Fakten und Hintergründe zum Film "Darjeeling Limited"

Kino.de Redaktion |

Darjeeling Limited Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Über die Geschichte

Die Geschichte basiert auf drei Dingen, die Wes Anderson wirklich interessieren: Züge, Indien und Brüder. In seinen Filmen RUSHMORE (1998), DIE ROYAL TENENBAUMS (2001) und DIE TIEFSEETAUCHER (2004) setzte sich Anderson bereits hintersinnig und witzig mit dem oft verhängnisvollen Auf und Ab der Liebe auseinander, sei es nun im Familienleben, in einer Grundschule, in einem Haushalt von Genies oder an Bord eines Forschungsunterseeboots.

Bei DARJEELING LIMITED lässt er seine Geschichte rund um die Familienzusammenführung dreier entfremdeter Brüder an einem besonders beeindruckenden Schauplatz spielen: In einem Zug, der quer durch die Wüste von Rajasthan fährt und die verstörten Männer auf eine körperliche wie auch emotionale rasante Fahrt durch weite, fremde Welten mitnimmt. „Ich wollte schon immer einen Film drehen, der in einem Zug spielt. Mit gefällt die Idee eines sich bewegenden Schauplatzes. Der Zug bewegt sich voran, wie sich auch die Geschichte voran bewegt. Und einen Film, der auf einem Boot spielt, hatte ich ja bereits gemacht,“ so Anderson.

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Bereits seit Anbeginn der Filmgeschichte haben Züge Filmemacher inspiriert. 1895 erschreckten die Gebrüder Lumiere mit ihrem 50 Sekunden dauernden DIE ANKUNFT EINES ZUGES AUF DEM BAHNHOF IN LA CIOTAT die Zuschauer, die nie zuvor Bilder gesehen hatten, die sich auf sie zu bewegten. 1903 drehte Edwin S. Porter mit THE GREAT TRAIN ROBBERY dann den ersten Spielfilm. Seither haben Züge, angefangen bei der verschwenderischen Raffinesse von MORD IM ORIENT-EXPRESS (1974) bis hin zum Chaos in YEAH! YEAH! YEAH! (1964), verschiedenste Charaktere auf sämtliche Arten von Reisen durch die Filmgeschichte transportiert.

Die Züge, die Anderson gefallen, sind weitaus mehr als simple Lokomotiven, es sind Eisenbahnen, die durch ein Land fahren, das wohl weltweit das am meisten genutzte Schienennetz der Welt hat – das riesige, ständig wachsende Indien mit seiner überwältigenden Mischung aus Farben und Kulturen, Schönheit und Absurditäten, Armut und Spiritualität.

Bevor er das Konzept zum Film entwickelte, war Anderson noch nie in Indien gewesen. Aber er war schon seit langer Zeit in diese Landschaft vernarrt, die er aus seinen Lieblingsfilmen, Jean Renoirs visuellem Meisterwerk DER STROM (1950), eine an den Ufern des Ganges angesiedelte Initiations-Geschichte, oder den mitreißenden, emotionalen Werken des großen indischen Regisseurs Satyajit Ray kannte. Die Idee, seine eigenen, komischen und bittersüßen Film in eine so verrückt andere Welt zu transportieren, faszinierte ihn.

So griffen die einzelnen Elemente des Films ineinander - und Anderson befand sich plötzlich in den Vorbereitungen für eine Abenteuerreise von drei Männern auf dem asiatischen Subkontinent: „Ich beschloss, einen Film in einem Zug in Indien zu drehen – mit drei Brüdern als Protagonisten. Dann bat ich meine Freunde Jason Schwartzman und Roman Coppola mir ein entsprechendes Drehbuch zu schreiben. Und schon kurz darauf reisten wir nach Indien.“

Ehe sie nach Indien fuhren, begannen Anderson, Schwartzman und Coppola mit dem Schreiben in Paris, wo sie alle vorübergehend wohnten. Jason Schwartzman erinnert sich, dass der Schreibprozess beiläufig begann, sich aber ziemlich schnell zu einer wahren Odyssee auswuchs: „Ich weiß, es klingt jetzt ziemlich schmalzig und malerisch, aber wir begannen große Teile des Drehbuchs spät abends in kleinen französischen Cafes zu schreiben. An einem bestimmten Punkt sagte Wes dann: ’Wisst ihr, vielleicht wäre es gut, wenn wir nach Indien fahren würden’. Und so reisten wir alle im März 2006 nach Indien und begannen an den Dingen, über die wir schrieben, tatsächlich teilzuhaben.“

Laut Coppola beruht ein großer Teil der Ideen für die Figuren des Films auf Andersons, Schwartzmans und Coppolas eigenen Beziehungen und Reise-Erfahrungen. „Wir gelangten an einen Punkt, an dem wir all unsere persönlichen Erfahrungen miteinander teilten und einige dieser Ideen in die Story aufnahmen,“ so Coppola.

So entstanden die Charaktere der drei Whitman-Brüder, die sich ein Jahr nach der Beerdigung ihres Vaters in Indien treffen, obwohl sie scheinbar nie wieder miteinander sprechen wollen. Die Idee, die ungleichen Geschwister zu einem Treffen einzuladen, stammt von Francis, dem ältesten der drei Brüder, der nach einem beinahe tödlichen Motorradunfall in eine Mumien-ähnliche Gesichtsmaske aus Pflastern, Verbandszeug und Kopfschutz gewickelt ist. Da sein erster Gedanke nach dem Unfall seinen Brüdern galt, plant Francis diese bis ins letzte Detail ausgeklügelte Reise. Ziel ist es, den Brüdern in diesem ehrwürdigen Land der Erleuchtung eine spirituelle Erfahrung näher zu bringen – oder zumindest die Brüder wieder ein wenig näher zusammen zu führen.

Unterdessen ist Peter, der mittlere der Brüder, in Indien eingetroffen. Als werdender Vater liegen bei ihm die Nerven blank, zumal er sich von der Mutter des Kindes eigentlich scheiden lassen wollte. Und dann ist da noch Jack, das Nesthäkchen der Familie. Der Autor, dessen fiktionale Romane alle auf tatsächlichen Geschehnissen rund um ihn herum basieren, kann selbst in Indien seine Exfreundin, die er in Paris zurückgelassen hat, nicht vergessen. Immer noch hört er heimlich deren Anrufbeantworter, für den er den Code besitzt, ab.

