Fakten und Hintergründe zum Film "Das Herz ist ein dunkler Wald"

Kino.de Redaktion |

Das Herz ist ein dunkler Wald Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Interview mit Nicolette Krebitz

Erzählen Sie bitte etwas zu der Idee von DAS HERZ IST EIN DUNKLER WALD.

Mir ist diese Geschichte von einem Vater, der zwei Familien hat, die nichts voneinander wissen, immer wieder begegnet. Was das für die Mütter bedeutet hat, wurde entweder gar nicht erwähnt oder sie wurden als stille Märtyrerinnen, als Wartende beschrieben. Mich hat interessiert, was mit einer Frau passiert, die ihr Leben als Mutter und Ehefrau einem Mann anvertraut, und dann erfahren muss, dass es sie sozusagen doppelt gibt.

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Wie haben Sie sich da reingedacht? Haben Sie schon mal erlebt, dass man sich so in der

Einschätzung von jemandem irrt?

Ich glaube bestimmt, dass man immer irgendwie etwas damit zu tun hat, was einem passiert. Der Film handelt für mich auch davon, was die Frau sich selbst für einen Alptraum gebastelt hat. Oft ist es ja viel schwieriger einzusehen, dass man wohl sich selbst verzeihen muss, weil man selbst es war, der einen die ganze Zeit belogen hatte.

Es gibt einen Ausschnitt aus „Medea“ mit Maria Callas, der in einer Szene im Fernsehen läuft…

Ja, Medea zieht als eine Möglichkeit, als böse Vorahnung, die ganze Zeit am Ärmel meiner Hauptdarstellerin. Blutrache war mir immer schwer verständlich und hat mich gerade deshalb ehrlich interessiert. Ich glaube, wenn man ein Kind zur Welt gebracht hat, fühlt man sich, als hätte man mit Leben und Tod wirklich etwas zu tun. Als hätte man mal „Guten Tag“ gesagt, sich mal vorgestellt… Die rückblickhaften Szenen, in denen Marie und Thomas in einer neutralen Bühnenumgebung streiten und reden, sind ungewöhnlich. Maries „Erinnerungen“ beschreiben Versprechen, die in ihrer Ehe gemacht wurden, Verhandlungen, die geführt wurden. Und wie Erinnerungen so sind, verändern sie ihr Gesicht, wenn sich der Glaube des sich erinnernden verändert. Wenn es darum geht, was wurde denn nun tatsächlich gesagt? Was hast DU mir versprochen? Hat mich nicht interessiert „wir standen in Rom auf diesem Piazza und Du hast gesagt…richtig oder falsch?“ sondern, „Du hast zwar das und das gesagt, aber jetzt, wo ich Dein Geheimnis kenne, erinnere ich mich auch, dass Du dabei auf den Boden geschaut hast.“ Erinnerungen der gesprochenen Worte und an das Gefühl, das ausgelöst wurde, was man aber nicht wahrgenommen oder verdrängt hat, weil man es nicht sehen wollte. Solche Sachen… Die Umstände sind sozusagen nur Kulisse. Die kleinen Zeichen, die Körpersprache waren wichtig. Eine leere Bühne ist dafür der beste Ort.

Zum Charakter der Protagonisten: Denkt Thomas, dass er beiden Beziehungen gerecht wird, indem er sein Doppelleben verschweigt?

Ich denke, er ist sehr beschäftigt mit sich, seiner Karriere, seinem Beruf und wie er gesehen wird. Ich glaube schon, dass er immer vorhatte, etwas zu sagen, aber „es“ mittlerweile zu groß geworden ist. Klar ängstlich, klar feige, aber auch ganz schön fleißig. Wichtig war uns, dass auch er nie darauf gekommen ist, wirklich glücklich sein zu dürfen. Weshalb er für mich trotz allem ein Mensch bleibt, kein Monster.

Und Marie?

