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Produktion: Das Drehbuch

Im November 2006 nahmen Terry Gilliam und Charles McKeown die Arbeit am Drehbuch auf – ihre dritte Zusammenarbeit nach „Brazil“ und „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“.

Gilliam hatte nach verschiedenen Projekten basierend auf anderen Drehbüchern oder Buchadaptionen nun beschlossen, selbst wieder ein Originaldrehbuch zu schreiben. „Es war schön, zu sehen, ob wir es noch von Grund auf selbst tun konnten“, erklärt Gilliam. Er machte sich daran, bisher noch unbenutztes eigenes Material auszuwerten, darunter unterschiedliche Ideen, die in der Schublade schlummerten.

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Er wollte die Idee einer reisenden Theatertruppe umsetzen, die im heutigen London, aber auch in unterschiedlichen exotischen und fantastischen Welten spielen sollte. Gilliam entwarf auch die Hauptfigur, nämlich einen Mann, der etwas verloren scheint, nicht so ganz in seine Zeit passt und sein Publikum nicht recht erreichen kann, denn die Zuschauer wollen seinen Geschichten nicht mehr lauschen. McKeown taufte den Mann Parnassus. „Ich nehme an, es ist eigentlich sein Abenteuer. Nichts war vollkommen festgelegt, aber das hatte Terry ganz klar im Sinn. Die Idee von Dr. Parnassus als halb-asiatischer Medizinmann entwickelte sich einfach. Jedenfalls war es wohl nicht von Anfang an so gedacht.“

Darauf folgte eine Phase, in der man sich zusammensetzte und mit verschiedenen Ideen spielte, wobei Gilliam zugibt, dass dies keiner festen Planung folgte. McKeown sah diese Entscheidung als ausschlaggebend für den Film. Das Betreten dieser außergewöhnlichen Welt zog eine ganze Reihe von Entscheidungen nach sich, die das Leben ihrer Figuren bestimmen. Beide Autoren arbeiteten am Computer und schickten sich Emails hin und her. „Dann trafen wir uns wieder“, berichtet Gilliam. „Wir sahen alles durch und allmählich ist alles so entstanden. Es gab keine vorgegebene Form, wir machten uns an die Arbeit und hämmerten auf diesen riesigen Marmorblock drauflos, bis etwas Schönes daraus entstand.“

„Einige Wochen lang kreisten wir das Thema in groben Zügen ein“, sagt McKeown. „Eines Tages redeten wir über alles Mögliche, und dann endlich über das eigentliche Thema und dessen Bezug zu aktuellen Ereignissen. So hatten wir wochenlang ein breites Potpourri, um dann mit dem Schreiben eines Treatments zu beginnen.“

„Ich habe darauf bestanden, dass Terry das Treatment schreibt, denn er wusste zu dem Zeitpunkt besser als ich, was er damit bezwecken wollte. Ich glaube, damals habe ich es nicht ganz begriffen. Obwohl es Spaß gemacht hat und ich die Story visualisieren konnte, war das Gesamtkonzept für Terry klarer. Dann begann ich damit, Szenen, Dialoge, Figuren und Settings zu schreiben, um dem Ganzen mehr Kontur zu verleihen. Ich schickte ihm jeweils sechs oder sieben Seiten per Email, und er arbeitete weiter daran. Wenn ich ihm dann die nächsten Seiten mailte, schickte er mir die vorangegangenen zurück, damit ich sehen konnte, was er daraus gemacht hatte.“

„Es war ein ständiger Prozess, hin und her, und an einem gewissen Punkt, am Ende des Scripts angelangt, hielten wir inne, um darüber zu beraten, wohin das führen sollte und wo wir gerade standen.“ Dazu Gilliam: „Es war wie ein Tennismatch, wir haben uns die Bälle zugeworfen, aber langsam entwickelten sich die Dinge. Man hat Ideen, baut sie zusammen – so entsteht eine Geschichte. Es ist schön, wieder mit Charles zusammenzuarbeiten; seit „Münchhausen“ ist viel Zeit vergangen.“

„Ich denke, wir hatten schließlich etwas, das in jeder Hinsicht ganz anders war als die Anfangsidee“, räumt McKeown ein. „Dr. Parnassus selbst ähnelt wohl ziemlich der ersten Fassung, doch die anderen Figuren veränderten sich im Laufe der Arbeit. Valentina z.B. verwandelte sich stark, und die übrigen Charaktere auch, sobald sie nicht so gut funktionierten wie sie konnten. Eigentlich brechen wir alle Regeln. Man soll sich ja auf eine Hauptfigur konzentrieren; das ist eines der Erfolgsrezepte: Gib dem Publikum eine Figur, mit dem es sich identifizieren kann. Aber dieser Film ist ein Ensemblestück und obwohl Dr. Parnassus im Titel und auch im Mittelpunkt des Geschehens steht, wird man doch von den Erfahrungen aller Beteiligter mitgerissen.“

Und McKeown weiter: „Die Vorstellungskraft ist das zentrale Thema, ihre Bedeutung für unser Leben und Denken, und das ist für Terry ganz typisch. Einige Zeit lang hat er nach anderen Drehbüchern und Vorlagen gearbeitet und daraus Filme gemacht, die seine Handschrift als Regisseur tragen. Dr. Parnassus aber geht über seine letzten Arbeiten hinaus; er hat hierzu noch mehr beigetragen, das ist deutlich sein Ding, ein Film, in dem mehr Terry Gilliam steckt als in den meisten anderen seiner Arbeiten aus jüngster Zeit. Es muss es ihm wert sein, wie bei „Brazil“ und zum Teil bei „Münchhausen“. Dieser Film ist dermaßen packend, und Terry widmet sich dem mit Haut und Haar, wenn er sich wirklich engagiert. In diesem Fall beträgt sein Engagement 120 Prozent.“

Gilliam gibt zu: „Ich bin mir nicht sicher, wessen Autobiographie hier erzählt wird. Ich dachte zwar, die Geschichte hätte leichte Anklänge an mein Leben, aber jetzt bin ich mir da gar nicht mehr sicher! Es geht wohl um den Kampf der kreativen Köpfe … Künstler … Sie versuchen, andere zu inspirieren, sie dazu anzuspornen ihre Augen zu öffnen, die Wahrheit der Welt zu schätzen, doch die meisten sind nicht erfolgreich … Das ist die Realität.“