Anderson, Schwartzman und Coppola nahmen diese Figuren mit auf ihre Reise nach Indien und dadurch veränderte sich alles – die elegische Stimmung, die geschäftige Energie und die exotisch duftende Atmosphäre des Landes mischten sich mit den heiteren und rührenden Geschichten der drei Brüder. „Es ist ein wirklich einmaliger Ort.” so Anderson über Indien. „Es ist ein Land, in dem viele Dinge des Alltags ganz anders ablaufen und das schlägt sich auch im Drehbuch nieder. Auch wenn 90 Prozent der Story davon handeln, wie Francis, Peter und Jack versuchen, ihre Meinungsverschiedenheiten zu klären, fanden wir es sehr wichtig, dass diese Auseinandersetzungen in einem Zug stattfinden, der tatsächlich auf Schienen durch dieses altertümliche Land fährt.”

Während die drei Autoren Indien selbst zum ersten Mal bereisten, bauten sie immer mehr komische Missgeschicke in die Story ein, angefangen beim überfüllten Zug, den man schon aus DIE MARX BROTHERS IN DER OPER (1935) kennt, bis hin zum Aufeinanderprall der Kulturen, wenn Touristen auf die spirituellen Traditionen des Landes treffen.

„In Indien hatten wir viele tolle Einfälle. Es war kaum zu glauben – ich meine damit einfach die wundervollen Momente, die es wert waren, auf die eine oder andere Art festgehalten zu werden,” so Schwartzman. „Der Zug und Indien selbst wurden zu Hauptfiguren unseres Films. Dieses Wechselspiel ist sehr interessant, denn zuerst steht Indien ziemlich verschwommen im Hintergrund, weil die drei Jungs selbst in einem fremden Land in ihrer ganz eigenen Welt gefangen sind. Dann jedoch werden sie gezwungen, sich mit Indien auseinander zu setzen. So kommen sie einander näher und finden was sie eigentlich die ganze Zeit suchen.“

Coppola fügt hinzu: „Wir hoffen alle, dass diese lebhafte und chaotische Stimmung, die wir und natürlich auch unsere Whitman-Brüder in Indien gefunden haben, durch diesen Film vermittelt wird.”

Als Produzentin Lydia Dean Pilcher, zu deren Arbeiten unter anderem das umjubelte Indien-Drama THE NAMESAKE – ZWEI WELTEN, EINE REISE (2006) von Regisseurin Mira Nair zählen, das fertige Drehbuch in Händen hielt, war sie angenehm überrascht. „Ich hatte bereits gehört, dass Wes einen Film über eine Zugreise durch Indien realisieren wollte, aber ich dachte es wäre eine Dokumentation,” erinnert sie sich. „Ich war sehr neugierig und als ich dann das Drehbuch las, fand ich heraus, dass es sich um eine wunderbare Geschichte von drei Brüdern handelte, die nach dem Tod ihres Vaters getrennte Wege gingen, ihre Streitigkeiten nie klärten und sich nun plötzlich in Indien wieder finden.“

Pilcher verliebte sich sofort in die Geschichte, aber als sie erfuhr, wie Wes Anderson das Projekt umsetzen wollte, übertraf dies ihre kühnsten Erwartungen: „Wes sagte mir, dass er den Film auf eine ganz andere Art drehen wollte, als all seine Filme zuvor. Er wollte den traditionellen Pfad, wie man normalerweise Filme realisiert, verlassen und fernab von allen Konventionen drehen. Er wollte, dass die Schauspieler ihr Make-up selbst in die Hand nehmen, sich in der Früh selbst die Kostüme anziehen und so eine Welt erzeugen, in der die Figuren so handeln, als wären sie reale Menschen, die wirklich auf diese Reise gehen. Die Idee war großartig.“

Diese packende Idee wurde später zum Dreh- und Angelpunkt des markanten Ost-West-Stils des Films. „Als wir mit dem Dreh begannen, merkten wir, dass dieser Prozess Teil der Geschichte war und dass diese Art zu arbeiten und die Tatsache, dass in der fremden Umgebung niemand wusste, was als nächstes passieren würde, ein Teil von Wes kreativer Vision des Films waren,” so Pilcher. „Das hat die Machart des Films sehr bestimmt.”

Und tatsächlich kreierte Anderson eine Art Yin und Yang. Während auf der einen Seite alles minutiös choreographiert und exakt geplant war, war Wes auf der anderen Seite für alles offen. Er ließ sich vom spontanen Chaos, der Komik und Schönheit, die Indien zu bieten hat, inspirieren. So bekam die Story ihre charakteristische Kraft, die den Zuschauer berührt und einen bleibenden Eindruck von den inneren Erlebnissen der Figuren hinterlässt.

Coppola bringt es auf den Punkt: „Die Idee und das Herz des Films beruhen eigentlich darauf, dass wir diese Charaktere in einen Zug setzten, schnell mitten ins Chaos fuhren, unterwegs möglichen Schlägen auswichen und immer das Unerwartete geschehen ließen.“

Drei Brüder in einem Zug…

Die Reise an Bord des DARJEELING LIMITED beginnt, als Francis Whitman nach einem Unfall, der ihn fast das Leben kostete, seine beiden jüngeren Brüder nach Indien auf einen Zusammenführungs-Trip einlädt. Fast ein Jahr lang hat er mit keinem der Beiden ein Wort mehr gewechselt und will nun auf dieser Reise die so dringend benötigte spirituelle Erleuchtung in die Familienbeziehungen bringen.

Um die Rollen der drei Brüder zu besetzen, entschied sich Wes Anderson für drei erfahrene Schauspieler, die eine einzigartige Affinität zueinander aufweisen, aber gleichzeitig in ihrem Charakter komplett unterschiedlich sind. In den Rollen der Whitmans spielt der coole und ironische Owen Wilson neben der berührenden Intensität Adrien Brodys und der skurrilen und gleichzeitig melancholischen Komik von Jason Schwartzman. Zusammen ergibt dies ein sehr echtes Gefühl von Familie.

In seiner Rolle als Familienoberhaupt und ältester Bruder zeigt sich Owen Wilson in einer Rolle, in der er noch nie zuvor auf der Leinwand zu sehen war: leidend, verwundbar, mit einem verbundenen Gesicht, das von den Stichen und Narben seines Motorradunfalls entstellt ist. Dazu hinkt er, stützt sich auf eine Krücke und ist tief deprimiert. Keine optimalen Voraussetzungen für die penibel durchgeplante (Selbstfindungs-)Suche.