Marie ist schön, klug, lustig - egal. Sie war gut in ihrem Job, sie hat ihn aufgegeben. Sie war einsam und wollte eine Familie. Jetzt ist sie eine einsame Frau. Sie hat sich nicht gerade einen Mann ausgesucht, der ihre Ängste „heilen“ kann. Sie ist, wie viele Mütter, sehr darin gefangen einfach alles hinzukriegen. Ihre Bedürfnisse bleiben da schon mal auf der Strecke. Als sie von dem zweiten Leben ihres Mannes erfährt, wird sie langsam von all den verschütteten Gefühlen eingeholt. Sie werden größer als sie selbst. Sie reagiert extrem. So können wir von ihr lernen. Deswegen ist sie eine Heldin.

Und welche Funktionen haben die anderen Figuren, zum Beispiel der Liebhaber? Versucht Marie, sich noch schnell mit ihm zu rächen?

Die Begegnung von Jonathan und Marie ist voll gepumpt mit allen möglichen Motiven Sie hat ein

gebrochenes Herz, sie ist allein, sie lässt die Welt hinter sich ihren Kram machen und Jonathan geht es eigentlich genauso. Schon seit Jahren. Beide brauchen Liebe. Sie versuchen es so und wie Nina das gespielt hat, also der Morgen danach, ich dachte manchmal beim Schneiden, ihr Herz, dass hat sie da auf dem Waldboden abgelegt und einfach nicht mehr zurück gepackt. Die Figuren, die Monica Bleibtreu und Otto Sander spielen, sind eine andere Generation, weshalb es Marie leichter fällt, sie anzuschauen und etwas zu erfahren, was sie auf sich beziehen kann. Monica Bleibtreus Charakter „Mietzi“ hat zum Beispiel keine Kinder bekommen, hat sich nicht abhängig gemacht und Nina als Marie guckt sich das an und denkt: Ja, das wäre eine andere Möglichkeit gewesen… Will ich das?

Können Sie etwas zum Casting sagen?

Ich schaue gerne Zeitungen durch und sammle Bilder, Sätze, Schnipsel. Nina Hoss habe ich in einer Fotostrecke von Terry Richardson gesehen, in der sie gleichzeitig völlig verlottert, ganz zart und verletzlich und dann trotzdem irgendwie überlegen aussah. Ich dachte: das ist sie. Das ist meine Marie. Wer soll es denn sonst sein? „Marie“ geht nackt durch das Ende des Films und darum war es mir sehr wichtig, dass es eine Schauspielerin ist, bei der noch ganz viel „Mensch“ übrig bleibt, selbst wenn sie nackt ist. Nina hat die große Fähigkeit sich echt hinzugeben, wirklich angreifbar und schwach zu sein, und dabei nie – nicht eine Sekunde - ihre Würde zu verlieren. Das kann nur eine richtige Frau. Davon gibt es nicht sehr viele und ich habe großes Glück, dass sie die Rolle spielen wollte. Franziska war die perfekte zweite Frau. Sie ist mir ein völliges Rätsel oder sie kann das eben herstellen. Sie spricht und sieht aus, als kennt sie keine Zeit, keinen Stress, sie bleibt immer diese seltene Ausgabe. Marie ist ja immer in Eile. Anna hat immer Zeit. Und Devid ist der interessanteste Schauspieler, den es im Moment gibt. Ich habe ihn auch zuerst in der Zeitung gesehen. Wir haben uns dann in einer Pizzeria getroffen, und er hat beim Bestellen zur Seite geguckt – er sieht dann plötzlich aus, wie jemand ganz anderes. Ich war fast sprachlos – und hatte auch ein bisschen Angst. Von da an habe ich gehofft, dass er Thomas spielen wird.

Zur Kamera: Jedes Bild in Ihrem Film scheint genau konzipiert…

Die Kamerafrau Bella Halben und ich haben auch schon JEANS zusammen gemacht. Mit ihr kann ich eng und verschworen Bilder besprechen, erfinden und auch lernen, was überhaupt möglich ist. Wir hatten das komplette Buch aufgelöst. Mal gezeichnet, mal fotografiert und manchmal wieder aus irgendwelchen herausgerissenen Schnipseln zusammengeklebt.