„Es ist eine tragisch-magische Idee: Eine Gruppe außergewöhnlicher Menschen in einem erstaunlichen Theater, das durch London fährt – aber niemand achtet auf sie. Ich bin davon überzeugt, dass die Menschen in unserer modernen Welt nicht mehr sehen können, was wirklich wichtig ist. Jedermann ist in seinem iPod oder Videospiel oder in Spekulationen an der Börse gefangen – alles interessante und Zeit fressende Tätigkeiten, aber dort draußen geschehen herausragende und wichtige Dinge, die niemand zu bemerken scheint.“

Produktion: Storyboard und Design

„Bei diesem Film habe ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder Storyboards gemacht“, erinnert sich Terry Gilliam freudig. „Deshalb gefiel es mir so gut. Es war wie bei meinen ersten Filmen, für die ich sämtliche Storyboards selbst angefertigt habe. Das ist ein aufregender Teil der Arbeit an einem Drehbuch, wenn man sich hinsetzt und Bilder zu zeichnen beginnt. Es ist die Verwandlung, die Vorlage wird zu etwas ganz anderem. Danach lese ich das Drehbuch nicht mehr; wir schreiben dann um, ausgehend von dem, was ich gerade gezeichnet habe, und das ist wirklich wunderbar. Wir bauen Modelle, verwenden Computergraphik und mischen alles, um jeden möglichst zu verwirren, damit man nicht erkennen kann, wie wir unsere Welt erschaffen. Es ist wie ein Zaubertrick …“

Amy Gilliam machte gerade ihre ersten Erfahrungen als Produzentin bei der Zusammenarbeit mit Oscar®-Preisträger William Vince in Vancouver, als sie hörte, dass ihr Vater an einem neuen Drehbuch arbeitete. „Nach zwölf Jahren in der Filmindustrie, in denen ich mich immer weiter nach vorn gearbeitet habe, war einer meiner größten Wünsche, nun eines Tages einen Film mit meinem Vater produzieren zu können“, erinnert sie sich. „Als ich sein Drehbuch las, steckte darin alles, mit dem ich aufgewachsen bin, Fantasie und Abenteuer, und alles an diesem Script ist zauberhaft. Es ist keine spezifische Geschichte, die ich in meiner Kindheit gehört habe, doch viele der darin enthaltenen Elemente trage ich im Herzen, sie gehören zu meinen Erfahrungen. Terry rannte herum, um die Finanzierung aufzutreiben, also dachte ich mir: ‚Das will ich machen. Es wäre wunderbar, das zu verwirklichen.’ Bill Vince erkannte meine Sehnsucht, Energie und Leidenschaft für dieses Projekt; er ist ein Mann, der, wenn er an etwas und jemanden glaubt, das auch Wirklichkeit werden lassen will.“

Samuel Hadida, der bereits Gilliams „Brothers Grimm“ in Frankreich vertrieben hat, schloss sich Bill und Amy als Produzent an. Er war bereits sehr vom Drehbuch angetan, und noch begeisterter von dem Buch mit Zeichnungen, das Terry drucken ließ, um seine Vision zu vermitteln: „Es half uns bei der Visualisierung, um einen Eindruck davon zu bekommen, was er erreichen wollte. Dies ist ein visuell sehr starker Film, in dem viele Spezialeffekte zum Tragen kommen, also war es sehr gut, damit alle am gleichen Strang ziehen konnten. Diese Welt entstand in den Storyboards, und darin bekamen wir eine Vorschau dessen, was er mit der Animation und dem Look des Films erschaffen wollte – und das war eine große Herausforderung.“

„Das Design zum Imaginarium begann wohl mit Pollocks Spielzeugtheatern in London“, erinnert sich Gilliam. „Als ich herkam, entdeckte ich diesen Laden, den es auch heute noch gibt. Dort werden viktorianische Spielzeugtheater hergestellt, aus Pappe zum ausschneiden, die mich schon immer fasziniert haben. Ich besuchte das Museum of Childhood, denn dort gibt es etliche alte Originale, die ich fotografiert und dann per Photoshop bearbeitet habe.“

„Für das Design der Außenseite des Imaginariums benutzten wir Bücher über die Arkana, hermetische Symbole, Robert Fludd. Das mochte ich schon immer. Ich verstehe zwar kaum die Hälfte davon, aber die Bilder inspirieren mich; also haben wir es zusammengetragen und für das Theater eingesetzt. Es gibt Schlangen, Teufel, Böse Blicke, Pentagramme, alles Mögliche …

Wahrscheinlich ist es eine Mischung aller jemals erfundenen Symbole. Mittelalterliche Bilder und Ikonographien sind gut und gesund für die eigene Fantasie. Die Alchemisten versuchten, die Welt und den Kosmos zu beschreiben, und sich einen visuellen, philosophischen Reim auf das alles zu machen. Es ist so ganz anders als die moderne Realität und scheint mich weitaus mehr zu beschäftigen als unsere derzeitige Sicht auf die Welt.“

„Jetzt, nach Abschluss der Dreharbeiten, weiß ich auch, worum es in dem Film geht – besser als zu der Zeit, als Charles und ich daran geschrieben haben. Ich habe oft das Gefühl, dass ich einen Film mache um herauszufinden, woran ich da wirklich arbeite. Wir kannten diese beiden entgegen gesetzten Seiten, den Kerl, der der Teufel sein könnte, und den Kerl, der Gott sein könnte, aber eigentlich sind sie weder das eine noch das andere, sie stehen darunter, sie sind Halbgötter. Wir haben auch ihr Angebot an die Welt verändert. Parnassus bietet dir die Chance, deine Vorstellungskraft zu erweitern, aber das heißt nicht, dass dies eine einfache oder gar genussvolle Erfahrung sein wird. Die Wahlmöglichkeiten, die einem Parnassus bietet, sollen bedeuten, dass man – sollte man richtig wählen – damit eine Form der Erleuchtung erlangen könnte. Doch der Pfad wird immer ein steiniger Weg sein. Den einfacheren Weg bietet einem sicherlich Mr. Nick. Während wir schrieben, veränderten wir ständig das Angebot von Mr. Nick. In der letzten Version verkauft er die Idee der Angst, der Unsicherheit. Er spielt mit den Schwächen, während Parnassus es darauf ankommen lässt, dass manche Menschen stark und bereit sind, auch Risiken einzugehen.“