Francis äußeres Erscheinungsbild, das für dessen Charakter eine sehr wichtige Rolle spielt, entwickelte Wes Anderson nach einem Erlebnis, das er nur schwer wieder vergessen konnte: „Im und vor dem Petersdom in Rom sah ich einen Mann in einer Motorradjacke, dessen Gesichts komplett verbunden war. An der Seite seines Kopfes waren dicke Kompressen und seine Augen waren tiefschwarz - er wandelte wie in Trance umher, während ihm die Tränen in den Augen standen. Man fühlte sich, als ob dieser Mann wirklich Schweres durchmachen musste und man konnte einfach die Augen nicht von ihm lassen. Durch ihn kam ich auf die Idee für Owens Charakter.“

Andersons und Wilsons Zusammenarbeit begann bereits am Anfang ihrer beiden Karrieren, als sie zusammen das Drehbuch zu Andersons Regiedebüt schrieben, dem Independent-Hit DURCHGEKNALLT (1995), durch den auch Wilsons Schauspielkarriere ins Rollen kam. Auch für die Drehbuchentwicklung zu RUSHMORE (1998) taten sich die beiden wieder zusammen. Für ihre Arbeit am Drehbuch zu DIE ROYAL TENENBAUMS (2001), in dem Wilson auch vor der Kamera zu sehen war, erhielt das Duo eine Oscar®-Nominierung. Erst vor kurzem arbeiteten die beiden gemeinsam an DIE TIEFSEETAUCHER (2004).

Als Anderson Owen Wilson das Drehbuch zu DARJEELING LIMITED schickte, konnte sich dieser sofort mit der Geschichte identifizieren. „Ich stamme selbst aus einer Familie mit drei Jungs und das Drehbuch spiegelt genau die Dynamik wider, wie sich Brüder untereinander verhalten. Es war sehr lustig und traurig zugleich,“ so Wilson.

Owen Wilson mochte sofort Francis überwältigendes Verantwortungsgefühl: „Francis ist derjenige, der versucht die Familie zusammenzuhalten. Sein Vater ist tot, seine Mutter hat innerlich mit allem abgeschlossen. Francis ist wortwörtlich am Boden zerstört, Jack kommt gerade aus einer schrecklichen Beziehung und Peter hat Probleme mit seiner Frau – in Francis Augen sind das alles echte Notfälle und so fühlt er sich dafür verantwortlich, die Familie wieder auf den rechten Pfad zu führen. Er vereint die Brüder auf diesem großen Abenteuertrip durch Indien und hat die lustige Idee, dass sie alle zusammen auch gleich auf eine spirituelle Reise gehen sollen – egal ob sie nun mögen, oder nicht.“

Natürlich verläuft die Reise ganz und gar nicht nach dem Plan, den Francis und sein Assistent so penibel ausgearbeitet haben. „Die Geschichte erinnert mich an einen von diesen typischen Familienausflügen, die im totalen Desaster enden,“ so Wilson. „Sogar wenn wir eigentlich auf spiritueller Selbstfindung sein sollten, können wir einfach nicht über diese ständigen Zankereien hinwegsehen, die uns ja erst soweit gebracht haben, dass wir uns so lange Zeit aus dem Weg gegangen sind.” Das bringt Francis dazu, etwas zu tun, war er alleine nie probiert hätte – endlich auch loslassen zu können. Wilson weiter: „Francis ist jemand, der denkt, dass man einfach alles geben muss, wenn man sich auf eine spirituelle Erkundung begibt. Das ist natürlich sehr komisch, denn mit dieser methodisch durchdachten Bestimmtheit kann man nicht gleichzeitig spirituell in sich gehen. Aber trotz Francis Verbissenheit machen doch alle drei eine ganz eigene spirituelle Erfahrung.“

Wilson merkt an, dass besonders die Tatsache, dass sich die Schauspieler tatsächlich in einem Zug in Indien befanden, viel dazu beigetragen hat, sich wie eine echte Familie zu fühlen. „In einem Land und in einer Kultur zu drehen, die sich so anders und fremd anfühlt, berührte uns und half, dass wir in denselben Gemütszustand verfielen. Im Zug konnte man sich nicht einfach kurz in seinen eigenen Wohnwagen zurückziehen oder abends nach Hause gehen und fernsehen. Wir lernten uns dadurch alle sehr gut kennen. Menschen verbünden sich auf Filmsets immer, aber auf diesem Set passierte etwas ganz besonderes und wir verbündeten uns sehr stark. Da wir uns in Indien aufhielten, waren wir alle praktisch gezwungen, uns wie eine echte Familie zu fühlen,“ so Wilson.

Francis großer Rivale ist Peter, der mittlere der Whitman-Brüder, der auf den ersten Blick am emotional stabilsten wirkt. Schließlich hat er eine Ehefrau und sein erstes Kind ist bereits auf dem Weg. Aber auch er befindet sich an einem Scheideweg – und möchte darüber nicht sprechen. Für die Rolle des Peter, eine Figur die gleichzeitig Verschwiegenheit und Temperament auszeichnet, entschied sich Anderson für Adrien Brody. Der wandlungsfähige Mime bewies sein Talent bereits mit seiner eindrucksvollen und Oscar®-prämierten Performance in Roman Polanskis DER PIANIST (2002), in dem er versucht im von den Nazis besetzen Polen zu überleben. Der bekannte Kinostar war jüngst unter anderem als Drehbuchautor Jack Driscoll in Peter Jacksons Neuverfilmung von KING KONG (2005) zu sehen.

Als einziger des Trios, der zuvor noch nie mit Anderson gearbeitet hatte, ließ sich Brody bei dem Angebot nicht zweimal bitten: „Als ich den Anruf erhielt, dass Wes mich treffen wollte, war ich sehr aufgeregt, denn ich war schon immer ein riesiger Fan seiner Filme. Was ich an Wes so mag, ist, dass er den Typ junger Mann darstellt, dessen Blickwinkel wirklich die unserer Generation sind,“ präzisiert Brody. Nachdem er das Drehbuch gelesen hatte, war er noch begeisterter von dem Projekt. „Ich glaube, die Schönheit der Story liegt darin, dass man diese drei Jungs hat, die wirklich schmerzhafte Ereignisse durchleben, die aber sehr komisch erzählt werden. Die Story bietet wunderschöne, einfache Möglichkeiten an, Probleme zu lösen, sie gibt Lösungsvorschläge für Dinge, mit denen wir im Alltag konfrontiert werden,“ so Brody weiter.

