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Fakten und Hintergründe zum Film "Die Friseuse"

Kino.de Redaktion |

Die Friseuse Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Über Marzahn

Marzahn ist 19,5 Quadratkilometer groß, hat 102.398 Einwohner und leidet unter 1000 Vorurteilen. Das weiß auch Laila Stieler, Drehbuchautorin von Doris Dörries DIE FRISEUSE: „Wenn ein Film die schönen Seiten Berlins zeigen soll, laufen die Kameras immer bei mir vor der Haustür im Prenzlauer Berg. Nach Marzahn gehen die Filmteams grundsätzlich nur, wenn es um sozialkritische Themen geht. Diese Vorurteile finde ich total beknackt. Viele Menschen leben seit den 70er- oder 80er-Jahren dort und bleiben, weil es ihnen in Marzahn gefällt. Die Mieten sind niedrig, die Wohnungen sind hell und im Frühjahr sprießen die Sträucher.“

Auch Doris Dörrie betont, dass der Stadtteil sie überrascht hat: „Ich weiß nicht, ob ich Marzahn erkannt hätte, wenn man mich mit verbundenen Augen dort abgestellt hätte. Es ist in den letzten Jahren sehr uffjehübscht worden, wie der Berliner sagt, es gibt das riesige Einkaufszentrum Eastgate, eine ganz gute Infrastruktur, ein sehr engagiertes Kulturzentrum.“ Was die Menschen in Marzahn denken und fühlen, vermochte die Regisseurin dagegen nur schwer einzuschätzen: „Die allgemeine Stimmung wirkte auf mich sehr verschlossen und auch sehr ängstlich.“

In der Wahrnehmung vieler Bundesbürger steht der Stadtteil für Plattenbautristesse. 1971 beschloss die DDR, ihre „Wohnungsfrage als soziales Problem bis 1990“ zu lösen. Dies sollte durch eine Großsiedlung in Marzahn erfolgen. 1977 begann der Wohnungsbau. Bis Ende der 1980er Jahre entstanden sukzessive von Süden nach Norden elfgeschossige Plattenbauten. Sie wurden jeweils innerhalb von 110 Tagen aus angelieferten Großplatten montiert.

Aus den anfangs reinen Schlafstätten der Berufspendler, die spöttisch „Arbeiterschließfächer“ genannt wurden, entwickelte sich ein begehrter Wohnbezirk, als die Marzahner Promenade um 1990 fertiggestellt wurde: inklusive Schwimmhalle, Sauna, Bibliothek, Freizeitforum und eigenem S-Bahnhof. Mit dem futuristisch anmutenden Eastgate eröffnete am 29. September 2005 schließlich auch Berlins drittgrößtes Einkaufcenter mit 150 Läden und mehr als 1200 Angestellten. Es ist der größte Arbeitgeber der Region.

Szenenbildnerin Susanne Hopf, geboren 1965 in Dresden, suchte und fand für den Film DIE FRISEUSE die richtigen Drehorte. Im Sommer 2009 begab sie sich mit Regisseurin Doris Dörrie und Kameramann Hanno Lentz auf Entdeckungstour in Plattenbausiedlungen, genormten Wohnungen, vietnamesisch geprägten Märkten und modernen Shoppingcentern. Auch Susanne Hopf weiß um die Vorurteile gegen Marzahn: „Die kommen aber nur von Menschen, die nicht dort leben“, sagt die Szenenbildnerin. „So zieht ja auch Kathi König im Film bewusst wieder nach Marzahn. Nicht nur wegen der günstigen Mieten, die sie als arbeitslose Friseuse aufbringen kann, sondern auch, weil sie sich in der Umgebung wohlfühlt, in der sie aufgewachsen ist.“

Susanne Hopf war schon eine Expertin für Plattenbauten der DDR, bevor sie mit den Vorbereitungen zum Film DIE FRISEUSE begann. Gemeinsam mit Natalja Meier hat sie den Bildband „Plattenbau privat: 60 Interieurs“ im Nicolai Verlag herausgebracht. Darin huldigen die beiden Autorinnen dem „Plattenbau 2“, jenem stilprägenden und 1962 entwickelten Wohnungstyp, der in der DDR rund eine Million mal gebaut wurde. Sie zeigen ihn einmal leer und 59-mal in seiner aktuellen Einrichtung. Das sind 59 ganz persönliche Antworten auf die immer gleiche Ausgangssituation.

Produktion: Die echte Friseuse

Um ein Haar hätte es DIE FRISEUSE nie gegeben. Doch durch mehrere Zufälle kam alles anders. Im Jahr 2004 erfuhr die Berliner Drehbuchautorin Laila Stieler, dass es in ihrer Nachbarschaft eine besonders auffällige Friseuse gibt: „Mein Liebster ging in Prenzlauer Berg in einen Friseurladen. Eines Tages sagte er mir: ,Da arbeitet eine unglaubliche Frau, die musst Du Dir mal anschauen!’“ So traf Laila Stieler auf Kathleen Cieplik, eine Friseuse aus der ehemaligen DDR, die nicht nur durch ihre Pfunde, sondern auch durch ihre Lebensweisheiten von jeder Norm abwich.

