt, dafür in einer großen Halle selbst ein Wasserbecken zu bauen und diverse Wellen- und Windmaschinen zu installieren. Bei einer Spezialeffekte-Konferenz kam dann aber heraus, dass man um eine ein Meter hohe Welle zu erzeugen ca. 50 Tonnen Wasser brauchen würde. Das sprengte natürlich alle Dimensionen. Also haben wir uns umgesehen und schnell festgestellt, dass man solche komplizierten und anspruchsvollen Wasserdrehs am besten auf Malta realisieren kann. Denn da gibt es ein hochklassiges Open-Air-Studio, das sich auf Spezialeffekte im und mit Wasser spezialisiert hat. Das Bassin dort hat die Besonderheit, dass der obere Rand, von einer bestimmten Perspektive aus gefilmt, die Wasserlinie des Meeres schneidet. Der Dreh lief dann auch sehr professionell und zufriedenstellend ab.“ Natürlich waren alle Beteiligten sehr gespannt darauf, was Martin Walser zu der Neuverfilmung seiner Novelle sagen würde. Als man ihm dann schließlich einen Rohschnitt vorführen konnte, hat er sich sehr lobend geäußert. „Er war von den Schauspielern und der Leistung des Regisseurs sehr angetan“, erinnert sich von Gagern.

Auch Rikolt von Gagern ist mit dem Resultat sehr zufrieden. „Auch wenn das Buch schon vor fast 30 Jahren zum ersten Mal veröffentlicht wurde, ist es doch sehr modern und aktuell geblieben.“

Für Regisseur Rainer Kaufmann lag ein besonderer Reiz der Verfilmung darin, aus der Novelle vor allem das Ironische, Witzige und Tragikomische hervorzuheben. „Es war eine große Herausforderung für mich, diesen leichten Ton zu treffen, ohne dabei die Untertöne zu verlieren“, meint Kaufmann. „In der fast zweijährigen Entstehungsgeschichte des Drehbuchs kam der große Durchbruch eigentlich erst mit der letzten Fassung. Da gelang es uns endlich, die äußerliche Leichtigkeit mit der Innerlichkeit des Buches zu verbinden. Das Drehbuch von Ralf Hertwig und Kathrin Richter ist einfach großartig.“

Anfangs ließ Walser die Autoren und den Regisseur mit der Aufforderung „Jetzt macht mal was Schönes!“ völlig ungestört arbeiten. Ungefähr eine halbes Jahr vor Drehbeginn setzten sich dann der Schriftsteller, der Regisseur und seine Drehbuchautoren zusammen. Walser war vom Resultat sehr beeindruckt. Auch das andere, neu geschriebene Ende fand Walsers Beifall. Kaufmann fiel ein Stein vom Herzen, als Walser sich nach Sichtung des Films sehr zufrieden und tief bewegt zeigte. „Das war sicher der heikelste Punkt des ganzen Unternehmens“, meint er lächelnd.

Allerdings war Kaufmann von Anfang an bewusst, dass es kein leichtes Projekt war, auf das er sich da eingelassen hatte. Die Vorlage war von ausgesprochen hohem literarischem Niveau, die Protagonisten alle, bis auf die junge Hel, jenseits der 40 und die Probleme, die zur Sprache kamen, waren ganz eindeutige Probleme von Erwachsenen. Dazu Kaufmann: „Es geht um die Mitte des Lebens und darum, dass man noch einmal mit sich und der Welt konfrontiert wird; es geht um die Fragen ‚Wo wollte ich einmal hin?’ und ‚Wo bin ich letztlich angekommen?’ und darum, ob man noch einmal ‚etwas reißen kann’.

Natürlich war Kaufmann auch an der Besetzung des Films wesentlich beteiligt. Neben dem Drehbuch gehören für Kaufmann zur Umsetzung eines Stoffes ganz maßgeblich die Schauspieler. Für Kaufmann war sehr wichtig, dass die Schauspieler trotz unterschiedlicher Gewichtung ihrer Rollen, auch sehr gut miteinander harmonisieren: „Der Film ist ein sehr intimes Ensemblestück; und da ist es von ungeheuerer Wichtigkeit, dass die einzelnen Teilnehmer zueinander passen.“ Das Ehepaar Halm, also Ulrich Noethen als Helmut und Katja Riemann als Sabine, war relativ schnell gefunden. „An Ulli Noethen mag ich extrem gerne sein Verhältnis zwischen Ernsthaftigkeit und Komik und dann auch noch die Tragik, die er einer Figur gibt, und das mit einer gewissen Leichtigkeit. Es gelingt ihm immer wieder jene typisch deutschen Figuren so darzustellen, dass ich sie mir gern anschaue. Wie zum Beispiel die Hauptfigur unseres Films, Helmut, ein Typ in der Midlife-Crisis, der sich eingeigelt hat, der in einem Kokon lebt und nicht mehr herauskommt. Auf den ersten Blick nicht gerade eine attraktive Rolle. Aber was Ulli daraus macht, ist einfach fabelhaft. “