„Tony sagt über Parnassus: ‚Wenn er die Macht hat, die Gedanken der Menschen zu kontrollieren, warum ist er dann nicht der Herrscher der Welt?’ Und Anton antwortet mit einem Satz, den ich schon immer mochte: ‚Er will die Welt nicht beherrschen – er will, dass sich die Welt selbst beherrscht.’ Verantwortung zu übernehmen – es ist wichtig, solche Ideen zu verbreiten.“

Produktion; Das Casting

„Christopher Plummer wurde als erster engagiert, glaube ich“, erklärt Gilliam. „Er ist ein großartiger Schauspieler. Er ist theatralisch, hat das richtige Alter, und war ein großer Star. Seine Tochter Amanda Plummer spielte in „König der Fischer“ und es gibt eine interessante Verbindung zwischen ihm und seiner echten Tochter. Fantastisch war, das Christophers im Theater geschultes Einfühlungsvermögen sich für diese Rolle als absolut perfekt erwies – zusätzlich zu der Tatsache, dass er stets auch den Humor in dieser Figur aufspüren wollte.“

„Ich scheine die Titelrolle des Films zu spielen“, grübelt Plummer. „Nicht das Imaginarium selbst, sondern Dr. Parnassus. Terry Gilliam rief mich überraschend an und meinte: ‚Ich möchte, dass du meine Titelkreatur spielst – es ist ein wunderbarer alter Mann.’ Ich dachte, dass er mich wohl angerufen hatte, weil es nur noch wenige alte Männer gibt, die Schauspieler sind und noch sprechen können – und ich eben zu ihnen gehöre. Jedes Jahr habe ich mehr Glück, denn diese Gruppe wird kleiner und kleiner, und solange ich noch einen Schnaufer tun kann, will ich mich zum Dienst melden. Also habe ich zugesagt.“

„Ich weiß nicht, was ich mit Parnassus getan habe. Ab und an neigte er im Drehbuch dazu, sehr melodramatisch daherzukommen – aber als ich sah, wie bunt und geschäftig es auf den Sets zuging und wie dynamisch die anderen Kreaturen im Film herumwuselten – denn Terry liebt Bewegung –, beschloss ich, Parnassus statt melodramatisch doch lieber ruhig und introspektiv darzustellen. Ich glaube, das funktioniert, denn er leidet seelische Qualen – hat er doch seine Tochter an den Teufel verraten. Das gibt ihm auch die nötige Bodenständigkeit – denn nicht alles ist bloß Spinnerei. An diesem Film muss es auch eine dunkle, tragische Seite geben, mit der zwar auf leichte Art umgegangen wird, deren Ernsthaftigkeit man aber nicht leugnen kann.“

Gilliam fährt fort: „Ein holländischer Animationsspezialist versuchte, mit Tom Waits (den ich für Amerikas größten musikalischen Poeten halte) in Kontakt zu kommen und fragte mich, ob ich Tom eines seiner Drehbücher schicken könnte, was ich tat. Das war mein erster Kontakt zu Tom in vielen Jahren; er lehnte zwar die Arbeit mit meinem Freund ab, fragte aber, ob ich irgendetwas für ihn hätte. Und ich sagte: ‚Nun, da gibt es diese interessante Rolle in meinem neuen Film …’, und das war es. Er meinte: ‚Ich bin dabei.’ Noch bevor er das Drehbuch gelesen hatte.“

Waits erläutert: „Ich spiele den Teufel. Also nicht einen Teufel oder jemanden, der einfach böse ist. Ich spiele den Teufel. Das ist schon ein ziemlich kniffliges Problem – wie zum Teufel spielt man den Teufel? Wie verkörpert man einen so großen, so tiefen Archetypen der Geschichte? Schließlich habe ich verstanden, dass ich ihn einfach selbst spielen musste – es ist eben mein Teufel. Also hoffe ich, das getan zu haben, was Terry erwartet hat, und seine Erwartungen übertroffen zu haben. Da bin ich mir nicht sicher, aber ich hoffe es.“

„Als wir nach unserer Valentina suchten, sagte Irene Lamb, die für das Casting verantwortlich war: ‚Ihr müsst euch Lily Cole ansehen!’“, erinnert sich Gilliam. „Also haben wir einen kleinen Screen-Test gemacht – und Bingo! Für diese Rolle wollte ich eine Frau, die natürlich hervorragend aussehen sollte, und die wie sechzehn wirken konnte. Tatsache ist, dass, als die Dreharbeiten mit Lily begannen, ich befürchtete, einen großen Fehler begangen zu haben, denn sie hatte so wenig Erfahrung und war von so großen Schauspielern umgeben. Doch sie wuchs an der Herausforderung und wurde besser und besser. Das Endergebnis ist eine vollkommen wunderbare Performance.“

„Es ist viel harte Arbeit“, gab Cole am Set zu. „Gleichzeitig ist es aber auch sehr befriedigend, und Terry hat ein so gutes Herz. Alle im Team haben so ein gutes Herz, also ist die Atmosphäre bei der Arbeit immer sehr positiv, die Zusammenarbeit wunderbar. Es fühlt sich nicht so an, als würden hier die Egos aufeinanderprallen. Terry sagt zum Spaß, es gäbe keine Hierarchie – obwohl es natürlich doch eine gibt. Aber diese Einstellung ermutigt alle dazu, sich einzubringen, und das ist eine ganz besondere, erstaunliche Erfahrung.“

„Es ist ein völlig anderes Gefühl als beim Modeln, aber das hatte ich erwartet: Es sind andere Umstände, es ist eine andere Branche. Von außen betrachtet ähneln sich diese Branchen wohl schon, doch im direkten Vergleich gibt es schon viele Unterschiede. Bei der Schauspielerei fühle ich weitaus mehr Druck, ich bin aber auch stärker beteiligt, und das finde ich toll. Daher ist Schauspielen viel befriedigender; wenn ich nur als Model arbeite, fühle ich mich meist ziemlich reduziert. Man kann nur wenig von sich selbst einbringen, während die Schauspielerei zwar auch auf Ästhetik basiert, weshalb man ja engagiert wird, aber von da an gibt es 20 Millionen verschiedene Möglichkeiten, an die Sache heranzugehen. Da heißt es: ‚Ok, was kannst du? Komm her und beweise es!’. Das macht diesen Job viel härter, aber gerade deswegen auch viel aufregender.“