Zwar trug Kathleen Cieplik ihre Biografie mit viel Humor vor, doch an einer Stelle war Laila Stieler überhaupt nicht mehr nach Lachen zumute: „Sie erzählte, wie ihr am Telefon eine Arbeitsstelle zugesichert wurde, die sie dann doch nicht bekam, als sie am nächsten Tag ihre Unterlagen in den Friseursalon brachte. Da sagte man ihr: ,Wir können Sie nicht einstellen. Unser Beruf ist ein ästhetischer. Und Sie sind nicht ästhetisch.’“

In diesem Moment wusste Laila Stieler, die seit 1990 unter anderem die Drehbücher für DIE POLIZISTIN, WILLENBROCK und weitere preisgekrönte Filme des Regisseurs Andreas Dresen geschrieben hatte, dass sie dem passenden Stoff für eine sozialkritische Komödie auf der Spur war: „Aus der ersten Demütigung heraus versucht eine Frau, ihre Würde zu verteidigen.“ Um mehr über die Friseuse und ihren Kampf gegen die alltägliche Diskriminierung zu erfahren, arbeitete die Autorin eine Woche lang in Kathleen Ciepliks Salon. So lernte sie neben dem Friseurhandwerk auch viel über das Vorbild für ihre spätere Filmheldin Kathi König.

Produktion: Die Entstehung

Das Drehbuch war noch gar nicht geschrieben und Kathi König war lediglich die Hauptfigur eines kurzen Treatments, als Zufall Nummer zwei eintrat. Laila Stieler bekam einen Anruf von Doris Dörrie. Die Regisseurin, die zugleich Professorin an der Hochschule für Fernsehen und Film in München ist, bat die Autorin, ein Seminar über den von ihr geschriebenen Film DIE POLIZISTIN zu geben. Im Vorgespräch unterhielten sich Doris Dörrie und Laila Stieler, die sich zuvor nie begegnet waren, erstmals auch über DIE FRISEUSE.

„Ich habe mich von der Figur Kathi König entzünden lassen“, sagt Doris Dörrie. „Laila hat in langen Gesprächen eine real existierende Friseurin porträtiert. Die war so echt, humorvoll und aufregend anders in ihrer Art, dass ich Laila gesagt habe: ,Wenn das Buch fertig ist, stelle ich mich sofort in die Schlange derer, die es verfilmen wollen.’“

Laila Stieler fühlte sich geehrt und war zugleich überrascht: Immerhin hatte Doris Dörrie bislang in ihrer gesamten Karriere nur eigene Drehbücher verfilmt. Die halb reale, halb erfundene Geschichte der Kathi König zog die Regisseurin aber magisch an: „Über diese Friseuse wollte ich gern mehr erfahren. Außerdem wollte ich auf eine Expedition in ein für mich exotisches Gebiet gehen: den Osten, den ich kaum kannte.“ Dieses Vorhaben hatte nicht zuletzt einen biografischen Hintergrund: „Meine Tochter kam 1989 zur Welt, also im Jahr des Mauerfalls“, sagt Doris Dörrie. „Damals dachte ich: Jetzt wird alles anders in Deutschland und es entsteht etwas Neues. Aber in München, wo ich nun einmal lebe, ist bis heute wenig von diesem neuen Deutschland zu spüren. Dieser Film sollte mir 20 Jahre später die Gelegenheit gegeben, mich mit ostdeutschen Biografien auseinanderzusetzen.“

Zufall Nummer drei trägt den Namen Ulrich Limmer. Der Geschäftsführer und Alleingesellschafter der Collina Filmproduktion GmbH in München kennt sowohl Doris Dörrie aus Studententagen als auch Laila Stieler durch eine lange gemeinsame Arbeit an der Filmakademie Baden-Württemberg. Mit beiden Frauen wollte Ulrich Limmer schon seit Jahren einen Film machen. „Als ich Laila Stielers Treatment zum Film DIE FRISEUSE gelesen hatte, war mir sofort klar, dass ich diesen Film produzieren wollte“, sagt Ulrich Limmer. „Ungefähr zeitgleich hat auch Doris Dörrie das Treatment gelesen. So ist diese glückliche Dreierkonstellation zustande gekommen.“

Fortan trug Laila Stieler Ideen und Fakten für ein ausführliches Drehbuch zusammen. Sie recherchierte beim Arbeitsamt und unter Existenzgründern, sie surfte in Internetforen dicker Menschen und las alles über Dicken-Discos, sie besuchte vietnamesische Läden im Pacific Center und fragte Polizisten über Schleuser und ihre Ganovensprache aus. Ende 2008 gab es eine erste Drehbuchfassung, die Laila Stieler und Doris Dörrie Szene für Szene diskutierten. „Doris ist auffallend respektvoll mit meinem Buch umgegangen“, lobt die Autorin. „Da merkt man, dass sie selbst schreibt.“

Prouktion: Die Wunschkandidatin

Während die Figuren und Szenen im Drehbuch immer konkretere Formen annahmen, hatten die Autorin und die Regisseurin bereits eine Hauptdarstellerin vor Augen: Gabriela Maria Schmeide. Die mit zahlreichen Theaterpreisen, zwei Deutschen Fernsehpreisen und dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnete Schauspielerin hatte ihre erste Filmhauptrolle 2001 in Andreas Dresens Sozialdrama DIE POLIZISTIN, das auch schon von Laila Stieler geschrieben worden war. „Als Laila DIE FRISEUSE entwickelte, hat sie offenbar schon an mich gedacht“, freut sich Gabriela Maria Schmeide. „Deshalb schickte sie mir im Herbst 2007 das Treatment zu. Ein Jahr später kam die konkrete Anfrage und im Februar 2009 lernte ich Doris Dörrie bei einem Essen kennen.“

