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Fakten und Hintergründe zum Film "Das Summen der Insekten"

Kino.de Redaktion |

Das Summen der Insekten Poster

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Directors Statement

Der Film ist keine Literaturverfilmung, sondern die filmische Inszenierung eines literarischen Textes.

Der dramatische Monolog des Selbstmörders X ist an niemanden gewandt, ist weder deskriptiv noch retrospektiv, sondern ganz auf den Moment bezogen. Da ist kein Lamento, kein Selbstmitleid, keine Sentimentalität, im Gegenteil, manchmal scheint gar eine unterschwellige (Selbst-)Ironie durch. Der Text drängt einem nichts auf, vertritt keine Moral und verzichtet auf jede Wertung; gerade dadurch trifft er sehr direkt.

X's Herkunfts-/Geschichtslosigkeit, seine Anonymität ist auch Chiffre für die allgemeine Entfremdung des Menschen in der globalisierten Welt; die Austauschbarkeit der wenigen „Charakteristika“ seiner Persönlichkeit entspricht dem Lebensgefühl in einer durch und durch materialistischen Gesellschaft. Zum lebendigen, fassbaren Individuum – auch für sich selbst – wird er erst durch seine ausserordentliche Leidensfähigkeit und den monströsen Masochismus seiner Tat. Gerade der Selbstmord durch Verhungern sei eine höchst persönliche Todesart, schreibt X in sein Tagebuch, weil man so für lange Zeit nur mit sich beschäftigt sei.

Der Akt des unbekannten Toten stellt schliesslich auch eine Form radikalster Verweigerung dar: Totaler Rückzug aus dem Getriebe der Leistungs-Gesellschaft, die vollkommene Verweigerung des Konsumierens, des Mitmachens, der Hetzerei in diesem Leben.

Die unterschwellige Kritik am zeitgenössischen Materialismus ist evident. Shimada stellt damit die klare Forderung, selber eine Haltung einzunehmen gegenüber der einmaligen Möglichkeit des Lebens. Die Abwesenheit jeglicher Stellungnahme durch den Autor bietet keinerlei Trost oder Versöhnung, sondern überlässt die Antworten auf die irritierenden Fragen ganz allein dem Zuschauer.

Darin liegt für mich die tiefere Provokation dieser Geschichte; sie weckt nicht nur Mitgefühl, sondern vor allem - ohne jedes Moralisieren – das Bedürfnis, zu widersprechen und den Wert des eigenen Menschseins zu behaupten.

Über den Film

Anfangs 2005 kam ich per Zufall in den Besitz einer CD mit dem seltsamen Titel „My Dear Mummy“, einer Verbindung der Musik von Otomo Yoshihide (Tokyo) mit dem dramatischen Monolog „miira ni narumade“ von Shimada Masahiko (Kawasaki City). Schon beim ersten Anhören hat mich diese CD ergriffen, und ich war elektrisiert von der beunruhigenden Spannung, die in dem einfachen Bericht eines Selbstmörders zum Ausdruck kommt. Seither hat mich diese Geschichte nicht mehr losgelassen…

Was mich von Anfang an fasziniert hat an dieser japanischen Novelle ist die verstörende Sachlichkeit, mit der hier von einer überaus traurigen und in vielerlei Hinsicht auch fürchterlichen Begebenheit berichtet wird. Leben und Tod sind in der Wertigkeit schlicht gleichgesetzt, wie im Protokoll eines wissenschaftlichen Selbstversuchs. Der Protagonist entzieht sich in völlige Anonymität. Da ist kein Lamento, kein Selbstmitleid, keine Sentimentalität, im Gegenteil, manchmal scheint gar eine unterschwellige (Selbst-)Ironie durch.