Sie haben einen kleinen Sohn. Hätten Sie das Drehbuch und die Geschichte mit ihrem erschreckenden Ende genauso geschrieben, wenn Sie nicht Mutter wären?

Ich habe angefangen, daran zu arbeiten, bevor ich schwanger war… Dieser Film ist kein Tagebuch oder so was. Ich habe Zustände beobachtet. Ich habe versucht zu erzählen, was ich jeden Tag sehe, was normal ist zwischen Mann und Frau in unserer Gesellschaft. Durch die Zwänge der kapitalistischen Welt, die ganze Ackerei, die Isolierung in den Städten, die fehlenden Großeltern, Bezüge, Anleitungen, die Zeitnot, der ganze Wahnsinn, ist es schwer herauszufinden, wie man als Familie glücklich werden kann. Durch das „Kinderkriegen“ werden aber auch noch ganz andere Defizite deutlich. Die Aufgaben innerhalb einer Familie sind ungerecht verteilt. Frauen kümmern sich einfach mehr um die Kinder. Und Frauen arbeiten. Männer scheinen schneller erschöpft zu sein von dieser Doppelbelastung. Frauen versuchen das in der Regel aufzufangen. Weshalb sie natürlich in der schlechteren Position sind und deshalb oft schlechte Laune haben. Männer wissen nicht, damit umzugehen, sie haben ja auch keine wirklichen Vorbilder. Ihre Mütter waren zum größten Teil noch gar nicht berufstätig. Diese Fragen versucht man mit Kitaplätzen und Erziehungsgeld zu beantworten, dabei ist es eine ganz grundsätzliche Sache, die anscheinend noch nicht klar ist: fiftyfifty oder gar nicht!

Oder kurz: Nein.

Interview mit Tom Tykwer

Wie haben Sie von dem Projekt gehört?

Nicolette und ich haben uns über den Film JEANS kennen gelernt, den X Verleih herausgebracht hat und der mich in seiner eigensinnigen Sprache beeindruckte. Wir haben uns auf Anhieb sehr gut verstanden, und ich war neugierig, was sie als nächstes vorhat. Daraufhin hat sie mir von der Grundidee zur Geschichte von DAS HERZ IST EIN DUNKLER WALD erzählt.

Was hat Sie daran fasziniert?

Einen Film über die moderne dysfunktionale Familie und ihre Abgründe zu machen. Über die Alltagswidersprüche einer ebenso aufgeklärten wie abgeklärten Generation. Und natürlich über eine Frau, die sich an all den Spannungen, die ungelöst bleiben, aufreibt.

Wie genau war die Idee/das Drehbuch damals schon fortgeschritten? Und haben Sie bei der Entwicklung mitgearbeitet?

Das Buch hat Nicolette ganz allein geschrieben. Wir haben uns allerdings in unregelmäßigen Abständen getroffen und darüber diskutiert. Ich habe mich dabei immer als ein reaktives Gegenüber verstanden, an dem sie ihre Ideen ausprobieren kann.

Wie haben Sie Nicolette Krebitz als Regisseurin empfunden?

Klar, präzise, einfühlsam – und immer an allem und jedem interessiert. Was mir aber am wichtigsten erscheint: Sie versucht wirklich eine sehr spezifische Sprache im Kino zu finden, einen Ausdruck, der individuell und persönlich ist.

Nach welchen Kriterien wurde gecastet?

Nach Nicolettes Kriterien natürlich. Das Buch ist so eng mit ihrer Phantasie verknüpft, dass wir versucht haben, die Schauspieler zu bekommen, die sie sich vorstellte und wünschte.

Der Schluss ist sehr ungewöhnlich, sogar für eine Tragödie. Gab es je andere Varianten?