Gabriela Maria Schmeide war Doris Dörrie schon 2001 in DIE POLIZISTIN sehr positiv aufgefallen: „Sie hat für mich eine ganz große Wahrheit in ihrem Spiel, die es sehr selten gibt. So setzte sich die Vollblutschauspielerin beim Casting im April 2009 auch souverän gegen 14 Mitbewerberinnen durch. „Gabi Schmeide hat etwas unglaublich Lebensbejahendes, was für die Figur wichtig ist“, sagt Produzent Ulrich Limmer. „Kathi siegt mit ihrem Optimismus, obwohl die Welt um sie herum im tiefen Pessimismus versinkt.“

Gabriela Maria Schmeide, die wie Kathi König in der ehemaligen DDR aufwuchs, wertet DIE FRISEUSE als ein Geschenk für jede Schauspielerin: „Kathi ist eine unwahrscheinlich kraftvolle und humorvolle Frau. Es macht großen Spaß, einen Menschen zu spielen, dem ständig Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, der sich aber nicht unterkriegen lässt und immer wieder aufsteht.“

Produktion: Die Dreharbeiten

Im Sommer 2009 begann Szenenbildnerin Susanne Hopf mit der Suche nach den richtigen Drehorten. Weil das Drehbuch das Einkaufcenter Eastgate in Marzahn vorgab, schaute sich Susanne Hopf zunächst an der Marzahner Promenade um. In einem elfgeschossigen Plattenbau mit der Nummer 20 standen in der Drehzeit vom 28. September bis zum 5. November zufällig zwei der äußerst begehrten Wohnungen frei. Eine in der sechsten Etage, die als Garderobe, Maske und Aufenthaltsraum des Teams genutzt werden konnte, eine in der elften Etage, die zu Kathi Königs neuem Heim werden sollte.

So wie der Make-up- und Kleidungsstil der Hauptfigur sollte auch Kathis Wohnung sein: farbig, mit eigenem Stilwillen, der nicht unbedingt der Norm entspricht. Andererseits musste Susanne Hopf beim Einrichtungsstil Rücksicht auf den sozialen Status nehmen: Welche Möbel kann sich eine arbeitslose Friseuse leisten, die von ihrem Mann geschieden und mit ihrer Tochter gerade in eine Plattenbausiedlung in Marzahn gezogen ist? In Absprache mit Doris Dörrie gönnte die Szenenbildnerin der Hauptfigur allerdings „ein exzentrisches Bett“ im Schlafzimmer, das sich deutlich von der grauen Couch im Wohnzimmer und der schlichten Kücheneinrichtung unterschied.

Die Dreharbeiten in der genormten Plattenbauwohnung dauerten vom 11. bis 20. Oktober 2009. So klein das Drehteam auch war, mussten doch jeweils 15 Personen Platz in den engen Räumen finden und die Filmausrüstung ständig von einem Zimmer ins nächste schleppen. Einerseits drohte Lagerkoller, andererseits machte gerade diese Enge die Authentizität der Bilder aus. „Ich mag die Atmosphäre von Filmstudios nicht“, sagt Doris Dörrie. „Ich schaue lieber, welche Umstände mir die reale Situation schenkt und wie sie die fiktive Idee des Drehbuchs bereichern können. Ich will, dass die Realität in die Fiktion einzieht, und nicht der Realität die Fiktion aufzwingen.“

Gabriela Maria Schmeide beschreibt den Arbeitsstil der Regisseurin wie folgt: „Doris will mit einem kleinstmöglichen Team auf bescheidenste Weise Szenen drehen, die so natürlich wie möglich sein sollen.“ Bei den Dreharbeiten in der Plattenbauwohnung herrschte eine Stimmung wie bei einer Theaterprobe. Die Regisseurin gab den Schauspielern viel Zeit, um die Szenen immer wieder aufs Neue durchzuspielen und jedes Mal durch ihre eigenen Ideen zu bereichern. „Das Klima ist super kuschelig“, sagt Pierre Sanoussi Bliss, der schon in vier früheren Doris-Dörrie-Filmen mitspielte und für DIE FRISEUSE nur einen Tag lang als Notarzt vor der Kamera stand. „Selbst wenn ich für zehn Drehminuten nach Sibirien müsste, würde ich sofort für Doris antreten. Sie kann sich in Schauspieler hineinversetzen und macht sich durch kurze, klare Ansagen verständlich.“

Associate Producer Ruth Stadler, die seit 1986 alle Filme mit Doris Dörrie gedreht hat und auch für DIE FRISEUSE den organisatorischen Part der Dreharbeiten übernommen hat, erklärt das Erfolgsrezept der Dreharbeiten: „Doris ist in der Lage, gute Stimmung zu machen. Es ist sehr wichtig für die Schauspieler, dass sie locker sind, mutig sind und sich eingebettet fühlen. Diese Lockerheit stellt Doris mit ihrer natürlichen Fröhlichkeit und einer gewissen Sorglosigkeit her. Sie kann sehr gut Menschen dazu animieren, über ihre Grenzen zu gehen und sich etwas zu trauen.“

Der spielerische Inszenierungsstil mit nahezu dokumentarischem Ansatz ist nur durch den Verzicht auf den großen Apparat des üblichen Filmemachens möglich. Ein möglichst kleines Team“, sagt Doris Dörrie. „gibt mir die Flexibilität, jederzeit auf die Realität reagieren zu können.“

