Fakten und Hintergründe zum Film "Die Abenteuer von Tim und Struppi: Das Geheimnis der Einhorn"

Kino.de Redaktion |

Die Abenteuer von Tim und Struppi Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Über die Produktion

Mit einer Serie aufregender Abenteuer rund um die Welt wurden die Comicfiguren Tim und Struppi zu einer regelrechten Sensation in zahllosen Ländern. Der unerschrockene Reporter mit dem ulkigen Haarschopf und dem Mut, auch in den brenzligsten Situationen immer haargenau das Richtige zu tun, ist seither ein Held für die jungen Leser weltweit geworden – und eine andauernde Inspiration für eine Vielzahl von Künstlern. Die TIM UND STRUPPI-Comicbücher, geschrieben und gezeichnet von Georges Remi unter dem Pseudonym Hergé, haben die Brücke geschlagen zwischen unterschiedlichen Kulturen, mehreren Generationen und selbst durch den Krieg getrennte Grenzen. Sie sind ein popkulturelles Phänomen von andauernder Nachhaltigkeit. Sie wurden in mehr als 100 Sprachen übersetzt, gingen bislang mehr als 250 Millionen Mal über die Ladentische und erfreuen sich weiterhin ungebrochener Beliebtheit.

Aber mag er noch so viele entlegene Ecken auf der Erde erobert haben, von Peru über Tibet bis hin zum Mond, so ist ihm doch ein Ort fremd geblieben – die moderne Kinoleinwand. Das ändert sich mit DIE ABENTEUER VON TIM UND STRUPPI: DAS GEHEIMNIS DER EINHORN, ein Film, der das Kinopublikum auf der ganzen Welt nicht nur erstmals mit der Serie bekannt macht, sondern das auch auf eine höchst einfallsreiche Weise tut, die die modernsten technologischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts ausschöpft und dennoch auf fast schon bewundernswerte Weise dem unvergleichlichen und zeitlosen visuellen Stil von Hergé huldigt.

Bilderstrecke starten(33 Bilder)
Alle Bilder und Videos zu Die Abenteuer von Tim und Struppi

Der Ursprung der anhaltenden Faszination lag schon immer darin, dass es den ruppigen, aber doch stets liebenswerten Figuren bei ihren unentwegten Reisen in die entlegensten Länder und furchtlosen Kämpfe gegen Bösewichte aller Art gelang, die Menschen zu vereinen, gemeinsam um ihre Helden zittern und mit ihnen triumphieren zu lassen.

Steven Spielberg und Peter Jackson ging es nicht anders: Ihre gemeinsame Leidenschaft für Hergés fesselnde Geschichten führte dazu, dass diese beiden herausragenden Ausnahmefilmemacher erstmals gemeinsam ein Filmprojekt in Angriff nahmen. Die beiden stießen zu völlig verschiedenen Zeiten auf völlig verschiedene Weise auf TIM UND STRUPPI. Aber ihre Begeisterung und Passion für die völlig offenen filmischen Möglichkeiten der Figuren eint sie. Beide konnten der aufregenden Herausforderung nicht widerstehen, die unbändige Freude, die von den Zeichnungen von Hergé ausgeht, mit der modernsten Filmtechnologie und inspirierten Darstellungen mit emotionalem Tiefgang zusammenzubringen. Das Ergebnis sollte ein einzigartiges Filmerlebnis sein, mit dem das gewaltige Erbe von TIM UND STRUPPI geehrt wird.

„Tim ist ein engagierter Reporter, der Fragmenten von Hinweisen nachgeht, aus denen sich unglaubliche Abenteuer auf der gesamten Welt entspinnen“, erklärt Spielberg. „Was ihn so faszinierend macht, ist sein unablässiges Streben nach Wahrheit, auch wenn das bedeutet, dass er sich unentwegt in gefährliche Situationen manövriert. Oft erscheint es, als könnte es diesmal keinen Ausweg geben, aber irgendwie zieht er sich immer am eigenen Schopf aus dem Sumpf. Als ich TIM UND STRUPPI zum ersten Mal las, war mir klar, dass er und ich füreinander geschaffen waren.“

Peter Jackson ist mit TIM UND STRUPPI groß geworden – Tims Abenteuer waren schon immer ein wichtiger Einfluss für ihn. Als Junge in Neuseeland, lange bevor er eine Laufbahn als Filmemacher einschlug, zu der mit The Lord of the Rings (Der Herr der Ringe, 2001 – 2003) die meistgefeierte Fantasy-Trilogie der Filmgeschichte zählt, verschlang Jackson jeden einzelnen Band, den er in seine Hände bekommen konnte. Er kämpfte sich selbst durch französische Ausgaben, wenn er der englischen Fassung nicht habhaft werden konnte.

„Wenn man jung ist, fällt es einem nicht schwer, sich an Tims Stelle zu versetzen und die Abenteuer sozusagen selbst zu durchleben“, merkt Jackson an. „Sie sprechen ganz fundamental den Abenteurer in uns allen an.“

Die beiden Männer erkannten sofort, dass TIM UND STRUPPI das filmische Potenzial bereits in seiner DNS trug. „Wir waren alle sehr bewegt davon, dass Hergé seine Geschichten sozusagen in wunderschönen Storyboards erzählte, die ganz einfach, klar und in ihrer narrativen Wucht ungemein wirksam sind“, sagt Spielbergs langjährige Kreativpartnerin Kathleen Kennedy, die sich schließlich mit Peter Jackson für die Produktion des Films zusammenschloss.

Spielberg hatte erstmals 1983 versucht, Kontakt zu Hergé aufzunehmen – und stellte fest, dass der belgische Künstler begeistert davon war, seine clevere Figur in die Hände des Filmemachers zu legen. Es war tragisch, dass Hergé starb, bevor sich die beiden persönlich kennenlernen konnten. Später erfüllte seine Witwe, Fanny Rodwell, Hergés ausdrücklichen Wünsche und übertrug Spielberg die Filmrechte.