Nicht wirklich – wenn ich mich richtig erinnere, wollte Nicolette das eigentlich von Anfang an so haben. Der Schluss des Films ist einer jener scharfen Akzente, in dem ich die Stimme einer neuen eigenwilligen Regisseurin erkenne. Man kann wirklich nicht behaupten, dass ihr Film uns in Ruhe nach Hause gehen lässt. Das gefällt mir sehr.

Interview mit Nina Hoss

Was haben Sie gedacht, als Sie das Drehbuch zum ersten Mal gelesen haben?

Ich war zunächst erstmal sehr beeindruckt, was Nicolette da für ein Buch hingelegt hat! Wenn eine Schauspielerin anfängt Bücher zu schreiben und Filme zu machen, fordert mir das einen unglaublichen Respekt ab. Diese Geschichte war so dicht, sie hat mich zwar erst einmal verwirrt, aber dann haben wir uns getroffen und sehr viel darüber geredet, und Nicolette hat so genau gewusst, was sie will und war trotzdem sehr offen gegenüber dem, was man dazu zu sagen hat, dass ich gedacht hab: Ja! Im Kern hat mich die Geschichte von Anfang an wirklich fasziniert.

Wie haben Sie sich der Figur genähert?

Für mich war es so, dass sich bei der Marie im Laufe des Films sehr viel entwickelt und passiert – zuerst weiß sie auch nicht, wie sie reagieren soll, sie ist unter Schock. Es ist ja nicht nur so, dass es hier nur um eine betrogene Frau geht, sondern auch um diese ganzen Thematiken, wie man zusammenlebt, sich Freiheiten lässt… Marie ist nicht nur das pure Opfer, sondern man macht sich auch darüber Gedanken: Wie hat die sich überhaupt in diese Situation bugsiert? Zum Beispiel bei der zentralen Szene, in der sich Marie und Thomas auf dem Schloss streiten, denkt man manchmal: Irgendwo hat er ja Recht! Denn sie war auch an allem mitbeteiligt, hat alles aufgegeben, aufgehört Geige zu spielen, spielt nur noch die Müde, und das fand ich als Phänomen spannend, das beobachtet man oft, gerade bei Paaren mit Kindern. Die spielen dann die Kinder gegeneinander aus und das sind so Mechanismen, die etwas Generelles haben.

Könnte Ihnen so etwas auch passieren?

Ich glaube ja. In so einem Fall denke ich zwar: Da muss man ja blind sein, um so etwas wie eine zweite Familie nicht zu sehen, aber andererseits: Wenn jemand das sehr geschickt macht, und die Beziehung sowieso schon bröselig ist… und man sich nicht traut gewisse Dinge anzusprechen… wenn eine Beziehung im Kern nicht wirklich stimmt, wenn man vergessen hat, sich auszutauschen, wenn Probleme da sind, in solchen Beziehungen kann das schon passieren – insofern finde ich das nicht abwegig, zumal ich tatsächlich so eine Geschichte kenne…

Wirklich?

Ja, das hat mir vielleicht sogar geholfen. Aber zunächst bin ich nicht an die Figur rangegangen mit dem Gedanken wo sie am Ende landet, sondern ich bin einfach mit ihr mitgegangen! Insofern war das Surreale, was da passiert, beispielsweise wenn der Jesus vom Kreuz steigt, das war überhaupt kein Problem. Wenn man das spielt, dann ist das überhaupt keine Frage, dass so etwas passiert, weil man in einer solch ungewöhnlichen Situation ist.. und sozusagen Traum wandelt. Marie steht quasi vor den Scherben ihres Lebens. Die Szene mit ihrem Vater liebe ich auch sehr, die sagt sehr viel über Marie aus. Dieser Vater nimmt sie ja überhaupt nicht für voll… das ist so menschlich, dass Marie zum Beispiel diese ganze Geschichte mit ihrer Familie, den Kindern, nur aufgebaut hat um ihm eins überzubraten.

Wie haben Sie Maries Familienleben dargestellt?

