Das radikal Böse

Kinostart: 16.01.2014

Das radikal Böse: Doku-Essay über das Böse im Menschen, ausgehend u.a. vom historischen Sachbuch "Ordinary Men", Tagebüchern und Briefen aus dem Zweiten Weltkrieg.

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Filmhandlung und Hintergrund

Doku-Essay über das Böse im Menschen, ausgehend u.a. vom historischen Sachbuch "Ordinary Men", Tagebüchern und Briefen aus dem Zweiten Weltkrieg.

Erschießungskommandos in Osteuropa zogen während des Zweiten Weltkriegs von Dorf zu Dorf, wo die jüdische Bevölkerung aussortiert und unter Beobachtung ihrer Nachbarn ermordet wurden. Mitglieder dieser Kommandos, die nicht zu ihrer Arbeit gezwungen wurden, machten teilweise monatelang mit und wurden später vor Gericht gestellt. Christopher Browning, Robert Jay Lifton und andere Forscher liefern psychologische Erklärungsmuster.

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Kritiken und Bewertungen

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Kritikerrezensionen

    1. Auf den ersten Blick mag es verwundern, dass ausgerechnet Stefan Ruzowitzky einen halbdokumentarischen Film wie "Das radikal Böse“ drehte, wo er ansonsten hauptsächlich Genrearbeiten wie die Horrorfilme "Anatomie 1 & 2“, die Militärklamotte "Die Männer Ihrer Majestät“ oder zuletzt den Gangster-/Familienthriller "Cold Blood“ ("Deadfall“) vorlegte. In diese Richtung möchte sich der österreichische Filmemacher weiterhin orientieren, wie er bei der Frankfurter Premiere ohne Nennung weiterer Details verriet. Doch schon bei den Dreharbeiten zu seinem Oscar-prämierten Drama "Die Fälscher“ beschäftigte er sich mit den Hintergründen der NS-Morde, als er auf die Forschungen des Historikers Christopher Browning stieß. Letztlich war es aber der Frankfurter Produzent und Filmemacher Wolfgang Richter ("Die AFN-Story“), der Ruzowitzky für das Projekt gewann.

      Der Titel "Das radikal Böse“ geht sowohl auf Emmanuel Kant als auch auf Hannah Arendt zurück, die angesichts der Nürnberger Prozesse gegen NS-Verbrecher, mit denen Ruzowitzky beginnt und schließt, von der "Banalität des Bösen“ sprachen. Doch laut dem Filmemacher kann von "Banalität“ keineswegs die Rede sein, da er hier Männer porträtiert, die letztlich den Finger am Abzug hatten.

      Parallel arbeitet sein Film auf drei Ebenen: Historische Dokumente wie Briefe, Protokolle und Aufzeichnungen werden von Schauspielern wie Devid Striesow, Benno Fürmann oder Nicolette Krebitz aus dem Off verlesen. Neben Dokumentaraufnahmen sollen inszenierte, stilisierte Szenen mit Komparsen den Soldatenalltag während des 2. Weltkriegs andeuten. Ruzowitzky verfremdet diese Sequenzen durch Bildexperimente, wie er etwa das Scopeformat bei idyllischen Landschaftimpressionen einsetzt oder das Bild mittels Split Screen als Kommentar zum verstörenden Text zerteilt.

      Auf der zweiten Ebene äußern sich Historiker wie der Priester Patrick Desbois oder Psychiater wie Robert Jay Lifton zu Motiven und Beweggründen der Soldaten, wie Gruppendynamik, Einheitsdruck oder Unterordnung. Gewissermaßen rahmen die Aussagen von Benjamin Frencz, Chefankläger der Nürnberger Prozesse, den Film ein. Zu den dokumentarischen Szenen fügt sich ein Besuch des ukrainischen Dorfs Bibrka, wo Zeitzeugen zum Massaker an der jüdischen Bevölkerungsschicht befragt werden. Außerdem stellte Stefan Ruzowitzky in einer leerstehenden Halle in Hanau (nahe Frankfurt) die Versuchsanordnungen verschiedener Forschungen zum Thema "Gruppenzwang“ nach, wie etwa das "Milgram“-Experiment über die freiwillige Unterordnung zu Autoritäten oder das "Stanford“-Experiment mit Wärter-/Opfer-Rollenspielen, das schon für Oliver Hirschbiegels "Das Experiment“ Pate stand.

