Der Verdingbub

  1. Ø 5
   2011

Der Verdingbub: Drama um einen Waisenjungen, der an eine schweizer Bauernfamilie "verdingt" wird und versucht sich ein eigenes Leben auf zu bauen. Großer Publikumserfolg in der Schweiz.

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Filmhandlung und Hintergrund

Der Verdingbub: Drama um einen Waisenjungen, der an eine schweizer Bauernfamilie "verdingt" wird und versucht sich ein eigenes Leben auf zu bauen. Großer Publikumserfolg in der Schweiz.

Im Jahre 1950 kommt der junge Max in eine Bergbauerfamilie. Er gehört zu den Verdingkindern, Waisen und Halbwaisen, die von den Pflegeeltern als billige Arbeitskräfte gehalten und ausgenutzt werden. Der Junge wehrt sich und will nicht Opfer sein, Trost findet er im Akkordeonspiel. Mit einer 15jährigen Leidensgenossin, die der Bäuerin rund um die Uhr helfen muss und nachts von deren Sohn „besucht“ wird, träumt er von einer besseren Welt, von Argentinien und vom Tango.

Ein Waisenjunge wird an eine Schweizer Bauernfamilie „verdingt“ und versucht, sich ein eigenes Leben aufzubauen. Bildgewaltiger Heimatfilm, der ein düsteres und verdrängtes Kapitel der jüngeren Schweizer Geschichte aufgreift.

Darsteller und Crew

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Kritiken und Bewertungen

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Kritikerrezensionen

  • Manche Filme sind wichtig, denn sie schaffen Aufmerksamkeit für ein bestimmtes Thema, entreißen es dem Vergessen und sorgen so bestenfalls für ein erweitertes Bewusstsein des Publikums: Ein Bewusstsein für die Vergangenheit, für Fehler, für das Fehlverhalten eines ganzen Volkes. "Der Verdingbug" ist ein solcher Film. In der Schweiz enorm erfolgreich, behandelt er eines der dunkelsten Kapitel des Landes. Das Verdingwesen, das bis in die frühen 1970er Jahre bestand, war ein öffentlich gefördertes Programm zur Unterbringung von Waisenkindern. In der Praxis glich das Verdingwesen eher Leibeigenschaft, Menschenhandel und organisiertem Kindesmissbrauch. Wer Waise war, Halbwaise, Scheidungskind oder auch nur Kind einer alleinerziehenden Mutter wurde seiner Wurzeln entrissen und zum Arbeiten in Bauernhöfe gesteckt - oftmals vermittelt von der Kirche. Die Bauern, die das Kind beherbergten, erhielten Pflegegeld vom Staat, das Kind nichts außer karger Kost und ärmlicher Unterbringung.

    Es ist nicht das Verdienst des Films "Der Verdingbug", dass dieses Thema nun dem Verschweigen entrissen wird. Regisseur Markus Imboden kann sich aber anrechnen lassen, dass er diesem Thema eine endgültige Form gegeben, dass er den Verdingkindern - "basierend auf 100.000 wahren Geschichten", wie es auf dem Filmplakat heißt - eine Stimme gegeben hat. Jenen, die ihrer Kindheit - und oft genug ihrer Familie - entrissen, die zu reinen Werkzeugen verdinglicht worden waren.

    Imbodens Film ist kraftvoll, packend, mitreißend. Er lässt den Zuschauer von Anfang an nicht mehr los. Denn er blickt nicht belehrend von oben herab auf die Verding-Unwesen, sondern steigt mitten hinein. Zu Anfang wird ein Sarg aus einer Bauernstube getragen; der arme Kerl hat keine sechs Monate auf dem Bösigerhof ausgehalten. Sein Nachfolger wird Max, frisch aus dem Waisenhaus. Ihm werden wir folgen bei seinem Leben auf diesem Hof, mit dem Bauern, der schwer arbeitet und schwer trinkt, dem Sohn und Jungbauern, der misstrauisch und eifersüchtig Max das Leben schwer macht; vor allem aber mit der Bösigerin, die hart geworden ist in ihrem Leben am Rande der Armut, die zäh ist und kalt, unerbittlich gegen sich und andere; und die deshalb grausam und gefühllos geworden ist.

    Katja Riemann - in den 90er-Jahren das Gesicht der deutschen Komödie - spielt die Bösigerin, und sie gibt in diesem Film alles. Ihre herausragende Darstellung der Bäuerin steht im Zentrum des Films. Die anderen Darsteller – der junge Max Hubacher, Stefan Kurt oder Miriam Stein – stehen ihr in nichts nach: Das Ensemble spielt stark, energisch, mit voller Präsenz; und tatsächlich bekommt man ein Gefühl für das Leben auf dem Hof, für die Arbeit, für das hartverdiente Brot.