Mir war wichtig, dass diese ganzen alltäglichen Handlungen realistisch rüberkommen… dass einem auch mal Sachen auf den Keks gehen, dass man nicht nur die ganze Zeit duzi, duzi macht… dass diese Familiensituation möglichst normal erscheint. Dass man zwar liebevoll, aber auch sehr pragmatisch mit den Kindern umgeht. So wie das normale Leben - das war auch Nicolettes Anliegen.

Reagiert Marie typisch weiblich?

Ich weiß es nicht, da bin ich immer vorsichtig, denn sobald Kinder im Spiel sind wird’s komplizierter! Wenn Marie alleine gewesen wäre, dann wäre sie vielleicht einfach hingegangen, hätte Thomas zusammen gebrüllt und gesagt: So, das war`s! Aber mit Kindern – glaub ich, ist diese Fassungslosigkeit so groß! Der Prozess, das zu begreifen, man ist wahrscheinlich auch über sich selbst fassungslos! Darum muss sie auch zu ihm, sie muss ihm in die Augen gucken und fragen: Was ist da los? Sie denkt über sich nach und kommt nicht zu einem Ergebnis. Sie reagiert als sehr verletzte Frau, sie ist keine Frau, die sehr viel Selbstsicherheit hat, das merkt man auch in der Szene mit dem Vater - sie ist jemand, der leicht zu erschüttern ist, der sich Konstrukte im Leben aufgebaut hat, an denen er hängt. Und wenn die dann weggerissen werden, dann kann man nicht einfach die Kinder nehmen und gehen. Ich finde auch diese theaterartigen Flashbacks so unglaublich – während wir die gespielt haben, war ich mir bis zum Schluss nicht sicher, ob das funktionieren kann, und war dann so überrascht, wie das zusammengeht! Die sind fast notwendig, die geben dem Film auch eine unglaubliche Leichtigkeit. Und sind so eine Art Generalkonstrukt für Beziehungen, in einem neutralen Raum – das finde ich eine ganz clevere Idee, weil es ja wirklich nicht wichtig ist, wo die damals waren. Das hat Nicolette klug beobachtet und erträglich gemacht – sie hat eine fantastische Umsetzung gefunden, mit all diesen Mitteln, dem Maskenball, den Flasbacks, diesem Surrealen, der Art und Weise wie es erzählt wird.

Ist es hilfreich wenn eine Regisseurin auch Schauspielerin ist?

Absolut. Ich habe es bis jetzt immer als sehr hilfreich empfunden. Nicolette weiß genau, wie es dir am Set geht. Es gibt so Situationen, die machen einen wahnsinnig, weil man da sehr offen sein muss, und um einen herum wirbelt es! Und da hat Nicolette zum Beispiel immer gesagt: Absolute Ruhe! Also dass einem quasi das Arbeitsumfeld geschenkt wird, das man braucht. Sie war immer konzentriert und für die Darsteller da, und sie wusste genau, was sie will – denn ich will mich nicht selber kontrollieren müssen, es ist sehr hilfreich jemanden zu haben, der betrachtet und entscheidet. Das hat mich von Anfang an beeindruckt. Sie hat eine gewisse Strenge, was ich auch sehr gut finde, und ist darin aber sehr offen und will sich auch überraschen lassen. Mit einer großen Selbstverständlichkeit, Stringenz, Offenheit und Liebe zur Arbeit.

Fielen Ihnen die Nacktszenen so leichter?

Es fällt mir leichter, aber es fällt mir nicht leicht. Ich hab das nur gemacht, weil ich das Bild wunderschön finde von dieser Frau, um die keine Schutzschilder mehr sind, die bis auf die Essenz reduziert ist. Das hat mir gefallen, das fand ich sehr poetisch, zu gut, um es dem Film zu versagen. Ich hab mich dem Bild hingegeben. Und ich musste mich natürlich drauf verlassen, dass Nicolette es so macht, wie sie es erzählt! Ich habe ihr vertraut. Das gesamte Team ist sehr vorsichtig umgegangen.. aber das ist schon eine witzige Situation, wenn man da so ne Straße in Hamburg morgens um 5 nackt herunter läuft oder Bus fährt, aber da liebe ich auch meinen Beruf - was macht man nicht alles!

