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Fakten und Hintergründe zum Film "Die Natur vor uns"

Kino.de Redaktion |

Die Natur vor uns Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Anmerkungen des Regisseurs

Irgendwann in den siebziger Jahren kam ein kleiner, etwas gebeugter älterer Herr ins Fotoseminar der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Ich selbst hatte dort gerade mein Studium aufgenommen. Der ältere Herr war Alfred Ehrhardt, Regisseur, Kameramann und Produzent in einer Person, außerdem Fotograf und wie sich später herausstellte, vormals Musiker, Maler, Pädagoge. Er bot einem von uns Fotostudenten für die Semesterferien eine Arbeit als Assistent bei einem Filmprojekt an, das er zu drehen vorhatte. Ich bekam den äußerst dürftig bezahlten, letztlich aber ziemlich interessanten Job.

Alfred Ehrhardt bereitete einen Kulturfilm über Masken und Figuren von Völkern aus Zen-tralafrika und den Einfluss des bildhauerischen Schaffens dieser Völker auf die klassische Moderne vor. Weder das Thema, noch der Begriff des Kulturfilms rissen mich damals vom Hocker. „Kulturfilm“ roch verdächtig nach der Ufa der 30er Jahre. Das Thema fand ich etwas abgefahren „elfenbeinturmmäßig“. Zudem wurde noch nicht einmal in Afrika gedreht, sondern in europäischen Museen…

Etwas skeptisch ging ich mit Alfred Ehrhardt und seiner Frau Lieselotte auf eine Reise zu verschiedenen Drehorten. Wir fuhren in einem alten Opel mit einem kleinen Anhänger, in dem die Filmausrüstung untergebracht war, herum und wurden versorgt mit kargen Mahlzeiten, die Frau Lieselotte aus Stullenpaketen zauberte. Ich kam mir ein wenig wie jemand vor, der mit seinen etwas asketischen Großeltern auf Bildungsreise ist.

Vor Ort, beim Drehen wurde aus dem bedächtigen, bescheidenen und eher in sich gekehrten alten Herren ein agiler, hochkonzentrierter Regisseur und Kameramann, der mit wenigen Mitteln Erstaunliches zustande brachte. Mit einer alten Arriflex, ein paar Objektiven, einigen Lampen und Reflektoren konnte er durch Licht, Bewegung und Bildausschnitt, aus den Dingen vor der Kamera eine große Plastizität und die feinsten Materialstrukturen herausarbeiten. Und er beherrschte auf meisterliche Weise die Fähigkeit, jede filmische Einstellung soweit zu verdichten, dass nichts Überflüssiges mehr in ihr war. Der Stil seiner Filmfotografie kam aus seinem Erfahrungsschatz mit der Fotografie. Er war ein filmender Fotograf, was seinen Filmen eine große Klarheit gab.

Darüber hinaus besaß er ein ausgeprägtes pädagogisches Talent. Ich glaube, dass ich in den wenigen Wochen, die ich beim Drehen mit Ehrhardt verbrachte, mehr über Bildgestaltung und Licht gelernt habe, als in semesterlangen Seminaren.

Der Anstoß, das Werk von Alfred Ehrhardt zum Ausgangspunkt eines eigenen Filmprojektes zu machen, kam Jahrzehnte nach meiner ersten Filmerfahrung mit der „Alfred Ehrhardt Filmproduktion“.

Zum einen ergab sich um drei Ecken ein Kontakt zu der Alfred-Ehrhardt-Stiftung, die sich so um Nachlass und Werk Ehrhardts bemüht, wie man es nur jedem zu unrecht vergessenen Künstler wünschen kann. Zum anderen brachte mich eine Szene aus Cees Nootebooms Roman „Allerseelen“ wieder auf meinen alten und inzwischen verstorbenen Lehrmeister zurück. In „Allerseelen“ geht es um die Frage, wie wir mit Erinnerungen umgehen und was es heißt, filmische Aufzeichnungen zu machen. Hauptfigur in Nootebooms Roman ist der niederländische Kameramann Arthur Daane, der im Berlin nach dem Mauerfall zwischen beruflicher Verpflichtung als engagierter Dokumentarist und der Verzweiflung über den Verlust von Frau und Kind versucht, einen Weg für sich selbst zu finden. In einer Szene des Romans stößt Daane dabei auf Fotos von Alfred Ehrhardt aus den 30er Jahren, aus der Serie „Das Watt“, die ihm von einer Freundin gezeigt werden:

„Was er hier sah, war Chaos und zugleich Struktur, es gab Ungereimtheiten, Linien, die plötzlich abbogen, sich bizarr teilten und wieder zu sich zurückkehrten. Doch Chaos und Struktur wollte er nicht sagen. Das klang abscheulich……Es war das ewige Problem. Etwas in der Natur, etwas, das nicht bewusst so gemacht worden war, strahlte eine große unbeabsichtigte Schönheit aus. Aber wessen Schönheit ist es nun? Die der Natur, die sie ohne jede Absicht hinlegt, wie sie es schon seit Jahrmillionen getan hat, bevor es Menschen gab, die das bemerken, oder die des Fotografen, der das, was er sah, als ästhetisch oder dramatisch empfunden und dann so gut wie möglich wiedergegeben hat?“

Die Frage Daanes berührt einen Kern fotografischer und filmischer Arbeit, und zurecht stellt Nootebooms Romanfigur diese Frage angesichts der Fotos von Ehrhardt.