Die weibliche Hauptrolle ging an Katja Riemann, für Kaufmann die perfekte Sabine. „Ich habe mit Katja schon viele Filme gemacht und bin jedes Mal nicht nur von ihrem großen schauspielerischen Talent, sondern auch von ihrer Ausstrahlung und von ihrer Schönheit tief beeindruckt. Und als ich Katja dann überredet hatte, die Sabine mit kurzen Haaren zu spielen, passte alles sehr, sehr gut zusammen. Sie hat einfach eine wunderbare Leinwandpräsenz.“

Der Darsteller, der den Klaus verkörperte, musste zum einen ein gutes Gegenüber für Helmut sein - und auch gleichzeitig für Sabine interessant und attraktiv. Ulrich Tukur schien genau der Richtige für diesen Part. „Ulrich Tukur ist ein völlig angstfreier Schauspieler“, meint Kaufmann, „der eine wunderbare Unbekümmertheit hat. Er ist einer, der gerne gibt. Und das mit einer großen Leichtigkeit und großem Können. Das muss man erst einmal hinkriegen, was er da so – scheinbar aus der hohlen Hand heraus – macht. Ich glaube, man merkt auch auf der Leinwand, dass die drei sich sehr gemocht und sich natürlich auch gegenseitig immer wieder zu Höchstleistungen angestachelt haben.“

Die Vierte im Bunde ist die Newcomerin Petra Schmidt-Schaller, die, wie Kaufmann lachend bemerkt, „einen ja schon vom Erscheinungsbild her umhaut. Für die Hel haben wir eine ganze Menge Schauspielerinnen getestet. Aber keine hat die Figur so auf den Punkt gebracht wie Petra. Hel ist nämlich nicht ganz einfach zu spielen. Anfangs muss Hel nämlich ziemlich unbedarft und naiv wirken und erst dann - so nach und nach - erotisch. Und viele der Schauspielerinnen, die für Hel vorgesprochen haben, konnten diese bestimmte Schlichtheit überhaupt nicht herstellen. Oder sie hatten sogar etwas Lolitahaftes, was den Film völlig aus der Balance gebracht hätte. Petra hatte genau die richtige Mischung. Die Vier haben dann auch sehr gut miteinander vor der Kamera harmonisiert. Das war eminent wichtig, und hier hat sich das sorgfältige Casting bezahlt gemacht.“

Kaufmann, der sich gerne dazu bekennt, wie sehr ihn das französischen Kino und Regisseure wie Chabrol, Truffaut oder der Godard der 80er Jahre beeinflusst haben, hat an seinen Film EIN FLIEHENDES PFERD den Anspruch, die Geschichte interessant und inspiriert zu erzählen, ohne dabei prätentiös und geschmäcklerisch zu werden. „Ich glaube, dass ich in aller Bescheidenheit sagen kann, dass mir der Film geglückt ist“, meint Kaufmann.

Ulrich Noethen, der Walsers Novelle zum ersten Mal vor vielen Jahren als Schullektüre gelesen hatte und als Teenager wenig damit anfangen konnte, fand beim erneuten Lesen besonders spannend, wie sich das Drehbuch von Walsers Originalvorlage unterschied. Ganz abgesehen davon weckt die Thematik der Geschichte bei Noethen heute natürlich viel größeres Interesse als damals: „Die größte Schwierigkeit bei der Adaption der Novelle war in meinen Augen, die vielen inneren Monologe und Zustandsbeschreibungen, die bei der Novelle ein zentraler Punkt sind, im Film sichtbar und transparent zu machen. Und das wurde meiner Meinung nach hier sehr gut gelöst. “

Obwohl Noethen von Anfang an für die Rolle des Helmut vorgesehen war, ließen er und Ulrich Tukur, der Helmuts Antipoden Klaus spielt, es sich nicht nehmen, Regisseur Kaufmann damit zu foppen, dass jeder lieber die Rolle des anderen spielen wollte. Aber das war natürlich nicht ernst gemeint. Denn „ich hatte vor meiner Rolle einen großen Respekt“, meint Noethen, „Helmut ist ja alles andere als ein Mann, mit dem man sich identifizieren möchte. Es steckte bei mir also durchaus auch eine Portion Selbstquälerei darin, mich so voll und ganz für Helmut aufzureißen.“

Noethen erinnert sich gern an die Dreharbeiten zu „EIN FLIEHENDES PFERD zurück. Für ihn gehören sie, so bekennt er freimütig, sogar zu den schönsten seiner bisherigen Karriere. Was zum einen natürlich an Regisseur Rainer Kaufmann lag, zum anderen aber auch an seinen drei Schauspielkollegen. Noethen, der sowohl mit Katja Riemann als auch mit Ulrich Tukur schon gemeinsam vor der Kamera stand und mit ihnen sehr gute Erfahrungen gemacht hatte, war von der Newcomerin Petra Schmidt-Schaller hellauf begeistert: „Petra hat dieses naive, erotische Mädchen ganz wunderbar gespielt und ihre Sache einfach fantastisch gemacht.“