Kameramann Hanno Lentz, der mit Doris Dörrie schon den Film KIRSCHBLÜTEN – HANAMI und die ZDF-Miniserie KLIMAWECHSEL gedreht hat, nennt den Arbeitsstil der Regisseurin „geordnetes Chaos“ und meint das mehr als positiv: „Doris ist keine Marionettenspielerin. Sie tippt die Schauspieler an, damit sie selber laufen und uns alle mit Ideen überraschen, die gar nicht im Drehbuch stehen. Im besten Fall wird die Szene dadurch wahrhaftiger als jede ausgedachte und niedergeschriebene Idee.“

Entsprechend schnell und intuitiv musste Hanno Lentz auch bei den Dreharbeiten zu DIE FRISEUSE auf unvorhersehbare Einfälle der Schauspieler reagieren. Kein Problem angesichts der Technik, die er benutzt hat: eine kleine HD-Kamera, die er immer in der Hand trug. „Die Kleinheit der Kamera ist eine Bedingung für unsere unabhängige und unauffällige Arbeitsweise“, betont Hanno Lentz. Ferner lobt er die enorme Lichtempfindlichkeit der Kamera. Selbst in Kathi Königs Plattenbauwohnung war kaum Zusatzbeleuchtung nötig. Oft genügte eine Stehlampe oder Deckenlampe, die ohnehin Teil der Wohnungseinrichtung war.

Produktion: Die Vietnamesen kommen

Besonders voll wurde es in der elften Etage des Plattenbaus, als zehn Vietnamesen Unterschlupf in Kathis Wohnzimmer finden mussten. Auf diese Drehbuchidee war Autorin Laila Stieler durch einen Zeitungsartikel gekommen. „Ich hatte gelesen, dass Vietnamesen illegal einreisen, indem sie sich als Chor tarnen und zum Schein von vermeintlichen Gastgebern nach Deutschland eingeladen werden“, sagt Laila Stieler. „Die Idee fand ich lustig und habe sie in mein Treatment geschrieben. Als ich dann für weitere Recherchen zur Polizei ging, habe ich von der zuständigen Soko erfahren: Alles Quatsch! Das hat sich irgendein Journalist ausgedacht.“

Die Vietnamesen blieben trotzdem im Drehbuch erhalten, weil die illegale Schleuseraktion über die polnisch-deutsche Grenze zusätzliche Probleme für Kathi König versprach. Auch die Idee des vietnamesischen Chors wurde doch noch aufgegriffen, indem die Gruppe der illegalen Einwanderer ein Lied anstimmt, wann immer sie von fremden Personen in Kathis Wohnung erblickt werden. „Eigentlich sollten sie die vietnamesische Nationalhymne singen“, sagt Autorin Laila Stieler, „doch die durften wir aus rechtlichen Gründen nicht benutzen. Deshalb singen sie jetzt eine speziell für uns gedichtete internationale Version.“

Auch Ill-Young Kim, der im Film den Vietnamesen Tien spielt, musste Vietnamesisch singen. Obwohl er der in Deutschland geborene Sohn südkoreanischer Eltern ist. „Als asiatischer Schauspieler bin ich gewohnt, das gesamtasiatische Rollenspektrum abzudecken“, sagt Ill-Young Kim. „Wir haben auch viele Vietnamesen beim Casting gehabt, aber in der gesuchten Altersgruppe gibt es keine vietnamesischen Schauspieler“, sagt Doris Dörrie. „Also haben wir uns für Ill-Young Kim entschieden, weil er uns am meisten überzeugt hat. Er hat einen tollen Charme, der jeden Zuschauer glauben lässt, dass Kathi sich in ihn verliebt.“

Produktion: Drehen im Einkaufszentrum

Nach zehn Drehtagen waren alle Schauspieler und das Team froh, aus der engen Wohnung im elften Stock fliehen zu können. Mehr Platz bot das zweite Hauptmotiv des Films, das Einkaufzentrum Eastgate, in dem Kathi König laut Drehbuch ihren Salon eröffnen will. Das Original in Marzahn kam nur für Außenaufnahmen zum Einsatz. Unter den 150 Geschäften und Restaurants, die hier seit September 2005 unter einem futuristischen Dach untergebracht sind, gibt es nämlich kaum Leerstände. Zur Freude der Geschäftsführung, aber zum Nachteil des Filmteams.

Das fand im Eastgate nicht den dringend benötigten leeren Raum, in dessen Sichtweite ein moderner Friseursalon liegt. Susanne Hopf suchte in allen 70 Einkaufzentren Berlins und fand schließlich in den Neukölln Arcaden an der Karl-Marx-Straße die besten Voraussetzungen. Ein leeres Geschäft, das nur durch ein Nordsee-Restaurant von einer Filiale der Salonkette Klier getrennt wird. Aus dem Friseur Klier wurde der Salon Krieger, dessen Chefin (Maren Kroymann) die dicke Kathi als „nicht ästhetisch“ empfindet und so die folgenreiche Filmhandlung in Gang bringt.

