Filmhandlung und Hintergrund

Drei miteinander verbundene Märchen nach einer Sammlung von Erzählungen von Giambattista Basile um die Verrücktheit der Potentaten dreier Königreiche.

In einem verwunschenen Gebirgswald befinden sich drei Königreiche. Im ersten sehnt sich die Königin nach nichts mehr als nach einem Sohn - worauf der König nach Anraten eines Sehers ein Seeungeheuer tötet, dessen Herz verspeist werden muss. Im zweiten Königreich vergisst der König alle seine Aufgaben, als er sich um einen überdimensionierten Floh zu kümmern beginnt. Und im dritten stellt der unersättliche König zwei alten Vetteln nach, deren zarte Stimmen ihn schier um den Verstand bringen.

Ein liebestoller König will eine Eroberung machen; eine Königin will unbedingt einen Sohn; ein König verfällt einem gigantischen Floh. Drei miteinander verbundene Märchen nach Erzählungen von Giambattista Basile.

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Kritiken und Bewertungen

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Kritikerrezensionen

    1. Fabelhaft in jeder Hinsicht! Von herrlichem Wahnsinn, wundervollen Bildern, Erotik und Ausgelassenheit! Wir werden entführt in eine ganz eigene Welt. Unterhaltung für die Kleinen? So lautet der Titel einer Märchensammlung aus dem 17. Jahrhundert, aus der Matteo Garrone drei Episoden übernommen hat. Sein Märchen traumwandelt in einer Welt aus Grauen und bizarrer Zärtlichkeit. Es gibt drei Königreiche, drei Herrschaftshäuser, die sich gegenseitig zu feierlichen Anlässen besuchen. So steht es in Giambattista Basiles Neapolitanischem Märchen aus dem Jahr 1635. Manches ist aus Grimms Märchen bekannt und doch mutet es anders an. Es ist das italienische Pendant in einer Szenerie aus Stein und Barock Dekor. Irgendwie nehmen die Geschichten auch andere Wendungen als die, die wir gewohnt sind. Garrones Märchenfilm ist anders als die amerikanischen Vorbilder: Weniger nett, mit grotesken Bildern und schwarzem Humor. Ein Happy End ist auch nicht selbstverständlich in diesem Märchen-Universum. Die drei Geschichten werden nicht nacheinander erzählt, sondern alternierend, obwohl sich nur wenige Berührungspunkte ergeben. Ein Königspaar ohne Erben lässt sich auf einen Fruchtbarkeitszauber ein: Das Herz eines See-Ungeheuers soll von einer Jungfrau gekocht und einer Königin verspeist werden. Doch nicht nur die Königin kommt nieder, sondern auch ihre weisshaarige Magd und zwei weisshaarige Zwillinge wachsen heran... In der zweiten Geschichte widmet sich der König lieber einem talentierten Flo als seiner Tochter. Den Flo füttert er mit Blut und schliesslich mit Steaks, weil sein Hunger wächst... Der dritte König ist ein Schürzenjäger (Vincent Cassel). Nachts hört er betrunken einen lieblichen Gesang - von einem Weib, das alt und hässlich ist und ihn nur nachts treffen will... Das Wunderliche und Magische erscheint irgendwann ganz selbstverständlich, das Surreale wird real. Zum Glück gibt es auch keine "Moral von der Geschicht", wohl aber spielt die Willkür von Märchen in allen Episoden eine tragende Rolle. Die entsetzliche Renaissance des Märchens!
    2. Das Märchen der Märchen: Drei miteinander verbundene Märchen nach einer Sammlung von Erzählungen von Giambattista Basile um die Verrücktheit der Potentaten dreier Königreiche.

      Drei miteinander verbundene Märchen nach einer Sammlung von Erzählungen von Giambattista Basile um die Verrücktheit der Potentaten dreier Königreiche.

      Die Mutter aller Märchen hat der Italiener Giambattista Basile geschaffen mit seiner Anfang des 27. Jahrhunderts entstandenen Sammlung „Das Märchen der Märchen“, die insgesamt 50 Volksgeschichten vereint. Drei davon hat sich Matteo Garrone für seinen neuen Film ausgewählt und lässt sie parallel in einem verwunschenen Gebirgswald mit drei Königreichen ablaufen. Offenkundig hat der Italiener für seinen Cannes-Wettbewerbsbeitrag Geschichten ausgewählt, deren Themen bis in die Gegenwart nachklingen, aber auch seinem Ansatz entsprechen, das Fantastische im Realen und die Realität im Fantastischen zu finden.