„Hergé sah in Steven den einzigen Filmemacher, von dem er sich vorstellen konnte, dass er einen Film machen konnte, der auf seiner Arbeit basiert“, sagt der ausführende Produzent Stephane Sperry, der seit Jahrzehnten TIM UND STRUPPI repräsentiert und noch länger ein Fan der Figuren ist. „Und Steven hat das immer respektiert.“

Die Filmemacher arbeiteten Hand in Hand mit Nick und Fanny Rodwell und ließen sich von den beiden besonnenen Treuhändern des Erbes von Hergé und ausgewiesenen Experten in allen Belangen von TIM UND STRUPPI beraten. „Am wichtigsten war uns, Hergé zu ehren und so genau wie möglich seinem einzigartigen Sinn für Farbskalen und der Abbildung von Figuren zu entsprechen. Jedes einzelne Panel seiner Comicbände erzählt auf sehr filmische Weise eine Geschichte“, erläutert der Regisseur. „In jeder einzelnen Pose und Handlung steckt eine unverkennbare kinetische Energie. Es ist, als hätte er förmlich versucht, 24 Bilder in eine einzige Einstellung zu pressen – und zwar erfolgreich. Das war, wie ich finde, das Genie von Hergé. Jede seiner Geschichten hat die Essenz eines Films – und wir hatten nun die Möglichkeit, dieser Haltung treu zu sein.“

Spielberg war sofort davon überzeugt, dass Peter Jackson der ideale Partner für ein solches Unterfangen sein würde. „Peter sagte zu mir am Telefon: ,Wenn du jetzt hier wärst, dann würdest du über meiner Schulter die komplette Serie von Hergés Büchern sehen können – ich wäre geehrt, wenn ich mit dabei sein dürfte’“, erinnert sich Spielberg. „Und so begann der Prozess, einen Weg zu finden, diesen künstlerischen Stil, der Hergé und seine Schöpfung Tim definiert, filmisch einzufangen und auf die Leinwand zu bringen.“

Jackson konnte es kaum erwarten, sich dieser Aufgabe zu stellen. „Ich war elektrisiert, dass Steve mich mit an Bord genommen hatte“, sagt er und meint: „Steven steht Tim wirklich sehr nahe. Im Herzen ist er jung geblieben. Er ist von Natur aus neugierig. Er liebt das Abenteuer und sein Gespür für Humor entspricht ziemlich dem von Hergé in seinen Büchern. Das passt einfach perfekt.“

Spielberg wollte aber nicht nur, dass Jackson als Produzent bei diesem Film dabei ist, sondern fragte ihn auch, ob er Lust hätte, bei einer zweiten Verfilmung schließlich auch selbst Regie zu führen. Jackson sagte zu. Mit dem Segen und der Unterstützung von Fanny und Nick Rodwell und der Hergé-Stiftung konnte das Abenteuer beginnen. Fanny, die mittlerweile Präsidentin der Hergé-Studios in Brüssel ist, erklärt: „Es war eine besondere Ehre für uns, mit diesen beiden herausragenden, kreativen Filmemachern an einem Strang ziehen zu dürfen. Sie genossen unser vollstes Vertrauen, dass sie Tim mit seinen Abenteuern auf die größten Leinwände bringen würden. Hergé selbst hat einmal gesagt: ,Ich sehe meine Geschichten als Filme an.‘ Wie prophetisch!“

In enger Absprache mit der Hergé-Stiftung wählten die Filmemacher Steven Moffat und das Team Edgar Wright und Joe Cornish als Autoren für die Drehbuch-Adaption. Um das Publikum möglichst umfassend mit Tim und seinen diversen Mitstreitern und Feinden vertraut zu machen, wählten die Filmemacher eine Kombination von drei ihrer favorisierten Tim-Bände: „Die Krabbe mit den goldenen Scheren“, „Das Geheimnis der ,Einhorn‘“ und „Der Schatz Rackhams des Roten“ – und fügten sie zu einer durchgängigen Geschichte zusammen, um die Kinogänger von heute in Atem halten zu können.

Die Bücher waren der Leitstern für die Drehbuchautoren. „Hergés Geschichten packen einen mit ihren lebhaften Farben und Abenteuern. Aber sie sind noch viel, viel mehr. Sie stecken voller moralischer Konzepte, sind voller exotischer Reisen und eröffnen einem eine unsagbar große Welt und wissenschaftliche Ideen. Ich glaube, das ist einer der Gründe, warum sie Millionen von Kindern so nachhaltig beschäftigen. Diese Größe in ein Drehbuch umzusetzen, sahen wir als unsere Hauptaufgabe an“, fasst Cornish zusammen.

Außerdem ließen sie sich von Spielbergs und Jacksons konzeptionellem Ansatz leiten, die in Hergés spielerischen Zeichnungen Elemente des Film noir, Suspense im Sinne Hitchcocks und aus Spezialeffekt-Thrillern entdeckten – und stellten sie etwas mehr in den Vordergrund.

Das Resultat begreift Spielberg als „teils Mystery, teils Detektivgeschichte – und natürlich pure Abenteuerunterhaltung, die um eine großartige Geschichte über die Freundschaft von Tim und Kapitän Haddock, ihre Loyalität zueinander und den Glauben aneinander gestrickt ist.“

Produktion: Das Design

Steven Spielberg und Peter Jackson verfügen nicht nur über eine rege Fantasie, sondern verspüren auch den unentwegten Drang, Neuland zu erschließen. Ob es nun Außerirdische sind oder die Wesen von Mittelerde, beide haben unvergessliche Figuren und Welten erschaffen, so atemberaubend originell, wie man sie sich unmöglich außerhalb eines Kinos hätte vorstellen können. Und doch hatte weder der eine noch der andere bislang versucht, sein Können und seine Kunstfertigkeit in Form eines animierten 3-D-Films unter Beweis zu stellen.

Spielberg und Jackson war es vor allem wichtig, dem Vermächtnis von TIM UND STRUPPI gerecht zu werden – und ihre gemeinsame Begeisterung für Hergés unverwechselbaren Zeichenstil inspirierte von Anfang an das visuelle Design für einen komplett animierten CG-Film.

Schon früh, noch während das Drehbuch geschrieben wurde, nahmen das Art Department und das Animationsteam ihre Arbeit auf, und Mitarbeiter auf beiden Seiten des Pazifiks begannen, Ideen und Konzepte für die schrulligen Figuren und prickelnden Kulissen von TIM UND STRUPPI auszutauschen. Eine der ersten großen Entscheidungen, die alle weiteren Entscheidungen maßgeblich beeinflusste, betraf die Zeit, in der die Geschichte spielen sollte: Die Periode wie auch die Textur der Geschichte sollten losgelöst von einer bestimmten Zeit sein. Vielmehr sollte sie in einer Art ewigem Noir-Universum spielen, voller finsterer Schatten, die hinter jeder Ecke lauern.

„Die Geschichten von Hergé könnten in den Dreißigern spielen, in den Fünfzigern, den Achtzigern oder auch jetzt“, berichtet Spielberg. „Das ist Teil ihres wunderbaren Reizes, und den wollten wir unbedingt bewahren. Was wir in unserem Film auf keinen Fall haben wollten, waren Handys, Fernseher oder moderne Automobile. Wir übernahmen unsere Designs zunächst einmal direkt von Hergé und ließen irgendeine bestimmte Epoche völlig außer Acht.“

Jackson fügt hinzu: „Unser Film sollte sich so retro und kantig anfühlen wie ein klassischer Krimi. Das trifft nicht auf Tim selbst zu, sondern die Welt, in der er lebt. Unsere Geschichte ist so voller Spannung, dass wir den Eindruck hatten, dass Menschen in Regenmänteln, ins Gesicht gezogene Hüte im Regen und Straßenlaternen, deren Schatten sich im feuchten Asphalt spiegeln, regelrecht ein Muss waren. Das ist die Welt, die wir uns für unseren Tim vorstellen, in dieser Welt sollte er leben.“

Als Nächstes versuchten die Künstler, Designer und Animatoren festzulegen, wie Hergés Kunst aussehen würde, wenn es sie im dreidimensionalen Raum gäbe. Obwohl er sie vor Jahrzehnten gezeichnet hatte, war sie wie geschaffen für das Vorhaben der Filmemacher, berichtet Richard Taylor, der Mitbesitzer des Weta Workshop und Leiter der Designs und Effekte des Films. „Wenn man sich Hergés Zeichnungen aus schwarzer Tinte betrachtet, die mit Wasserfarbe ausgefüllt wurden, dann muss man nur die Augen schließen und man kann sich die Welt von Tim und Struppi in all ihren Einzelheiten vorstellen. Man kann gar nicht anders, als sie in 3‑D zu sehen“, überlegt Taylor.