Betrachtet man die Natur als ästhetische Erscheinung, wie dies Ehrhardt in seinen wichtigsten Fotos und Filmen tut, so stellt sich in der Tat immer wieder die Frage, ob nun die Natur die „Künstlerin“ ist, oder ob das Bild des Künstlers dies suggeriert. Hat die Natur etwa ein ästhetisches Konzept, ist sie also beseelt, oder sieht der Künstler eine Seele in sie hinein?

Am Werk von Ehrhardt lässt sich diese Frage noch genauer stellen, nämlich dahingehend, ob in der ungeheuren Formenvielfalt der Natur tatsächlich immer wieder bestimmte wiederkehrende „Urformen“ zu finden sind, wie Ehrhardt meinte. Oder ist es vielmehr so, dass vermeintliche Formprinzipien in der Natur dem Wunsch des Menschen hinter der Kamera entspringen? Nämlich dem nach einer ästhetischen Ordnung aller Dinge vor der Kamera.

Diese Fragen bilden den unausgesprochenen Hintergrund, der zu der Produktion des Films DIE NATUR VOR UNS führte. Insofern ist der Film auch weniger ein Künstlerportrait, wenngleich es auch darum ging, das außerordentliche Werk Ehrhardts erneut einer Öffentlichkeit bekannt zu machen. Er ist vielmehr eine Auseinandersetzung um unsere Bildvorstellungen von Natur. Diese allerdings an Hand des faszinierenden Werkes von Ehrhardt. Dessen stilistischer Einfluss auf die Fotografie wird stets unterschätzt und besteht gerade in seiner oft abstrakten Bildsprache.

Nicht nur sein fotografisches Werk, sondern auch manche seiner über 50 Filme stehen der Avantgarde der 20er/30er Jahre nahe.

Ehrhardts große Fotozyklen stammen vom Wattenmeer, von der Kurischen Nehrung, und aus Island. Auch seine Filme beschäftigen sich mit diesen Naturräumen sowie mit der Architektur der Gehäuse von Muscheln, Seeschnecken und Korallen. Das wesentliche Thema von Alfred Ehrhardt war der stetige Schöpfungsakt der Natur und die kunstvollen Formen, die sie hervorbringt. Sein künstlerisches Selbstverständnis war von der Naturphilosophie Goethes und Schellings inspiriert. Nicht von ungefähr wurde Ehrhardt von den Kritikern „Naturphilosoph mit der Kamera“ genannt. Seine Bildkompositionen weisen über die Grenzen des Bildausschnitts hinaus auf die Einheit des Naturganzen. Neben der Schönheit, manchmal der Erhabenheit in seinen Bildern, spürt man den zivilisationskritischen Hintergrund. Ehrhardt war ein „konservativer Moderner“, der mit seinen Fotos und Filmen einen respektvollen Umgang mit der Natur anmahnt. Er macht das ausschließlich über das Bild. Er dringt mit der Kamera immer tiefer in die Naturformen ein, bis er bei den Kristallen landet. Dort findet er Punkt, Linie und Fläche - die grundlegendsten Mittel der bildlichen Gestaltung.

Ein einziger Film aus dem Nachlass Ehrhardts konterkariert die Suche nach den Urformen der Natur. Es ist der Film „Ausbruch des Hekla“, den er aus Aufnahmen des isländischen Geologen Steinthor Sigurdsson montiert hat. Das Material zeigt hier die Grenzen einer Ordnungssuche auf. Der Ausbruch des Vulkans ist chaotisch und von ungeheurer Gewalt. In diesem Fall erscheint die Natur als völlig unberechenbar und so ist auch ihre sichtbare Form.

Der Film DIE NATUR VOR UNS vollzieht die Suche von Ehrhardt nach immer reineren, ab-strakteren Naturformen nach. Dies kann man auch als eine Suche nach gestalterischen Gesetzmäßigkeiten verstehen. Wir zeichnen den Weg von Ehrhardt vorwiegend über die Reisen nach, die er zu seinen Motiven machte. Auf den Reisen, die wir heute, siebzig Jahre später unternehmen, finden wir seine Motive wieder. In Island erscheinen sie uns kaum verändert, im Wattenmeer auf ähnliche Weise immer wieder neu entstanden. Doch finden wir auch noch etwas, was Ehrhardt nicht zeigen wollte. Die Zeichen, die der Mensch in den Urlandschaften hinterlassen hat. Darüber hinaus gehen wir nicht typologisch vor wie er, sondern erzählerisch. Erzählerisch, weil wir nicht ohne die Menschen auskommen wollten, die mit seinen Bildern etwas verbinden können, für die diese Bilder auf ganz verschiedene Art erkenntnisreich sind. Oder die selbst den Formenreichtum in den Landschaften suchen.