Die Figur des Peter, der in Indien auftaucht und stolz das Erbe seines Vaters zur Schau stellt, sich aber bisher noch nicht mit seiner Trauer auseinandergesetzt hat, gefiel Brody besonders. „Ich wusste, dass es als Schauspieler riesigen Spaß machen würde, eine Figur mit solchen verqueren Ansichten zu spielen,” so Brody. „Peter ist ein Mann, der nach Antworten sucht. Ich glaube, wir suchen alle ständig nach Antworten und manche davon tauchen auf, während manche Fragen nie beantwortet werden können. Genau das geschieht auch im Film. Als mittleres Kind kämpft Peter um seine Unabhängigkeit. Gleichzeitig befindet er sich an einem Punkt seines Lebens, den er gerne komplett aussparen würde. Er verweigert sich – und deshalb kommt ihm der Trip nach Indien ganz gelegen. Er realisiert allerdings nicht, dass diese Reise ihn dazu zwingen wird, sich mit seinen Problemen und auch mit seinen Brüdern auseinanderzusetzen.“

Am Set, so Brody, sei das Gefühl eine Familie zu sein, wirklich fühlbar gewesen: „Wenn Leute zueinander komplett ehrlich und gelassen sind, dann entsteht zwischen ihnen diese ganz besondere Chemie. Man bekommt ein natürliches Gefühl für Kameradschaft und Freundschaft – und genau das passierte bei diesem Film. Es war für uns alle sehr aufregend und Wes wurde zu einer Art viertem Bruder für uns. Auf unfassbare Weise sind wir uns alle ähnlich – wirklich seltsam.“

Brody, der selbst gerne in die seelischen Tiefen seiner Rollen eintaucht, lobte die neuartige Herangehensweise beim Dreh von Wes Anderson. „Alles, was man im Film sieht, passiert tatsächlich so. Wenn wir gerade in einem Fluss in Indien vor Kälte zittern, dann frieren wir tatsächlich in Indien und nicht in Colorado oder wo auch immer. Ich glaube, dass hilft sehr dabei, sich in die Charaktere hineinversetzen zu können, denn man taucht ganz in die Welt dieser Figuren ein.“

Laut Brody sind es genau diese fremde indische Umgebung und das Zusammensein mit seinen Brüdern, die einen besänftigenden Effekt auf Peter haben. „Peter kommt in Indien mit soviel Leben in Kontakt, dass es ihn wachrüttelt. Das Leben hier ist sehr unsicher und gefährlich. Überall sieht man Menschen am Rande des Todes. Und dann ist da noch diese außergewöhnliche Schönheit, die zu allem im Kontrast steht. Ich glaube Peters Art alles zu verleugnen, hat ihn davon abgehalten, alle diese Aspekte des Lebens zu erfahren. Das ändert sich, als er in Indien ankommt.“

In einer der wohl rührendsten Szenen des Films erlebt Peter hautnah die erschütternd realistische Aussicht auf den möglichen nahen Tod und die Unvorsehbarkeiten des Lebens: „Diese Szene zu drehen war sehr bewegend,” so Brody über die Dorfbeerdigung, bei der die Brüder unerwartet zu Ehrengästen werden. „Es ist wirklich ein verheerender Moment für Peter, aber inmitten all dieser Verzweiflung fühlt er plötzlich auch eine Wertschätzung für das Leben und er hat den Willen, auf sein Leben aufzupassen.“

Andersons Fähigkeit, die erschütternsten und absurdesten Momente zu einem einzigen Flickenteppich des Lebens zu verarbeiten, ist laut Brody Schlüssel zur Stimmung des Films. „Wes interpretiert das Leben sehr speziell und ungewöhnlich. Deshalb lässt das Timing der Ereignisse den Film witzig erscheinen, auch wenn den Brüdern das alles andere als komisch erscheint. In gewisser Hinsicht sind wir gestandene Männer in einer unterhaltsam schrägen Situation.“

Allerdings war dies für Brody nicht immer unkompliziert: „In der Szene am Fluss lauteten Wes Regieanweisungen eigentlich genau anders, als ich mich normalerweise verhalten würde. Ich wäre präsent, würde meine Emotionen verstecken und sehr nüchtern sein. Aber so wie Wes es wollte, wirkt es fast noch trauriger, denn man sieht wie diese Figur nicht in der Lage ist, mit dem, was passiert, fertig zu werden“, erklärt Brody.

Und dann gibt es schließlich noch den jüngsten, kleinsten und vielleicht auch am besten im Leben stehenden Whitman-Bruder: Jack, seines Zeichens Autor, der seine Familie als Vorlage für seine Romane und Kurzgeschichten missbraucht. Von Anfang an stand fest, dass Ko-Autor Jason Schwartzman der perfekte Darsteller für diese Rolle sein würde.

Schwartzmans und Andersons Zusammenarbeit begann mit einem Film, der ihnen beiden internationales Renommee einbringen sollte: RUSHMORE (1998) mit Schwartzman als Max Fischer, einem rebellierenden Zehntklässler an der Eliteschule Rushmore Academy. Sein Partner war da Bill Murray als Pädagoge, der wie er um die Aufmerksamkeit einer verführerischen Lehrerin kämpft. Schwartzman stand daraufhin in Filmen wie Roman Coppolas CQ (2001), SLACKERS (2001), I _ HUCKABEES (2004) sowie SHOPGIRL (2004) vor der Kamera und war jüngst in der Rolle König Louis XVI. in MARIE ANTOINETTE (2006) zu sehen. Die Aussicht, wieder mit dem Regisseur zusammenarbeiten zu können, der ihm seinen Karrierestart ermöglichte und mittlerweile zum engen Freund geworden ist, begeisterte ihn jedoch besonders.

„Für mich wird Wes immer mein Mentor bleiben, jemand, den ich sehr verehre. Es ist wundervoll mit jemandem arbeiten zu können, an den man wirklich glaubt. Mit Wes an meiner Seite freue ich mich über jeden Tag an dem ich versuchen kann, mein Bestes im Job zu geben,“ so Schwartzman. Besonders die Rolle des Jack begeisterte Schwartzman, der viel Zeit mit der Entwicklung des Charakters verbrachte. „Er trägt einen Schnurrbart, keine Schuhe, aber hegt dafür sehr, sehr große Träume für sein Leben. Er ist ein wirklich guter Kerl, aber ich glaube, er muss noch ein wenig erwachsener werden,“ so Schwartzman über Jack.