      Letztlich will er damit zeigen, dass aktiver Widerstand durch Befehlsverweigerung als moralische Entscheidung möglich war. Das mag etwas simpel wirken, aber es erscheint doch als ein unbequemer, aber denkbarer Weg aus der Konformität heraus. Kritik entzündete sich schon im Interview mit dem Regisseur bei der Frankfurter Premiere am Einsatz von Patrick Pulsingers teils treibender Ambient/Techno-Untermalung, die jedoch eher verhalten verwendet wird. Abseits davon, ein jüngeres Publikum anzusprechen, wollte Ruzowitzky etwa Klezmer-Musik zur Unterlegung der Ghetto-Szenen als bewährtes Klischee vermeiden. Sein Filmessay zu Genozid und der menschlichen Psyche mag etwas zu eingängig wirken, doch schon allein die in Briefen und Aussagen geschilderten Gräueltaten und die Rechtfertigungen sorgen dafür, dass der Schrecken dieser Kriegsverbrechen stets präsent bleibt.

      Fazit: Der eindringliche Filmessay "Das radikal Böse“ beschäftigt sich auf mehreren Ebenen mit den psychologischen Ursachen für den Genozid, wobei er eine einseitige Sichtweise vermeiden will.
    2. Das radikal Böse: Doku-Essay über das Böse im Menschen, ausgehend u.a. vom historischen Sachbuch "Ordinary Men", Tagebüchern und Briefen aus dem Zweiten Weltkrieg.

      Wie können normale Menschen zu Massenmördern werden? Was ist das Böse überhaupt? Diesen Fragen geht der für „Die Fälscher“ Oscar-prämierte Regisseur Stefan Ruzowitzky in seinem Film nach. Neben Interviews mit Historikern und Militärpsychologen zeigt er berühmte Experimente, wie das von Milgram. Kern des dokumentarischen Essay sind Spielszenen mit Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg, die von prominenten Schauspielern gelesenen Briefen und Ausschnitten aus Gerichtsprotokollen begleitet werden. Der besonnen zusammengestellte und in Kapitel unterteilte Mix, der mit Elektromusik unterlegt ist, informiert und schockiert.
    3. „Wertvoll”

        Das Töten unschuldiger Menschen. Massenerschießungen. Das ist das ultimative Grauen, das uns heute unvorstellbar erscheint. Wie kann ein Mensch so radikal böse werden? Wie konnten Einsatzgruppen und Soldaten im Zweiten Weltkrieg die Massenexekutionen durchführen und danach weiterleben? Wie konnten sie zu ihren Familien als Väter und treusorgende Ehemänner zurückgehen, mit dem Wissen, Frauen und Kinder getötet zu haben? Diesen Fragen geht der Filmemacher Stefan Ruzowitzky in DAS RADIKAL BÖSE nach. Als Erzähltext dienen ihm Tagebuchaufzeichnungen, Briefe und Aussagen von deutschen Polizisten und Soldaten, ganz normalen Männern, die Erschießungskommandos angehörten. Junge Schauspieler wie Alexander Fehling und David Striesow lesen die Texte dazu ein und geben den Menschen von damals eine Stimme. Auf der Bildebene entscheidet sich Ruzowitzky für unbekannte Gesichter, die nachgestellten Szenen mit Soldaten sind dabei reduziert, mit Großaufnahmen auf die Gesichter. Schemenhaft reihen sich mit Bildern und Texten Biographien und Schicksale aneinander. Es sind die Schicksale der Täter, die sich dem Gruppendruck beugten, die sich, angesteckt vom Hass auf den angeblichen Feind, zur Vollstreckung ihrer Taten verpflichtet sahen. Zusätzlich kommen Experten und Zeitzeugen zu Wort, wie Militärpsychologen, Historiker, oder auch der damalige Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen, Benjamin Ferencz. Sie liefern wichtige Denkanstöße und neue Überlegungen zu einem der dunkelsten Kapitel unserer Geschichte. Dazu die Warnung, dass es jederzeit wieder passieren kann, wenn die Menschheit sich nicht vorsieht. Ein beeindruckender und erschütternder Film über Täter, die auch zu Opfern eines Systems wurden, das radikal böse war. Eine intelligent aufbereitete Dokumentation mit eigenem stilistischen Konzept und wichtigen neuen Einsichten in die menschliche Psyche.

