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Fakten und Hintergründe zum Film "Die Beschissenheit der Dinge"

Fakten und Hintergründe zum Film "Die Beschissenheit der Dinge"

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Interview mit dem Regisseur

Ihre ersten beiden Spielfilme basieren auf Drehbüchern, die Sie selbst geschrieben haben. Was hat Sie bewegt, nun einen Roman zu adaptieren?

Als ich mit dem Filmemachen begonnen habe, hätte ich mir nie vorstellen können, ein fremdes Drehbuch oder gar einen Roman zu verfilmen. Ich habe meinen Debütfilm selbst geschrieben, fand das aber kompliziert und war daher beim zweiten Film nur noch Co-Autor. Einen Roman zu verfilmen, ist da nur der nächste logische Schritt. Ein Drehbuch zu schreiben ist sehr zeitaufwändig, und mir ging es darum, so schnell wie möglich mit der Filmarbeit zu beginnen.

Warum haben Sie den Roman von Dimitri Verhulst ausgewählt?

Ich kannte den Autor und liebe seinen Stil. Als ich „Die Beschissenheit der Dinge“ gelesen habe, dachte ich zunächst: Diese anekdotenhafte Abfolge von Saufgelagen lässt sich unmöglich verfi lmen. Aber die letzten Kapitel erhellen den gesamten Roman. Wir verstehen, dass Gunther nicht mehr in seinem Dorf lebt, dass sein Vater verstorben ist und er selbst im Begriff steht, Vater zu werden – obwohl er sich dagegen sträubt. Ich habe geweint, als er seine Großmutter besucht und ihr dankt: Diese Gefühle mussten wir auch im Film erzeugen. Ich wollte, dass die Zuschauer verstehen, warum die Figur so zynisch geworden ist. Es hat sehr lange gedauert, dafür die passende Struktur zu finden. Ich spiele gerne mit der Zeit, mache Zeitsprünge, die nicht logisch bedingt sind, sondern emotional.

Familiengeschichte, sozialer Realismus oder Tragikomödie: Welchen Zugang haben Sie gewählt?

Die Summe macht es. Es geht in der Geschichte um jemanden, der seiner sozialen Herkunft entflieht, aber das bedeutet keine Errettung: Er ist einsam und traurig, er hasst die Welt und sein Leben. Das ist sehr düster, aber dann öffnet sich alles, weil er seinen Platz im Leben fi ndet und schließlich in die Vergangenheit zurückkehrt und seine Familie wieder trifft. Das ist eine lange, 20 Jahre währende Reise, auf der es viele euphorische Momente gibt, aber auch eine Menge Schmerz.

Sie haben mit den Darstellern vor Drehbeginn sehr intensiv geprobt. Warum?

Das ist meine Arbeitsweise. Während ich am Drehbuch arbeite, fange ich an, zu casten und bald darauf beginne ich mit den Proben, um zu testen, was die Schauspieler den Figuren mitgeben können. Ich habe mir auch einige Dokumentarfilme mit den Schauspielern angesehen, insbesondere „Les Aventures de la Famille Debecker“, in der es um eine arme Familie geht, die in einem einem winzigen Haus lebt, aber eine sehr warme Familienatmosphäre besitzt.

Welche visuellen Ideen haben Sie umgesetzt?

Ich habe ein choreographiertes, hochenergetisches Durcheinander angestrebt. Aber man muss vorsichtig sein, dass man nicht zu weit geht und das Publikum einem nicht mehr folgen kann. Man muss genau wissen, welche Szenen man wirklich braucht. Mein Kameramann ist deshalb bereits bei den Proben dabei, macht Aufnahmen und äußert Vorschläge.

Welche Einflüsse sehen Sie in Ihrem Filmschaffen?

Es gibt da immer ein oder zwei Filme, die ich im Laufe weniger Jahre zehnmal oder mehr schaue. Zuletzt waren das Jacques Audiards „Der wilde Schlag meines Herzens“ und „Y Tu Mamá También“ von Alfonso Cuarón. Ihr Film lief in Cannes, war in den belgischen Kinos sehr erfolgreich und sogar für einen Oscar-nominiert.

Wie gehen Sie mit diesem Erfolg um?

Das fühlt sich großartig an! Mein zweiter Spielfilm wurde von der Presse positiv besprochen, hat aber in den Kinos Ergebnisse erzielt, die selbst für einen flämischen Arthouse-Film nur durchschnittlich waren. Aber ich bin sehr froh, dass sich der Erfolg erst mit „Die Beschissenheit der Dinge“ eingestellt hat. So habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich mich einfach auf das Filmemachen konzentrieren muss und nicht anfangen darf, zu träumen.

