Die Marvel-Filme gehorchen ihrer eigenen Logik. Produziert mithilfe wiederkehrender Schemata, werden sie als eine fein abgeschmeckte Mixtur aus Humor, Smartness und Spezialeffekten serviert. Eine ebenso zuverlässige wie bekömmliche Formel. Marvel, da weiß man, was man hat. Doch die Filme des MCUs ähneln sich mittlerweile nicht nur formell stark, auch ihre Wahrnehmung im Publikum folgt längst einem erstaunlich berechenbaren Muster. Besonders beliebt dabei: Die lautstarke Empörung über den abermals schlechten Bösewicht.

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Man kann mittlerweile die Uhr danach stellen. Kurz nachdem ein neuer Marvel-Film angelaufen ist, wird das Internet mit einem bekannten Meinungsbild bombardiert. „Guter Film, aber der Bösewicht war scheiße“. Konstruiert wird diese Meinung dabei durch die immer gleichen Argumente. Der Villain sei viel zu eindimensional, viel zu kurz zu sehen, er stelle keine akute Bedrohung dar, seine Beweggründe seien unterbelichtet und sein Schmerz bleibe lediglich Behauptung.

Klingt bekannt? Aus gutem Grund. Wieder und wieder wird Marvel in Reviews, Threads und Meinungsartikeln das gleiche Versagen attestiert. Figuren wie Abomination „Incredible Hulk“, Ronan aus „Guardians of the Galaxy“ oder Malekith aus „Thor: The Dark Kingdom“ werden als Beleg für die monströse Schlichtheit des Bösen zitiert; die übermotivierten, weißen Männer in Anzügen, etwa aus den „Iron Man“-Filmen, aus „Ant-Man“ oder „Captain America: The Winter Soldier“ werden dagegen als Beweis für mangelhafte Charakterisierung ins Feld geführt.

„Guter Film, aber der Bösewicht war scheiße“

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Rache, eine fehlgeleitete Mission für das Gesamtwohl der Menschheit oder das zerstörungswütige Monster – mehr hat Marvel beim Thema Bösewicht nicht zu bieten. Loki sei, auch das gehört zum besagten Meinungsbild, die große Ausnahme. Hier habe Marvel zum ersten und einzigen Mal erkennen lassen, dass es auch anders geht.

Mit dem Erscheinen von „Doctor Strange“ wiederholt sich die Geschichte erneut. Schauspieler Mads Mikkelsens habe zwar beim physischen Portraitieren von Kaecilius, dem Gegenspieler von Stephen Strange alles richtiggemacht, das Drehbuch habe ihm aber wie so oft keinen Raum für einen nachhaltigen Eindruck gelassen. Letztlich eine Enttäuschung. Mal wieder. Auch nach vierzehn Filmen im Marvel Universum bleibt das Problem somit bestehen. Und nach vierzehn Filmen verstummt auch das Gejammer über Marvels bösartiges Unvermögen immer noch nicht.

Bewusstes Versagen: Marvel weiß um das Problem

Was viele Kritiker und Kommentatoren dabei übersehen: Marvel ist sich des Problems natürlich vollkommen bewusst! Die große Nähe zum Publikum, zur Comic-Leserschaft und zu dem, was die Menschen von einem Marvel-Film erwarten, das ist es ja gerade, was das MCU zu seinem gewaltigen Erfolg verholfen hat. Warum sollte der Konzern also ausgerechnet bei diesem Strukturproblem auf stumm schalten und die lautstraken Klagen der Fans und Kritiker ignorieren? Die Antwort ist so banal, wie die meisten Bösewicht des MCUs – in der Marvel-Formel ist ein guter Bösewicht gar nicht vorgesehen.

Die Formelhaftigkeit der Comicverfilmung aus dem Hause Marvel stellt jeden noch so ambitionierten Drehbuchautor vor ein unlösbares Problem. Die Szenen, die den Autoren für das glaubwürdige Portraitieren des Gegenspielers zur Verfügung stehen, sie lassen sich an einer Hand abzählen. In weniger als zehn Minuten müssen Herkunft, Motivation, Fähigkeiten, Ziele und Stil des Bösewichts klipp und klar erkennbar sein. Das allein reduziert die Möglichkeiten einer glaubhaften Charakterisierung des Bösen radikal. Insbesondere in einer Origin-Story.