    Es sind Figuren, die sich über das Tun definieren, denn etwas anderes gibt es nicht in ihrem verhärmten, erstarrten Leben. Und die Darsteller spielen, als hätten sie nie etwas anderes getan als auf einem armseligen Berggehöft anzupacken. Verstärkt wird dieser Eindruck unbedingter Wahrhaftigkeit – zumindest in der originalen Schweizer Fassung – durch den rauen Dialekt, das Schwyzerdütsch des Berner Landes, das auch Katja Riemann lernte (auch wenn sie für die Schweizer Fassung nachsynchronisiert wurde). Die deutsche Sprachversion, in schweizerisch gefärbtem Hochdeutsch, muss dagegen natürlich verlieren; die Bilder des Films aber und sein intensiver Inhalt dürften auch in der Synchronisation stark genug sein.

    Fazit: "Der Verdingbub" ist nicht nur ein eminent wichtiger Film, der dem Verdingwesen, das hunderttausenden Waisenkinder die Kindheit geraubt hat, eine starke Stimme entgegensetzt, sondern auch ein bemerkenswert großartiges Berg- und Heimatdrama jenseits jeden Kitsches, kraftvoll, spannend, intensiv und emotional.
  • Abgeschoben, ausgenutzt und missbraucht. Markus Imboden erzählt mit emotionaler Wucht vom Schicksal der Verdingkinder in der Schweiz.

    Keine lila Milka-Kühe, keine heile Bergwelt, sondern Schuften bis zum Umfallen, harte Strafen und Demütigung. Die Schweiz im Jahre 1950 ist kein Paradies, und schon mal gar nicht für „Verdingkinder“, Waisen und Halbwaisen, die von Pflegeeltern eigentlich nur als billige Arbeitskräfte wie Vieh gehalten werden, misshandelt und oft missbraucht. Und das zwischen 1800 bis in die 1960er Jahre hinein. Einer von ihnen ist Max, der an eine Bergbauernfamilie „verdingt“ wird und auf dem Hof ab halb Vier morgens im Stall und auf dem Acker rackert. Der Junge wehrt sich und will nicht Opfer sein, Trost findet er im Akkordeonspiel. Mit einer 15jährigen Leidensgenossin, die der Bäuerin rund um die Uhr helfen muss und nachts von deren Sohn „besucht“ wird, träumt er von Argentinien und vom Tango.

    Der Interlakner Regisseur Markus Imboden beschäftigt sich mit einem dunklen und verdrängten Kapitel Geschichte seines Landes und rüttelt in diesem bildgewaltigen „Heimatfilm“ auf gegen Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit, erzählt von einer verlogenen und verschworenen Gesellschaft, vom Kampf des Althergebrachten gegen das Neue, vom Überleben durch die Kraft der Musik und von denen, die Mut zur Menschlichkeit beweisen. Mit emotionaler Wucht folgt die bewegende, fast griechische Tragödie den Spuren des Glücks und des Unglücks. Die opulenten Aufnahmen von saftigen Emmentaler Wiesen, blauem Himmel, in dem sich Felszacken abzeichnen zeigen eine üppige Natur. Diese ist noch intakt, die Seelen nicht. Der Film hat eine globale Bedeutung über die Schweiz hinaus, ist nicht nur ein Film über Verdingkinder oder ein Blick zurück in die Historie. Seine politische Botschaft: Kindern, den schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft, darf nichts angetan werden – egal, wo und wann.

    Imboden hätte es sich einfach machen und die Bauern als böse darstellen können. Er beschönigt nichts, lässt aber ahnen, dass die Menschen durch die Umstände hart werden wie die Bäuerin. Katja Riemann spielt diese frustrierte und in der Liebe und im Leben zu kurz gekommene Frau fulminant in einer Mischung aus Hilflosigkeit und Wut, Bösartigkeit und Bitternis, als Täterin und Opfer. Dass sie für die Rolle Berndeutsch lernte, macht die Figur noch authentischer. Das Herzstück des Dramas ist Max Hubacher (Shootingstar Berlinale 2012) als Verdingbub, einer mit klarem Gesicht und hellblauen Augen, einer, der viel durch Körpersprache aussagt und dessen Figur am Ende ein Stückchen Hoffnung lässt. mk.

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