Der Dreh- und Angelpunkt bei der Verfilmung der Novelle war natürlich Regisseur Rainer Kaufmann, der nicht nur immer sehr genau wusste, was er wollte , sondern sich auch mit großem Mitgefühl und Verständnis in die Schauspieler hineinzuversetzen vermochte. Noethen erinnert sich: „Rainer hat bei dieser Drehbuchvorlage immer sehr darauf geachtet, dass der Text genau wiedergegeben wurde und wir uns keine Nachlässigkeiten erlaubten. Da wurde nichts aufgeweicht. Und das kam dem Film, glaube ich, sehr zugute. Außerdem haben mir seine große Ruhe, mit der er zu Werke ging, und seine Übersicht sehr gut getan. Es hat mir also sehr viel Spaß gemacht mit ihm und allen anderen zu arbeiten.“

Besonders gerne erinnert sich Noethen an die Sturm-Sequenz auf dem Boot, die auf Malta gedreht wurde. „Das hatte etwas von Abenteuerspielplatz“, lacht der Schauspieler, „aber es war auch sehr anstrengend. Abgesehen davon, dass wir stundenlang klatschnass waren, konnten wir bei dem Getöse der Wind- und Wellengeneratoren kaum unser eigenes Wort verstehen. Und Ulrich Tukur und ich hatten ziemlich viel Text. Es war also nicht ganz einfach. Als wir endlich die Szenen im Kasten hatten, waren wir beide ziemlich heiser.“

Eine andere Sequenz, an die sich Noethen mit eher gemischten Gefühlen erinnert, ist die Traumsequenz, in der er auf seinen Antipoden Klaus einschlägt. „Diese Konfrontation war auf Kontakt ausgelegt, das heißt also, Ulli und ich waren beide elektronisch miteinender verdrahtet. Mein Instinkt sagte mir zwar, dass das nicht gut gehen würde, aber der Stunt-Koordinator war überzeugt davon, dass alles seine Ordnung hätte. Und natürlich ging es schief - ich habe Ulrich Tukurs Nase demoliert! Was mir natürlich unheimlich Leid tat. Ich habe mich auch gleich vielmals bei ihm entschuldigt und bei einem Winzer meines Vertrauens eine Kiste Weißwein besorgt, aber es war schon ganz schön schlimm.“

Katja Riemann, die Helmuts Ehefrau Sabine spielt, hatte die Walser-Novelle Anfang der 80er Jahre bereits zum ersten Mal gelesen. Besonders gefiel ihr an der Drehbuchadaption, wie die Autoren die Quintessenz der Novelle aus den 70er Jahren, in denen ja ein ganz anderer Zeitgeist und ganz andere Wertvorstellungen herrschten, ins Jahr 2006 übertragen haben. Für Riemann war es sehr interessant, sich nach gründlicher Vorbereitung die Sabine im Laufe der Zeit zu erspielen. „Aber man sollte nicht immer gleich mit Vermutungen bei der Hand sein, dass der Schauspieler und die Figur, die er spielt, so wahnsinnig viel gemeinsam haben oder gar identisch sind. Ich bin Schauspielerin! Mein Beruf ist es, den Leuten etwas vorzuspielen! Das will ich so gut und wahrhaftig machen, wie ich nur kann. Und natürlich findet man dabei auch gelegentlich etwas, das man selbst erlebt hat oder kennt. Aber darum geht es nicht. Ich will die Sabine so spielen, dass der Zuschauer etwas an ihr entdecken kann, was mit ihm zu tun hat.“ Und weiter: „Im Film geht es vor allem um die Ehe, um die Mechanismen, die dabei eine Rolle spielen, um das Weltbild, das sie prägt und um die Fragen ‚Wie hält man denn eine Ehe ein Leben lang durch?’ - und auch darum, ob man das überhaupt muss. Ich habe vor kurzem am Theater „Szenen einer Ehe“ von Ingmar Bergmann gespielt. Da ging es um ähnliche Fragen. Da habe ich oft an EIN FLIEHENDES PFERD gedacht. Besonders spannend finde ich auch noch diese Fragen, die der Film ja auch alle stellt: Wie kann man immer wieder zueinander wahrhaftig sein? Wie kann man immer wieder frisch zu sich selbst und in einer Beziehung sein? Und wie schafft man es, immer wieder Dinge neu wahrzunehmen, anstatt in eingefahrene Verhaltensmuster zurückzufallen?“