Das funktionierte auch deshalb so gut, weil Hergé die Regeln der puren Realität schon beim Zeichnen von Tims Eskapaden unentwegt brach. „Die Linien der Zeichnungen von Hergé sind nicht unbedingt wirklich akkurat“, sagt Joe Letteri, Leiter der visuellen Effekte. „Er versuchte nicht, genaue Skizzen davon anzufertigen, was er sah. Und wir wollten seine sanften Übertreibungen so exakt wie möglich für unsere Zwecke übernehmen. Ein Großteil unserer Designstudien bestand darin, das anzusehen, was er gemacht hatte, und es dann aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Auf diese Weise konnten wir ein Regelwerk erstellen, wie man seine Welten in einem komplett in 3-D-realisierten Animationsuniversum konstruiert.“

Um Hergés Welten auf eine Weise zum Leben erwecken zu können, die das Publikum jeden Windstoß, der durch die virtuelle Luft wirbelt, spüren zu lassen, erforschte das Art-Department Bilder und Drehorte, die den verschiedenen Umfeldern entsprachen, in denen sich Tim, Struppi und Haddock wiederfinden, von den aufgepeitschten Wellen der stürmischen sieben Meere hin zu den Wanderdünen der Wüste Sahara. Besonders beliebt bei den Designern war Hergés ausgedachte Stadt Bagghar in Marokko, ein verführerisches Gefilde voller fernöstlicher Geheimnisse.

„Wir studierten viele verschiedene Stile nordafrikanischer Bauten, Muster und Bögen“, sagt Konzeptdesignerin Rebekah Tisch. „Entsprechend waren wir in der Lage, beim Entwerfen von Bagghar faszinierende Formen und Farben einzusetzen. Danach war ich erfüllt von dem Bedürfnis, meine sieben Sachen zu packen und in die Welt zu ziehen. Ich hoffe, dass die Menschen, die sich TIM UND STRUPPI ansehen, von unserer Fusion von Begeisterung und Farben ebenso inspiriert sein werden.“

Auf Einladung von Fanny und Nick Rodwell von der Hergé-Stiftung reiste Konzeptdesigner Chris Guise nach Brüssel, um Tims Heimatstadt aus der Nähe studieren zu können und hautnah die Atmosphäre zu spüren, die zur Schöpfung seiner Wohnung in der Labradorstraße Nr. 26 sowie der Form von Kapitän Haddocks Landsitz Schloss Mühlenhof führte.

„Chris tauchte in Hergés Universum ein und suchte Bilder, die ihn bei der Schöpfung der Welt von TIM UND STRUPPI womöglich inspiriert hatten. Er kam zurück und hatte eine perfekt ausgeprägte Vorstellung von diesem Ort“, merkt Richard Taylor an.

Marco Revelant, Leiter für digitale Modelle, trug zum Prozess mit seiner Begeisterung für Modellschiffe bei, denen bei diesem Abenteuer eine Schlüsselrolle zufällt. Revelant reiste zum Musée de la Marin in Paris, um die Schiffe, die Hergé als Vorbild für die Brillant und die Einhorn verwendet hatte, persönlich in Augenschein zu nehmen. „Hergés Designs sind ein bisschen ausgetüftelter, aber etwas in der Größe reduziert“, meint er. „Genau diese Justierungen nahmen wir an unseren Modellen vor.“

Kim Sinclair, der künstlerische Leiter für visuelle Effekte, suchte an jedem nur erdenklichen Ort nach authentischen Fahrzeugen, wie dem Ford, Baujahr 1937, wie man ihn aus den Büchern kennt. Diese Fahrzeuge wurden dann in den Computer eingescannt, damit man sie im Anschluss an den Dreh digital ins Bild einfügen konnte. „Hergé hat sehr akribische Nachforschungen angestellt, wenn es um Fortbewegungsmittel wie den Ford oder das Seeflugzeug ging. Wir konnten anhand seiner Vorlagen herausfinden, wer der Hersteller war und in welchem Jahr die Vehikel gebaut worden waren. Seine Zeichnungen entsprachen auch den Originalfarbpaletten der Hersteller, die wir ebenfalls aufstöbern konnten“, erklärt er.

Aber das wichtigste Designelement waren von Anfang an die Figuren selbst. Von Haddocks aberkomischen Posen über der gen Himmel gerichteten Textur von Tims Haaren und den unverwechselbaren Formen der Schnauzbärte der Detektive Schulze und Schultze hin zu den Emotionen, die Struppi mit seiner Schnauze zum Ausdruck bringt – jede noch so kleine Nuance wurde angesprochen und ausdiskutiert, ausgedacht, neu ausgedacht und dann während der intensiven Sitzungen noch einmal überarbeitet und perfektioniert.

„Wir betrachteten jede Figur von jeder nur erdenklichen Seite, um sicherzugehen, dass wir Hergés Ideen entsprachen“, erinnert sich Spielberg. „Wir hatten nie Angst zu sagen: Nun, dieses spezielle Grübchen in Kapitän Haddocks Gesicht sieht nicht ganz so aus, wie wir es aus Hergés Vorlagen kennen.“

Produktion: Die Besetzung

Hinter jedem einzelnen mit großer Sorgfalt animierten Bild steckt die inspirierte und gekonnte Darstellung eines Schauspielers. Ein entscheidendes Argument für die Mitwirkung der Schauspieler waren Hergés unvergleichliche Figuren, jede von ihnen mit ihren eigenen erinnerungswürdigen Schrullen und Marotten erdacht, die noch nie zuvor so liebevoll ausgearbeitet wurden. Dazu gehören:

Tim und Struppi

Für die ikonische Rolle des unerschrockenen, bubenhaften Reporter, der im Mittelpunkt zahlloser Träume von aufregenden Abenteuern stand, wurde Jamie Bell ausgewählt. „Jamies Darstellung in Billy Elliot (Billy Elliot – I Will Dance, 2000) hat mich zutiefst beeindruckt, nicht nur die Subtilität seiner Schauspielerei, auch sein beeindruckender körperlicher Einsatz“, meint Spielberg. „Peter und ich waren uns einig, dass er all die Qualitäten in sich vereint, die man für Tim benötigt.“

Bell, der in Großbritannien aufwuchs, ist von Kindesbeinen an ein glühender Verehrer von TIM UND STRUPPI. „Hergés Kunst hat etwas, das einen tiefen Eindruck hinterlässt. Sie ist unvergesslich“, sagt er. Nun hatte Bell die Gelegenheit, seinerseits einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen und dem legendären Tim nachvollziehbare, menschliche Emotionen zu verleihen. Und das fand er aufregend.