Da er selbst am Drehbuch mitschrieb, war Schwartzman wohl bewusst, wie subtil die Veränderungen der Charaktere während ihrer spirituellen Reise voranschreiten mussten. Er erklärt: „Ich glaube, dass ist so, wie wenn man mit jemandem zusammen wohnt, der nach und nach abnimmt. Man registriert nicht unmittelbar, dass der andere dünner geworden ist, außer man hat ihn für längere Zeit nicht gesehen. Diese drei Männer sind sich also nicht wirklich im Klaren darüber, was sie die ganze Zeit erfahren, wie sie sich verändern und wie weit sie schon gekommen sind. Das realisieren sie erst gegen Ende des Films.“

Besonders die echte Gemeinschaft und die Freundschaft unter den Schauspielern hat laut Schwartzman dabei geholfen, den Rollen der Brüder auf der Leinwand Leben einzuhauchen: „Für mich war es wichtig, dass die drei Schauspieler, die die Brüder spielten, sich auch im wahren Leben verstanden und füreinander da waren. Ich bin sehr glücklich, dass Owen, Adrian und ich uns so gut verstanden und wir so viel Spaß zusammen hatten. Es hat sich wie eine echte Bruderschaft angefühlt. Außerdem konnten wir ja vom Zug nicht runter! Wir waren in dem Wagon mit all diesen Männern, Frauen und Ziegen und hatten keinen Platz, uns mal zu verstecken. Wir mussten also praktisch gut miteinander auskommen,“ so Schwartzman weiter.

Was die Arbeit mit Anderson betrifft, meint Schwartzman, dass diesmal die Erfahrung eine ganz andere gewesen sei. Besonders weil Anderson als Regisseur in den vergangenen Jahren kreativ gewachsen und das Design des Films so unkonventionell gewesen ist. „Ich glaube, Wes ist mittlerweile einfach fokussierter und hat viel dazu gelernt. Aber was mir bei diesem Film wirklich aufgefallen ist, ist Wes Fähigkeit, die Dinge einfach so zu nehmen, wie sie kommen und sie unvorhersehbar und zufällig geschehen zu lassen. Genau das erhoffte er sich vom Dreh auf einem Zug in Indien – und genau das erlebten wir dann auch,“ so Schwartzman abschließend.

Anjelica Huston and Amara Karan

Eine Mutter wird Nonne und eine Stewardess verteilt appetitliche Süßigkeiten: Neben Owen Wilson, Jason Schwartzman und Adrien Brody stand für DARJEELING LIMITED ein außergewöhnlicher Cast, darunter die Oscar®-Preisträgerin Anjelica Huston, Camilla Rutherford, Irrfan Kahn und erstmals Amara Karan vor der Kamera.

In seiner beeindruckenden Rolle porträtiert Irrfan Kahn einen indischen Dorfbewohner, dessen Leben durch eine Tragödie rund um die drei Brüder eine plötzliche Wende nimmt. Für seine Rolle als Gogols Vater Ashoke in Mira Nair’s THE NAMESAKE – ZWEI WELTEN, EINE REISE (2006), sowie als pakistanischer Polizeihauptmann auf der Suche nach Daniel Pearl in EIN MUTIGER WEG (2007) erntete er großes Lob bei der Fachpresse.

Die wohl interessantesten Rollen sind allerdings den Frauen vorbehalten, die die Reise der Brüder verkomplizieren: Huston in der Rolle der (in vielerlei Hinsicht) unerwarteten und lang verlorenen Mutter der Brüder, die britische Schauspielerin Karan als verführerische Zug-Stewardess Rita sowie Rutherford als Peters schwangere Frau Alice.

Huston, die bereits in den Anderson-Filmen DIE ROYAL TENENBAUMS (2001) sowie DIE TIEFSEETAUCHER (2004) in die Rolle der Matriarchin schlüpfte, erfuhr zuerst durch Gerüchte von DARJEELING LIMITED. „Am Set der TIEFSEETAUCHER hörte man Spekulationen, dass Wes einen Film in Indien drehen wollte und ich war sehr glücklich, dass er sich dazu entschloss, mich einzuplanen. Wes ist ein einzigartiger Künstler und besitzt eine unglaubliche Phantasie, so dass ich mich jedes Mal wieder freue und geehrt fühle, wenn er mich um meine Mitarbeit bittet. Mit seiner Ernsthaftigkeit und seiner Bereitschaft, an die eigenen Grenzen zu gehen, inspiriert er die Leute,“ so Huston.

Besonders die Idee, dass sie in Andersons Film eine Frau darstellen würde, die ihre Familie verlässt, um Nonne zu werden, begeisterte Huston: „Ich liebe Nonnen in Filmen. Ich war schon immer ein großer Fan von Fred Zinnemanns DIE GESCHICHTE EINER NONNE (1959) und dann gab es da noch den Film meines Vaters, DER SEEMANN UND DIE NONNE (1956) mit Robert Mitchum und Deborah Kerr. Als ich ungefähr sechs Jahre alt war, wollte ich sogar Nonne werden, aber das war wirklich nur für sehr, sehr kurze Zeit mein Traumberuf. Trotzdem denke ich, dass Nonnen auf eine bestimmte Art romantische und wundervolle Figuren sind.“

„Patricia Whitman ist allerdings viel mehr, als nur eine gewöhnliche Nonne. „Sie ist eine Art Superhelden-Nonne und ein eher ungewöhnlicher Charakter – jemand, der ein neues Kapitel in seinem Leben begonnen hat und nun im Himalaja Waisenkinder betreut. Diese Rolle zu spielen war ein wenig so etwas wie ein Vertrauensvorschuss ,“ so Huston.

Huston weiter: „Ich glaube, das ist eine komplett neue Rolle für mich. Ich liebe es in unterschiedliche Parts zu schlüpfen, aber für eine wirklich komplett neue und ungewöhnliche Rolle braucht es schon jemanden wie Wes. Ich habe schon viele Mütter gespielt, aber niemals eine solche. Patricia ist sehr emotional, sehr launisch und das stellte eine große Herausforderung dar.“

Während Patricia die Herzen der Bewohner eines armen Bergdorfes im Himalaja gewinnt, war Huston, die nicht gerne fliegt und nie zuvor in Indien gewesen ist, von dem, was sie dort erlebte, erstaunt: „Man sieht dort Dinge, die man sich nicht vorstellen kann. Einige unglaublich schön, andere sehr gewalttätig, grausam und erschütternd. Aber es gibt zwei Dinge, die mich wirklich beeindruckt haben. Zum einen die Tatsache, dass man sich mit seiner Umgebung total im Einklang befinden kann und dann das omnipräsente Gefühl der Vergebung trotz aller Armut. Ich hoffe, dass die Zuschauer sich nach Ansicht dieses Films in Indien verlieben werden. Es ist ein göttliches und prachtvolles Land. Und ich bin um eine bewegende Erfahrung reicher,“ so Huston.