Riemann fand es für die Einstimmung auf die Dreharbeiten auch sehr schön, dass sich die vier Protagonisten und der Regisseur einige Tage vor der ersten Klappe schon am Bodensee getroffen haben, um die Geschichte in aller Ruhe und Offenheit durchzusprechen und gewisse Szenen zu proben. „Dabei überlegt man sich natürlich schon verschiedene Dinge, wie man so eine Figur kreiert. Wie sie also guckt, wie sie sich bewegt, wie sie spricht.“

Und auch Katja Riemann verstand sich beim Drehen ganz großartig mit ihren Kollegen und war vor allem von Petra Schmidt-Schaller beeindruckt: „Petra hat das ganz toll gemacht. Ich war wirklich begeistert, mit welcher Lässigkeit und Leichtigkeit sie dabei war. Sie ist eine sehr charmante, wunderschöne, sehr talentierte und humorvolle junge Frau!“

Besonders gefreut hat es Riemann auch, wieder mit Rainer Kaufmann zusammenzuarbeiten. „Ich glaube sehr an Kontinuität. Und zu Rainer, mit dem ich ja bereits sieben Filme zusammen gemacht habe, habe ich ein ganz besonderes Verhältnis. Wir haben eine wunderbare Chemie am Set und uns auch über die Jahre künstlerisch ein gutes Stück weiterentwickelt. Seit 1989, als wir zum ersten Mal miteinander drehten – das war bei seinem Kurzfilm „Salz für das Leben“ -, sind wir Freunde. Und selbst wenn wir auch nie mehr einen Film miteinander machen würden, was ich sehr bedauerlich fände, bin ich sehr froh und glücklich darüber, so einen wunderbaren Menschen und Freund in meinem Leben zu haben. Darüber hinaus finde ich natürlich, dass er ein ganz hervorragender Regisseur ist, der ein geradezu spektakuläres Charisma am Set hat. Er schüttelt zum Bespiel jeden Tag jedem am Set die Hand. Er kennt jeden, bezieht jeden in die Arbeit ein, indem er Verantwortung übergibt. Und schafft so eine absolut ideale Atmosphäre. Petra hat während der Dreharbeiten einmal etwas sehr Zutreffendes und Schönes über uns beide gesagt: ‚Katja, man merkt, dass du und Rainer schon lange mit einander gedreht habt. Ihr müsst gar nicht mehr so viel miteinander reden.’“

Ulrich Tukur hat es augenscheinlich sehr viel Spaß gemacht, einen so virilen und lebenslustigen Mann darzustellen: “Klaus hat so etwas Freischwebend-Leichtes. Manchmal kann man sogar glauben, dass es ihn vielleicht gar nicht wirklich gibt. Aber ich spiele kein Gespenst, keinen Geist, sondern einen sehr erdverbundenen Typen, der zwar manisch und ziemlich neben der Kappe ist, aber durchaus auch sehr reale Probleme hat. Und er ist einer dieser Männer, die sich junge Frauen halten müssen, um sich selbst noch zu spüren.“

Für Tukur ist die Synthese zwischen literarischer Vorlage und Film total geglückt: „Ganz abgesehen davon halte ich das Thema, diese Art der Beziehungskrise zwischen Mann und Frau, auch heute noch für sehr modern. Da hat sich in den letzten 29 Jahren, seit dem Erscheinen des Buches, nichts geändert. Vor allem wenn man – wie ich – in einem gewissen Alter ist.“

Sehr froh war er übrigens auch darüber, dass EIN FLIEHENDES PFERD am Bodensee gedreht wurde. „Zum Glück hat man von einem anderen Drehort Abstand genommen. Und das war gut so. Das ist eine Geschichte, die am Bodensee spielt, und da musste sie auch gedreht werden. Ich komme ja hier aus der Gegend. Ich weiß also wovon ich spreche. Ich habe die Zeit am Bodensee jedenfalls sehr genossen.“

Für die Newcomerin Petra Schmidt-Schaller war EIN FLIEHENDES PFERD eine große Chance, endlich ihr Talent in einem hochkarätigen Spielfilm beweisen zu können. Eine Herausforderung, die sie glänzend gemeistert hat. „Ich bin sehr dankbar mit Rainer, Katja und den beiden Ullis gearbeitet zu haben. Ich hatte nie das Gefühl mich behaupten zu müssen, vielmehr sind wir vier zu einem Team zusammengewachsen, dass sehr viel Spaß beim Drehen hatte.“

Über die Rolle der Hel sagt sie: „Hel erscheint zu Beginn des Films als hübsche, aber ziemlich oberflächliche junge Frau. Erst im Laufe der Zeit lässt sie auch ihre tiefere Seite zu. So jemanden zu spielen, ist sehr reizvoll. Ich kannte die Novelle vorher nicht, habe sie dann aber als Vorbereitung natürlich gelesen. Und auch da hat mich das Geheimnisvolle von Hel vor allem begeistert. Es ist ein wunderbarer Part.“

