Der Mann, der über Autos sprang (2010)

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Filmhandlung und Hintergrund

Der Mann, der über Autos sprang: Bei seiner Wanderung quer durch die Republik trifft ein Träumer auf unterschiedliche Menschen, die ihn ein Stück des Weges begleiten. Tragikomisches Roadmovie mit skurrilem Humor.

Julian ist Psychiatriepatient und will zu Fuß von Berlin nach Süddeutschland. Er glaubt, dass er durch die Kraft des Gehens den herzkranken Vaters seines gestorbenen Freundes heilen kann. Erst einmal läuft er der jungen Ärztin Ju vors Auto, der er bald zufällig wiederbegegnet. Sie fühlt sich unglücklich, sucht ihr Herz, und schließt sich spontan dem sympathischen Träumer auf seinem Weg nach Tuttlingen an, wo der kranke Mann lebt. In einem Touristenort schließt sich ihnen eine frustrierte Ehefrau und Mutter an.

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    Julian (Robert Stadlober) flüchtet aus der psychiatrischen Anstalt, in die er eingewiesen wurde, nachdem er einen für seinen Freund tödlichen Autounfall provozierte. Damals wollte er beweisen, dass er über Autos springen kann, heute will Julian beweisen, dass er durch einen Marsch von Berlin nach Stuttgart genug Energien freisetzen kann, um dem schwer kranken Vater seines toten Freundes zu heilen. Auf der Reise per pedes begegnet ihm nicht nur die Liebe in Gestalt der Ärztin Ju (ausdrucksstark: Jessica Schwarz), sondern auch andere lebensüberdrüssige Menschen, deren Herz Julian durch seine sanfte und doch eindringliche Art zu berühren weiß. So, wie sich Julian seinen individuellen Weg abseits der Konventionen sucht, findet auch der Film neue Mittel, seine Erzählung zu präsentieren: Es verschwimmen zunehmend die realistischen und surrealen Momente zu einer amüsanten und anrührenden Märchenparabel, die in schönen Bildern und gekonnt inszenierten Dialogszenen auch viele gesellschaftskritische Aspekte über das Hier und Jetzt vermittelt. Ein packender Selbsterfahrungstrip mit mystischem Idealismus, leisem Humor und großartigen Schauspielern, die ihren Rollen Charakter und Präsenz verleihen.

    Jurybegründung:

    Werner Herzog wanderte einst von München nach Paris, weil er dadurch der sterbenskranken Filmhistorikerin Lotte Eisner Lebenskraft geben wollte. Julian, der Protagonist dieses Filmes, macht einen ähnlichen Fußmarsch durch Deutschland, um zu verhindern, dass der Vater eines Freundes an einem Herzinfarkt stirbt. So wie er an die Allmacht des Geistes glaubt, ist auch dieser Film nicht ganz von dieser Welt.

    Durch kleingeistige Plausibilitäten wie jene, dass es bei der Arbeitsüberlastung der deutschen Polizei völlig utopisch wäre, wenn ein Kripobeamter wochenlang hinter einem aus einer Anstalt Ausgebrochenen herfahren würde, lässt sich Regisseur Nick Baker Monteys nicht in seiner Fantasie beschränken. Sein Film ist voller seltsamer Begegnungen und Geschehnisse, die einer eher märchenhaften Logik folgen. So scheint Julian magische Kräfte zu haben, die auf jene, die ihm begegnen eine magnetische Wirkung haben. Während er seiner mythisch, spirituellen Mission folgt, sind seine Gefährten ganz im Hier und Jetzt des Lebens in der Bundesrepublik verhaftet. Die Assistenzärztin, die mit den psychischen Belastungen ihres Berufs nicht fertig wird, die von Mann und Kindern schlecht behandelte Ehefrau und der cholerische und selbstzerstörerische Polizist - sie alle folgen Julian bei seiner Reise und verändern sich dabei. Die Diskrepanz zwischen ihren alltäglichen und psychologisch gut motivierten Konflikten und Julians viel umfassenderer Vision erzeugt eine Reibung, die oft zu einer wunderbaren Situationskomik führt, aber auch überraschende dramaturgische Wendungen ermöglicht.