„Verne Troyer wurde sehr frühzeitig engagiert“, berichtet Gilliam. „Er war kurz in ‚Fear and Loathing in Las Vegas’ zu sehen – zwei Sekunden lang. Ich dachte mir, wenn wir schon eine außergewöhnliche Truppe zusammenbringen, dann reicht ein normaler kleiner Kerl nicht – wir mussten einfach den Kleinsten überhaupt engagieren. Aber es geht nicht nur um seine Körpergröße … denn ich kenne Vernes Einstellung, und er passt perfekt zu Percy, der zynisch und vorwitzig ist und sich nichts gefallen lässt, genau wie Verne.“

Troyer stimmt zu: „In Percy steckt definitiv viel von mir selbst. Er ist ein ziemlicher Kotzbrocken – sarkastisch, zynisch, und kümmert sich einen Dreck um irgendetwas. Diese Figur zu spielen finde ich toll. Könnte ich die Rolle noch mal spielen, dann würde ich es tun. Ich mag Herausforderungen. Ich finde Terry nicht zu fordernd, denn wenn man eine Szene spielt und den vollen Effekt herausholen will, dann darf man eben nicht herumeiern. Deshalb genieße ich es, wenn Terry Regie führt. Er weiß, was er will, hat viele tolle Ideen und vermittelt allen viel Spaß an der Arbeit.“

Regisseur Gilliam meint: „Heath Ledger war gerade hier in England und arbeitete an ‚The Dark Knight‘; er hatte einen gemeinsamen Freund mitgebracht, der die Storyboards zu ‚Brothers Grimm‘ angefertigt hatte. Sie arbeiteten an einem animierten Musikvideo und brauchten ein Büro. Ich bot ihnen an, in einem Büro bei Peerless (unserer VFX-Firma) zu arbeiten. Eines Tages war ich dann dort, um meine Storyboards den Leuten zu zeigen, die an der Previsualisierung saßen, und Heath und Daniele waren auch dort. Also legte ich los und begann, die Sequenzen zu erklären, und währenddessen schiebt mir Heath einen kleinen Zettel zu, auf dem steht: ‚Kann ich Tony spielen?’ Er hatte das Drehbuch gesehen, aber ich hatte ihn nicht darauf angesprochen. ‚Meinst du das ernst?’, fragte ich. ‚Absolut!’, sagte er, ‚denn ich will diesen Film sehen.’ So einfach war das. Nachdem Heath mit an Bord war, glaubte ich, dass die Dinge einfach werden würden, dass das Geld nur so hereinströmen würde … wieder falsch!“

„Dann erzählte man mir von Andrew Garfield. Ich kannte ihn nicht, aber er schickte ein Audition-Tape, das er und seine Freundin in Los Angeles gedreht hatten. Darin spielte er jede Szene auf drei verschiedene Arten, und ich dachte: ‚Dieser Typ ist vollkommen, umwerfend, brillant!’ Innerhalb einer Woche bekam ich einen Anruf von Heath, der fragte: ‚Hast du einen Typen namens Andrew besetzt?’ Ich bejahte. ‚Du wirst es nicht glauben, ich bin gerade auf dem Weg zu seiner Geburtstagsparty!’ Da waren also schon eigenartige Mächte am Werk.“

Garfield war begeistert: „Anton ist sehr fröhlich, offen, warmherzig und kindisch, doch meiner Meinung nach verfügt er auch über mehr Weisheit, als die meisten anderen Leute, die doppelt so alt sind wie er. Er hat eine tolle Weltanschauung, er ist sehr rein, sehr unschuldig. Terry sieht die Dinge des Lebens wohl sehr in Schwarz oder Weiß; er unterteilt gerne in Gut oder Böse, sowohl in seinen Filmen als auch im Leben und was die ganze Welt angeht. Da falle ich wohl in die Kategorie der Guten, obwohl ich Anzeichen dafür zeige, dass die Dunkelheit auch mich zu verschlingen droht. Aber ich bin wohl Terry, wie er als Kind, als junger Mann war, der versucht herauszufinden, wer er ist, wohin er gehört, der verzweifelt versucht, gut zu sein und zu helfen, wo er kann.“

„Terry ist sehr, sehr aufrichtig. Er versucht nicht, dich über den Tisch zu ziehen oder dir vorzugaukeln, dass er es besser weiß. Er begegnet dir auf Augenhöhe und erwartet, dass du vor Ort deine Arbeit ablieferst, damit nicht alles an ihm und seinem Team hängen bliebt. Es herrscht schon gehöriger Druck, jeden Tag zur Arbeit zu kommen, sich in den Moment zu versetzen, kreativ und mutig zu sein. Eigentlich ermutigt er einen, auch mal eine Grenze zu überschreiten, die man normalerweise nicht überschreiten würde. Man weiß genau, wann er glücklich ist, und auch, wann er nicht so zufrieden ist. Aber er ist niemals didaktisch, sondern immer ermutigend.“

Damit hatte die nächste Phase in Gilliams Filmschaffen begonnen. „Die Proben waren interessant, denn hier versuchten die Schauspieler, sich in ihre Rollen hineinzuversetzen. Doch der klarste war immer Christopher. Wir begannen mit einer Szene gemäß Drehbuch, ich sagte dann: ‚Parnassus kommt jetzt die Treppe herunter …’, und Christopher meinte dann: ‚Ich glaube nicht, meiner Meinung nach sollte Parnassus jetzt nicht auftreten.’ Ich fragte warum, und Chris meinte: ‚Nun, dann würde er doch einfach herumstehen und gar nichts zu tun haben …’ Ein großer Theaterschauspieler weiß sehr genau, wann er einen Auftritt haben sollte und wann eben nicht.“

