Fakten und Hintergründe zum Film "Dr. Alem?n"

Kino.de Redaktion |

Dr. Alemán Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Statement von Tom Schreiber (Regie)

Vor einigen Jahren bekam ich von einem altenSchulfreund einen Brief aus Kolumbien. Er berichtete mir darin, dass er sein praktisches Jahr als Mediziner in Cali verbringen wird und versprach, regelmäßig Bericht über seinen Aufenthalt zu erstatten. Die Briefe waren am Anfang voll von Abenteuerlust und Erzählfreude. Staunend las ich seine Berichte über Cali, das Krankenhaus, die Mädchen, Siloé und seine ersten Kontakte zu Drogen.

Dann änderte sich plötzlich der Stil. Aus der leichten und abenteuerlustigen Erzählweise wurde eine immer orientierungslosere Aneinanderreihung von undurchsichtigen Geschichtsfetzen. Er schien den Überblick zu verlieren und sich in komplizierte Geschehnisse zu manövrieren. Doch eines wollte er dabei nicht aufgeben: seine romantische Sicht auf die Dinge, auch wenn ihn diese in immer größere Gefahren brachte.

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„Dr. Alemán“ basiert auf diesen Briefen, die ich damals erhielt. Marcs Geschichte fasziniert mich, weil sie von dem mir sehr bekannten Gefühl der Verlorenheit in einer fremden Welt erzählt. Sie berichtet von der Hoffnung, die fremde realität zu verstehen, von dem verzweifelten Versuch, sich an fremde orte anzupassen und in fremde Gesellschaften zu integrieren, und von der Tatsache, dass man trotz aller Bemühungen immer der Außenseiter bleibt.

„Dr. Alemán“ ist eine Abenteuergeschichte, die von der Gier nach Leben und Erfahrung berichtet, von der Lust alles auszuprobieren und weit weg von der persönlichen Sozialisierung jedes risiko einzugehen. Gleichzeitig ist es eine Parabel auf die zusammenwachsende Welt mit ihren Problemen und ihrer vielschichtigen Lebensweisen und der dazugehörigen moralischen Ansätze.

„Dr. Alemán“ ist die persönliche Geschichte eines globalen und sehr aktuellen Themas: „das zwanghafte Überstülpen der eigenen regeln auf fremde Gesellschaften.“ Durch die Einnahme der Perspektive von Marc vermittelt sich nicht nur der Eindruck der Fremde, sondern auch die verschobene Wahrnehmung beim Eintauchen in eine neue Welt. Wir werden Zeuge, wie Marc von einem lähmenden Staunen beherrscht wird und er die offensichtlichen Alpträume, die seinen Weg säumen, nicht erkennt. Der Film will nicht eine region oder einen ort dieser Welt realistisch nachstellen. Vielmehr will er die verschobene, romantische Sicht eines jungen Mannes enthüllen, der in die Fallstricke eines fremden Landes gerät und sich darin verheddert.

„Dr. Alemán“ ist für mich die Geschichte einer persönlichen Katastrophe, einer großen Liebe und einer Grenzerfahrung. Er ist aber auch ein politischer Film, der versucht das Zusammenrücken der Kulturen zu beschreiben und der darauf hinweist, dass ein Zusammenleben nur mit respekt für die andere Lebensweise möglich ist.

Aus all den oben genannten Gründen ist „Dr. Alemán“ der bisher wichtigste Film für mich. Er enthält alle Geschichten, von denen ich träume, die mich bewegen, die mir Angst machen und die mich, wenn sie erzählt sind, wieder hoffen lassen. Um diese Ziele im Film zu erreichen und die Geschichte mit großer Emotionalität erzählen zu können, haben wir bei der Besetzung mit einer Mischung aus professionellen Schauspielern und Laiendarstellern gearbeitet.

Die Vorbereitungen dafür dauerten über ein Jahr, in dem wir mehrwöchige Schauspielworkshops mit Jugendlichen zwischen neun und 24 Jahren im Viertel Siloé gemacht haben. Diese Zusammenarbeit hat mich in dem Vorhaben bestärkt, denn diese jungen Menschen haben eine gigantische Energie ausgestrahlt und mit ihren Augen unglaubliche Geschichten erzählt.

Statement von Oliver Keidel (Drehbuch)

Als der Regisseur Tom Schreiber mir von dem wahnwitzigen Jahr erzählte, das sein Freund Marc als Medizinpraktikant in Cali, Kolumbien verbracht hatte, spürte ich sofort, dass in dieser Geschichte auch meine eigenen Erfahrungen als „Überall-Fremder“ mit einem großen dramatischen Potential zusammentrafen. Die Fremde hat mich mein Leben lang in meinem Tun bestimmt und hat sich mir doch, bis auf wenige kurze Sternstunden, immer als unüberwindbar gezeigt. Doch es war die Figur des Medizinstudenten, des Lebensretters auf der Suche nach Wirklichkeit, nach neuen Horizonten und nach der Natur seiner Bestimmung, die diese Unmöglichkeit in einen existenziellen Zusammenhang brachte und mein liebstes Thema wie von selbst in einen dramatischen rahmen stellte. Der „wahre“ Marc, inzwischen Anästhesist in New york, lieferte wunderbare Detailgeschichten, oft so unglaublich, dass sie den rahmen eines Drehbuchs sprengen würden. Doch hier geht es nicht um dokumentarischen realismus. Hier geht es um das Abenteuer eines Menschen und um die Folgen dieses Abenteuers für das wirkliche Leben anderer.