Doris Dörrie und ihr kleines Team drehten in den Neukölln Arcaden an mehreren Oktobertagen. Stets zu den regulären Öffnungszeiten. „Wir konnten uns vollkommen frei bewegen und wurden von niemandem beachtet“, freut sich die Regisseurin. Entgegen ihrer Philosophie, ausschließlich an Originalmotiven zu drehen, musste Doris Dörrie im Einkaufcenter stark auf Kulissenbauer und Szenenbildner setzen. Zunächst verwandelten sie den leeren Geschäftsraum in einen Asia-Imbiss, der geschlossen werden muss, nachdem die Polizei die vietnamesischen Betreiber verhaftet. Daraus wurde Stück für Stück Kathis Salon mit sieben Waschtischen und Leuchtspiegeln, Trockenhauben und einer exotisch anmutenden Wandgestaltung aus goldenen Drachenreliefs auf dunkelroten Wänden. „Wenn es den Laden im echten Leben gäbe, würde ich sofort hingehen“, lobt Gabriela Maria Schmeide die Arbeit der Szenenbildnerin. „Der Salon war ein Ruhepol zwischen all den genormten Läden drum herum und wirkte wie aus einem Märchen. Schade, dass er wieder abgebaut wurde. Wäre ich die Leiterin des Einkaufzentrums, hätte ich mich dafür stark gemacht, dass dieser Laden bleibt.“

Das ganze spontane Filmen, wie Doris Dörrie es noch bei ihrem letzten Kinoprojekt KIRSCHBLÜTEN – HANAMI in Japan praktizieren konnte, war bei den Dreharbeiten für DIE FRISEUSE nicht möglich. „In Japan waren wir unterwegs und folgten einfach der Geschichte, die sich ins reale Leben warf“, erinnert sich Doris Dörrie. „Dagegen waren die Dreharbeiten für DIE FRISEUSE erstaunlich Kräfte zehrend, weil wir jeden Tag wieder unsere dicke Dame stemmen mussten, die aus der Realität in die Fiktion gewandert ist.“

Als Friseuse legt Kathi König großen Wert auf ihre Frisur, mal ist sie blond, mal brünett, mal mit farbigen Strähnchen, je nachdem, ob sie im Film zum Arbeitsamt, zur Bank oder zum Vorstellungsgespräch geht. An Kathi Königs Styling beteiligte sich auch aktiv Kathleen Cieplik, also jene reale Friseuse, die Laila Stieler 2004 erstmals getroffen hatte und die Patin für die Filmfigur gestanden hatte. „Ich habe sie total ins Herz geschlossen“, sagt Gabriela Maria Schmeide über die echte Kathleen Cieplik. „Sie ist klug und kann gut austeilen. Leila hat sie als Grundmotor für das Drehbuch genommen und viele ihrer wahren Geschichten, Erfahrungen und Ansichten eingebaut. Aber ich spiele keine exakte Kopie von ihr. Die Kathi im Film ist extremer und schillernder.“

Die Dreharbeiten am dritten Hauptmotiv, dem Pacific Center in Marzahn, kamen Doris Dörries Idealvorstellung von spontaner Inszenierung wieder deutlich näher. In der riesigen Blechhalle, die wegen ihrer vielen vietnamesischen Läden auch „Klein Hanoi“ genannt wird, stürzte sich das kleine Filmteam samt Kathi und Tien in das pralle Marktleben und ließ sich von der realen Warenvielfalt, den echten Händlern inspirieren. Hier wurden auch vietnamesische Friseure, Köche und Kellnerinnen kurzerhand als Statisten engagiert. Und Käufer, die zufällig durch den Hintergrund liefen, wurden von Produktionsleiter Volker Wach teilweise mit unverhofften Geldgeschenken versorgt: „Wenn jemand länger als drei Sekunden im Bild war, brauchen wir seine offizielle Genehmigung. Dann bekommt er im Gegenzug fünf oder zehn Euro. Oder ich bekomme eins aufs Auge“, scherzt Volker Wach.

Alle 29 Drehtage hatten eines gemeinsam: „Spätestens um 18 Uhr hatten wir Feierabend“, sagt Ill-Young Kim. „Das ist sehr ungewöhnlich, weil ein normaler Kinodrehtag mindestens zehn bis zwölf Stunden dauert. Aber Doris Dörrie arbeitet halt sehr zügig. Sie lässt eine Szene nicht tausend Mal wiederholen. Und sie ist sehr drauf bedacht, dass es den Schauspielern und den Statisten gut geht.“

Im November und Dezember 2009 verbrachte Doris Dörrie noch viel Zeit im Schneideraum, um den Film mit Inez Regnier fertigzustellen. Für DIE FRISEUSE arbeiten die Cutterin und die Regisseurin bereits zum achten Mal seit 1994 zusammen. Denn Filmemacher und Friseurläden haben eine große Gemeinsamkeit: Ihr Erfolg hängt vom perfekten Schnitt ab!

Interview mit der Regisseurin

DIE FRISEUSE ist Ihr erster Film, für den Sie das Drehbuch nicht selbst geschrieben haben. Woran mangelte es den Büchern, die Ihnen früher angeboten wurden?

Doris Dörrie: Ich hatte nie das Gefühl, dass ich einer bestehenden Geschichte meinen Blick hinzufügen konnte oder wollte. Außerdem spürte ich, dass ich durch die Bücher, die mir sowohl in Amerika als auch in Deutschland angeboten wurden, nichts Neues lernen konnte.

Wodurch hat Sie DIE FRISEUSE überzeugt?

Ich habe mich von der Figur entzünden lassen. Laila Stieler hatte das Buch noch gar nicht geschrieben, als sie mir zum ersten Mal davon erzählte. Sie hat in langen Gesprächen eine real existierende Friseurin porträtiert, und die war so echt, humorvoll und aufregend anders in ihrer Art, dass ich Laila gesagt habe: Wenn das Buch fertig ist, stell ich mich sofort in die Schlange derer, die es verfilmen wollen. Zum Glück stand ich an erster Stelle. Als ich das fertige Buch gelesen habe, wusste ich: Auf diese Expedition in ein für mich exotisches Gebiet, nämlich in den Osten, möchte ich gern gehen. Dort kann ich frisch gucken, denn den Osten kannte ich kaum. Über so eine Person wie diese Friseuse möchte ich gern mehr erfahren.