        Jurybegründung:

        Die Gesichter gehören ganz normalen jungen Männern. Uniformen und Frisuren machen ihre Rollen zwar als die von deutschen Soldaten, Polizisten und SS-Männern kenntlich, aber ansonsten sind es offensichtlich Menschen von heute, die von Stefan Ruzowitzky betont neutral von der Kamera aufgenommen werden. Zu diesen Bildern hört man Auszüge aus Protokollen, Briefen, Gerichtsaussagen und Tagebucheinträgen. Und zwar von jenen Männern, die in Osteuropa als Mitglieder der deutschen Erschießungskommandos rund zwei Millionen jüdische Zivilisten umgebracht haben. Der Kontrast ist erschütternd, denn ohne die übliche Dämonisierung der Täter wird deutlich, dass wenn nicht alle, dann doch die meisten Menschen dazu gebracht werden können, radikal böse Taten zu begehen. Stefan Ruzowitzky verzichtet darauf, historische Begebenheiten nachzuinszenieren. Durch Verfremdungsmittel wie Splitscreens wird zudem die Tendenz der Bilder, realistisch zu wirken, unterminiert. Auch so macht er deutlich, dass es ihm nicht so sehr um die spezifisch historischen Vorfälle geht, sondern dass sie eher beispielhaft dafür stehen, zu was für Taten Menschen fähig sind. Auf einer Ebene tut er dies mit den sehr klug ausgesuchten Aussagen der Täter, in denen die Erschießungen penibel genau geschildert, aber auch die Kinder und Frauen zuhause zärtlich gegrüßt werden. Zudem greift Ruzowitzky auf Archivmaterial zurück, wobei er die in anderen Dokumentationen oft gezeigten Schreckensbilder eher sparsam und in kurzen Ausschnitten einsetzt. Vergleichsweise lange zeigt er dagegen in Farbe gedrehte Aufnahmen von Juden in den Straßen einer Stadt in der Ukraine, aus den 30er Jahren, die im Frieden und bescheidenem Wohlstand leben und fröhlich in die Kamera schauen. Sie alle werden zu Opfern der deutschen Tötungskommandos werden, und gerade durch dieses Wissen erschrecken diese idyllischen Bilder besonders. Ruzowitzky hat zusätzlich einige Zeitzeugen befragt. So zeigt er einen alten Mann in der Ukraine, der beschreibt, wie und wo er als kleiner Junge Zeuge von Erschießungen war und wie er und andere Kinder die Gräber ausgraben und die Leichen zuschaufeln mussten. Auf einer weiteren Ebene lässt er Experten die Geschehnisse psychologisch, soziologisch, philosophisch und moralisch einordnen. So vermitteln Benjamin Ferencz, der Hauptankläger bei dem Einsatztruppen- Prozess in Nürnberg, der Holocaustforscher Pére Patrick Desbois, ein Psychohistoriker, ein Militärpsychologie und andere ihre Erkenntnisse und Schlussfolgerungen. Dazu werden einige soziologische Experimente über die Autoritätshörigkeit und Bereitschaft, anderen Menschen leid anzutun, in eher abstrakt wirkenden kleinen Bühnenstücken nachgespielt. Ruzowitzky gelingt es, mit diesen verschiedenen stilistischen Mitteln genügend Abstand zu den ungeheuerlichen Taten zu halten, um sie auf einer eher intellektuellen Ebene zu bearbeiteten. Er will nicht urteilen, sondern verstehen, und aus dieser Sichtweise ermöglicht sein Film viele existentielle Einsichten. So etwa jene, dass das radikal Böse nicht unmenschlich, sondern uns eigen ist, aber auch die, dass der einzelne immer eine moralische Entscheidung trifft. Einige haben sich geweigert zu schießen - und auch sie waren ganz normale Männer.

        Quelle: Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW)

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