Der dritte Mann Poster

Cowboys und Drachentöter

Ehemalige BEM-Accounts  

Kurz vor „Star Wars“ holt das Festival nochmal tief Luft und bietet vor dem Jedi-Spektakel kleine, feine Kinokunst.

Cowboy-Romantik an der Croisette: Edward Norton und Evan Rachel Wood in "Down in the Valley" Bild: Tobis

Gangsterballaden aus Hongkong, Psychospiele aus Österreich und ein Auszug aus „Die Gebrüder Grimm„: Filmfreunde kamen voll auf ihre Kosten. Aber ganz ohne US-Stars geht in Cannes natürlich dennoch kein Tag zu Ende. Diesmal brachte Edward Norton in „Down in the Valley“ Wildwest-Flair an die Côte d’Azur.

Im gewagten Genre-Mix aus Liebesgeschichte, Jugendfilm, Psycho-Drama und Western spielt Norton den Tankstellenwart Harlan im San Fernando Valley. Stets mit Cowboy-Hut und Rancher-Stiefeln unterwegs, behauptet er, früher auf einer Farm in South Dakota gearbeitet zu haben. Nun versucht er fern seines Heimatstaats, die Werte der vergessenen Helden zu leben. Die junge Tobe (großartig: die 26-jährige Evan Rachel Wood) verliebt sich in den Sonderling – muss aber bald feststellen, dass sich hinter dem romantischen Außenseiter ein gefährlicher Psychopath verbirgt, der sich in eine Traumwelt geflüchtet hat.

"Caché - versteckt" hat nicht nur der Stalker eine Kamera, sondern auch Opfer Georges seine Fähigkeit, sich schuldig zu bekennen Bild: BavariaFilm

Tritt mich etwa ein Pferd?

Dabei schlachtet Regisseur David Jacobson die heilige Kuh und vergreift sich an der legendären „Talking To Me“-Szene aus „Taxi Driver„. Wenn es einer wagen darf, in De Niros Fußstapfen zu treten, dann der Ausnahmekönner Edward Norton. Als er in Cowboy-Montur mit zwei Colts vor dem Spiegel Selbstgespräche führt, läuft es einem kalt den Rücken herunter. Leider ist der Film um eine halbe Stunde zu lang und verschenkt damit viel Spannung.

Von Anfang bis Ende gefesselt waren Publikum und Kritiker dagegen von Michael Hanekes Psychospiel „Caché“ („Versteckt“). Der in München geborene Österreicher inszeniert Daniel Auteuil und Juliette Binoche als französisches Ehepaar, dem rätselhafte Videobänder gesendet werden, auf der Überwachungsaufnahmen der gemeinsamen Wohnung zu sehen sind. Daniel vermutet bald, dass es eine Verbindung zu seinem algerischen Beinahe-Adoptivbruder gibt, den er als sechsjähriger aus der Familie geekelt hat.

In "Falscher Bekenner" wäre Constantin Vonjascheroff dagegen gerne schuldig, ist es aber nicht Bild: Heimatfilm
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Deutschland, wie es keiner sehen will

Dem Regisseur geht es weniger um die Folgen des Algerienkrieges als um persönliche Schuld und die eigene Verblendung im Umgang damit. Dafür findet Haneke eine bestechende Bildersprache und ungewöhnliche Kameraperspektiven. Eine echte Überraschung im Wettbewerb mit Außenseiterchancen auf einen Jury-Preis!

Kopfschütteln erntete dagegen Christoph Hochhäusler, Absolvent der Münchener Filmhochschule, mit „Falscher Bekenner“ in der Nebenreihe „Un Certain Regard“. Ein junger Realschulabsolvent gibt in Briefen vor, für Unfälle und Brandanschläge verantwortlich zu sein, weil er sich in Familienmief und Arbeitslosigkeit zu Tode langweilt. Ähnlich ging es dem Publikum, da Hochhäuslers Werk trotz witziger Schilderung des deutschen Spießbürgertums jeglicher Spannungsbogen fehlt.

Orson Welles, in der Doku "Shadowing the Third Man" überlebensgroß auf den Wiener Prater projeziert Bild: Turner Classis Movies

Orsons langer Schatten

Die Gangsterballade „Election“ über den Streit um die Position des Paten in einer Mafia-ähnlichen Organisation in Hongkong stieß auf gemischte Reaktionen. Temporeich, düster und brillant erzählt sagten die einen, während kritische Stimmen den Wettbewerbsbeitrag als Asia-Abklatsch der klassischen US-Meisterwerke des Genres abwerteten.

Ein wirkliches Kino-Juwel begeisterte das Publikum im Rahmen der Reihe „Cannes-Classics“: In der Making-Of-Doku „Shadowing the Third Man“ werden Ausschnitte des Noir-Meisterwerks „Der dritte Mann“ mit Orson Welles auf die Fassaden der Originalgebäude des Filmschauplatzes Wien projeziert. Ein Augenschmaus!

Weiß, wie's geht: Schauspiel-Mentorin und Leinwandlegende Cathérine Deneuve Bild: Kurt Krieger

Nur nicht hetzen!

Überraschenden Besuch gab es indes für die französische Star-Aktrice Catherine Deneuve. Die Diva hielt gerade den alljährlichen Schauspiel-Workshop, als Festival-Chef Gilles Jacob hereinplatzte und ihr eine Ehrenpalme fürs Lebenswerk überreichte. Deneuve hatte trotz langer Karriere in Cannes bisher noch keinen Preis gewonnen.

Nach dem Motto „Was lange währt, wird endlich gut“ arbeitet offenbar auch Terry Gilliam. Der Monty-Python-Star präsentierte 20 Minuten aus „The Brothers Grimm„. Das mit Spannung erwartete Drama zeigt Heath Ledger und Matt Damon als Trickbetrüger, die im 18. Jahrhundert Dorfbewohner aufs Kreuz legen, indem sie behaupten, fantastische Bestien vertreiben zu können.

Schon letztes Jahr hatte Gilliam in Cannes einen dreiminütigen Ausschnitt gezeigt. Der Brite scherzte: „Bei dem Tempo gibt’s in fünf Jahren den fertigen Film.“ Miramax-Boss Harvey Weinstein fand das nicht lustig – schließlich hat er den US-Kinostart für August festgelegt.

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