Der Marc unserer Geschichte geht nach Cali, weil er ein romantiker ist. Das Furcht erregende Viertel Siloé ist sein gelobtes Land. Ein ort, der frei ist von der humanistischen Selbstkontrolle, die seine Wirklichkeit zu Hause einzuschränken scheint. Das Traumland der Anarchie. Hier geht es um das Spiel zwischen dem, was wir sehen, und dem, was wir sehen wollen. Das erste Treatment entstand während eines Aufenthaltes in Mexiko in diversen Internetcafés, beobachtet und kommentiert von Vorstadtjugendlichen, die im Chat ein Fenster zur Welt suchten und mich und mein Tun studierten, als wäre gerade ein Teil dieser Welt durch den schweißfleckigen Computermonitor zu ihnen durchgedrungen.

Diese Kinder lieferten, zusammen mit vielen meiner kolumbianischen Bekannten, lebendige Vorbilder für die Figuren des Buches. Einer von ihnen, ein kleiner Mulatte namens Pavito, erzählte mir tausend von mit Sicherheit weitgehend übertriebenen oder erfundenen Geschichten über seine Heimat: Siloé. Am Tag danach hörte ich, er sei verschwunden, wahrscheinlich als schwarzer Passagier auf dem Güterzug in sein gelobtes Land, die USA. Der Statistik nach hatte er eine ungefähr sechsprozentige Chance, sein Ziel lebend und gesund zu erreichen. Die Wirklichkeit eines ortes hat oft nicht viel mit den Bildern zu tun, die wir uns von ihm machen. Die einen folgen einer fast zwangsläufig verzerrten Wunschvorstellung von einem besseren Leben in den USA oder Europa, die anderen suchen in einer Art Initiationsritus nach den im Überfluss verloren gegangenen „authentischen“ Erfahrungen. Von den Verzerrungen und Überlagerungen, Bereicherungen und Enttäuschungen im Zusammentreffen dieser Vorstellungen mit der realität handelt „Dr. Alemán“.

Während der Entwicklung des Drehbuchs hielt ich mich vorerst absichtlich in der europäischen Perspektive, im Blickwinkel unserer Hauptfigur. Bei dieser zweijährigen Arbeit wurden wir unterstützt vom BKM, und im Herbst 2005 hatte ich noch einmal die großartige Gelegenheit, beim éQuinoxe Workshop in Wien „Dr. Alemán“ mit einigen der ganz Großen der Drehbuchwelt in dramaturgischer Hinsicht unter die Lupe zu nehmen. Erst im April 2006 brachen wir zum ersten Mal auf in das anarchische Traumland des „Dr. Alemán“, um unser Buch und unsere eigenen, von jahrelanger Fernrecherche geprägten Vorstellung an der Realität zumessen. Wir verbrachten Nächte in der Notaufnahme von Marcs Klinik, wir schlichen durch eine Anzahl der 180 Motels von Cali, und hatten die großartige Gelegenheit, mit Kindern und Erwachsenen aus Siloé und ähnlichen Viertel einen Schauspielworkshop zu machen, der bis zum Dreh weiterlief. Auch, als die Kamera schon lief, nahmen die Menschen und die Orte immer wieder Einfluss auf den Text, aus dem ein Film werden sollte.

Die Euphorie der ersten Schritte in Siloé, wie Armstrong auf dem Mond. Die Unsicherheit über die Grenzen zwischen Realität oder fixer Idee. Was ist normal, was nicht? Wann sollte ich Angst haben, wann nicht? Was ist schön, was ist hässlich? Was kann meine Perspektive bedeuten für diejenigen, für die meine Fremde die Heimat ist? Bei wem außer mir wird meine kleine Abenteuerreise Spuren hinterlassen und wie werden diese Spuren aussehen?

Statement von August Diehl (Rolle des Marc)

Als ich das Drehbuch zu „Dr. ALEMAN“ gelesen hatte, wusste ich eigentlich schon, dass das mein Projekt, meine Arbeit, meine reise im Jahr 2007 sein wird. Es ist schwer, diese Art von Sicherheit in Worte zu fassen. Genauso schwer ist es zu begründen, warum man eine Arbeit auf keinen Fall machen will.

Man weiß es irgendwie, wenn es richtig ist. Bei „23“ war ich sicher und bei einigen Filmen, die danach kamen. Manche waren risiken, manche standen auf einem etwas sichereren Sockel. Aber es war auch immer die Gefahrensuche, die mich und alle Menschen, denen ich bis jetzt Glück hatte zu begegnen, beflügelt haben. Ich glaube, dass diese Einstellung, die ich da mit vielen teile, auch der Grund ist für die positive Entwicklung in den letzten Jahren im Deutschen Film. Irgendwie haben wir immer mehr gewagt.

„Dr. ALEMAN“ beschreibt nun in seiner Geschichte, und besonders in seiner Hauptfigur, genau diese Art von Einstellung. „In der Fremde nach sich selbst suchen“, wenn man solche Loglines mag. Ich glaube, dass es richtig ist, auch wenn ich mich dabei altmodisch anhöre. Ich glaube, dass diese Einstellung auch den Film überhaupt weiterbringt. Genau diese Einstellung hat ihn ja auch weitergebracht.

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