Warum wollten Sie mehr erfahren?

Meine Tochter kam 1989 zur Welt, also im Jahr des Mauerfalls. Damals dachte ich: Jetzt wird alles anders in Deutschland und es entsteht etwas Neues. Aber in München, wo ich nun einmal lebe, ist bis heute wenig von diesem neuen Deutschland zu spüren. Dieser Film hat mir 20 Jahre später die Gelegenheit gegeben, mich mit ostdeutschen Biografien auseinanderzusetzen. Etwas genauer kannte ich die Biografien von ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeitern, über die ich in Hanoi mal ein langes Hörfunkporträt gemacht habe. Unsere Verständigungsschwierigkeiten waren oft nicht die zwischen Asien und Europa, sondern zwischen Ost- und Westdeutschland.

Was ist typisch für Ostbiografien?

Genauso wenig wie Wessis definieren sich Ossis ausschließlich über ihre Herkunft. Ein großer Teil der Geschichte von Kathi König könnte auch in Köln oder Hannover spielen. Marzahn allein erklärt nicht, wie diese Person handelt, denkt oder durch das Leben geht. Was sie jedoch unterscheidet, ist ein gewisses Krisentraining oder ein für mich fast amerikanischer Pioniergeist, den sich jemand wie Kathi König durch die Wende gezwungenermaßen ganz anders zulegen musste als jemand im Westen. Diese Offenheit gegenüber ständigen Veränderungen macht sie so unwiderstehlich und auch erzählenswert.

Warum haben Sie die Hauptrolle mit Gabriela Maria Schmeide besetzt?

Ich habe sie vor vielen Jahren in ihrem ersten Film DIE POLIZISTIN gesehen, den auch schon Laila Stieler geschrieben hatte, und war von ihr begeistert. Sie hat für mich eine ganz große Wahrheit in ihrem Spiel, die es sehr selten gibt.

Zur Vorbereitung auf den Film Sie sind selbst im Fatsuit durch Berlin gelaufen. Wie haben die Leute reagiert und wie haben Sie sich gefühlt?

Ich war nach wenigen Stunden den Tränen nahe. Die Leute haben mich angestarrt und dann weg gesehen. Je schicker und teurer der Stadtteil war, in dem ich mich bewegt habe, umso mehr habe ich mich ausgegrenzt gefühlt, denn die Kilos steigen überall auf der Welt reziprok zum Einkommen. Ich bin mit Absicht in Klamottenläden in Mitte gegangen, wo es auf keinen Fall Kleider in Größe 58 gibt. Die Verkäufer haben sich versteckt, um dann hinter mir her zu lachen, als ich wieder gegangen bin. Ein Kind hat zu mir gesagt: „Aus der Bahn, fette Sau!“ In der Straßenbahn habe ich wütende Blicke kassiert, weil ich nicht auf einen Sitz gepasst habe, in Supermärkten kam ich nicht durch das Drehkreuz am Eingang, wenn ich etwas gegessen habe, haben mich die Leute angestarrt, als wäre das nun wirklich das Letzte, dass ich überhaupt esse. Es war hoch interessant und sehr wichtig für mich, das zu erleben.

Was haben Sie dadurch für den Film gelernt?

Ich habe nachvollziehen können, welche ungeheuren Kraft Kathi König jeden Tag aufbringen muss, um all dem entgegenzutreten und auch noch gut gelaunt zu sein. Der vermeintlich fröhliche Dicke ist wahrscheinlich ein sehr trauriger Dicker, der sich übermenschlich anstrengt, um nicht in Trübsinn zu verfallen.

Wie glücklich sind Sie rückblickend damit, ein fremdes Drehbuch verfilmt zu haben?

Ich habe festgestellt, dass es nicht so sehr meiner Natur entspricht, Bücher anderer Autoren zu verfilmen, weil ich mit ihnen viel rücksichtsvoller und höflicher umgehe als mit meinen eigenen. Ich bin viel ruppiger zu einem Drehbuch, dass ich selbst geschrieben habe. Dann gehe ich mit einer schlafwandlerischen Haltung an die Arbeit, die es mir erlaubt, mich als Autorin sofort zum Teufel schicken, sobald mir am Set etwas Neues einfällt. In diesem Fall habe ich mich dem Buch sehr verpflichtet gefühlt und hatte auch Angst, die Autorin zu enttäuschen. Zum Glück war Laila dann aber von den Mustern immer begeistert.

Welche Freiheiten nehmen Sie sich beim Verfilmen eines eigenen Buchs heraus?

Ich schaue, welche Umstände mir die reale Situation schenkt und wie sie die fiktive Idee des Drehbuchs bereichern können. Ich will, dass die Realität in die Fiktion einzieht und nicht der Realität die Fiktion aufzwingen. Deswegen drehe ich nicht mehr so oft auf 35 Millimeter und nur noch mit einem möglichst kleinen Team. Das gibt mir die Flexibilität, jederzeit auf die Realität reagieren zu können.

War das bei den Dreharbeiten zu DIE FRISEUSE immer möglich?

