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Fakten und Hintergründe zum Film "Der lange Weg ans Licht"

Fakten und Hintergründe zum Film "Der lange Weg ans Licht"
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Biografie Edeltraut Hertel

Edeltraut Hertel wurde 1952 in der Nähe von Halle (in Sachsen-Anhalt) geboren. Von 1966 bis 1970 machte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester, danach absolvierte sie ein Medizinpädagogikstudium in Ostberlin.

Um in Afrika arbeiten zu können, ließ sie sich 1987/88 zur Hebamme weiterbilden. Sie ist seit 1989 auch ehrenamtlich als Geburtshelferin in Tansania tätig. Edeltraut Hertel lebt in Meerane in der Nähe von Chemnitz.

Interview mit Edeltraut Hertel

Was bedeutet der Hebammenberuf für Sie – nachdem Sie, wie Sie im Film erzählen, ursprünglich gar nicht unbedingt Hebamme werden wollten?

Vor allem Überraschung - dass es Gott geschafft hat, aus MIR eine Hebamme zu machen, dass ich dabei sein darf, wenn so ein kleines Wunder das Licht der Welt erblickt, dass Eltern meine Fachkompetenz schätzen, dass manchmal sogar interprofessionelle Zusammenarbeit möglich ist, und dass ein Beruf so ausfüllen kann!

Wie kam die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Douglas Wolfsperger zustande?

Durch eine kleine Annonce in unserer Verbandszeitung vom Bund Deutscher Hebammen (BDH), in der Hebammen mit einem „interessanten Lebenslauf“ gesucht wurden. Den hast Du freilich, dachte ich mir, nur, ob ihn andere Leute auch so einschätzen?

Wie haben Sie sich daran gewöhnen können, auf Schritt und Tritt von einer Kamera „verfolgt“ zu werden?

Es ging besser, als ich dachte. Das Filmteam hat mir den „Einstieg“ in diese neue Erfahrung sehr erleichtert und viel Verständnis gezeigt. Dadurch war die Scheu vor der Kamera bald überwunden. Für mich ist das auch ein kleines Wunder, denn ich hatte in jüngeren Jahren immer ein Böckchen, wenn es ans Fotografieren ging.

Gab es auch Situationen, in denen Sie gesagt haben: Nein, jetzt lieber nicht filmen?

Ja, eine solche Situation trat auf, als in Tansania eine weitere Geburt gefilmt werden sollte und ich bemerkte, wie die afrikanischen Mitarbeiter langsam ungeduldig wurden.

Sie arbeiten in Meerane und in Tansania – was sind die Unterschiede bei Ihrer Arbeit, was ist gleich?

Gleich ist, dass Frauen hier wie dort schwanger werden und ihre Kinder zur Welt bringen. Sie erleben dabei die elementare Wucht des Geburtsvorganges und besinnen sich auf ihre ureigene Kraft, die sie zum Gebären befähigt und in gewisser Weise unauswechselbar (mit Männern) macht. Unterschiedlich ist, dass Frauen bei uns in Deutschland mehr Möglichkeiten haben, dieser Erfahrung auszuweichen und aus Angst davor schon im Vorfeld kneifen. Das kann ich natürlich gut sagen, weil ich ja nicht mal selbst ein Kind geboren habe. Die Erfahrung, an eigene Grenzen zu kommen – das ist, was eine normale Geburt ausmacht. Das kenne ich allerdings selbst aus mehreren Situationen in meinem Leben. Unterschiedlich ist auch, dass wir hier sehr gut leben und materiell ausgestattet sind, was für tansanische Frauen eher nicht zutrifft. Sie kämpfen oft ums Überleben, sind aber näher am Leben dran und nicht vorwiegend mit „Fassadenbau“, also Imagepflege, und Individualismus beschäftigt. Ein Kind ist ein Geschenk, kein Vorzeigeobjekt, das perfekt sein muss und womöglich ein ruhestörender Faktor für die Eltern ist!