„In diesem Film habe ich mehr Improvisation zugelassen als jemals zuvor, und das begann mit Heath … Er sprühte nur so vor Ideen und frischen Dialogen, war so unglaublich schnell und kreativ. Auf gewisse Weise war er noch beflügelt von der Rolle des Jokers, die Kräfte in ihm freigesetzt hatte, die er zuvor nicht kannte. Ständig erzählte er mir: ‚Ich tue Dinge in Szenen, von denen ich gar nicht wusste, dass so etwas in mir steckt. Ich kann es kaum glauben.’ Während der ersten Wochen der Proben versuchte Andrew, der davor nie wirklich improvisiert hatte, mit ihm zu wetteifern, doch Heath war in der Rolle als Tony einfach zu schnell und konzentriert, fast einschüchternd. Es klappte nicht. Dann stellte Andrew fest, dass er auf einer anderen Ebene mithalten und dabei gleichzeitig die Verletzlichkeit seiner Rolle bewahren konnte … indem er spielerisch und leicht damit umging. Das hat Anton die Art von Macht verliehen, mit der wiederum Tony schwer umgehen konnte.“

„Ich habe mich mehr als sonst üblich an den Film herantasten müssen. Viel davon hing mit Heaths Begeisterung und Energie zusammen, mit den Ideen, die nur so aus ihm heraussprudelten. Ich sah mir das an und dachte: ‚Lass uns das einsetzen!’ Ich sage ja immer, dass ich nicht der Regisseur bin, sondern nur der Filter. Es kümmert mich nicht, wessen Idee es war, solange es die beste Idee ist. Glücklicherweise bin ich derjenige, der entscheidet, welche Idee die beste ist.“

„Als Heath verstarb, war es interessant festzustellen, dass Andrew auf gewisse Weise die Lücke schloss, die Heath hinterließ – seine Improvisationen wurden brillant und sehr witzig. Er sagte, er habe zuvor nicht geahnt, dass er komödiantisches Talent besitzt, nachdem er meist sehr intensive, ernste Rollen gespielt hatte. Es war erstaunlich zu beobachten, wie sich die Dinge veränderten und wuchsen, als würde sich der Film selbst verwirklichen.“

Die Produzenten sind vom Ensemble begeistert: „Das wichtigste ist, dass ein Schauspieler eine Rolle wirklich zum Leben erweckt“, meint Samuel Hadida. „Es ist toll, Spezialeffekte und Design zu haben, doch allein die Performances geben einem Film die nötige Emotion. Und genau hier braucht der Regisseur eine besondere Fähigkeit: die besten Schauspieler für die von ihm erschaffene Welt zu finden. Terry sieht das Funkeln in ihren Augen, die Art, wie sie sich bewegen, wie sie ihre Texte sprechen und spielen. Meiner Meinung nach hat er dieses unglaubliche Talent. Er hat nicht nur eine ganz eigene Welt, sondern weiß auch, wie sie am besten zum Leben erwacht.“

„Als Produzent muss man all die Werkzeuge und die ganze Freiheit bereitstellen, damit ein Regisseur wie Terry Gilliam sich auf die bestmögliche Weise ausdrücken kann – damit seine Vision vom Papier auf die große Leinwand gelangt. Unser Ziel ist es, ihm dabei zu helfen, seine Vision zu verwirklichen, und ihm alles zu geben, was er braucht, um den bestmöglichen Film entstehen zu lassen.“

Produktion: Die Welt des Dr. Parnassus

Die fantastische Vision des Regisseurs auf die Leinwand zu bringen, erwies sich als hingebungsvolle Leistung des gesamten hochtalentierten Produktionsteams.

Die Dreharbeiten begannen Anfang Dezember 2007 in der britischen Hauptstadt, wo Gilliam vor verschiedenen Wahrzeichen Londons hochdramatische Szenen mit Dr. Parnassus, seiner Truppe und deren imposanter, von Pferden gezogener Theater-Kutsche drehte. Der von Percy (Verne Troyer) gesteuerte Wagen, der durch die nächtlichen Straßen klapperte, wurde inmitten der Vorweihnachtszeit zu einer unvergesslichen und auch sehr verwirrenden Attraktion für die Menschen in der Londoner Innenstadt.

In etlichen winterlichen Nachtdrehs war die Wanderbühne des Imaginarium in voller Montur und aufgeklappt auf einem geschäftigen Jahrmarktsplatz vor der bekannten Kulisse der Tower Bridge zu sehen, dann inmitten eines alkoholgeschwängerten Tumultes im imposanten Schatten der Southwark Cathedral, später von russischen Gangstern besetzt in den herrlichen viktorianischen Ausläufern von Leadenhall Market. Zwei der Hauptfiguren hingen in halsbrecherischer Gefahr, in einem Eissturm und unter künstlichem Regen, von der Blackfriars Bridge hinab über der Themse, während die gigantische, zerfallende Silhouette der Battersea Power Station (dem größten Ziegelgebäude in Europa) die Kulisse für mehrere häusliche Szenen mit Dr. Parnassus und seiner „Familie“ war.

Nach Abschluss dieser in der Gegenwart spielenden Szenen zog die Produktion für sieben Wochen in die Bridge Studios bei Vancouver in Kanada, um die Blue-Screen-Drehs zu absolvieren und die epische Größe des Imaginariums zu erschaffen. Auch Vancouver selbst konnte mit wunderbaren Kulissen aufwarten, darunter das herrliche Art-Deco-Theater, The Orpheum, wo der Wohltätigkeitsball und die Pressekonferenz des Films spielen.

Kameramann Nicola Pecorini, der eng mit Gilliam zusammenarbeitete, war von Beginn an am Projekt beteiligt. „Am meisten gefiel mir die Poesie, die bereits im Drehbuch zum Tragen kam. Da ich bereits in den letzten zehn Jahren Terrys Leidenschaften und Frustrationen mitgetragen habe, verstehe ich vollkommen, woher „Parnassus“ stammt. Ein Mann ist müde, weil er versucht hat, seine Mitmenschen zu erleuchten, ihnen beizubringen, ihrer Fantasie Flügel zu verleihen und ihre Vorstellungskraft zum Blühen zu bringen und die Macht der Träume als Reichtum statt als Last zu begreifen. Parnassus ist Terry. Das Drehbuch ist der glückliche Ertrag aus Jahren des Kampfes gegen das System, aus angehäuften Frustrationen im Versuch, herausragend wertvollen Ideen eine Form zu verleihen.“