Warum fängt Marie etwas mit dem windigen Jonathan an?

Weil sie vielleicht mal so war! Das merkt man auch, wenn sie zu dieser Anna geht – früher war die Marie die beliebteste, und die Männer mochten sie sehr, die ist ja keine, die das Leben nicht hätte genießen können. Dass man aber immer noch diese Sehnsüchte hat, sich attraktiv finden will, auch wenn sie sich ständig in Birkenstocks hüllt, das konnte ich gut nachvollziehen. Für mich als Schauspielerin kam es aus dieser haltlosen Situation in der Marie da ist – alles ist möglich! Da könnte ihr wirklich alles passieren. Sie ist ein unglaublich verletzte und einsame Frau.

Und die Zusammenarbeit mit Devid Striesow?

Wir kennen uns ja noch von der Schauspielschule, wir waren in der gleichen Klasse. Es ist witzig, wenn man sich dann wieder trifft; ich kannte ihn nicht aus der Arbeit, sondern nur vom Angucken, und ich war schon immer ein Fan – er ist ein großer Komödiant, aber kann auch tragisch und bösartig sein – er kann alles in einer Rolle vereinen. Er hat etwas sehr Mutiges im Spiel - und so eine Frechheit. Trotzdem kommt nicht nur alles aus dem Bauch heraus, sondern er macht sich auch Gedanken.

Können Sie die Figur des Thomas verstehen?

Wie jemand dazu kommt, das gleiche zweimal haben zu wollen – das ist unheimlich. Aber so ist es, es gibt solche Geschichten… diese Frage hab ich mir darum nicht mehr gestellt. Aber Devid gibt diesen Figuren immer so etwas fein Beobachtetes mit, der überrascht mich jedes Mal!

Also Sie lassen sich beim Spiel gern überraschen?

Das ist unterschiedlich, aber es ist immer schön, wenn man sich überraschen lassen und dann beim Spiel wirklich reagieren kann.

Interview mit Devid Striesow

Wie ist Ihre Beteiligung am Film zustande gekommen?

Es war so, dass Nicolette mir das Drehbuch ziemlich früh angeboten hat, Nina stand da schon fest. Dann haben wir ein Casting gemacht und haben diese surrealen Erinnerungs-Theaterszenen gespielt – und danach sollte ich mitmachen. Das wollte ich aber auch schon, nachdem ich das Drehbuch zum ersten Mal gelesen hab.

Was hat Sie am Buch fasziniert?

Der Plot: Dass jemand ein Doppelleben führt und die Frau auf so eine unspektakuläre Art und Weise dahinter kommt, und dass das dann diese Dimension hat. Dass für die Frau quasi die Welt zusammenbricht.

Was haben Sie denn gedacht, als Sie von den Theaterszenen gelesen haben?

Nachdem wir das Casting gemacht hatten, war mir klar, dass das eine wirklich gute Lösung für die emotionalen Erinnerungen ist! Dass sich das in einem Theaterraum abspielt, und das reicht auch.

Können Sie Thomas’ Verhalten nachvollziehen?

Ja klar. Irgendwie hat doch jeder schon mal eine Art Doppelleben geführt, ist zweigleisig gefahren,

wenn nicht in der Partnerschaft, dann vielleicht beim Umgang mit anderen Menschen. Insofern ist das, was er da im Extremen macht, ja auch eine Art Hilflosigkeit: Gefangen sein in irgendwelchen Reglements, die ihn zwingen, so zu reagieren. Ich möchte es selber natürlich nie in diese Konsequenz treiben müssen.

Wieso hat sich Thomas in seinem zweiten Leben alles genau gleich arrangiert?