    Geschickt wird auch immer wieder mit dem Gegensatz zwischen Julian und den Automobilen gearbeitet. Seine drei Jünger verlassen für ihn ihre Autos, er selber fährt keinen Meter, nutzt aber durchaus den Mercedes von Jan, um sich darin aufzuwärmen. Schließlich kommt es zum alles entscheidenden Sprung, durch den sich letztlich nichts Geringeres entscheidet als die Frage, ob der Geist die Materie beherrschen kann.

    Monteys erzählt hier eine ungewöhnliche und originelle Geschichte, in deren Zentrum das Geheimnis um Julian liegt. Kann er Wunder wirken oder ist er ein Psychotiker? Robert Stadlober verkörpert diese Figur sehr intensiv und überzeugend, indem er ihm ein Strahlen gibt, das immer ambivalent schillert. Monteys ist es gelungen, die 'yellow brick road' aus DER ZAUBERER VON OZ (in dem es auch drei Gefährten gibt, die glauben, jeweils kein Herz, keinen Mut und kein Hirn zu haben) nach Deutschland zu verpflanzen.

    Quelle: Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW)

Kritikerrezensionen

  • 1973 wanderte Werner Herzog von München nach Paris, um die schwer erkrankte Filmkritikerin und -historikerin Lotte Eisner durch diesen metaphysischen Fußmarsch zu heilen. 22 Tage war er unterwegs, und tatsächlich erholte sich die Eisner.

    Von dieser wahren Geschichte – typisch Herzog, in ihrer Vermischung aus Naturüberwältigung, traumartigem Handeln, existentialistischem Exzess und in die Tat umgesetztem Wahnsinn – ließ sich Regisseur Nick Baker-Monteys inspirieren für seinen ganz eigenen Film über Heilung, über das Unmögliche, über den Glauben an sich selbst, an Wunder, an Liebe, an den anderen.

    Robert Stadlober geht. Er muss – in seiner Rolle als Julian – eine Schuld abtragen, und so wandert er von Berlin nach Tuttlingen im Schwäbischen. Dort hat der Vater seines Freundes einen Herzinfarkt erlitten, und Schritt für Schritt will Julian Genesung bringen. Mit einem blondiertem Haar, überirdischem Lächeln, durchgeistigtem Blick scheint er nicht von dieser Welt, und tatsächlich: er weiß verborgene Dinge. Er kennt den Namen von Ju, der Ärztin, der er begegnet, immer wieder, zufällig – und er weiß: nein, es gibt keine Zufälle. Er kann in die Menschen hineinschauen, weiß, wo ein verlorengegangener Hund ist, und er ist sicher, dass er die Energie, die er beim Laufen aufwendet, in die Krankenheilung kanalisieren kann. Denn Energie ist Geist, und der Geist kann alles.

    Ju schließt sich ihm an, und verfolgt werden sie von Jan, einem cholerischen Kriminalbeamten, der kurz vor der Suspendierung steht, der erhebliche Probleme mit seiner Freundin hat, weil er erhebliche Probleme mit seinem Temperament hat. Dass hier aber im Grunde nur eine oberflächliche Gegensätzlichkeit besteht, deuten natürlich schon die Namen an: Julian, Ju(liane), Jan – sie gehören zusammen, und Julian ist ihr Mentor, ihr Heiland. Irgendwann wandern sie zu viert durch die Landschaft, Ruth, eine überforderte, untergebutterte Ehefrau und Mutter, hat sich kurzzeitig angeschlossen. Und Julian – besser: sein Geist – ermöglicht die Gesundung, die Behebung der mentalen und psychischen Mängel seiner Mitreisenden, mit seiner Geistes- und Zauberkraft. Wenn kein Handy funktioniert, die Telefonzelle plötzlich kaputt ist, kein Auto mehr kommt, um die nötige Isolation, das nötige Zurückgeworfensein auf sich selbst zu ermöglichen.