Woher kommt es, dass viele Frauen sich bei einer Geburt nicht auf Hebammen verlassen, sondern lieber ins Krankenhaus gehen?

Dafür sind meiner Meinung nach unterschiedliche Faktoren verantwortlich, zumindest hier in den neuen Bundesländern. Einer ist der Glaube an die - scheinbare - Sicherheit im Krankenhaus. Der wird natürlich von den meisten Frauenärzten geteilt und unterstützt. Es wird im Vorfeld viel mit dem Faktor „Angst“ gearbeitet. Eine Schwangere, die eine Hausgeburt anstrebt, bekommt in den meisten Fällen ordentlich Stress mit ihrem Frauenarzt. Mit dem muss sie aber auch nach der Geburt noch auskommen, denn es gibt keine riesige Auswahl.

Selbstbestimmung scheint manchen Frauen während der Geburt weniger wichtig zu sein als sonst im Leben. Es ist ja auch klar, dass eine unbekannte Situation dieser Art nicht unbedingt zum Experimentieren einlädt. Wahrscheinlich spielt auch die persönliche Erfahrung mit Hebammen, oder die der eigenen Mütter, eine große Rolle. Mindestens eine Generation war davon geprägt, ihre Professionalität zu zeigen, in dem auf jeden Fall Distanz zwischen sich und den Frauen zu wahren war. Vielleicht hat dadurch das Vertrauen gelitten.

Wieso bieten Krankenhäuser neuerdings mehr „alternative“ Methoden bei der Geburtsvorbereitung und Geburt an?

Krankenhäuser kämpfen um jede Schwangere, damit sie ihr Kind genau in diesem Krankenhaus zur Welt bringt und nicht in jenem daneben. Der Ausspruch einer Chefärztin ist mir in lebendiger Erinnerung: „Und wenn die Frau im Kopfstand ihr Kind zur Welt bringt, die Hauptsache ist, sie tut es bei uns!“

„Alternative“ Methoden sind gerade „in“ und deswegen ein gutes Zugpferd gegenüber der Konkurrenz. Bei diesem Existenzkampf geht es ums nackte Überleben. Da unsere Gesundheitsministerin angekündigt hat, dass am Ende der Gesundheitsreform deutlich weniger Krankenhäuser Geburtshilfe anbieten werden, möchte verständlicher Weise niemand freiwillig und vorzeitig aus dem Rennen scheiden.

Es ist nachgewiesen, dass dort, wo sich eine Schwangere wohl fühlt, weil sie gut betreut wird, auch der Rest der Familie zur Behandlung gehen wird. Dieser Fakt ist einfach von ökonomischer Bedeutung.

Was meinen Sie, was kann ein solcher Film erreichen?

Ich würde mich einfach freuen, wenn er aufrüttelt, nachdenklich und dankbar macht, Interesse am Wunder des Lebens weckt und vielleicht auch das herkömmliche Bild einer Hebamme ein wenig korrigiert.

Interview mit dem Regisseur Douglas Wolfsperger

Erzählen Sie bitte etwas zu der Idee des Films, wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

Auf die Idee kam ich als ich zum zweiten Mal Vater wurde! Ich habe einfach gedacht, dass es an der Zeit wäre, eine filmische Reise in die Welt der Geburten und Hebammen zu machen, mit denen ich damals, das war 2002, selbst zu tun hatte. Ich bewundere die Arbeit dieser energiegeladenen Frauen sehr.

Und wie haben Sie ausgerechnet in Meerane eine so tolle Hebamme gefunden?