Die Filme, die sie bisher mit Anderson realisiert hat, bescherten Huston jeweils neue Erfahrungen. „Wes Stil war bei jedem Film, den ich mit ihm gemacht hat, anders. Und auch das Drehen selbst differiert stark, wenn man beispielsweise DIE ROYAL TENENBAUMS (2004), der im Winter in Harlem spielt, nun mit DARJEELING LIMITED vergleicht, der im Frühling Rajasthans angesiedelt ist. Diesmal hat Wes ein sehr schnelles Tempo vorgelegt, ganz im Stil von Howard Hawks Komödien,“ erinnert sich Huston.

Über ihre drei Filmsöhne Wilson, Schwartzman und Brody sagt sie: „Die Drei scheinen auf eine seltsame Art wirklich miteinander verwandt zu sein - und es war mir eine wirklich große Freude mit ihnen allen zusammen zu arbeiten.“

Rita besitzt eine ganz und gar andere Beziehung zu den Brüdern, denn die Zugbegleiterin stürzt sich Hals über Kopf in eine Affäre mit Jack. „Rita lebt und arbeitet an Bord des Darjeeling Limited,” erklärt Amara Karan. Die in London als Tochter Sri-Lanka-stämmiger Eltern geborene Schauspielerin, machte ihren Abschluss in Oxford, bevor sie ihre Karriere als Investment Bankerin für eine Zukunft auf Britanniens Theaterbühnen aufgab: „Rita ist ein sehr intelligentes und selbstbeherrschtes Mädchen, die für den Job einer Kellnerin und Routinearbeiterin ein wenig zu klug ist. Ich glaube, sie sieht in den Brüdern einen Weg in ein aufregendes Leben.“

Laut Karan fänden die Brüder Indien exotisch, während Rita die Brüder exotisch finden würde: „Sie ist von ihnen fasziniert. Vor ihr stehen drei junge, lebhafte US-Jungs, die sich ziemlich schlecht benehmen, eitel und in ihren Augen grotesk sind, dafür aber auf der anderen Seite auch vor Leben, Charisma und Energie sprühen. Was Rita wiederum aufregend findet.“

Da sie selbst zuvor nie Indien besucht hatte, war Karan begeistert, dort viele junge Frauen wie Rita zu treffen: „Ich wollte verstehen, wo dieses Mädchen herkam und wer sie war. Anfangs dachte ich, Rita sei nur ein Fantasieprodukt. Aber als ich dann nach Indien kam, mit vielen Leuten sprach und sah, mit welcher Rasanz sich das Land veränderte, begriff ich, wie real meine Figur war. Ich war beeindruckt, wie Wes es schaffte, Indien zu einem solch wichtigen Teil des Films zu machen. Er arbeitete Hand in Hand mit den kulturellen Besonderheiten statt zu versuchen, sie zu eliminieren. Toll.“

Ganz nebenbei ebnete DARJEELING LIMITED Karan, die im Film ihr Debüt vor der Kamera gibt, den Weg in die Filmbranche. „Mit diesem fantastischen Team so eng zusammenzuarbeiten war, wie man sich vorstellen kann, eine großartige Erfahrung für mich. Es war wirklich beeindruckend,“ freut sich Karan.

Design und Dreh in einem fahrenden Zug

Bevor er überhaupt das erste mal nach Indien reiste, stand für Wes Anderson schon fest, dass er DARJEELING LIMITED an Bord eines echten, fahrenden Zuges drehen wollte – eine Idee, die anfänglich logistisch genauso herausfordernd klang, wie sie auch kreativ inspirierend ist. „Normalerweise dreht jeder, dessen Filmhandlung in einem Zug spielt, auf einem nachgebauten Set. Aber für DARJEELING LIMITED stand von vornherein fest, dass das sicher nicht so sein würde, egal wie viele Leute auch versuchten, Wes die Idee auszureden,” so Lydia Dean Pilcher. „Ich hatte seit THE NAMESAKE – ZWEI WELTEN, EINE REISE (2006) ja schon Dreherfahrung in Indien und auch wir drehten damals einen Tag in einem Zug. Daher wusste ich, dass das sicherlich keine leichte Sache werden würde.“

Dennoch blieb Anderson fest entschlossen. Pilcher: „Unter der Schirmherrschaft von Northwestern Railways machten wir uns auf in die indischen Regionen, forderten Sachen von der Eisenbahngesellschaft, die auch für sie echte Herausforderungen darstellten: zehn Wagons und eine Lokomotive für drei Monate, die wir ausweiden und nach unseren eigenen Vorstellungen ausstatten wollten – um dann auch noch deren echte Gleise zu befahren. So etwas hatte es zuvor noch nie gegeben und brachte haufenweise Papierkram mit sich. Zwischendurch erschien das ganze Unternehmen immer wieder einfach unrealisierbar.“

Trotzdem ließ sich das Team nicht unterkriegen. Während sich die Filmemacher mit der indischen Bürokratie herumschlugen, begann Produktionsdesigner Mark Friedberg damit, unter Bezugnahme auf alte indische Züge und klassische Eisenbahnreisen der Filmgeschichte, die Innenausstattung des Zugs auf Papier zu bringen. Friedberg arbeitete bereits bei DIE TIEFSEETAUCHER (2004) mit Anderson zusammen und war unter anderem auch an Julie Taymors Beatles-Musical ACROSS THE UNIVERSE (2007) beteiligt.

Um ein besseres Gespür für den Stoff zu entwickeln und die lange Geschichte der indischen Eisenbahn besser zu verstehen, machten sich Friedberg und Anderson auf eine typische Touristen-Zugreise durch Rajasthan. Im 19. Jahrhundert veränderte die Einführung der Eisenbahn das gesamte Land. Der riesige Subkontinent wurde mit einem ausgedehnten Schienennetz überzogen. Heute (noch) ist das indische Eisenbahnnetz mit beeindruckenden 15 Millionen Fahrgästen pro Tag das wohl am besten genutzte der Welt. Die Züge sind schick, modern und mit Klimaanlage ausgestattet, werden manchmal aber auch noch von klassischen, handgefertigten Dampfloks aus vergangenen Tagen gezogen. Die meisten Züge jedoch befinden sich irgendwo zwischen diesen beiden Modellen.