    Wie Julian, so schreitet auch der Film fort, mit einem offensichtlichen Ziel, alles gut zu machen in den Menschen. Auch Julian wird befreit von der Bürde auf seiner Seele, er hat den Tod des Freundes verursacht, Jahre zuvor, das ist mit ein Grund für seinen Bußgang zum erkrankten Vater des Verstorbenen. Und ja: der Film ist auch witzig, wenn er es auch manchmal übertreibt (müssen zwei Hunde „Ossi“ und „Wessi“ heißen?). Subtil wird der Zauberer von Oz eingearbeitet, die zauberhafte Suche nach Herz und Seele; und natürlich gibt es auch eine kleine Liebesgeschichte.

    Ein Feelgood-Movie mit fantastisch-märchenhaftem Einschlag, an dem man sich wärmen kann. So richtig will das zwar nicht zusammenpassen; aber immerhin ist Julian ja offiziell verrückt, aus der psychiatrischen Klinik entflohen. Warum Baker-Monteys aber den ganzen Film über ein derartiges Geheimnis um Julians Herkunft macht, um die Gründe der psychiatrischen Behandlung, die bis zum Schluss nicht nur den Mitwandernden, sondern auch den Zuschauern gegenüber mystifiziert werden, um dann einen letzten Krach zu machen vor dem Happy End: Das ist nicht so ganz durchsichtig; schließlich sagt es ja schon der Filmtitel, dass der Geist neben diversen inneren, menschlichen Problemen auch die Schwerkraft aufheben kann.

    Fazit: Roadmovie um spirituell-metaphysische Heilung, ein Wohlfühlfilm mit märchenhaftem Einschlag.
  • Bei seiner Wanderung quer durch die Republik trifft ein Träumer auf unterschiedliche Menschen, die ihn ein Stück des Weges begleiten. Tragikomisches Roadmovie mit skurrilem Humor.

    Ich bin dann mal weg, sagt sich ein junger Mann mit strohblondem Haar und wirft seinen Rucksack über eine Mauer. Julian ist Psychiatriepatient und will zu Fuß von Berlin nach Süddeutschland, um durch die Kraft des Gehens den herzkranken Vaters seines gestorbenen Freundes zu heilen. Deutschlands Straßen führen zwar nicht ins spanische Santiago de Compostela, sondern nur ins schwäbische Tuttlingen, aber die Stimmung ist dennoch religiös bis esoterisch geschwängert. Bald wandert er nicht mehr alleine, sondern in Gesellschaft. Erst schließt sich ihm eine Assistenzärztin an, die nach dem Tod einer Patientin “ihr Herz” verloren hat, dann stößt noch eine frustrierte Hausfrau und Mutter dazu, zuguterletzt ein verlotterter Berliner Kriminalbeamter, der Julian wieder in die Anstalt zurückbringen soll.

    Wie das Quartett sich seinen ganz individuellen Problemen stellt und damit der Einzelne sein Leben existenziell verändert, wird bei diesem Road-Movie zur philosophisch angehauchten Lehrstunde über das Ausschöpfen persönlicher Möglichkeiten und Fähigkeiten. Der Ausgangsplot ist dem Marsch 1974 von Werner Herzog nach Paris nach empfunden, eine Art Bittgang für die erkrankte Filmhistorikerin Lotte Eisner, die aus dem Krankenhaus schon entlassen war, als der Regisseur die Stadt an der Seine erreichte.

    Robert Stadlober als unfreiwillige Heilsfigur mit amourösem Faible für die Ärztin kann über glühende Kohlen wandeln und Gedanken lesen, ist aber nicht übertrieben gezeichnet, sobald Ernsthaftigkeit überhand nimmt, bricht wohl dosierter Humor sie wieder auf. Die drei Begleitfiguren kreisen um Stadlober wie Planeten um die Sonne – Jessica Schwarz als pragmatische Realistin, Anna Schudt als geknechtete Gattin mit Widerstandspotenzial, Martin Feifel als an sich selbst scheiternder harter Knochen. Ruhige Bilder, wenig Dialoge, eine schöne Landschaft, meditative Atmosphäre funktionieren wie Yoga für die Seele. Und wenn Julian am Ende wirklich die Schwerkraft überwindet und über ein fahrendes Auto springt, sind für einen kurzen Moment Glaube und Hoffnung zum Greifen nah. mk.

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