Drehbuchautor Joe Cornish sagt, dass Bell seinen Tim darstellt wie einen typischen Jedermann Spielbergs – ein einfacher Junge, der entdeckt, wie außergewöhnlich er sein kann, wenn es das Leben von ihm verlangt. „Für mich entspricht er der Vorstellung eines Kindes, wie es wohl sein muss, wenn man ein Teenager ist“, erzählt Cornish. „Er stellt tolle Dinge an, aber er hat sich auch eine Unschuld und unstillbare Neugier bewahrt, was es alles auf der Welt zu entdecken gibt. Er hat das Bedürfnis, einen Weg zu finden, in jeder Situation immer das Richtige zu machen. Man hat den Eindruck, dass jeder danach streben kann, so zu sein wie Tim, denn dazu braucht man nicht mehr als das Wissen und das Interesse, aber auch die Reinheit des Herzens, dann kann man jedes Abenteuer bestehen.“

Für Bell war es diese erstrebenswerte Qualität, die ihn den Weg in die Figur finden ließ – und ihn viel weiter brachte als Tims Haartolle, die von jeher sein Markenzeichen gewesen ist. „Wenn man einen jungen Mann sieht, der so furchtlos und abenteuerlustig ist wie Tim, dann ist das genau das, was man sich auch von sich selbst wünscht“, sagt er. „Tim ist eine getriebene Figur, eine sehr moralische Figur, und das bewundere ich. Er will den Dingen auf den Grund gehen, egal wie groß der Widerstand auch sein mag. Aber manchmal liegt er auch falsch, und dann muss er einfach Struppi vertrauen.“

Struppi ist Tims treuer Terrier und manchmal auch Retter. Cornish betrachtet Struppi als „fleischgewordenes Unterbewusstsein Tims“. Der Trick bestand darin, ihn genau als das zu animieren, gleichzeitig aber auch als klugen, drolligen Hund. Obwohl Hergé den vierbeinigen Freund Tims oft in Denkblasen direkt zu Wort kommen ließ, war Spielberg überzeugt, dass es ausreichen würde, ihn lediglich mit einer starken Mimik auszustatten.

„Ich finde, manchmal ist Tim ein großartiger Sidekick von Struppi – und nicht anders herum“, merkt Spielberg an. „Aber wir beschlossen, dass es vielleicht nur dieses eine realistische Detail geben würde: Der Hund sollte auf keinen Fall reden.“

Kapitän Haddock

Als Tim ein Modell des vermissten Schiffs „Die Einhorn“ auf einem Flohmarkt ersteht, entdeckt er darin ein Geheimnis, das ihn auf einen gekaperten Meeresfrachter namens Karaboudjan führt, wo er schließlich eine Gestalt kennenlernt, die sein engster Freund werden soll: Kapitän Haddock, ein mit allen Wassern gewaschener Seebär, durch dessen Adern Meereswasser fließt und in dessen Nähe sich stets eine Whiskey-Flasche zu befinden scheint, wird sogleich eine Kontrastfigur zu Tim und sein polternder Mitstreiter bei all seinen Abenteuern.

Der Kapitän ist bei Fans von TIM UND STRUPPI besonders hoch angeschrieben – mit seinen originellen Flüchen („Hunderttausend heulende Höllenhunde“, „Hagel und Granaten!“) bildet er einen ungeschminkten Kontrast zu Tims ungebrochenem Idealismus, aber vor allem ist er ein großzügiger Freund, auf den man sich immer verlassen kann. „Haddock wirkt zunächst wie der letzte Mensch auf dem Planeten, den man bei einer gefährlichen Episode an seiner Seite haben will“, erklärt Peter Jackson. „Aber Tim sieht gleich mehr in ihm. Ich denke, er sieht sofort seine guten Seiten und erkennt, was er aus sich machen kann.“

Für die Darstellung Haddocks schlug Jackson einen Schauspieler vor, von dem er überzeugt war, dass er all die scheinbar auch gegensätzlichen Dynamiken, die von der Rolle verlangt wurden, verkörpern würde können: Andy Serkis: „Ich kenne Andy sehr gut und wusste deshalb, dass er absolut großartig sein würde. Also arrangierte ich ein Treffen mit Steven, der sofort erkannte, was er mitbringen würde“, berichtet er.

Spielberg fügt hinzu: „Andy und Jamie verband eine ausgezeichnete Chemie, die nötig war für diese ikonische Paarung eines moralisch aufrechten und über jeden Zweifel erhabenen Jungen und eines alten, verwerflichen Schiffskapitäns. Sie sind krasse Gegensätze, und doch bringt Haddock seinem jungen Freund viele wichtige Lektionen bei, während Tim dem Kapitän eine Chance gibt, sich wieder zu beweisen.“

Serkis, der die Comics schon in seiner Kindheit begeistert verschlungen hatte, beschloss, seiner Figur, deren Herkunft nie wirklich geklärt wurde, einen dicken schottischen Akzent zu verpassen. „Es schien mir passend zu sein, Haddock mit einer gewissen Rauheit und einer emotionalen Offenheit auszustatten“, erklärt Serkis. „Er ist ein ausgezeichneter Seemann und hat großes menschliches Potenzial, aber er hat sich ein wenig in seinem Selbstmitleid verloren. Tim ist es, dieser Junge, der ihn erkennen lässt, dass er kein hoffnungsloser Fall ist.“

Sakharin, Schulze & Schultze und mehr …

Kapitän Haddocks Stunde schlägt, als er und Tim der Bedrohung durch den jähzornigen Bösewicht des Films zu entgehen versuchen: Iwan Iwanovitsch Sakharin ist überzeugt, dass Tim unbeabsichtigt das Geheimnis der Einhorn und seines lange verloren geglaubten Schatzes in seinen Besitz gebracht hat. Die Rolle des schändlichen Schurken übernahm Daniel Craig, den das Kinopublikum vor allem als weitaus nobleren britischen Spion James Bond kennt. Craig, der auch für seine dramatischen Figuren in einer Vielzahl von Rollen Kritikerlob erhielt, hatte mit Steven Spielberg zuvor bereits an dem Politthriller Munich (München, 2005) gearbeitet. Aber er hatte noch nie eine Figur gespielt, die auch nur im Entferntesten mit Sakharin vergleichbar gewesen wäre.

Craig konnte es kaum erwarten, als undurchschaubarer Bösewicht so richtig Gas geben zu können. „Ich hatte viel Spaß mit Sakharin und habe mir alle erdenkliche Mühe gegeben, ihn so böse und merkwürdig zu spielen, wie ich nur konnte“, sagt er.