Diesmal war es deutlich schwieriger, weil notwendige Dinge wie Perücken, Kostüm und Maske den Ablauf komplizierter machten. Wir mussten eine gewisse Logistik mitschleppen, auch wenn wir sie im Vergleich zu üblichen Dreharbeiten stark reduziert hatten. Trotzdem hatten wir oft die Möglichkeit, uns vollkommen frei zu bewegen: zum Beispiel im Einkaufcenter, das eine große Rolle spielt, und wo uns niemand mehr beachtet hat. Das Paradies auf Erden hatte ich bei meinem letzten Film KIRSCHBLÜTEN – HANAMI. Wir waren unterwegs und folgten einfach der Geschichte, die sich ins reale Leben warf. Das hat sich sehr tänzerisch und leicht entwickelt. Dagegen waren die Dreharbeiten diesmal erstaunlich Kräfte zehrend, weil wir jeden Tag wieder unsere dicke Dame stemmen mussten, die aus der Realität in die Fiktion gewandert ist. Das ist ein ganz anderer Prozess.

Unter Ihrer Regie geht es am Drehort sehr ruhig zu. Gibt es nie Krach?

Ich dulde am Drehort kein Geschrei und keine Wichtigtuerei. Das wäre absurd. Wir haben das Privileg, auf einem Spielplatz zu sein und Dinge zu tun, die nur wenige Menschen ausprobieren dürfen. Diesen Luxus müssen wir genießen. Natürlich gibt es Filme, bei denen am Set Hass, Wut, Frust und Krieg herrschen und die dann trotzdem hinterher zu einem großen Erfolg werden. Aber ich finde das blöd. Ich will mich doch von der Situation inspirieren lassen, deshalb brauche ich am Set eine ruhige und freundliche Stimmung.

Wie können Sie die erreichen?

Bei mir hat jeder ein Grundrecht auf gute Behandlung. Normalerweise führt jeder, der am Drehort steht, ein schreckliches Leben. Es sei denn, er ist der Hauptdarsteller oder der Regisseur. Alle anderen werden schlecht behandelt. Das gibt es bei mir nicht. Die Leute sollen sich wohl fühlen. Der fertige Film ist die eine Sache, aber unser aller Leben findet ja in dem Augenblick statt, in dem wir den Film drehen.

Wann wissen Sie, ob eine Szene gut geworden ist?

Das ist fast schon eine buddhistische Aufgabe. Ich kann immer nur für den Moment entscheiden: Klingt alles richtig? Hat es einen tieferen Ton, der schwingt? Sieht alles richtig aus? Stimmen die Dinge oder sind sie aufgesetzt und künstlich? Ob der Zuschauer das später genauso empfindet, kann niemand sagen. Im Schneideraum kommt noch mal eine ganz neue Ebene dazu. Gerade bei Komödien gibt es oft das Problem, dass sich am Set alle totlachen und es hinterher im Kino ruhig bleibt. Den umgekehrten Fall gibt es auch: Bei MÄNNER haben wir am Set gar nicht so viel über die Szenen gelacht und waren hinterher verblüfft, dass sie vom Publikum als so irrsinnig komisch empfunden wurden.

Was ist das Geheimnis eines guten Films?

Ich kenne es leider nicht. Ich kann nur sagen: Es ist sehr einfach, einen Film zu machen. Aber es ist sehr schwierig, einen guten Film zu machen.

Warum kommen gute Sozialkomödien wie GANZ ODER GAR NICHT meist aus England und nicht aus Deutschland, wo es ähnliche Probleme wie Arbeitslosigkeit und sozialen Abstieg gibt?

Wir haben größere Schwierigkeiten, diese Probleme zuzugeben und offensiv mit ihnen umzugehen. Selbstironie bedeutet bei uns sehr schnell Schwäche. Wir empfinden Arbeitslosigkeit als einen so großen Makel, dass wir nur schwer Witze darüber machen können. Das täte uns aber natürlich gut, weil Humor immer bedeutet, dass man ein Fenster aufmacht und frische Luft herein lässt. Das ist für mich auch das wirklich Überwältigende an dieser Figur der Kathi König: ihre Fähigkeit, selbst in der miesesten Situation nicht den Humor zu verlieren.

Interview mit der Hauptdarstellerin

Was macht die Rolle der Kathi König spielenswert?

Gabriela Maria Schmeide: Die Figur ist wie ein Geschenk. Sie ist eine unwahrscheinlich kraftvolle und humorvolle Frau. Es macht großen Spaß, einen Menschen zu spielen, dem ständig Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, der sich aber nicht unterkriegen lässt und immer wieder aufsteht. Das ist ja fast schon eine märchenhafte Figur.

Die echte Berliner Friseuse Kathleen Cieplik hat die Autorin Laila Stieler zum Drehbuch inspiriert. Haben Sie das Original mal getroffen?

Sogar mehrmals. Ich habe sie total ins Herz geschlossen. Sie ist klug – und sie kann gut austeilen. Laila hat sie als Grundmotor für das Drehbuch genommen und viele ihrer wahren Geschichten, Erfahrungen und Ansichten eingebaut. Aber ich spiele keine exakte Kopie von ihr. Die Kathi im Film ist extremer und schillernder.

Wann haben Sie erstmals vom Projekt DIE FRISEUSE erfahren?

Sehr früh. Laila Stieler hat das Drehbuch zu meinem allerersten Film, DIE POLIZISTIN, geschrieben. Als sie DIE FRISEUSE entwickelte, hatte sie wohl schon an mich gedacht. Deshalb schickte sie mir im Herbst 2007 das Treatment zu. Ein Jahr später kam die konkrete Anfrage, Ende Februar 2009 lernte ich Doris Dörrie bei einem Essen kennen und im April folgten dann die Castings.

Wie viele Mitbewerberinnen hatten Sie?