Nachdem er sich mit dem indischen Eisenbahnsystem vertraut gemacht hatte, wandte sich Friedberg anderen Werken zu, um die Darstellung von Zügen in der Geschichte des Kinos zu studieren: „Letztendlich haben wir die indischen Züge von heute mit den luxuriösen Zuglinien wie etwa dem Orient- Express oder den modernen europäischen Transit-Zügen gekreuzt. Auch der 20th Century Limited hat uns inspiriert,” so der Designer über den aus New York stammenden Express-Personenzug, der später unter Eisenbahnfreaks als „Bester Zug der Welt“ bekannt wurde.

Das Ergebnis war eine Kreuzung aus östlichem und westlichem Design. „Wir mischten die typischen Muster aus Rajasthan und indischer Farbgestaltung mit einer Art modernem Art Deco-Stil, blieben aber der alten, handgemachten indischen Tradition treu,“ so Friedberg.

Um den Zug zum Leben zu erwecken arbeitete Friedberg eng mit Art Director Adam Stockhausen und dem Künstler Mark Pollard zusammen. Sie erschufen die Farbgestaltung und Struktur des Zuges, indem sie traditionelle indische Stoffe sowie Muster zu Grunde legten und ortsansässige Maler engagierten, die das Äußere des Zuges mit Hunderten von handgemalten Elefanten schmückten. Die Teams arbeiteten rund um die Uhr in Tag- und Nachtschichten, um den Zug rechtzeitig fertig zu stellen.

Die Möglichkeit mit ortsansässigen Künstlern und Handwerkern arbeiten zu können, inspirierte Friedberg: „In Indien zu arbeiten ist wie eine Reise in die Vergangenheit. Hier ist alles handgefertigt und zwei gleiche Dinge sehen komplett unterschiedlich aus. Nichts passt in unsere mechanisierte Lebensart. Es ist eine große Ehre, noch zu jener Generation zu gehören, die diese persönlichere und wunderschöne Welt erleben kann und darf. Wenn ich diesen Zug in Amerika hätte bauen lassen, hätte er nie diese Persönlichkeit bekommen.“

Friedberg arbeitete auch eng mit Kameramann Robert Yeoman zusammen, der an Bord des Zuges mit seinen ganz eigenen Herausforderungen zu kämpfen hatte. „Der Dreh auf einem Zug ist immer extrem schwierig. Wo sollen die Lichter aufgestellt werden? Auf dem Dach des Zuges konnten wir nichts montieren und kein Teil der Ausstattung durfte weiter als drei Fuß von den Wagons entfernt sein, da der Zug so eng an Telefonmasten und Bäumen vorbeifährt, dass er diese praktisch berührt. Gott sei Dank merkten Wes und Mark in was für einer Zwickmühle ich mich befand und taten alles in ihrer Macht stehende, um mir zu helfen. Der Zug wurde so Film-freundlich wie möglich gebaut,“ lobt Yeoman.

Yeoman weiter: „Einen großen Teil der Lichtanlage installierten wir direkt im Zug, so dass Wes schneller arbeiten konnte. Wir haben die Decken mit Kinos und Parabeams ausgestattet, so dass wir die ganze Beleuchtung dort befestigen konnten. Außerdem besaßen wir vorgefertigte Farbfilter, die wir ganz leicht in die Fensterrahmen einsetzten konnten, damit man die Umgebung außen besser erkennt. Darüber hinaus baute Mark in den Schlafwagon der Brüder, in dem diese ja sehr viel Zeit verbringen, bewegliche Wände, damit wir die Kamera leichter dahin stellen konnten, wo wir sie brauchten. Und dann befestigten wir auch noch eine Schiene an der Decke des Zugflurs, so dass wir uns leicht ohne einen Rollwagen auf und ab bewegen konnten.“

Laut Yeoman war die Versuchung groß, für die Nachtszenen verschiedene Lichteffekte zu nutzen, um die Bewegung eines Fahrzeuges zu simulieren (poor man’s process), aber Wes Anderson verabscheute diese Idee: „Wes wusste, dass ein fahrender Zug dem Dreh jene gewisse Energie verleiht, die einfach nicht simuliert werden kann. Wir haben diese Regel wirklich nur in äußersten Ausnahmefällen gebrochen.“

Mit Beginn der Dreharbeiten wurde es zunehmend schwieriger an Bord des Zuges zu arbeiten. Anderson musste seine Arbeit nämlich um die bestehenden Zugfahrpläne herum planen und sich mit verspäteten Zügen und Flügen herum ärgern. Pilcher fasst zusammen: „Wes hatte immer einen Ausweichplan, eine Idee für den Fall ’wenn das und das passiert, dann machen wir es eben so’. So hielt er die Energie am Set immer sehr hoch. Er wollte schnell vorankommen und selbst wenn wir gerade auf einen vorbeifahrenden Zug warteten, stiegen wir aus, brachten mit einem großen Stück Holz den Zug zum Schaukeln, damit wir weiterarbeiten konnten. Und auch wenn wir unseren Zug von der Schiene nehmen mussten, damit ein anderer Zug vorbei konnte, packten wir einfach einen unserer Waggons auf einen LKW und fuhren damit in die Wüste zum Drehen. Die Idee dahinter war, dass, wie auch immer die logistische Situation aussah, wir niemals mit der Arbeit aufhören müssten und würden.“

Passagiere auf dem Weg nach Indien …

Wes Anderson, der für seine Vorliebe für Design und erfinderische Sets bekannt ist, wagt sich in DARJEELING LIMITED auf einen visuellen Trip, während er die Indien-Reise der Whitman-Brüder gleichzeitig mit viel Sinn für skurrile Choreographie in Szene setzt. Die Idee dahinter war, Indien so zu nehmen, wie es ist und es Stück für Stück, Moment für Moment in die fast schon klaustrophobe, private Welt der drei Brüder eindringen zu lassen - bis diese beiden Welten in einem kontrollierten Chaos aufeinanderprallen.