Für das nötige Quäntchen Humor in Tims Abenteuern sorgen stets Schulze & Schultze – zwei Polizeibeamte, die sich nur durch die Form ihrer Schnauzbärte und dem Buchstaben „T“ in einem ihrer Namen unterscheiden. Für dieses unvergleichliche Paar notorisch ahnungsloser Detektive konnten sich beide Filmemacher nur zwei Schauspieler vorstellen: das Komikerteam Simon Pegg und Nick Frost, das sich mit seinen beiden Hits Shaun of the Dead (Shaun of the Dead, 2004) und Hot Fuzz (Hot Fuzz – Zwei abgewichste Cops, 2007) einen Namen gemacht hatte.

„Peter und ich wussten, dass wir ein Team als Schulze & Schultze besetzen wollten“, erzählt Steven Spielberg. „Dann brachte er Simon und Nick ins Spiel, die zusammen auf einzigartige Weise komisch sind und wunderbar zum Rest der Besetzung passten.“

Pegg und Frost war sofort klar, dass sie einen Heidenspaß bei der Darstellung der beiden Polizeibeamten haben würden. „Wir haben eine gewisse Art von Gleichschaltung, die einfach perfekt passte bei der Darstellung dieser beiden unbeholfenen Tölpel“, überlegt Pegg. „Ich sehe sie in der großartigen Tradition klassischer Stummfilmstars wie Laurel & Hardy und Charlie Chaplin. Sie sind anspruchsvoll, scheitern aber grundsätzlich immer. Obwohl sie sich für die größten Detektive der Welt halten, besteht kein Zweifel, dass sie die schlechtesten aller Zeiten sind. Damit hatten wir einen Freibrief, allen möglichen Unsinn anzustellen.“

Sie bekamen überdies die Gelegenheit, das zu tun, was sie am besten beherrschen: Ihr homogen gewachsenes Zusammenspiel konnte sich im jeweiligen Moment frei entfalten. „Für uns als Schauspieler war es schwierig, sich vorzustellen, was die Schul(t)zes wohl zwischen den jeweiligen Panelen der Comics anstellen“, meint Frost. „Das war es, wo unsere Art der Charakterisierung ins Spiel kam.“

Im Verlauf des Films sind Schulze & Schultze einem Taschendieb namens Aristide Klemm-Halbseid stets auf den Fersen – zumindest glauben sie das. Er wird von Toby Jones gespielt wird, den man als Hauself Dobby in den Harry Potter-Filmen kennt. Aristide Klemm-Halbseid, so sagt Jones, wird eher von Zuneigung als Bösartigkeit angetrieben. „Er ist ein Typ, der die Kunst des Taschendiebstahls genießt, weil er Brieftaschen über alles liebt. Seine Leidenschaft für seine Profession ist auf eine gewisse Weise durchaus rührend. Er ist das perfekte Beispiel für die klassische Hergé-Konvention, dass jemand durch und durch verdorben wirken mag, sich tatsächlich aber als recht feiner Kerl erweist“, erklärt er.

Eine wichtige Rolle in der Handlung fällt auch Nestor zu, dem loyalen Diener von Schloss Mühlenhof, der von dem Charakterdarsteller Enn Reitel verkörpert wird. „Wie so viele Butler weiß auch er, wo die Leichen im Keller begraben sind, aber ebenfalls wie so viele Butler ist er seinem Meister durch eine gnadenlose Loyalität verbunden, und der Meister ist zumindest in diesem Augenblick noch Sakharin“, sagt Reitel, der außerdem den Händler spielt, der Tim das gefährliche Schiffsmodell verkauft.

Abgerundet wird die Besetzung des Films von einem Paar von Strolchen, Allan und Tom, gespielt von Daniel Mays und Mackenzie Crook, und dem wohlhabenden Händler Omar Ben Salaad, der von dem in Marokko geborenen Schauspieler Gad Elmaleh gespielt wird. Der beliebte französische Schauspieler und Komödiant, dessen Vater ein Pantomime war, gefiel es, dass Steven Spielberg ihn ermutigte, seine Rolle mit vollem Körpereinsatz zu spielen. „Für mich fühlte es sich wie Commedia Dell Arte an, die berühmten italienischen Bühnenkomödien“, sagt er. „Ich bin mit dieser Kultur groß geworden und liebe sie. Steven wollte, dass ich Omar Ben Salaad in dieser Tradition zu Leben erwecke. Das war ein Geschenk.“

„Gad brachte eine ganz eigene Energie mit, die dem Film sehr gut tat“, kommentiert Kathleen Kennedy. „Omar Ben Salaad hat etwas Verschlagenes, aber ist, das ist typisch für Hergé, doch auch sehr komisch und auf eigenartige Weise liebenswert.“

Eine weitere feste Größe aus den Tim UND STRUPPI-Büchern – die imposante Operndiva Bianca Castafiore, deren Gesang eine akute Gefahr für alle Gläser und Fenster darstellt – wird von der „Das Phantom der Oper“-Diva Kim Stengel dargestellt. „Als wir das Drehbuch entwickelten, haben wir sie gar nicht absichtlich in die Geschichte aufgenommen“, erklärt Peter Jackson. „Es war einfach so, dass es eine Rolle gab, die perfekt für sie war, also landete sie schließlich doch noch im Film, was natürlich eine große Freude ist.“

Weitere TIM UND STRUPPI-Figuren, die ihm Film auftauchen, sind Tims Vermieterin Mrs. Fink (Sonja Fortag), Lt. Delcourt (Tony Curran) sowie die einzige amerikanische Figur im ganzen Film, der Detektiv Barnaby, der Tim vor der Gefahr warnen will, in die er sich begibt. Er wird von dem Komödianten Joe Starr dargestellt.

Ein roter Faden zieht sich durch die überaus internationale Besetzung des Films: die Liebe zu den Vorlagen und eine große Begeisterung, Teil dieses Unternehmens zu sein. „Wir alle haben etwas in unserer Kindheit, das uns zutiefst berührt hat“, fasst Cary Elwes zusammen, der in der Rolle eines angreifenden Piloten vor der Kamera stand. „Für mich war das TIM UND STRUPPI.“

Produktion: Die Dreharbeiten

Zwei intensive Jahre nahm Recherche, Entwicklung, Entwurf, Vorproduktion, Drehbucharbeit und Besetzung in Anspruch, doch schließlich schlug die Stunde für die Schauspieler, Filmemacher und die mehr als 200 Leute umfassende Crew auf den Performance-Capture-Studiobühnen der Giant Studios in Playa Vista, Kalifornien. Endlich konnten sie die Welt von Hergé betreten. Hier sollte also die große Zauberei stattfinden: Die beseelten Darstellungen von Jamie Bell, Andy Serkis, Daniel Craig und dem Rest der Besetzung wurden unmittelbar aufgezeichnet und schließlich auf wundersame Weise in originalgetreue Anmutungen von Hergés Tinte-und-Wasserfarbe-Geschichten umgewandelt.