Das ist eine rein emotionale Faulheit. Damit kompensieren Menschen Verhaltensstörungen. Emotionale Faulheit ist der Grund für alle komischen, unmenschlichen Verhaltensweisen. Aber interessanter ist ja, wie sie damit umgeht. Mir hat die Erzählweise unglaublich gut gefallen.

Haben Sie die Rolle verändert?

Nur durch meine Präsenz. Nein, Nicolette hat eine sehr genaue Vorstellung davon, was sie will! Das ist wahrscheinlich immer so, wenn jemand auch den Text schreibt. Zumindest war das bei ihr so.

Wie haben Sie sich der Rolle genähert?

Ich spiele es einfach - na ja, einfach war es nicht, weil ich zu der Zeit sehr viel gearbeitet hab, aber wenn ich das jetzt sehe, dann denke ich: Vielleicht war das ja ganz richtig so, ich finde es sehr schön, so wie es geworden ist. Ich finde den Film toll!

Wie war die Zusammenarbeit mit Nina Hoss?

Das war herzlich, wir kannten uns vom Spielen ein bisschen und haben uns darauf gefreut. Wir haben ja auch noch einen anderen Film zusammen gemacht, aber ich finde, wir spielen sehr unterschiedlich, und die Figuren sind sehr verschieden!

Ist es hilfreich, dass Nicolette Schauspielerin ist?

Es gibt Regisseure, die wie Schauspieler denken können, manche können das auch gar nicht. Aber Nicolette kann sehr gut rüberbringen, was sie möchte, weil sie es facettenreich erklären kann, und zur Not spielt sie es eben vor! Das war in diesem Fall wirklich praktisch.

Können Sie die Vorwürfe, die die beiden sich bei der Schlüsselszene – dem Streit am Ende – machen, nachvollziehen?

Klar. Es geht für mich in dem Bogen, in dem die Geschichte erzählt wird, unglaublich gut auf, dass sie am Ende beleidigend wird, ihn „Penis!“ nennt und nur noch abkotzt.

Und dass Thomas in diesem Streit zugibt, die Kinder nicht gewollt zu haben, nach all den Jahren

als Vater?

Ich kann nicht für die Männer sprechen, aber ich kenne Leute, die am Tag der Trennung gesagt haben, dass sie es nie wollten! Frauen werden von Männern wahrscheinlich seltener zum Kinderkriegen überredet als umgekehrt, also ich wollte es. Mein Kind war ein Wunschkind. Zum Teil merkt man jedenfalls auch, dass eine Frau den Film gemacht hat! Was sehr angenehm ist.

Woran merkt man das?

Wie sie die Hauptfigur begleitet, mit sehr viel Liebe und Verständnis, z.B. wie sie mir ihr durch den Wald geht. Es gab ein paar Szenen, wo ich gedacht habe: das ist vielleicht Intuition.

Was hätte denn ein Mann anders gemacht?

Weiß ich nicht. Aber ich hab irgendwie in der Erzählweise eine Weichheit gemerkt, die absolut nur positiv ist.

Vielleicht ist das auch gerade für diesen Film wichtig, weil es eben ein Film über Männer und Frauen ist?

Denke ich auch, weil es die Geschichte einer Frau ist, und wenn sie eine Frau erzählt, dann merkt man es dem Film an. Was ich schön finde. Man kann den Typ objektiv ja auch wirklich als Arsch bezeichnen, weil er macht, was er macht. Letzten Endes hat Marie es aber auch lange ausgehalten. Das ist ja genau der gleiche Mist. Es gibt keine Opfer, es gibt nur Täter!

Und wieso lässt sich Marie am Ende mit Jonathan ein?

Für mich hat sich diese Frage nie gestellt, ich fand das immer plausibel: Was tut man, wenn man verletzt wird? Man greift nach einem Rettungsanker. Ich war schon oft so ein Rettungsanker… dass da so einer auftaucht, finde ich gut, um für Marie zu erkennen, dass es das so nicht ist. Das finde ich einen ganz tollen Widerhaken.

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