Und weiter: „Martin Walsers Novelle ist ja auch sehr gesellschaftskritisch. In der Filmadaption geht es aber dann doch mehr um die zwischenmenschlichen Beziehungen. Dadurch ist der Stoff auch heute noch sehr modern und aktuell. Die grundlegende Veränderung vom Buch zum Film ist meiner Meinung nach, dass die Vierer-Konstellation nicht mehr ein Gesellschaftsbild, sondern die Seiten einer langjährigen Beziehung widerspiegelt, die in einen Alltag geraten ist, der fast schon mit Stillstand zu beschreiben ist. Es geht im Wesentlichen eben um Fragen wie: Was passiert, wenn eine Beziehung jahrelangen Alltag aushalten muss? Was passiert mit einer Liebe, die viele Verletzungen erlitten hat? Wie kann man sie retten? Will man sie retten? Es gibt viele Paare, die sich diese Fragen stellen. Ich glaube, wenn Paare in einer jahrelangen Beziehung einander fragen würden, was ihre Träume sind, dann wären sie sehr überrascht. Dieser Film zeigt ein Paar, das sich nach mehr als zwei Jahrzehnten wieder auseinandersetzen muss - mit dem Partner, sich selbst und der Zukunft -, weil sich das Leben direkt vor sie stellt und sie mit all seinen Versuchungen herausfordert. Und ich muss sagen, ich bin zwar noch sehr jung und kann deshalb noch nicht auf eine 20jährige Ehe zurückblicken, aber auch ich habe schon erlebt, wie in einer Beziehung der Alltag immer mehr einfällt und ich dann wieder von außen belebt wurde.“

Die Vorbereitungen auf die Rolle fühlten sich, wie sie scherzhaft bemerkt, irgendwie wie Urlaub an: „Ich habe Pilates und Segeln gelernt, Lieder geprobt und mich gesonnt - eine Bräune, die ich mir auf diversen Sonnenbänken schwer erkämpft habe….“. So ist es nicht verwunderlich, dass Petra Schmidt-Schaller an die Dreharbeiten nur gute Erinnerungen hat: „Da wir sehr wetterabhängig waren, wurden die Szenen, die draußen auf dem Boot spielten, vorher geprobt. Somit konnten wir auf See, wenn das Wetter ideal war, sofort drehen, ohne uns vorher noch koordinieren zu müssen. Den Text wiederum konnten wir nur begrenzt abwandeln, da wir eine Adaption gebrauchten, die auch Martin Walser nochmals überarbeitet hatte. Der Bodensee hat uns allen jeden Tag eine grandiose Kulisse beschert - außer dem Tonmeister, der dieses Gebiet auf Grund von Motorbooten, Fliegern und Flugschiffen als ‚Sondereinsatzgebiet’ abgestempelt hat“, fügt sie lachend hinzu und fährt fort: „Die Arbeit mit Rainer war eine Symbiose. Es war ein stetes Geben und Nehmen. Es gab keinen Tag, an dem er nicht lächelte. Dadurch gab er einem Kraft und Lust, für ihn zu spielen. Ein Geschenk.“

Und zu ihrer Begegnung mit Martin Walser meint sie abschließend: „Er ist ein sehr offener, interessierter Mann, der weiß, was er sagt und wann er es sagt. Und ab und zu würzt er seine Sätze mit wunderbaren Weisheiten.“

Martin Walser war sehr froh, dass seine Novelle in guten Händen lag. „Jeder Erzähler, jeder Romanautor ist auf jeden Fall neugierig, wie sein Text in diesem Medium Film bestehen wird, ob er dabei kaputtgeht oder strahlend aufersteht und vielleicht sogar noch schöner wird. Und deshalb war ich natürlich schon sehr neugierig, wie man es machen würde.“ Der Autor fährt fort: „Und schon bei der ersten Drehbuchfassung habe ich eine Grunderwartung erfüllt gesehen, nämlich dass ein guter Regisseur (Drehbuchautor) einen Roman als Steinbruch behandelt. Das heißt, dass aus dem Stoff, aus dem einmal ein Roman wurde, jetzt ein Film werden muss. Der Roman muss in diesem Bearbeitungsprozess zerbrochen werden. Denn erst dann kann man wieder etwas Neues daraus aufbauen. Und ich habe mit Freude bemerkt, dass in diesem Drehbuch von Anfang an ein ganz anderer Zug drin war und eine neue Pointierung durch den Schnitt. Bei den Dialogen habe ich dann und wann ein wenig eingegriffen, indem ich das Voluminöse der Dialoge etwas lakonisiert habe. Der Schwerpunkt meiner Mitarbeit lag ganz eindeutig im Bereich Text. Aber das wesentlich Filmische haben natürlich der Regisseur und die beiden Drehbuchautoren bewerkstelligt.“ Besonders angetan war Walser auch vom neuen Schluss des Films, der im Buch so nicht vorkommt, den Film aber „furios zu Ende führt“, wie er meint, und der natürlich sehr viel mit der Psychologie und Dramaturgie seiner Novelle zu tun habe.