Mit seinem „dramatischen Monolog“ stellt Shimada die klare Forderung, selber eine Haltung einzunehmen gegenüber der einmaligen Möglichkeit des Lebens. Die Abwesenheit jeglicher Stellungnahme durch den Autor bietet keinerlei Trost oder Versöhnung, sondern überlässt die Antworten auf die irritierenden Fragen ganz allein dem Zuschauer. Darin liegt für mich die tiefere Provokation dieser Geschichte; sie weckt nicht nur Mitgefühl, sondern vor allem – ohne jedes Moralisieren – das Bedürfnis, zu widersprechen und den Wert des eigenen Menschseins zu behaupten. Und „Menschsein“ heisst vor allem Ausgesetztsein – dem Leben, dem Tod, dem Schicksal, dem Ungewissen… und sich damit irgendwie abzufinden oder allenfalls gar anzufreunden. Dieser aufregenden Rätselhaftigkeit unserer Existenz mit filmischen Mitteln Ausdruck zu verleihen, ist mir die spannendste Herausforderung an diesem Projekt.

Shimada selbst sagt zu seinem Thema, der Suizid habe in Ostasien nie soziale Ausgrenzung oder gar Sünde bedeutet, sondern sei als Ritual seit je in die Kultur integriert. Er erzählt auch von den aktuellsten Formen ritueller Selbstmorde in Japan, von jungen Menschen, welche ihre Absichten im Internet publizieren und auf diesem Weg GenossInnen suchen, um mit ihnen gemeinsam Selbstmord zu begehen. Dabei spielten nicht nur soziale oder private Probleme eine Rolle, sondern eine völlig neue Form existentiellen Überdrusses, eine Art „emotionaler Unterforderung“.

Wo das Leben keine Möglichkeit zur Verwirklichung mehr bietet, zeigt sich vielleicht im Tod die Erfüllung. Dabei geht es auch um das uralte Bedürfnis des Menschen nach Anerkennung in seiner Gesellschaft, nach starker Empfindung und Höchstleistung, ja Heroismus (die Samurai-Gesellschaft) – den Wunsch, einer weitgehend anonymen Existenz wenigstens ein sehr persönliches Ende zu bereiten. Gerade der Selbstmord durch Verhungern sei eine höchst persönliche Todesart, schreibt der Protagonist in sein Tagebuch (vgl. Seite 15), weil man lange Zeit nur mit sich beschäftigt ist. So wie Durst im übertragenen Sinn das Bedürfnis nach intellektuellem Gefordertsein, den Wissens-Durst meint, so steht Hunger für den seelischen, den emotionalen Bereich – Erlebnis-Hunger, Liebes-Hunger.

Wenn man nicht mehr gebraucht wird, so heisst das auch, man braucht sich selbst nicht mehr. Man will sich loswerden. Der Körper, das ganze vegetative System ist aber unheimlich vital; das Niederkämpfen der eigenen Natur ist ein sehr viel härterer Kampf, als X sich vorgestellt hat…

Durch die Intensität des körperlichen Er-Lebens kommt sich X tatsächlich selbst sehr nahe; fast könnte man von Frieden sprechen, den er auf diese Weise mit sich findet. Man spürt, dass für ihn die Erlösung nur noch darin liegen kann, seinen Weg bis zum Ende zu gehen; deshalb ist man auch bereit, ihn bis dahin zu begleiten. „Die Zeit ist reif“… Ohne Dramatik, mehr intuitiv, folgt er einfach „dem Ruf“ – fast wie ein Tier, das sich zurückzieht zum Sterben. So scheint X denn auch eine Art Befreiung aus dem Gefängnis seiner Einsamkeit zu finden, wenn er schreibt: Irgendjemand ist gekommen…

Der Akt des unbekannten Toten stellt schliesslich auch eine Form radikalster Verweigerung dar: Totaler Rückzug aus dem Getriebe der Leistungs-Gesellschaft, die vollkommene Verweigerung des Konsumierens, des Mitmachens, der Hetzerei… in diesem heutigen Leben. Die unterschwellige Kritik des Originaltexts am zeitgenössischen Konsumismus ist evident. Der Autor schreibt am Schluss seiner Geschichte: „I dedicate this to all the people on a hunger strike or fasting and to the anorexics of the world…“

(Peter Liechti)

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