„Ich habe diese Geschichte als fantastische Summe aller Erfahrungen in Terrys künstlerischer Laufbahn gelesen: Man findet darin sämtliche Elemente, die auf die ein oder andere Weise, entweder verschleiert oder ganz offen, bereits in all seinen vorherigen Werken zu finden waren. Es ist definitiv ein sehr reifes Drehbuch, und ich bin fest davon überzeugt, dass all die Menschen dort draußen (und glücklicherweise sind das sehr viele), die Terrys vorangegangene Filme lieben und schätzen, feststellen werden, dass „Parnassus“ die Apotheose seiner Kunst ist.“

„Wir haben versucht, jedes noch so kleine Detail vorab zu planen. Besonders die Szenen im Imaginarium sind Einstellung für Einstellung vorgegeben. Doch auch die beste Planung kann das Unerwartete nicht verhindern, ebenso wenig wie menschliches Versagen, wenn es darum geht, das Nötige zur rechten Zeit und auf die richtige Art zu liefern. Terry und ich teilten dieselbe Vision der „Cinematic Stage“; gemeint ist damit eine Kameraarbeit, die 360 Grad umfasst. Wir erlebten eine vollkommene Symbiose. Ohne Worte kamen wir stets zum gleichen Ergebnis und wählten dieselben Lösungen. Ich finde es sehr leicht, mit Terry zusammenzuarbeiten, auch wenn es technisch sehr anspruchsvoll ist. Die Ausleuchtung einer 360-Grad-Einstellung ist gewiss weitaus schwieriger als die Arbeit mit weiten Brennweiten. Die größte Schwierigkeit liegt darin, anderen Menschen unsere Herangehensweise begreiflich zu machen.“

„Es stimmt, dass er Weitwinkel-Linsen einsetzt, doch die Wahrheit ist, dass die ganze Welt aus Weitwinkeln besteht. So funktioniert das menschliche Auge, also will man dem Zuschauer auch Wahlmöglichkeiten anbieten, und so arbeitet Terry. Mit dem Weitwinkel kann man sich aussuchen, was man sich anschauen möchte, und man muss das eigene Gehirn benutzen, um die Dinge zu betrachten. Wenn man das Blickfeld einengt und nur wenig Raumtiefe zulässt, dann entscheidet man doch schon vorab für das Publikum, was es zu sehen bekommen wird. Das ist nicht Terrys Herangehensweise beim Filmemachen, und ich stehe da ganz auf seiner Seite.“

„Jeden Tag lernt man etwas Neues. In dem Augenblick, wenn ich alles gelernt habe, werde ich mir einen neuen Job suchen. Allerdings hoffe ich, dass dieser Tag niemals kommen wird. Wenn man nichts Neues mehr lernt, muss man sich einen neuen Job suchen, denn dann weiß man bereits, wie man's macht.“

Mick Audsley, der vor einem Jahrzehnt für den Schnitt von Gilliams „12 Monkeys“ verantwortlich zeichnete, war begierig darauf, wieder mit dem Regisseur zusammenzuarbeiten. Genau wie Nicola war auch er schon frühzeitig an „Parnassus“ beteiligt. „Zunächst beginne ich damit, das Drehbuch unter die Lupe zu nehmen. Viel von meiner Arbeit findet in einem frühen Stadium statt, denn da kann ich Probleme erkennen, die mir Sorgen bereiten, noch bevor der Film gedreht wird. Gemeinsam mit dem Regisseur kann ich meine Ideen einbringen, allerdings habe ich nicht das letzte Wort darüber, was schließlich auf der Leinwand zu sehen ist. Mein Ziel ist also, das zusammenzustellen, was ich als den roten Faden der Story sehe, und dies dann für das Publikum zu komponieren – in etwa so wie der Dirigent eines Orchesters. Das, was wir in den Film aufnehmen, und das Tempo, das wir vorgeben, ist also ausschlaggebend für die Erfahrung, die die Zuschauer machen, wenn sie dasitzen und den Film sehen. Es geht um Elemente wie Geschwindigkeit, Verständlichkeit und die Auswahl von Performances.“

„Die besonderen Herausforderungen in diesem Film liegen meiner Meinung nach in der Blue-Screen-Welt, also der künstlichen Welt, die wir hinter dem Spiegel erschaffen. Wenn ich das Material bekomme, ist es nur teilweise vollständig – eigentlich ist es nur ein Fragment der benötigten Information. Also müssen wir den Ablauf starten und Entscheidungen für den Schnitt treffen, basierend auf den Szenen, die wir bekommen, obwohl noch viel von der visuellen Information fehlt. Das ist eine ziemliche Herausforderung.“

„Natürlich ist die wichtigste Frage immer, ob die Performances funktionieren, dann, ob die Architektur der speziellen Szenen auch die digitale Nachbearbeitung zulässt. Doch ich verstehe das nicht allzu gut – Terry hat wahrscheinlich jedes Detail im Kopf, deshalb ist die Zusammenarbeit mit ihm und seinem Visual-Effects-Team ausschlaggebend, um alles so kohärent wie möglich zu präsentieren.“

Auch Kostümdesignerin Monique Prudhomme ist begeistert von ihrer Zusammenarbeit mit dem Regisseur: „Terry ist sehr offen für alles Interessante, für die Dinge, die ihn beschäftigen, und sehr großzügig in seiner Herangehensweise. Wenn man ihm eine Idee vorstellt, hört er stets aufmerksam zu. Er interessiert sich wirklich für den Prozess – nichts ist in Stein gemeißelt. Wenn man sich auf diesen fließenden Arbeitsmodus einlässt, und sich weitertreiben lässt, ist das ein richtiges Abenteuer.“

„Man beginnt mit dem, was ich Jagen und Sammeln nenne. Man macht sich eine Vorstellung von dem, was gut sein könnte. Man schaut sich Bücher und Bilder an. Terry hat auch seine Lieblingsbilder, die er einbringen will, und von da an geht man jagen und sammeln: Kleidungsstücke, Stoffe, Hüte, Mäntel und Schals – und plötzlich, wenn der Schauspieler vor einem steht, erschafft man die Charaktere als wäre es Bildhauerei.“

„Ich verstehe meinen Job als Weg, es den Schauspielern zu erleichtern, in ihre Rollen zu schlüpfen. Indem man für diesen Ablauf also offen bleibt – statt zu meinen, der Darsteller sei ein Kleiderbügel –, erschafft man eine Figur mit Statur, Körper und Ausdruck. Diese Figur modelliert man, erfindet für sie Zusätze… und dieser Film hat diesen Arbeitsauflauf noch beflügelt.“