Auch für die Besetzung des Films mit Ulrich Noethen als Helmut, Ulrich Tukur als Klaus, Katja Riemann als Sabine und Petra Schmidt-Schaller als Hel findet Walser nur Worte des Lobes: „Als ich die Novelle geschrieben habe, stellte ich mir in meinem Kopf eine Traum-Besetzung mit amerikanischen Schauspielern vor“, erinnert sich Walser. Für mich war Henry Fonda immer mein Helmut, Richard Widmark war mein Klaus und Doris Day, die von vielen meiner intellektuellen Zeitgenossen immer sehr unterschätzt und belächelt wurde, meine Sabine.“ Walser fügt hinzu: „Und ich muss sagen, dass für mich mit dieser tatsächlichen Besetzung ein Traum in Erfüllung gegangen ist. Ich hätte mir keinen besseren Helmut als Ulrich Noethen und keinen besseren Klaus als Ulrich Tukur vorstellen können. Ich habe da tatsächlich ein bisschen gejubelt. Sie sind die vollkommene Entsprechung von Fonda und Widmark. Wie frech der Tukur als Klaus auftritt; wie er übertreibt, ohne dabei peinlich zu wirken - das ist schon großartig. Er spielt sogar die Rolle besser als es Widmark je gekonnt hätte. Denn Widmark hätte zwar die Frechheit spielen können, nicht aber den Bruch zum Unglück – der ja auch in der Figur durchscheint - darstellen können. Und wie Ulrich Noethen den Helmut zum Leben erweckt! Bewundernswert. Er kann das ja nicht mit Novellensätzen machen, sondern er macht das mit Blicken, Gesten, mit Hin- und Wegschauen. Ich war sehr froh, dass der stillste Mittelpunkt der Novelle in einem Schauspielergesicht so präsent ist. Die beiden zusammen sind ein Glücksfall, gar keine Frage.“

„Und was Katja Riemann aus der Sabine macht – alle Achtung! Sie hat sich in dem Film ein vollkommenes Eigenleben erspielt, sie erobert hier den Kontinent des Für-Sich-Seins. Und das ist so, wie die Sabine angelegt ist, alles andere als einfach. Sie hat eine sehr ausdrucksstarke Persönlichkeit, an der man einfach teilnimmt und die einen nicht traurig stimmt. Sie hat ja, glaube ich, die schwerste Rolle. Und Petra Schmidt-Schaller war auch ein absoluter Glücksfall. Sie spielt so, als wäre der Anbeginn der Mädchenwelt jetzt, da sie die Leinwand betritt. Sie hat eine Unschuld… und kommt in dieses abgewetzte Trio hinein… und muss es überleben. Sie kann ja nichts dafür. Im Buch hat Hel viel mehr Text, aber im Film wirkt sie ganz wunderbar - allein durch die Präsenz der Schauspielerin. Und sie ist natürlich auch sehr erotisch. Wenn Petra Schmidt-Schaller noch mehr Regisseuren wie Rainer Kaufmann begegnet, dann hat sie eine ganz große Zukunft vor sich.“

Sehr zufrieden war Walser auch mit der gelungenen technischen Umsetzung gewisser Schlüsselszenen. Zum Beispiel mit dem Ausbruch des „fliehenden Pferds“ aus dem Pferdewagen und der anschließenden Szene mit Tukur auf der Wiese, mit dem veränderten Schluss, oder mit der Art und Weise, wie die beiden Kontrahenten Helmut und Klaus auf dem Boot bei Sturm gezeigt wurden: „Wie sie das gemacht haben, das ist einfach großartig.“

Walser war natürlich vorbereitet. Um die Arbeit von Rainer Kaufmann besser kennen zu lernen, schickte man Walser vier DVD mit ausgewählten Filmen des Regisseurs, von denen ihm besonders „Stadtgespräch“ und „Einer meiner ältesten Freunde“ beeindruckt haben. Vor allem letzterer fand Walsers Gefallen: „Da ich ja wusste, dass man meine Novelle von den 70er Jahren in die Gegenwart transponieren wollte, war ich sehr beruhigt, als ich feststellte, wie Rainer Kaufmann es problemlos schaffte bei der Verfilmung der F. Scott Fitzgerald-Geschichte „Einer meiner ältesten Freunde“ den Originalstoff aus den 20er Jahren in die 90er zu übertragen. Da machte ich mir bezüglich der Adaption meiner Novelle keine Sorgen mehr.“

Und Walsers Antwort auf die Frage, worauf sich der Zuschauer beim Kinobesuch von EIN FLIEHENDES PFERD besonders freuen kann, lautet wie folgt: „Dass er seine Privattragödien einmal als laute Komödie dargestellt sieht.“

Die Dreharbeiten zu EIN FLIEHENDES PFERD (Budget 3,6 Millionen Euro) dauerten sieben Wochen. Gedreht wurde von August bis Oktober 2006 am Bodensee und auf Malta.