      Weiter entfernt von den Märchen, wie sie Hollywood gegenwärtig erzählt, entweder als putzige Erbauungsgeschichten oder zu im Fahrwasser von „Herr der Ringe“ mit Computereffekten aufgepumpten Fantasyspektakeln entstellt, könnte der Regisseur von „Gomorrah“ nicht sein: Sein Film spielt in einer wieder erkennbaren Welt und wurde in prächtigen alten Schlössern gedreht. Wenn er Effekte einsetzt, dann greift er auf alte Techniken zurück, die kurioserweise weniger artifiziell wirken als jedes noch so aufwändige CGI-Gepixel. Und so lässt man sich entführen in diese eigenartigen Geschichten, in denen Königinnen ihre Gatten opfern und die Herzen von Seeungeheuern verspeisen, um Söhne gebären zu können, ein törichter Potentat so vernarrt in einen überdimensionierten Floh ist, dass er sogar seine einzige Tochter an einen Oger abtritt, und ein geiler Herrscher, der alle Frauen in seinem Königreich schon hatte, nun zwei alten Vetteln nachstellt, weil er ihren Gesang lieblich fand.

      Mit einem internationalen Starensemble besetzt, zu dem Salma Hayek, Vincent Cassel, John C. Reilly, Toby Jones und Alba Rohrwacher gehören (auch wenn manche von ihnen Auftritte haben, die kaum länger als zwei Minuten sind), sind die wundersamen Geschichten nicht nur standesgemäß angefüllt mit Ungeheuern, Ogern, Hexen und verwunschenen Wäldern, sondern werden auch mit bizarrer Gewalt und hemmungslosem Sex gewürzt. Ein bisschen fühlt man sich an Valerian Borowczyks „Unmoralische Geschichten“ erinnert oder auch an Pasolinis „Erotische Geschichten aus 1001 Nacht“. Und auch wenn sich die reizvollen Einzelteile nicht unbedingt zu einem ebenso reizvollen Ganzen zusammenfügen, bleiben die starken Momente dieses einzigartigen Films in Erinnerung: So wild und unberechenbar können Märchen auch anno 2015 noch sein! ts.
      1. Ein Film zum Sehen und Staunen!
          1. Kein Disney-Film mit quietschfidelen Charakteren, sondern ein ruhiger Märchenfilm mit Gruselambiente, der endlich einen realistischen Blick auf den Ursprung zeigt. Wer übersättigt ist von ständigen Happy Ends und endlich mal eine Märchenfigur sehen möchte, die selbst ihr Glück in die Hand nimmt  - mit allen Mitteln - wird mit diesem Film keinen Fehler machen.
          2. „Wertvoll”

              Es war einmal, in einem Land lange vor unserer Zeit. Da gab es drei Königreiche, in denen die jeweiligen Herrscher einer Art der Besessenheit erliegen. Die Königin von Longtrellis wünscht sich nichts sehnlicher als einen Erben, für den sie sogar das Leben Ihres Mannes aufs Spiel setzt. Der König von Strongcliff ist der Herrscher über alle Frauen in seinem Königreich. Nur zwei Schwestern haben sich ihm noch nicht „dargeboten“. Beharrlich verfolgt er sein Ziel, das Herz der einen zu erobern, ohne sie je gesehen zu haben. Dass es dafür einen Grund gibt, ahnt der König noch nicht. Auf der anderen Seite des Landes wiederrum herrscht der König von Highhills. Seine ganze Liebe gilt seiner wunderschönen Tochter Violet. Das ändert sich jedoch, als er einem Floh begegnet. Und für diesen sogar das Glück seiner Tochter opfert. Im 17. Jahrhundert galt der italienische Schriftsteller Giambattista Basile als einer der ersten Märchenerzähler überhaupt. Seine fantastischen Geschichten sprühten vor grotesken Ideen und magischen Welten. Der italienische Filmemacher Matteo Garrone hat nun die Welt Basiles mit spektakulären und prachtvollen Bildern kaleidoskopartig auf die Leinwand gezaubert. Er schafft so eine eigene fantastische Welt, in der die Figuren wie Lichter aufblitzen und in der die Farben regieren. Wundervolle Landschaftsaufnahmen wechseln sich ab mit kunstvoll arrangierten und durchkomponierten Szenenbildern. Die Besetzung ist mit Salma Hayek, Vincent Cassel, Toby Jones, John C. Reilly hochkarätig und verleiht dem Fantasy-Spektakel zusätzlichen Glanz. Die Musik von Alexandre Desplat erschafft zudem eine gruselig-märchenhafte Stimmung. DAS MÄRCHEN DER MÄRCHEN ist Fantasie, Magie und Spektakel in einem. Zum Träumen, zum Gruseln, zum Genießen.

              Jurybegründung:

              Zunächst sind nur die Beine eines Mannes zu sehen. Er trägt eine farbige, eng anliegende Hose - den modernen Leggins ähnelnd. Er könnte ein Spielmann, ein Gaukler sein, der auf sonnenüberflutetem Boden einem imaginären Ziel entgegen schreitet.

              Und der Zuschauer scheint ihm zu folgen, voller Vertrauen, obwohl er nicht weiß, wo er sich befindet und wohin ihn diese Reise führen wird. Die Geräusche, die Musik verheißen Wunderbares, aber noch immer gibt das Bild nur den Blick auf die Beine des Mannes frei. Und auf den Schatten, der ihn treu begleitet …

              Bereits die ersten Sekunden dieses Films öffnen ein großes Tor in das Universum außergewöhnlicher Bild- und Klangwelten. Siesind eine Aufforderung, einzutreten, zu staunen, den Blick zu weiten, die Sinne zu schärfen. Sie sind eine Aufforderung, Verzauberung zuzulassen und in DAS MÄRCHEN DER MÄRCHEN tief einzutauchen.