Über den Film

„Die Beschissenheit der Dinge“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Dimitri Verhulst, der in dem autobiographischen Werk eine Familiengeschichte aus dem Belgien der 80er Jahre erzählt.

Dimitri Verhulst hat den fertigen Film das erste Mal auf einem Laptop gesehen, gemeinsam mit seiner Freundin. „Ich habe den Computer angeschlossen, den Play-Button gedrückt und dann den Raum verlassen“, erzählt Regisseur van Groeningen. „Es war schon sehr seltsam, jemandem einen Film über sein Leben zu zeigen, das gewissermaßen durch fremde Augen gesehen wird, durch meine und die des Drehbuchautors. Ich habe zu Dimitri gesagt: Schau dir den Film an und entscheide anschließend, ob du noch mit mir reden möchtest.“

Dimitri Verhulst wollte reden. Er traf sich mit dem Regisseur, gemeinsam leerte man zwei Flaschen Wein. Dem Schriftsteller hat der Film sehr gefallen, wie Felix van Groeningen anmerkt. Doch fühlt sich der Autor richtig wiedergegeben? „Ich habe es nicht als meine Aufgabe gesehen, mich auf die Suche nach der Wahrheit zu begeben“, stellt van Groeningen klar. „In den Diskussionen mit Dimitri vor Drehbeginn ging es darum, welche Szenen dramaturgisch wichtig sind und wie wir die komplizierte Vater-Sohn-Beziehung darstellen. Aber ich habe Dimitri nie gefragt, welche Episoden in seinem Roman wahr sind und welche erfunden.“

Wahrheitsfindung kann ein schmerzhafter Prozess sein. Das hat Dimitri Verhulst bereits beim Schreiben seines Romans festgestellt, der bei allem lakonischen Witz die Schattenseiten einer problembelasteten Jugend schonungslos schildert.

Wie schmerzhaft das auch für die Angehörigen ist, erfuhr Verhulst, als das Buch 2006 in Belgien erschien. Das ohnehin komplizierte Verhältnis zu seinen Verwandten gestaltete sich durch den Erfolg und die mediale Aufmerksamkeit zunehmend schwieriger. In Interviews mit der belgischen Presse hat sich Verhulst damals beklagt, dass die Liebe zu seiner Familie ein wichtiges Element in dem Roman sei, das aber von seinen Angehörigen nicht entsprechend gewürdigt werde.

Es gab eine weitere Voraufführung des Films, diesmal in Aalst, der flämischen Kleinstadt, in deren Nähe Dimitri Verhulst aufgewachsen ist. „Seine Familie war eingeladen“, erzählt Regisseur van Groeningen. „Das ist eine sehr weit verzweigte Sippe, zu der wir aber während der Dreharbeiten keinerlei Kontakt hatten. Doch wir haben Aalst vor Drehbeginn besucht, und zwar während der Faschingsfeiern im Februar.“

Am Tag vor Aschermittwoch findet dort ein Umzug statt, der Voil Jeannetten (‚Die schmutzigen Johannas‘) genannt wird. Die Männer der Gemeinde schlüpfen dabei in Frauenkleider und paradieren ausgelassen durch die Straßen. „Das ist ein sehr uriges Fest, man könnte es sogar als obszön bezeichnen“, erklärt Felix van Groeningen. „Uns war sofort klar, dass dieser Umzug im Film auftauchen muss. Er ist ein wichtiges gesellschaftliches Ereignis in dieser Stadt und sagt viel über die Umgebung aus, in der Dimitri aufgewachsen ist.“ Zugleich bietet das Fest dem Regisseur die Gelegenheit, seine Hauptfiguren einzuführen und ihren oftmals derben Humor zu zeigen: „Es gibt viele Probleme in dieser Filmfamilie. Aber in ihren besten Momenten ist sie voller Warmherzigkeit und Lebenslust.“

Haben die Vorbilder der Filmfiguren dem Regisseur erzählt, wie sie ihre Darstellung im Film empfinden? „Nein“, sagt van Groeningen, „bei der Vorführung in Aalst waren die Familienmitglieder sehr distanziert. Aber der Umzug der schmutzigen Johannas hat ihnen ausgesprochen gut gefallen.“