Auf der Studiobühne war Steven Spielbergs Innovation ständig gefragt. Er musste die Performance-Capture-Technologie mit seinen Instinkten als Geschichtenerzähler unter einen Hut bekommen und sein Team ermutigen, sich neue Lösungen für die ärgerlichsten visuellen Probleme einfallen zu lassen. Er und Jackson zettelten auf diesem Gebiet schließlich eine Minirevolution mit einem revolutionären System – das sie „virtuelle Kamera“ tauften – an, das es dem Regisseur erlaubte, eine herkömmliche Beziehung zu seinen Schauspielern zu haben und ganz traditionell Regie zu führen, während er das Resultat seiner Arbeit parallel in einer animierten 3‑D-Welt betrachten konnte.

„Ich wollte mich nicht um all diese instinktiven Momente bringen, die oft entscheidend sind beim Dreh auf traditionellen Sets, also ließen wir uns einen völlig neuen Weg einfallen, ein nahtloses Filmerlebnis zu ermöglichen“, sagt Spielberg.

Ganz anders als beim traditionellen Dreh auf einer Studiobühne entfaltet sich der Performance-Capture-Prozess an einem Ort, den man „Volume“ nennt – eine saubere, weiße und graue Bühne, an deren Decke bis zu 100 Kameras an einem Rastergitter montiert sind. Sie halten das Gedrehte in einem 360-Grad-Radius fest und rechnen die Daten in dreidimensionale Räume um. Im Volume tragen alle Schauspieler (sowie die mit einem Draht umspannten Requisiten und Setausstattungen) reflektierende Punkte, die von der Kamera in weniger als dem Sechzigstel einer Sekunde umgerechnet und in einen 3-D-Film – oder besser: einen virtuellen Film – umgewandelt werden können.

Zusätzlich wurden die Schauspieler mit acht HD-Kameras bei ihren Darstellungen eingefangen. Die dabei entstandenen Aufnahmen konnten von den Animatoren als Referenz herangezogen werden, um sicherzustellen, dass wirklich jede Grimasse, jedes Lächeln, jedes Zittern und jede Nuance von Emotion, von Furcht bis Freundschaft, der Darsteller bei deren Verwandlung in digitale Wesen intakt blieb.

Spielberg bediente die virtuelle Kamera mit einer Steuerung, die nur ein bisschen größer war als der Controller für ein Videospiel und mit der ein Monitor verbunden war. So konnte der Regisseur durch das Volume gehen und auf dem Monitor der virtuellen Kamera betrachten, wie die Avatare der Schauspieler mit dem Universum des Films interagierten – und seine Einstellungen vor Ort in Realzeit komponieren. Die Schauspieler konnten sich ebenfalls in der Welt des Films auf Monitoren verfolgen, die überall im Studio verteilt angebracht worden waren, um selbst beurteilen zu können, wie ihre Darstellung aussehen würde.

„Die Möglichkeit, die Aufnahmen in Realzeit sehen und bewerten zu können, waren für den Regisseur wie auch die Schauspieler von entscheidender Wichtigkeit“, sagt Joe Letteri. „Wir haben bei der Entwicklung ganz eng mit den Giant Studios gearbeitet. Es war eine ausgesprochen erfolgreiche Zusammenarbeit, weil sie perfekt verstanden, dass alles sofort so realistisch wie möglich auszusehen hatte.“

Die virtuelle Kamera konnte zwar nur Bilder mit niedriger Auflösung wie bei einem Videospiel bieten, aber das war mehr als genug, um Spielbergs Kreativität zu entfachen. Sehr schnell fand er sich perfekt zurecht mit der neuen Technologie. Er erkannte, dass er mit ihrer Hilfe mit Licht und Bildern malen konnte wie noch nie zuvor in seinem Leben.

Dazu kam noch ein früherer technologischer Durchbruch von Weta – ein Vorgang, den man als „image-based facial performance capture“ kennt und der verwendet wurde, um den emotionalen Realismus von Gollum in The Lord of the Rings (Der Herr der Ringe, 2011 – 2013) festzuhalten und die fremdartigen Wesen auf dem Planeten Pandora in James Camerons Avatar (Avatar – Aufbruch nach Pandora, 2009) zu erschaffen: Er wurde von Spielberg auf eine Weise eingesetzt, dass die Charakterisierungen der Figuren in DIE ABENTEUER VON TIM UND STRUPPI: DAS GEHEIMNIS DER EINHORN noch reichhaltiger und vielfältiger ausfielen.

Wenn das System eingesetzt wird, tragen die Schauspieler einen Football-Helm, an dem eine kleine Kamera angebracht ist, die direkt auf ihre eigenen Gesichter gerichtet ist. Die digitale Aufnahme registriert jede noch so kleine Bewegung der Augen, Lippen und Gesichtsmuskulatur und zeichnet sie auf. Spielberg konnte seine Aufmerksamkeit dadurch auf das richten, worauf es ihm ankam: die unschlagbare Wirkung wirklich emotionaler und wahrhaftiger Darstellungen.

„Hinter jedem Menschen, den man in TIM UND STRUPPI sehen kann, verbirgt sich die Darstellung eines Schauspielers – eine emotionale Darstellung, eine bösartige Darstellung – und all das kommt durch das digitale Make-up durch“, berichtet der Regisseur. „Wir erlebten mit, wie Hergés Figuren als lebende Wesen, die ihren Gefühlen Ausdruck verleihen und ihre Seelen nach außen kehren, wiedergeboren wurden. Die Wirkung war beeindruckend.“

Der Schauspieler, der auf der Welt über die meiste Erfahrung mit Performance Capture verfügt, ist Andy Serkis. Er wurde so etwas wie der Gruppenleiter und half den anderen Schauspielern dabei, sich mit dem Prozess vertraut zu machen und sich an ihn zu gewöhnen. Trotz all seiner Erfahrung in diesem Medium war Serkis zutiefst inspiriert von der Verwandlung, die er bei Spielberg und Jackson durch deren Zusammenarbeit miterlebte. „Es war toll anzusehen, wie sie sich mit ihren Ideen gegenseitig zu kreativen Höchstleistungen anstachelten“, sagt er bewundernd. „Sie sind beide entflammt fürs Filmemachen, und manchmal kam es mir so vor, als würden sie gerade an ihrem ersten Film arbeiten – so viel Energie steckten sie in ihre Arbeit. Sie hatten Einfälle in so schneller Abfolge, dass einem richtig schwindlig werden konnte.“

Der zeitaufwendige Prozess war den meisten der Schauspieler neu. Jeden Morgen vor dem Dreh mussten alle Darsteller zwei „Range of Motion“-Scans über sich ergehen lassen, einer für das Gesicht, einer für den Körper. Nachdem diese Scans abgeschlossen waren, konnte die Kamera sie im Volume identifizieren und ihre Handlungen in ein sich bewegendes Skelett übersetzen. Das wiederum konnte während der Postproduktion mit dem Figuren-Make-up digital in eine Figur aus Fleisch und Blut verwandelt werden.