              Die alte Weisheit, dass Licht und Schatten untrennbar miteinander verbunden sind, genauso wie Yin und Yang, wie Schuld und Sühne, wie Lachen und Weinen, wie Trauer und Glück, wie das Gute und das Böse, kündigt sich bereits in dieser ersten Filmeinstellung an und entfaltet im Laufe der Handlung ihre poetische Dimension.

              Die Idee Matteo Garrones, drei Märchen aus der etwa 400 Jahre alten Sammlung von Giambattista Basile ineinander zu verweben, ermöglicht dem Zuschauer, universelle Themen auszumachen, eigene Gefühle, Konflikte, Wünsche, aber auch eigene seelische Abgründe (wieder) zu erkennen.

              Nur drei davon seien genannt: Die Hoffnung auf ewige Jugend, der unbedingte Kinderwunsch, aber auch die Unfähigkeit, dem eigenen Kind genügend Zeit, Aufmerksamkeit und Schutz zu gewähren.Drei Leitmotive, die einander wechselseitig vorantreiben und tiefe Einblicke in menschliche Seelenlandschaften gewähren. Es sind Einblicke, die uns nicht selten schaudern lassen.

              Etwa dann, wenn die Königin ohne sichtliche Trauer an der Leiche ihres Mannes vorübereilt, um das Herz des von ihm erlegten Seeungeheuers an sich zu bringen und schließlich gierig zu verschlingen, damit sich die Prophezeiung und damit ihr Kinderwunsch erfüllt.

              Etwa dann, wenn sich eine Alte mit dem Messer häuten lässt, weil sie ihrer Schwester gleichen will, die durch wundersame Fügung Jugend und Schönheit zurück erlangte.

              Etwa dann, wenn ein königlicher Vater die Haut seiner Tochter zu Markte trägt und das Mädchen einer gewalttätigen Kreatur ausliefert, die als einzige das Rätsel um die Haut seines geliebten Riesenflohs zu lösen imstande war.

              Doch auch das Gute bricht sich immer wieder Bahn. Eine große Freundschaft siegt, die kaltherzige Königin haucht ihr Leben als Bestie aus, die in die Wildnis ausgestoßene Prinzessin vermag ihrem reuevollen Vater zu vergeben…

              Die Frage, ob die Verknüpfung der drei Märchen durchgängig gelungen ist, wurde von den Gutachtern lange diskutiert und unterschiedlich bewertet.

              Das Gremium aber war sich darüber einig, dass der Film auf besondere Art berührt, auf besondere Art „erzählt“.

              Es scheint beinahe unmöglich, Einzelleistungen hervorzuheben, weil offenbar alle Beteiligten mit viel Liebe - bis hin zum kleinsten Detail - gemeinsam einen Film geschaffen haben, der auf vielschichtige Weise sein erzählerisches wie gestalterisches Potential entfaltet, die Zuschauer im besten Sinne fesselt und anregend unterhält.

              Insbesondere bezieht der Film seine unbestrittene Sogwirkung aus der Poesie der alten Märchen, die in der filmischen Umsetzung zum Leuchten gebracht wird.

              Und natürlich auch aus den großartigen darstellerischen Leistungen. Da genügen oft Blicke, kleine Gesten, winzige Veränderungen der Körperhaltung, um auf subtile Weise deutlich zu machen, was die Figur vor den Augen des Betrachters zu verbergen sucht und was sie offenbart.

              Die wunderbare Bildsprache besticht durch all ihre Facetten - Kamera, Kostüm, Maske, Licht, Farbdramaturgie, aber auch märchenhafte, in der Realität gefundene Landschaften, Schlösser, Räume …

              Die ungewöhnliche, in einen Sinnesrausch versetzende Musik, begleitet im Zusammenspiel mit allen auditiven Elementen die Bildebene dabei auf kongeniale Weise.

              Und zu guter Letzt die meisterhafte Montage, die lange Einstellungen zulässt und auf vordergründige Effekte verzichtend, immer auf das Wesen einer Sequenz, eines Handlungsstranges, auf das Wesen der Geschichte orientiert.

              Am Ende des Films schließt sich ein Kreis. Der junge Gaukler, der bei einem Rettungsversuch der Prinzessin von der gewalttätigen Kreatur getötet wurde, balanciert hoch über dem Thronsaal des Schlosses auf einem Seil. Die Prinzessin bemerkt ihn und der Zuschauer bemerkt ihn auch. Ob der junge Mann auf die andere Seite gelangt, bleibt offen.

              Märchen verschließen sich oft der Logik von Ereignissen und erschließen magische Räume.

              Und DAS MÄRCHEN DER MÄRCHEN schafft genau dies. Großes Kino!

              Quelle: Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW)
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