„Kostüme sollen der Figur dienen, also eigentlich das Image erschaffen, an das man sich bei einer Rolle erinnern wird. Deshalb muss sich der Darsteller im Einklang mit diesem Image fühlen. Für Dr. Parnassus, der ja unsterblich ist, stellte ich mir vor, dass ihm ihn London immer kalt sein muss, da es dort stets feucht ist und sie in diesen heruntergekommenen Gegenden leben. Deshalb habe ich ihm etliche Schichten Kleidung angezogen, Unterhemd, Hemd, Pullover, Mantel, Schals … Diese Schichten konnten auch für die Handlung eingesetzt werden – sich etwas anzuziehen oder auszuziehen -, aber auch um seinen Charakter zu beschreiben.“

„Es ist eine Ehre und ein Privileg, mit Terry zusammenzuarbeiten. Er hat so viele Ideen. Seine Welt ist so eklektisch, und auch mit meinen künstlerischen Visionen verbunden. Während ich zwei Ideen habe, hat er schon zwanzig … Die Zusammenarbeit mit ihm ist ein ständiger Austausch von Ideen, bei denen sein Interesse geweckt bleiben muss. So lange ich sein Interesse wecken kann und wir einen fließenden Austausch haben, geht es immer weiter – wobei fließender Austausch heißt, dass wir eine bestimmte Idee schon am nächsten Tag verwerfen können, wenn wir eine bessere Lösung finden. Das ist eine schöne Zusammenarbeit.“

Hair- und Makeup-Designerin Sarah Monzani sah in den zwei unterschiedlichen Welten, in denen dieser Film spielt, eine interessante Herausforderung für sich selbst und ihr Team: „Ich kenne Terry schon lange und weiß sehr genau, wie er arbeitet. Er ist sehr praktisch veranlagt und was immer er geschrieben hat, ist in seinem Kopf verankert. Die größte Herausforderung liegt darin, seine Ideen sichtbar werden zu lassen. Er ist sehr großzügig, denn er erlaubt es einem, praktisch in seinem Gehirn herumzustochern, um all seine Ideen nach und nach ans Licht zu bringen – denn bei so einer Aufgabe kann man nicht alles auf einmal klären. Man liest das Drehbuch, und das ist das eine … und dann liest man es noch mal, und etwas Neues tut sich auf … So geht das die ganze Zeit.“

„Wir haben hier zwei große Erzählstränge. Einer davon sind die Menschen, die im Film auftauchen, die Schauspieler sozusagen, also die Personen in Dr. Parnassus’ Leben. Das sind normale Menschen, die ziemlich dreckig sind und in einer heruntergekommenen Welt leben – im Wagen gibt es ja praktisch kein Wasser. Dann betritt man diese magische Welt der kleinen Mini-Performances auf der Bühne, und jede Show hat einen eigenen Look, der meist von Valentina geprägt wird. Da Dr. Parnassus natürlich tausende von Jahren alt ist, kann er jeder Performance etwas geben, dass er zuvor gelernt hat, also alles vom Mittelalter bis in die moderne Gegenwart.“

„Sämtliche Looks, die ich für Valentina entworfen habe, basieren auf Folgendem: Entweder Dinge, die sie als junges Mädchen gern tragen würde, oder Stücke, die sie in der alten Truhe von Dr. Parnassus gefunden hat. Sämtliche Kostüme habe ich mir vorgestellt als Teile aus einer alten Kleidertruhe, die mir Monique Prudhomme geschenkt hat. Darauf habe ich den Look der Figuren abgestellt. Es ist Wahnsinn. Vollkommener Wahnsinn!“

Den Wahnsinn unter Kontrolle hält Terrys Tochter, Produzentin Amy Gilliam. „Ich fühle mich für alles verantwortlich und bin ein Kontroll-Freak, außerdem möchte ich das Projekt unbedingt beschützen, ebenso den Regisseur, da er mein Vater ist. Dies ist mein zweiter Film als Produzentin und der erste, bei dem ich vollkommen und bis in die Tiefe beteiligt bin. Es ist eine britisch-kanadische Co-Produktion und für mich eine sehr komplexe Produktion, bei der die Anforderungen sehr hoch sind.“

„Es ist unglaublich, dass alles so schnell zusammenkam. Es war etwas sehr besonderes, schon als ich das Drehbuch las. Die Parallelen zwischen Dr. Parnassus und meinem Vater, die etliche Personen feststellten, sind für mich als seine älteste Tochter sehr greifbar. Das hat mich gepackt – und war der Anfang einer lang andauernden, manchmal schmerzhaften Verpflichtung.“

„Die Möglichkeit mit meinem Vater zu arbeiten – es gibt einfach keinen Besseren als ihn – war eine großartige Erfahrung. Jeder sagt, dass dies wohl der härteste Film war, an dem ich hätte arbeiten können, mit all den Höhen und Tiefen und Albträumen und Dramen, die wir durchgemacht haben … Das also geschafft und etwas geschaffen zu haben, das so magisch und spektakulär ist, worauf alle Beteiligten so stolz sind, all die Leiden, das Blut, der Schweiß und die Tränen … das war es wert, es war außergewöhnlich und genussvoll.“

„Ich liebe es, mit meinem Vater zusammenzuarbeiten, anders möchte ich es gar nicht haben. Am schwierigsten ist es wohl, eine Linie zu ziehen und den Beruf vom Familienleben abzugrenzen. Es gibt Situationen, da muss ich ‚Nein!’ sagen, wenn er während eines Familienessens über berufliche Dinge sprechen möchte. ‚Das besprechen wir morgen, schick mir eine E-Mail!’, sage ich dann, und er rennt sofort in sein Büro und schreibt mir.“

Amy Gilliam gedenkt mit diesem Film auch ihrem Oscar®-nominierten kanadischen Produktionspartner William Vince, der kurz nach Beendigung der Dreharbeiten in Vancouver seinem Krebsleiden erlag. „Es war wundervoll, mit Bill zu produzieren und in ihm jemanden zu haben, der diesen Traum wahr werden lassen wollte. Jemanden zu finden, der mich unterstützte und an mich glaubte, mit so jemandem zusammenarbeiten und von ihm lernen zu können, das war wunderbar. Ich vermisse ihn sehr.“

Produktion: Heath Ledger - Die Arbeit geht weiter

Am 22. Januar 2008, während eines Zwischenaufenthalts in New York, als die Produktion von London nach Vancouver zog, starb Heath Ledger an einer versehentlichen Überdosis verschreibungspflichtiger Medikamente.