Jamie Bell kam das Volume eher vor wie eine minimalistische Theaterbühne als der Drehort einer Filmproduktion, aber dieser Aspekt bereicherte seine Arbeit tatsächlich zusätzlich, wie er findet. „Es ist eine interessante Art zu arbeiten, weil sich der Film voll und ganz in deinem Kopf abspielt“, erklärt Bell. „Wir waren darauf fokussiert, diesen Figuren Leben einzuhauchen und sie atmen zu lassen. Später konnte man dann in dieser 3-D-Welt, die sie erschaffen hatten, sehen, wie unser Herz und unsere Seele und unser Zorn durchschimmerte. Es war beeindruckend.“

Bell musste in Szenen mit Struppi spielen, in denen er nur aus einer Drahtsilhouette bestand, mit einem ausgestopften Struppi bei Stunts und einem voll und ganz ausgearbeiteten Struppi, der auf Räder aufgepflanzt wurde – alle wurden von dem Requisiteur Brad Elliott bedient, der auf jahrelange Erfahrung im Puppenspiel bei der Firma von Jim Henson zurückgreifen konnte.

„Es war sinnvoll für die Schauspieler, dass sie etwas hatten, mit dem sie interagieren konnten“, meint Elliott. „Weil Struppi ein so wichtiger Teil des Films ist, war es für mich ein echtes Privileg, ihn animieren zu dürfen.“

Während des gesamten Drehs kultivierte Spielberg eine Atmosphäre, die es zuließ, dass wirklich alles auf der Performance-Capture-Bühne passieren konnte. Oft befand sich die gesamte Besetzung im Volume, führte Stunts durch, spielte auf eigens angefertigten Vorrichtungen, die Flugzeuge, Autos oder Schiffe darstellen sollten. Und Spielberg und Jackson ermutigten sie, währenddessen zu improvisieren.

Produktion: Illusion und Animation

Nachdem die aufregende Arbeit mit den Schauspielern im Volume abgeschlossen war, begann für das Animationsteam von Weta der 18 Monate währende Prozess, jede einzelne der 1.240 Einstellungen des Films zu bearbeiten, zu verfeinern, zu formen und mit Details anzureichern. Anschließend wurde das Ergebnis noch einmal final berechnet und gerendert. Während dieses Vorgangs begannen die Filmemacher mit visuellen Themen, filmischen Stimmungen und raffinierten Beleuchtungseffekten in jeder individuellen Szene zu spielen und dem Look des Films den entscheidenden Schliff zu verpassen.

Mit dem stilisierten Universum von Hergé als Vorlage machten sich die Künstler und Animatoren an die Arbeit, die Welt von TIM UND STRUPPI mit Leben zu erfüllen. „Alles, was Hergé erschaffen hat, hat ein einzigartiges Aussehen und Farbspektrum“, erinnert sich Joe Letteri. „Seine originalen Arbeiten hatten bereits die Anmutung von Animation, als würden seine Zeichnungen nur darauf warten, zum Leben erweckt zu werden.“

Für die Animationsleiter Jamie Beard und Paul Story war es der Anfang, eine animierte Welt voll mit Hergés Figuren zu realisieren. „Die Performance Capture ist nur der erste Schritt für uns“, erklärt Beard. Weil Jamie Bell, Andy Serkis und all die anderen Schauspieler nicht wirklich so aussehen wie ihre Figuren, mussten die von Beard und Story geführten Teams mit dem Prozess beginnen, die Darstellungen, wie sie auf der Studiobühne aufgezeichnet wurden, an die digitalen Modelle der Figuren, die vom Weta-Team gebaut worden waren, anzupassen.

„Unsere Aufgabe besteht darin, die Darstellung eines Schauspielers zu betrachten und die Frage zu beantworten, wie man diese Darstellung mit dem Figurendesign in Einklang bringt“, meint Beard. „Im Grunde kann man sagen, dass wir von einem groben Skelett bei einer niedrig aufgelösten geometrischen Form der Figur ausgehen. Von da ab machen wir uns an die Arbeit und bauen einen Körper in Bewegung auf“, fügt Story hinzu.

„In einem traditionellen Animationsfilm hat man die Schauspieler, die man als Sprecher auswählt. Letztendlich hängt es von deren Darstellung in der Aufnahmekammer ab, welche Entscheidungen man bei der Animation trifft“, erklärt Letteri.

Der Animationsprozess von TIM UND STRUPPI hing dagegen vor allem von der Performance Capture ab, die für das abschließende Rendering der Figuren entscheidend war. „Auf die Arbeit von Schauspielern zurückgreifen zu können, gibt den Figuren eine lebensnahe Qualität, die sich anderweitig wohl nicht erzielen ließe“, betont Letteri. „Wenn die Darstellung eines Schauspielers all der Animation zugrunde liegt, erhält man für den ganzen Film die notwendige Kontinuität. Bei der traditionellen Animation nennt man das ,die Figur am Modell halten‘. Hier ist es so, dass es im Grunde die Schauspieler sind, die die Figur am Modell halten. Das ist der Grund, warum wir nach Möglichkeit mit den bestmöglichen Schauspielern arbeiten, wenn wir einen Prozess wie diesen verfolgen, weil wir so die Freiheit haben, auf deren Darstellungen aufzubauen und ein gesteigertes Gefühl für Realismus, Drama, Komödie oder alle anderen Ideen, die man auf dem Weg haben kann, zu erzeugen.“

Während der gesamten Postproduktion wurden viele Aspekte der Figuren noch einmal zusätzlich verfeinert. Stets zogen die Animatoren dabei die Videoaufnahmen aus dem Volume als Referenz heran, um sicherzustellen, dass wirklich jeder digitale Moment die emotionalen Entscheidungen der Schauspieler reflektierte.

Schließlich wurde DIE ABENTEUER VON TIM UND STRUPPI: DAS GEHEMNIS DER EINHORN noch ein zweites Mal komplett gerendert, um den digitalen 3-D-Prozess hinzuzufügen. „Weil TIM UND STRUPPI komplett im Computer gerendert wurde, stellte uns der dreidimensionale Aspekt des Films vor keine großen Probleme“, erinnert sich Peter Jackson. „Aber gerade bei diesem Film ist der Effekt besonders beeindruckend. Allein der Gedanke, TIM UND STRUPPI auf der großen Leinwand in 3-D zu sehen, lässt mich aufgeregt sein wie ein kleines Kind.“

Eng mit dem Team von Weta arbeitete Steven Spielbergs langjähriger Mitstreiter und Oscar®-Gewinner Michael Kahn, der einmal mehr als Cutter engagiert worden war. Spielberg und Kahn sind bekannt dafür, zu den letzten Filmemachern zu gehören, die immer noch auf Film schneiden – ein Medium, das die beiden auch wegen des haptischen Erlebens lieben. Obwohl Kahn zuvor schon andere Filme digital geschnitten hatte, ist DIE ABENTEUER VON TIM UND STRUPPI: DAS GEHEIMNIS DER EINHORN der erste Film, den er mit Spielberg an einem Avid schnitt. Nachdem Kahn seine Schnittfassung abgeschlossen hatte, zeigte Spielberg das Ergebnis Peter Jackson, und dann wurde diese Version, früher als es während der Postproduktion üblich ist, an den legendären Maestro John Williams geschickt, der mit Ausnahme von einem Film für alle Arbeiten Spielbergs die Musik komponiert hat.