Irgendwie hat es mich nach Mitteldeutschland verschlagen – ich war vorher noch nie in der ehemaligen DDR oder den Neuen Bundesländern gewesen, fand es aber sehr spannend. Ich wollte gern etwas über Geburten machen und gleichzeitig etwas über Ostdeutschland erfahren. Ich habe dann einfach eine Rundreise gemacht und mit vielen Hebammen gesprochen. Dabei habe ich gemerkt, dass die Hebammenzunft im Allgemeinen nicht so gern über ihre Arbeit redet oder sie nicht wirklich beschreiben kann. Ich habe etwas länger suchen müssen und bin dann durch Zufall nach Meerane, einem Örtchen in der Nähe von Zwickau, gekommen. Es war Glück! Zusätzlich habe ich im Internet recherchiert und vom Bild her war Edeltraut einfach eine Frau, von der ich dachte: Die interessiert mich! Ich bin also zu ihr gefahren und habe gemerkt: Das muss sie sein. Sie kann ihre Arbeit sehr gut reflektieren und sie hält neben ihrem Hebammenberuf viele Vorträge zum Thema, sie ist einfach sehr engagiert.

Was fasziniert Sie an ihr?

Ich habe in Edeltraut eine Frau kennen gelernt, die aus der ehemaligen DDR kommt und eigentlich nie Hebamme sondern Ärztin werden wollte – ursprünglich hat sie eine Krankenschwesternausbildung. Sie war nicht in der Partei, wollte auch nie eintreten, und so war es für sie sehr schwierig, ihren Traumberuf auszuüben. Spannend fand ich, dass sie viele Brüche in ihrem Leben hat und dass sie nicht nur in Meerane, sondern gleichzeitig auch in Afrika arbeitet. Über Edeltraud wollte ich einfach einen Film machen, egal über welches Thema. Sie ist eine Frau, die unter vielen Schwierigkeiten ihren Lebensweg gefunden hat. Ich mache gern Filme mit Menschen, deren Biografie nicht gradlinig verläuft und mit denen man Klischees brechen kann. Auch das Umfeld fand ich gut. Meerane ist so ein kleines Städtchen, das wunderbar den Geburtenrückgang zeigt. Die Tatsache, dass dort alle abhauen, dass dort außerdem viel zu viele Kliniken sind und somit ein Hauen und Stechen um die schwangeren Mütter stattfindet, fand ich sehr passend für den Film. Eine Klinik dort wollte mir tatsächlich Geld geben, damit ich dort drehe! Aber das hat mich nicht weiter tangiert. Ich fand die Ärzte aus Chemnitz, die in meinem Film von ihrem Krankenhaus erzählen, so interessant - mir waren „Typen“ wichtiger als das Geld.

War es leicht, Edeltraut Hertel zu überreden, mitzumachen?

Wie haben uns sofort sehr gut verstanden. Mein filmisches Rezept ist es, an einem Menschen nah dranzubleiben, und über eine Person das Umfeld zu beschreiben. Eine Geburt ist normalerweise eine sehr private Sache. Deshalb würde sich Edeltraut viel lieber mit Hausgeburten beschäftigen, aber daran verdient sie kaum etwas. Hausgeburten haben in der ehemaligen DDR nicht sehr weit verbreitet, das hat dort keine Tradition. Die Mütter gehen doch lieber in die Klinik. Um ein abgerundetes Bild zu zeigen, hab ich auch noch die Hebammen aus einem Chemnitzer Geburtshaus interviewt. Und dass Edeltraut immer nach Tansania fährt, gibt dem Film zusätzlich eine andere Dimension.

Wie war Ihr Verhältnis zu Hebammen vorher?

Ich hatte eigentlich keines. Später, als ich anderen von meinem Filmvorhaben erzählt habe, merkte ich, dass viele Kinderlose dachten, so etwas gäbe es gar nicht mehr. Hebammen haben so etwas Altertümliches. Die Leute, die nichts mit Geburten zu tun haben, wissen oft gar nicht, dass dieser Beruf tatsächlich noch ausgeübt wird und dass die Hebamme nach wie vor die wichtigste Person bei der Geburtshilfe ist, auch wenn sich die Ärzte gern in den Vordergrund spielen.

Und was denken Sie jetzt über Hebammen?