Das waren wohl an die 14, darunter auch drei oder vier sehr kräftige Kolleginnen. Andere waren auffallend schlank. Das war eine bunte Mischung. Doris Dörrie hat mir immer gesagt, dass sie Wert auf das Schauspielerische legt. Bei der Optik könne man immer noch nachhelfen. Allerdings war ich mir beim Casting nicht mehr so sicher, ob ich die Rolle bekommen werde. Ich wusste nur, dass das ein schönes Angebot ist und dass die Rolle zu mir passt.

Kathi König spricht mit starkem Berliner Akzent. Beherrschen Sie den von Natur aus?

Nein, ich habe die ganze Zeit geübt, viele Berliner Freundinnen angerufen und mir vieles auf Band sprechen lassen. Ganz fremd war mir der Dialekt nicht, weil ich zehn Jahre in Berlin gelebt habe. Aber auf der Zunge lag mir das nicht. Dazu kam noch, dass ein großer Teil des Teams aus Bayern kam. Immer wieder habe ich gefleht: „Bitte nicht Bayrisch reden! Oder Sächseln!“ Ich komme ja aus Sachsen und bin sofort wieder drin im Sächsischen, wenn ich es irgendwo höre.

Es gab also keinen eigenen Sprachtrainer am Set?

Nein. (lacht) Ich habe das im Vorfeld gelernt und mir in Zweifelsfall Rat bei den Berlinerinnen im Team geholt. Laila Stieler war oft am Set und hat mir Hinweise gegeben. Auch unsere Kostümbildnerin und die Maskenbildnerin haben ein Berliner Mundwerk.

Erzählt DIE FRISEUSE eine typische Ost-Berlin-Geschichte?

Auf jeden Fall. Die Frau hat eine Vergangenheit in der DDR, das ist immer wieder ein großes Thema für sie. In München oder Frankfurt würde ich diese Geschichte nicht sehen. Dresden ist auch was anderes. Das ist eine Ost-Berliner Geschichte.

Wie hat sich Doris Dörrie als Westdeutsche dieser Ost-Geschichte genähert?

Indem sie mit großer Neugier nachgefragt hat: „Wie ist das bei Euch gewesen?“ Marzahn war für sie ja zunächst Fremdland. Auch bei den Dreharbeiten sind sich zwei Welten begegnet. Ein Teil des Teams kam aus dem Westen, der andere Teil, wozu auch ich gehörte, kam aus dem Osten.

Wie würden Sie Doris Dörries Regiestil beschreiben?

Doris will mit einem kleinstmöglichen Team auf bescheidenste Weise Szenen drehen, die so natürlich wie möglich sein sollen. Das kenne ich auch von der Arbeit mit Andreas Dresen, der das Prinzip aber noch konsequenter umsetzt, als es bei DIE FRISEUSE möglich war. Bei HALBE TREPPE haben wir alles ohne Drehbuch improvisiert, hatten keine Maske und keine Garderobe. Selbst die Kleidung war unsere eigene. Der Aufwand für DIE FRISEUSE war größer.

Trotzdem erfolgten auch diese Dreharbeiten nach einer gewissen Guerilla-Taktik: Das kleine Team tauchte irgendwo auf, nutzte reale Orte und baute umstehende Leute spontan als Komparsen ein.

Ist das eine reizvolle Art des Filmemachens?

Auf jeden Fall, aber das ist auch anstrengend. Man muss immer auf dem Sprung sein und auch viele Szenen wiederholen, weil einige Komparsen reflexartig in die Kamera schauen. Bei Außendrehs versteckt man sich am besten irgendwo, damit die Aufmerksamkeit nicht schon vor dem eigentlichen Dreh auf das Team fällt. Das ist natürlich schwierig, wenn man dick ist, schrille Kleider und eine Perücke trägt.

Wie hat die Umwelt auf Sie reagiert?

Zum Teil verstört. Als ich in diesem Outfit zum Beispiel zu einem Vietnamesen in den Supermarkt ging und fragte, ob ich mal auf die Toilette gehen darf, kam als Antwort ein klares: „Nein!“ Das ist mir teilweise passiert, wenn wir draußen gedreht haben. Wir hatten ja keine Wohnwagen und keine eigenen Toiletten dabei.

Kathi König sagt im Film: „Diskriminierung ist mein zweiter Name.“ Haben Sie viele solcher Erfahrungen gemacht?

Man merkt natürlich, wie man angeguckt wird. Die Rolle ist ja auch so angelegt, dass Kathi sich nicht versteckt, sondern all ihre Pfunde ausstellt und den Leuten vors Gesicht knallt. So zieht man erst recht die Aufmerksamkeit auf sich. Ich war immer froh, wenn ich mich in den Drehpausen an einen nicht-öffentlichen Platz zurückziehen konnte.

Was haben Sie durch die Dreharbeiten über das Friseurhandwerk lernen können?

Dass das total anstrengend ist. Wir standen einen Tag in diesem Friseursalon, um mich herum all die kleinen vietnamesischen Kolleginnen mit ihren hochhackigen Schuhen. Dieser Beruf ist so hart wie der Beruf des Konditors. Man muss ihn mit Lust ausüben und kann das nicht einfach nur als Job ansehen. Die Friseure müssen die Persönlichkeit eines Menschen erkennen, um dann zu entscheiden, welche Frisur die passende ist. Da ist die Kommunikation zwischen dem Kunden und dem Friseur ganz wichtig. Das hat sich mir durch die Dreharbeiten vermittelt.

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