Terry Gilliam war am Boden zerstört und beschloss, die Dreharbeiten sofort einzustellen.

„Ich wusste einfach nicht, wie es sonst funktionieren sollte. Ich war zu mitgenommen, um irgendwelche Pläne zu schmieden. Aber alle um mich herum meinten: ‚Nein, du musst weitermachen, du musst einfach.’ Jeder gab seine Unterstützung und trug mit Ideen dazu bei. Die Lösung mit dem magischen Spiegel war nahe liegend, da wir bereits die meisten Szenen mit Heath auf ‘unserer‚ Seite des Spiegels abgedreht hatten. Doch die große Frage lautete: Kriegen wir eine Person dazu, die Rolle zu übernehmen, oder nicht? Meinem Gefühl nach konnte es nicht nur eine Person sein, die Last wäre zu groß, also wollten wir unterschiedliche Personen besetzen. Tatsächlich habe ich es dann ziemlich schnell umgeschrieben. Wir hatten nur ein paar Tage, um eine überzeugende Lösung zu finden, und glücklicherweise fehlte es nicht an Ideen – an guten wie schlechten.“

„Wir mussten gar nicht so viel umschreiben, sondern es ging eher darum, mit den Szenen, die noch offen waren, zu jonglieren und festzustellen, ob wir sie mit einem Double oder einem Trick auffangen sollten. Heath zu verlieren ließ eine Situation entstehen, die nach cleveren Lösungen verlangte, und die mich dazu brachte, alle möglichen Dinge zu tun, die ursprünglich gar nicht meine Absicht gewesen waren. Wir haben zum Beispiel die Rolle von Martin, dem Trinker, am Beginn des Films so abgeändert, dass er von zwei Darstellern gespielt wird. So wurde klargemacht, dass die Menschen sich auf der anderen Seite des Spiegels verändern können. Dann begann ich einfach, meine Freunde und Menschen anzurufen, die Heath sehr nahe gestanden hatten.“

„So kamen die drei Helden, Johnny Depp, Colin Farrell und Jude Law nach Vancouver, um die verschiedenen Aspekte von Tony darzustellen, die Rolle, die Heath gespielt hatte. Ihre Bereitschaft, zur Rettung des Films und von Heaths letzter Performance beizutragen, war ein Beweis von Großzügigkeit und Zuneigung. Das ist ein schöner und seltener Moment in unserer Branche, und als Ergebnis ihrer Beteiligung wurde der Film noch besonderer: Er ist überraschender und witziger geworden. Alles in allem ist er nun noch magischer.“

„Wir mussten große Anstrengungen unternehmen, um die Probleme zu lösen, die sich aus Heaths frühem Tod ergaben, doch Dank Dr. Parnassus und seinem Imaginarium haben wir einen Zauberspiegel; wenn wir ihn durchqueren, werden die Dinge anders, betonter, außergewöhnlicher und wunderbarer. Also sind wir dieses Wagnis eingegangen. Jedes Mal wenn Tony durch den Spiegel tritt, wird er ein anderer, und wird auch von einem anderen Schauspieler dargestellt. Es war stets herrlich zu beobachten, was Colin, Johnny und Jude zu der Rolle beigetragen haben. Tony ist noch komplexer geworden, und daher werden die Zuschauer noch stärker mitgerissen.“

„Unseren Drehplan mussten wir völlig umwerfen; die Dreharbeiten wurden zu einem Zirkusauftritt, zu Kunststücken, in denen wir jonglieren, uns schnell umziehen und wie Schlangenmenschen verbiegen mussten … Es wurde viel ad hoc gearbeitet, während des Drehs umgeplant um zu versuchen, alles unter Dach und Fach zu bekommen. Zudem litt Bill Vince sehr unter seiner Krebserkrankung. Doch irgendwie hat alles geklappt. Alle waren sehr mutig und positiv eingestellt und gingen mit einer verzweifelten Situation wunderbar um. Plötzlich hatten wir dann die Dreharbeiten abgeschlossen. Ich weiß nicht wie, aber wir waren fertig geworden. Es ist ein anderer Film als der, den wir anfangs drehten. Es ist eigenartig, aber die erzwungenen Lösungen haben uns wahrscheinlich dazu gebracht, einen besseren Film zu erschaffen. Der Druck, den wir ständig verspürten, entstand dadurch, dass wir einen Film machen wollten, der Heaths letzter Performance alle Ehre macht.“

Nachdem beschlossen wurde, den Film fertig zu stellen, war es auch für Amy Gilliam eine anstrengende Aufgabe, nicht den Schwung zu verlieren: „Während Terry in London war und das Drehbuch umschrieb, rannte ich drei Wochen lang in Los Angeles herum. Alle wollten das Projekt vollendet sehen, aus einer Vielzahl von Gründen – für Heath, für Terry, für alle Beteiligten. Die Crew wollte nicht aufgeben, denn sie waren vernarrt in das, was da getan wurde, und stolz darauf, Teil dieses Projekts zu sein. Und auch ich bin sehr, sehr stolz auf diesen Film und auf alle, die daran gearbeitet haben, denn ohne die Begeisterung und den Einsatz jedes einzelnen von ihnen hätte der Film nicht entstehen können.“

Auch Produzent Samuel Hadida ist stolz auf die Hingabe aller Mitwirkenden: „Sie wussten, dass dieser Film für alle wichtig ist. Angefangen bei den Schauspielern, die mit an Bord kamen, bis zur hingebungsvollen Arbeit des Stabs und der Produktion – für uns alle war das nicht nur ein Film, jeder wollte diese Vision wahr werden lassen. Es war richtig, den Film fertig zu stellen, denn Terry hat etwas Einzigartiges erschaffen, dass für alle Beteiligten ein wahrer Segen sein wird.“

„Heath schien uns über den gesamten Weg zu begleiten“, sagt Gilliam. „Seine Energie, sein Glanz, seine Ideen … die Tragödie seines Todes und die kreativen Entscheidungen, zu denen wir dadurch gezwungen wurden … Aus diesen Gründen ist dies wirklich ein Film von Heath Ledger und seinen Freunden.“

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