Ich habe sie als sehr pragmatische, intuitive Menschen kennen gelernt, die nicht groß über ihren Beruf reden, ihre Arbeit nur schwer erklären können. Mir kam es manchmal vor wie bei Gesprächen mit Musikern: Jemand der gute Musik macht, kann seine Musik nicht unbedingt genau so gut erklären. Ich finde es jedenfalls immer wieder ergreifend, eine Geburt zu sehen. Eine Vorgeschichte ist, dass ich einmal einen Spielfilm gemacht habe, bei dem auch eine Geburt vorkam. Das war, bevor ich Kinder hatte. Und da sollte ich eine Geburt inszenieren, was ich ja noch nie erlebt hatte. Ich habe mich tödlich blamiert, weil ich wirklich nicht wusste, wie da alles funktioniert und wie die Abläufe sind. Nach dem Drehen hab ich mir gleich das Thema über die beiden dienstältesten Hebammen in Köln für meinen nächsten Fernsehfilm ausgesucht. Als ich dort das erste Mal eine Geburt gesehen hab, war ich so ergriffen, dass ich angefangen habe, zu weinen. Obwohl ich noch kein Kind hatte.

Wo sind denn Ihre Kinder zur Welt gekommen?

Beide im Krankenhaus. Aber nur, weil es die Mütter – es waren zwei verschieden Mütter – es so wollten. Vor der Geburt meiner ersten Tochter hatte ich bei diesem kurzen Fernsehfilm über die Kölner Hebammen die Geburtshäuser kennen gelernt, und fand die Atmosphäre besser als im Krankenhaus.

Kommt auf das Krankenhaus an…

Ja, das hat sich ein bisschen geändert. Man hat gemerkt, dass so ein steriles Krankenhaus nicht mehr ankommt.

Auf jeden Fall hatten Sie ein starkes persönliches Interesse an dem Thema.

Ja, durch meine Filme zieht sich immer die Beschäftigung mit dem Tod und dem Leben. Da war es konsequent, sich auch mit der Geburt zu beschäftigen. Vielleicht wird das Thema auch eine Trilogie „Liebe, Tod und andere Absonderlichkeiten“ – ich fange demnächst mit meinem neuen Projekt, einem Film über „entsorgte Väter“ an, in dem es um Väter geht, die ihre Kinder nicht mehr sehen dürfen. Ich fand es aber auch erstaunlich, wie sehr sich Krankenhäuser und alle anderen um schwangere Mütter und den Säugling im Bauch kümmern. Und wenn er erst mal geboren ist, kümmern sich nicht mehr so viele darum. Da wird das Kind zum Spielball der Eltern. Auch gibt es keine Kitaplätze, man muss kämpfen – es kann ziemlich schwierig werden.

Es gibt im Film sehr schöne und amüsante Aufnahmen mit bauchigen Frauen beim Fotografen…

Da hat mich ein bisschen das Absonderliche interessiert - das Bauchanmalen, das Fotografieren lassen, diese Bilder.

Die O-Töne der Väter sind auch sehr eigenwillig.

Ja, das hab ich nicht inszeniert. Dieser Typ, der vor dem Krankenhaus sitzt und sich beschwert während seine Frau schreit – ehrlich gesagt stört mich das schon ein bisschen, dass im Film kein Mann richtig klar rüberkommt. Die Frauen sind eindeutig die Starken - das war nicht ganz so beabsichtigt… (lacht). Ohne die Ärzte mit ihren lustigen Mützen, die permanent auf Sächsisch plaudern, wäre mir der Film auch zu ernst geworden. Mir war sofort klar, dass die einfach reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Und dass sie kameraunerfahren sind, da achte ich auch immer drauf.

Ist das nicht ein bisschen gemein?

Ja, das ist ein bisschen gemein. Aber das darf man auch manchmal sein! Ich liebe das ironisch Gebrochene. Solange die Protagonisten nicht in die Pfanne gehauen werden, ist alles in Ordnung.