Martin Walzer

Martin Walser gehört zu den renommiertesten und erfolgreichsten deutschen Schriftstellern. Seine Novelle „Ein fliehendes Pferd“ wurde 1978 veröffentlicht und bereits 1986 von Peter Beauvais für das Fernsehen verfilmt. Walsers Novelle gehört bis heute zu den meistverkauftesten Büchern in deutscher Sprache, ist in viele fremde Sprachen übersetzt worden und wurde von der Kritik, wie auch vom Publikum, enthusiastisch gefeiert: „Eine Novelle, die mit dem Wort „meisterlich“ eher karg gelobt wäre.“ Oder: „Ein Buch in dem man mehr über die sogenannte Krise des Lebens lernen kann als in den fetten Aufklärungsbüchern mit all ihren Statistiken und aufdringlichen Bekenntnissen“.

Martin Walser wird am 24. März 1927 in Wasserburg/Bodensee als Sohn des Gastwirtes Martin Walser und seiner Frau Augusta (Geburtsname: Schmid) geboren. Schon sehr früh interessiert er sich für Literatur, liest Dostojewski, Schiller und Nietzsche und schreibt schon als Zwölfjähriger eigene Gedichte. 1943-1945 nimmt er am Zweiten Weltkrieg teil und gerät 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft. 1946 macht er sein Abitur an der Lindauer Oberrealschule. Von 1946-1951 studiert er Literatur, Geschichte und Philosophie an der Theologisch-Philosophischen Hochschule Regensburg und in Tübingen. Danach arbeitet er als Reporter, Regisseur und Hörspielautor beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart.

1953 wird Walser Mitglied der „Gruppe 47“. Dieser Zusammenschluss von Schriftstellern und Publizisten setzt sich für ein neues, demokratisches Deutschland ein und bestimmt das Bild der westdeutschen Literatur bis in die 60er Jahre hinein. Das literarische Schaffen Walsers wird mit Erscheinen der Geschichtensammlung: „Ein Flugzeug über dem Haus“ (1955) erstmals von der Öffentlichkeit wahrgenommen. Für die Erzählung „Templones Ende“ bekommt er den Preis der „Gruppe 47“. Seit 1957 lebt und arbeitet Walser als freier Schriftsteller in Nußdorf/Bodensee. Für seinen ersten Roman „Ehen in Philippsburg“ wird Walser mit dem Hermann-Hesse-Preis ausgezeichnet.

1960 veröffentlicht er den Roman „Halbzeit“, den ersten Teil der Anselm-Tristlein-Trilogie.

Der zweite Teil „Das Einhorn“ erscheint 1966. 1973 schließt er die Trilogie mit dem Roman „Der Sturz“ ab. 1978 erfolgt schließlich die Veröffentlichung der Novelle „Ein fliehendes Pferd“. 1979 folgt dann der Roman „Seelenarbeit“.

1981 wird Martin Walser der Georg-Büchner-Preis verliehen. 1985 erscheint sein Roman „Brandung“ und 1987 wird er mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Weitere Preise, Ehrungen und Auszeichnungen folgen. 1991 veröffentlicht er den Roman „Die Verteidigung der Kindheit“, dessen Thema in direktem Bezug zur deutschen Einheit steht. Walser verbindet in diesem Roman die politische Geschichte des Zweiten Weltkriegs und der aus ihm folgenden deutschen Teilung mit der Lebensgeschichte Alfred Dorns, eines typischen Walserschen Antihelden. 1993 folgt die Veröffentlichung des Familienromans „Ohne einander“. 1996 kommt sein Roman „Finks Krieg“ in die Buchläden, der den deutschen politischen Alltag beleuchtet und dem eine reale Auseinandersetzung in der hessischen Staatskanzlei („Affäre Gauland“) zu Grunde liegt.

Anlässlich des 70. Geburtstags Walsers brachte der Suhrkamp Verlag 1997 eine große Werkausgabe in 12 Bänden heraus. Im Januar 1999 wählen die deutschen Buchhändler Walser zum „Autor des Jahres 1998“. Im Jahr 2001 erscheint der Roman „Lebenslauf der Liebe“ und ein Jahr darauf der Roman „Tod eines Kritikers“, den Walser selbst als satirischen Blick auf den Kulturbetrieb versteht. Im Jahr 2004 wechselt Walser vom Suhrkamp-Verlag, in dem er in 49 Jahren 136 Werke veröffentlicht hat, zum Rowohlt-Verlag. Veröffentlichung des Romans „Augenblick der Liebe“. Walser erzählt darin die Geschichte des alternden Ehemannes Gottlieb Zürn - bereits aus den beiden früheren Romanen „Das Schwanenhaus“ und „Jagd“ bekannt - und seiner jungen Geliebten.