Für den Regisseur war Williams’ Musik das letzte maßgebliche Element von DIE ABENTEUER VON TIM UND STRUPPI: DAS GEHEIMNIS DER EINHORN, das noch fehlte – der entscheidende menschliche Touch, der dazu beitrug, dass die menschlichen Darstellerleistungen perfekt mit den digitalen Figuren harmonierten und ein singuläres Filmerlebnis über die schiere Lust am Abenteuer und Freundschaft entstehen konnte.

„John ist das Bindeglied, das all die disparaten, eklektischen Elemente des Films miteinander verknüpft. Mit seiner Musik fängt er die Energie und das Wesen von TIM UND STRUPPI ein, wie nur er das kann“, beschließt Spielberg.

Über Hergé und sein Erbe

Im Jahr 1929 schuf ein damals 21 Jahre alter belgischer Illustrator einen neuen Comicstrip, in dessen Mittelpunkt ein furchtloser junger Reporter und sein weißer Foxterrier auf der Reise nach Russland standen. Der Comic, der TIM UND STRUPPI getauft wurde, war sofort ein Erfolg bei den Lesern – dennoch hätte der aufstrebende Künstler, der auf den Namen Hergé hörte (eine Spielerei mit den Initialen seines wahren Namens, Georges Remi), sich niemals träumen lassen, in was für ein unglaubliches Abenteuer er sich mit dem von ihm geschaffenen Held in der Folge stürzen würde.

Fünf Jahrzehnte und zwei Dutzend Comicromane später hat TIM UND STRUPPI Abermillionen von Herzen jeder Altersgruppe in fast jedem Land der Erde gewonnen. Aus den Kinderzimmern in Europa und Asien ist er nicht mehr wegzudenken. In den USA hat er längst eine Kultgefolgschaft. Jedes Jahr finden die Bücher neue Fans, unlängst wurde TIM UND STRUPPI erstmals in Hindi übersetzt. Das Phänomen brachte Spielzeug und Sammlerstücke hervor, Fanclubs und zahllose Veröffentlichungen sowie Adaptionen für die Bühne, das Radio und das Fernsehen. Jetzt kommt endlich ein erfindungsreicher Film, der die Figuren auf eine Weise zu Leben erweckt, wie man es noch nie gesehen hat.

Was ist der Ursprung von Tims scheinbar grenzenloser Anziehungskraft? Viele sagen, dass der Reiz in Hergés ursprünglichem Gebräu, das Einfache mit dem Komplexen zu verbinden, liegt: seine nachvollziehbaren, wiedererkennbaren Figuren mit ihren vielschichtigen menschlichen Marotten, seine aufregenden Eskapaden, die stets mit Elementen des Mysterykrimis, Politthrillers und Science-Fiction angereichert wurden. Die geradlinigen, mit Tinte gezeichneten Figuren bewegen sich in detaillierten, farbenfrohen Welten, die die Fantasie anregen.

Von Hergé stammt der berühmte Ausspruch: „Ich könnte eine Geschichte nicht anders als mit einer Zeichnung erzählen.“ Und genau sein Artwork ist es, das Millionen wie magisch in Tims Welt lockt. Aber es ist auch der Kern der Hauptfigur, der die Menschen ungeachtet ihrer Sprache und Kultur und der Zeit, in der sie leben, anspricht: Eigentlich jeder kann sich vorstellen, dieser junge Mann zu sein, dessen Kompass bei all seinen wilden Reisen seine Freundschaften und der Wunsch, auf der Seite des Guten zu stehen, sind.

Mit jedem mit zunehmender Spannung erwarteten TIM UND STRUPPI-Band wuchs der Einfluss von Hergé, dessen ausdrucksstarker, ordentlicher Ligne-claire-Stil andere Künstler wie Roy Lichtenstein oder Andy Warhol inspirierte – Letzterer schuf auf Anfrage des Zeichners ein Porträt von Hergé.

1983 starb Hergé. Sein 24. TIM UND STRUPPI-Buch, „Tim und die Alphakunst“, blieb unvollendet. Aber es war dennoch klar, dass das Erbe von TIM UND STRUPPI immer weiter wachsen und er weiterhin Fans auf der ganzen Welt inspirieren und verzaubern würde.

Mit DIE ABENTEUER VON TIM UND STRUPPI: DAS GEHEIMNIS DER EINHORN hoffen die Filmemacher, dass jetzt eine neue Generation die Gelegenheit erhält, diese Welt zu entdecken, die immer noch auf dieselbe Weise inspiriert, wie sie das vor mehr als 80 Jahren tat. Kathleen Kennedy fasst zusammen: „Für uns ist es besonders erfüllend, dass Menschen, die noch nie von TIM UND STRUPPI gehört haben, sowie gelegentliche Leser und begeisterte Fans der Serie nun gemeinsam ein völlig neues Erlebnis mit den Figuren und der Geschichte haben können.“

Zu den Kommentaren

News und Stories

  • Andy Serkis in "Avengers 2"

    Andy Serkis in "Avengers 2"

    Nur Hulk-Darsteller Mark Ruffalo trainieren? Von wegen - CGI-König Andy Serkis liefert den "Avengers" ein Schurkenstück

    Ehemalige BEM-Accounts  
  • Die neuen Abenteuer der "Hobbit"-Stars

    Die neuen Abenteuer der "Hobbit"-Stars

    "Der Hobbit: Smaugs Einöde" ist gestartet und Teil 3 bereits abgedreht. Wo gibt es ein Wiedersehen mit den Stars der Saga? Ein Überblick.

    Ehemalige BEM-Accounts  
  • "Tim und Struppi"-Sequel: Keine Pause für "Hobbit"-Regisseur Peter Jackson

    Fans der beliebten "Tim und Struppi"-Comics von Hergé können aufatmen. Der vielbeschäftigte Regisseur Peter Jackson und sein Kollege Steven Spielberg haben die geplante Filmreihe nicht vergessen. Sobald die Trilogie "Der Hobbit" abgeschlossen ist, beginnen die Dreharbeiten zum zweiten "Tim und Struppi"-Film. Kinostart nicht vor 2016.

    Ehemalige BEM-Accounts  

Kommentare

  1. Startseite
  2. News
  3. Film-News
  4. Die Abenteuer von Tim und Struppi
  5. Fakten und Hintergründe zum Film "Die Abenteuer von Tim und Struppi: Das Geheimnis der Einhorn"