Zum Beispiel haben wir in Nida den litauischen Fotografen Kazimieras Mizgiris getroffen, der seit über 30 Jahren die Formen der „litauischen Sahara“ fotografiert, ähnlich wie es Alfred Ehrhardt in den 30ern tat. Kazimieras Mizgiris findet aber nicht nur abstrakte Formen im Sand, sondern vor allem Dinosaurier, Fabelwesen, merkwürdige Gesichter urzeitlicher Bewohner der Wüste. Mizgiris erscheint wie eine Art alter ego Alfred Ehrhardts mit einem hintersinnigen Humor.

Und wir haben Lüder Griebel getroffen, einen Gastwirt auf der Insel Neuwerk im Norddeutschen Wattenmeer. Lüder Griebel erinnert sich an Ehrhardt, der häufig auf der Insel zu Besuch war. Griebel erkennt auf den Fotos von Ehrhardt nicht nur die natürliche Schönheit seiner Heimat, er kann aus den Fotos auch Prinzipien des Deichsbaus ableiten, er kann sagen, wo sich früher der Taschenkrebs versteckte und warum der jetzt verschwunden ist.

Christiane Stahl hat als Kunsthistorikerin das Werk Ehrhardts erschlossen. Als Hauptfigur des Films macht sie sich auf die Reise zu den Kunstformen, die die Natur oder aber der Fotograf und Filmemacher Alfred Ehrhardt hervorgebracht haben.

Biografie Alfred Ehrhardt

Alfred Ehrhardt (1901-1984) war ein medialer Grenzgänger. Er war Organist, Chorleiter, Komponist, Maler und Kunstpädagoge, bevor er Fotograf wurde. Nach einem Aufenthalt am Dessauer Bauhaus 1928/29, wo er bei Josef Albers studierte und bei Wassily Kandinsky und Oskar Schlemmer hospitierte, leitete er an der Landeskunstschule Hamburg den ersten Vorkurs für Materialkunde außerhalb des Bauhauses. Erst nach dem Berufsverbot durch die Nationalsozialisten 1933 wandte er sich der Fotografie und dem Film zu. Mit der Veröffentlichung seiner Fotografien in über zwanzig Bildbänden1 und zahlreichen Zeitschriften zählt er zu den von der Publikationstätigkeit her erfolgreichsten Fotografen unter den ehemaligen Bauhäuslern. Für seine mehr als fünfzig Kulturfilme erhielt er vier Bundesfilmpreise und internationale Auszeichnungen.

Alfred Ehrhardts Fotografien sind im weitesten Sinn Naturaufnahmen. Er interessierte sich für die Bodenformationen im Watt und in der Dünenlandschaft der Kurischen Nehrung, fotografierte Kristalle, Muscheln und Korallen und beschäftigte sich mit Mikrofotografie. Weitere Schwerpunkte bilden die Architektur- und Skulpturenfotografie.

Mit seiner grafisch-abstrakten Motivwahl, dem extrem begrenzten Bildausschnitt, der Kompositionsstrenge und seriellen Rhythmisierung der Bildstrukturen verband Alfred Ehrhardt Tendenzen der Fotografie der Neuen Sachlichkeit und des Neuen Sehens. Wie viele deutsche Fotografen seiner Zeit beeinflussten ihn vor allem Karl Blossfeldt und Albert Renger-Patzsch. Jedoch lässt sich sein fotografischer Stil nicht allein aus fotohistorischer Perspektive erklären. Die frühe Beschäftigung mit Abstraktion, Ur-Form und Oberflächenstruktur sowie, in Anlehnung an die Musik, mit Rhythmus, Dynamik und Kontrapunktik, formte sich im fotografischen Werk zu stilistischer Eigenständigkeit. Die weltanschauliche Dimension, die in seiner Arbeit zum Ausdruck kommt, wurde ihm mehr von der Malerei als von der Fotografie mitgegeben.

Ehrhardts Aufnahmen zeugen von einer religiös motivierten Natursicht, die in seinen Texten am Begriff der „erhabenen Landschaft“ fest zumachen ist. Mit der systematischen Reihung seiner Landschaftsausschnitte, die den Eindruck einer unendlichen Formenvielfalt schaffen, versuchte er, die »absoluten Gesetze aller Erscheinungen« und die »überzeitlichen elementaren Urkräfte« der Natur darzustellen. Seine strenge, auf wenige Linien reduzierte, menschenleere Landschaftsfotografie gibt seine Erfahrungen in den kargen Landschaften des Watts, der Kurischen Nehrung oder Islands wieder und will die Einsicht vermitteln, dass der Mensch nur ein Teil der überwältigenden, zeitlosen Natur ist.

Ehrhardts Anliegen, das Materielle ins Geistig-Kosmische zu transzendieren, verbindet sich in seinen Fotografien mit den Errungenschaften der Neuen Sachlichkeit, seinem vom Bauhaus geprägten Gespür für Komposition und Materialbeschaffenheit und einer romantisch-metaphysischen Weltsicht zu einer neuen Einheit.

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  • Fakten und Hintergründe zum Film "Die Natur vor uns"

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    Kino.de Redaktion