Im Jahr 2005 erscheint das Buch „Leben und Schreiben - Tagebücher 1951-1962“, in dem Walser sich mit seinem Werdegang als Schriftsteller und seinem literarischen Schaffensprozess befasst. Im letzten Jahr veröffentlichte er seinen Roman „Angstblüte“.

Ich war im Kino: Martin Walser zur Verfilmung

Lauter Gelungenheiten, ich dachte von der ersten Szene an nicht an meinen Text. Das Badegewimmel fordert alle Aufmerksamkeit. Ein Durcheinander von Leibern, schönen und weniger schönen, und so dicht durch einander, dass man, weil man ja sehen will, was man da sieht, gar nicht dazu kommt zu sehen, was man da sieht.

Aber gleich werden aus dem Gewimmel vier Einzelne ausgewählt, die dann zwei Paare sind. Vielleicht alle zehn Minuten ein Satz, der an meinen Text erinnert. Nicht eine Sekunde lang war ich unzufrieden. Ich war im Kino. Ich habe einen Lehrer gesehen, mit seiner Frau, im Urlaub, am Bodensee. Er ist einsam, ohne daraus seiner Frau oder der Welt einen Vorwurf zu machen. Dadurch wird seine Einsamkeit interessant, attraktiv. Seine Frau ist hungrig nach etwas, was sie, wenn sie`s ausdrücken soll, nicht ausdrücken kann.

Dann bricht herein der Freund von früher, ein Nimmersatt an gekonntem Aktionismus. Und hat auch noch eine junge, über alle Maßen schöne Frau dabei. Aber die Frau des Lehrers ist ja auch schön. Noch immer. Also knistern sofort Überkreuzfaszinationen. Am ungeeignetsten dafür ist der Lehrer. Eine Peinlichkeitsexplosion nach der anderen. Alle vier möchten jetzt aus ihren Ich-Gefängnissen hinaus. Je mehr sie das wollen, um so krasser demonstrieren sie ihr Gefangensein. Das Kino lebt sich aus. Die Gesichter der vier erzählen Geschichten ohne Worte. Geschichten, die durch keine Sprache zu erzählen wären. Ein Tischtennis-Doppel wird zur reinen Strindberg-Szene.

Ich war im Kino. In einer glückverheißenden Landschaft werden vier Menschen von Szene zu Szene komischer, weil sie auf das, was sie wollen, nicht verzichten können. Es ist ihr Leben, was sie wollen. Ihr immer noch ungelebtes Leben. Es geht in jeder noch so lächerlichen Sekunde ums Ganze. Immer steht alles auf dem Spiel. Aus vier Menschen wie du und ich werden durch die vollkommene Zurschaustellung Ihrer Gesichter große Figuren,

Alltagsmythen. Die Regie steigert die Alltäglichkeit in eine Beispielhaftigkeit hinein, ohne die Alltäglichkeit zu zerstören. Das kann nur gelingen, wenn die Schauspieler ausbeutbar sind

bis ins Letzte, Feinste, Peinlichste, Lächerlichste, Schmerzlichste. Und diese vier Schauspieler bieten Ausbeutbarkeit an.

Wenn ich die Geschichte, die diese Schauspieler spielen, nacherzählen würde, käme eine andere Geschichte heraus als in der Novelle „Ein fliehendes Pferd“. Zwar werden die Motive so bedient, dass der Film diesen Titel tragen kann, aber gesehen habe ich im Kino die Unrettbarkeit von vier Menschen. Unrettbar unter diesen Umständen, die nicht zu ändern sind, obwohl von nichts anderem die Rede ist, als von der höchst

notwendigen Änderung dieser uns einsargenden Umstände. Das tut weh, diese vier Alltäglichen zu komischen Figuren werden zu sehen, während sie blutig ernst strampeln, ihren Gefangenschaften zu entkommen. Ihre Gesichter widerlegen immer alles, was Ihnen an Fluchtphantasien einfällt.

Das Kino zeigt es: Wirklich komisch ist die Verzweiflung nur, wenn sie ihre Ausweglosigkeit nicht begreifen kann. Das Ehepaar bombardiert sich im Supermarkt erbittert mit Billigware. Ich war im Kino und habe einem Kampf zugeschaut, in dem vier Schauspieler alles entblößen, was zu verheimlichen ihnen Anstand und Sitte immer schon vorgeschrieben

haben. Das ist dann der Gipfel dieser unserem Alltag abgetrotzten Komik: Alles, was diese vier zu Schicksalskomikern macht, heißt Sitte, Anstand,

Menschlichkeit. Unrettbar sind sie, weil sie nicht fähig sind zu Rohheit, zur Grausamkeit, zur Unmenschlichkeit, zur Kälte. Das ist komisch genug. Ich war im Kino.

(Martin Walser, Nussdorf Mai 2007)

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