Die verwendete Formel gibt aber nicht nur dem Villain einem extrem straffen Zeitplan vor, auch Action-Sequenzen, Comic Relief, Love Interest und Nebenfiguren sind in jedem Marvel-Film minuziös durchgeplant. Diese Szenen finden in jedem Film der Marke Marvel fast immer zur gleichen Zeit statt und erfüllen im Gesamtgefüge des Drehbuchs auch immer die gleiche Funktion.

Die Marvel-Formel: Gute Bösewichte nicht vorgesehen

Mit anderen Worten: Marvel KANN gar keine besseren Bösewichte erschaffen. Jedenfalls nicht ohne mit der etablierten Erfolgsformel zu brechen. Und genau das wird vorerst nicht passieren. Der anhaltende Erfolg gibt dem Studio und seinen kreativen Entscheidungen nämlich so viel recht, dass echte Experimente mit den Bösewichten einfach nicht zur Disposition stehen. Das Böse muss gefügig gemacht werden und sich innerhalb der von den Produzenten festgelegten Script-Parameter aufhalten. Stilistische Variationen und neue Nuancen der alten Muster sind erlaubt, mehr nicht.

Ein Problem, mit welchem man im Hause Marvel hin und wieder erstaunlich offen umgeht. So ließ sich Stephen McFeely, einer der wichtigsten Autoren im MCU, zum Beispiel mit folgendem Kommentar zitieren. „Mir ist das Problem sehr wohl bewusst. Ich verstehe auch die Kritik voll und ganz. Die Origin-Stories erlauben nur sehr ähnliche Bösewichte. Aber in den Captain America-Filmen geht es eben nicht um Robert Redford und Red Skull, es geht um einen 90 Pfund-Schwächling, der ein Amerikanischer Held wird und dann im Eis landet. In einem 120-Minuten-Film ist es schwer Deswegen liebe ich die Marvel Netflix-Shows auch so sehr. Dort hat man Zeit für die Bösewichte“.

Was McFeely hier ganz offen zugibt, lässt das ewige Lamento der Fans eiskalt auflaufen. Die Hoffnung auf bessere Bösewichte kann vorerst aufgegeben werden. Zumindest im Kino und zumindest dann, wenn man in erster Linie Marvel-Fan ist – denn zu den besagten Strukturproblemen der Marvel-Formel gesellen sich zudem noch weitere, nicht minder schwer zu beseitigende Schwierigkeiten.

So entspricht die Darstellung des Bösen in den Marvel-Filmen letztlich auch den Marvel Comics, die die Helden und ihre alltäglichen Probleme tatsächlich etwas stärker akzentuieren als deren Gegenspieler. Anders als beim großen Konkurrenten DC Comics sind Marvels Helden seltener mit dem Bösen zu einem unauflösbaren Knoten verstrickt. Wer Batman sagt, muss auch Joker sagen. Wer Spider-Man sagt, muss von großer Verantwortung erzählen. Das eine ist nicht besser als das andere – es sind lediglich zwei unterschiedliche Perspektiven auf ein und dieselbe Sache. Die vermeintliche Schwäche ist demnach also nicht unbedingt Versagen, sondern vielmehr ein traditionsreicher Hausstil, den man eben mag oder nicht.

Dass es Marvel Comics grundsätzlich an komplexen Bösewichten fehlt, sei damit aber auch nicht behauptet. Wer sucht, wird hier immer fündig. Allerdings treiben sich besonders geeignete Figuren wie Doctor Doom, Magneto, Kingpin, Norman Osborn oder Otto Octavius aus rechtlichen und formalen Gründen auch noch nicht im MCU rum.

Kurz: Auch kommende Marvel-Filme wie zum Beispiel „Spider-Man: Homecoming“, „Black Panther“ oder „Captain Marvel“ werden mit sehr großer Wahrscheinlichkeit unter dem gleichen Problem zu leiden haben wie die vierzehn Filme davor. Wer sich an Marvels schwachen Umgang mit dem Bösen stört, der sollte sich somit konsequenter Weise mit der Marvel-Philosophie an sich anlegen. Oder das Problem endlich als ein grundsätzliches akzeptieren und damit leben lernen.

 

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