„Ich bin daran gewohnt, ein Design, das meiner Fantasie entsprungen ist oder mit anderen Einflüssen kombiniert wurde, in meinen Filmen zu verwenden,” erklärt der Regisseur. „Aber in Indien war das anders. Egal wo man hinsah, es gab stets Überraschungen. Überall war etwas Lustiges oder Seltsames zu sehen und wir wollten das alles festhalten. Die Herausforderung bestand darin, so viele verschiedene Eindrücke wie nur möglich im Film unterzubringen.“

Die Herausforderung begann bereits mit Andersons Arbeitsweise „alles so echt wie nur möglich zu drehen“, erklärt Robert Yeoman, der bereits an Andersons früheren Filmen mitgearbeitet hat und zuletzt für die Lichtsetzung von Noah Baumbachs DER TINTENFISCH UND DER WAL (2004) verantwortlich zeichnete. In Yeomans Augen liefert Indien für diese Vorgabe eine spannenden und herausfordernde Location. „Indien ist ein Land großer Gegensätze – extreme Armut und großer Reichtum, schmutzige Straßen und prachtvolle Tempel. Über all dem schwebt eine Energie, die alles durchdringt und der man sich nicht zu entziehen vermag.“

Dann gab es da auch noch diese Menschenmassen. „Auf den Straßen Indiens zu drehen ist unkontrollierbar und der Anblick einer Kamera zieht immer Leute an,“ so Yeoman. „Wes mag es, jeden seiner Schauspieler sorgfältig im Bild zu platzieren, aber wir mussten uns oft mit Massen an Zuschauern im Hintergrund herumschlagen. Aus dieser Wahllosigkeit zogen wir unsere Vorteile, arbeiteten deshalb sehr schnell und am Tag oft auch ohne Zusatzlicht. Hoffentlich geben all diese Unvorhersehbarkeiten unseren Einstellungen eine besondere Energie.“

Diese Vorgehensweise weitete sich auch auf das Setdesign aus. „Die Idee war immer, Indien einfach Indien sein zu lassen und seltsame Umstände oder Unglücke einfach so zu nehmen, wie sie kommen. Wir wollten, dass der Film sich auch außerhalb des Zuges echt und ungekünstelt anfühlt, selbst wenn die meisten Sets sehr sorgfältig entworfen wurden. Da Wes eine ziemlich analoge Person ist, die niemals Computer-erzeugte Bilder oder etwas in der Art verwenden würde und lieber handgemachte, traditionelle Arbeitsweisen bevorzugt, war Indien für ihn wirklich der perfekte Ort zum arbeiten,“ weiß Friedberg.

Mark Pollard, Grafiker des Films: „Indien nimmt dir deine ganzen ausgearbeiteten Konzepte und konfrontiert dich mit Chaos, Anarchie, Spiritualität, Gebeten und Schönheit. Für uns war es genauso ein großartiger Ort, um das wahre Leben zu erleben, wie er es auch für die Brüder im Film ist.”

Friedberg, der bereits mit Mira Nair in Indien an KAMA SUTRA (1995) gearbeitet hat, fügt hinzu, dass Anderson eine sehr markante Sicht auf Indien hat, die Sicht eines enthusiastischen Außenseiters. Er wirft den heiteren und wundersamen Blick eines Neulings auf diese beeindruckende Kultur. Trotzdem besitzt er einen Sinn für den stechenden Herzschmerz und die Komik, die dort hinter jeder Ecke lauern. „Wes schrieb seine alltäglichen Indien-Erfahrungen ins Drehbuch und nahm sie dann so auf, wie er sie erlebt hatte,“ so Friedberg.

Der Großteil des Films wurde in der mit Palästen übersäten Wüstenregion Rajasthan im Nordwesten des Landes gedreht. Der Darjeeling Limited fuhr dabei von der lebhaften Stadt Jodhpur bis nach Jaisalmer in der Wüste Thar nahe der pakistanischen Grenze. In der Zwischenzeit baute man im fruchtbareren, grüneren Udaipur Patricias ein Waisenhaus in einer ehemaligen Jagdhütte auf, die einst dem Maharadscha von Mewar, einem der Herrscher der Rajput- Ära, gehört hatte.

Die Vorlage für das Kloster lieferte Friedberg ein legendärer Filmklassiker aus dem Jahre 1946, Michael Powells SCHWARZE NARZISSE, der in einem Kloster im Himalaja spielt. „Die Location musste ein Gefühl der Abgeschiedenheit und Dramatik versprühen, und das tat sie auch. Wir wollten auf der Detailebene die Kulturen ineinander fließen lassen. Als Grundlage nahmen wir den sehr traditionellen Palast, aber da das britische Empire das Christentum nach Indien brachte, benutzen wir auch einige dieser Überbleibsel am Set,“ erläutert der Designer.

Eine der bewegensten Szenen des Films spielt in einem ländlichen Dorf in der Wüste Rajasthan nachdem die Whitman-Brüder in den Stromschnellen eines Flusses in Gefahr gekommen sind. Auch hier mischte Anderson wieder das Authentische, das Wahre mit bewusst filmischen Elementen. Die Szenen wurden größtenteils mit den echten Dorfbewohnern in eigener Kleidung und in deren Häusern gedreht. Trotzdem unterschied sich die Herangehensweise stark von der eines Dokumentarfilms. „Wir filmten die Leute so wie sie waren, aber gleichzeitig drehten wir auch so wie ich alles drehe, nämlich mit Arbeitsbühnen, Rollwägen und Leuten, die auf ihren Einsatz warten. Wir luden quasi die echten Menschen in unsere Story ein,“ formuliert der Regisseur.

Andersons Stil, seine eigenen komplexen visuellen Vorstellungen mit gefundenen echten Bildern zu vermischen, zieht sich durch den ganzen Film: „Wir betrachteten große Teile des Filmdesigns, besonders das Kloster und die Szenen außerhalb des Zuges, als Art Collage. Für die Marktszenen habe ich mir etwa einige Verkäufer vor Ort ausgesucht, sie zusammengebracht und so eine Art ’Best Of’ der Marktszenen realisiert,“ so Friedberg.

Produzentin Lydia Dean Pilcher, die bereits zuvor in Indien gearbeitet hat, bemerkt, dass Wes Anderson dem Film eine Perspektive gab, die sie so noch nie gesehen hatte. „Er besitzt diese ganz besondere Art ins Mysteriöse vorzudringen. Anstelle der oft vermittelten lauten, dicht bevölkerten und engen Bilder einer indischen Stadt, legt er seinen Schwerpunkt mehr auf die Gelassenheit und Spiritualität der Kultur sowie die unendliche Weite der Landschaft. Wir begaben uns nicht nur auf eine Reise, um diesen Film zu drehen, wir erlebten nicht nur einen einzigartigen Trip durch Indien, sondern wir bekamen auch die einmalige Chance, in Wes’ visionäre Welt zu schauen,“ so Pilcher.

Auch die dreimalige Oscargewinnerin Milena Canonero arbeitet bereits zum zweiten Mal mit Wes Anderson zusammen. Gerade erst wurde sie für ihre aufwändigen, farbenfrohen Kostüme zu Sofia Coppolas MARIE ANTOINETTE (2006) mit dem Oscar ausgezeichnet. Hier stand Canonero vor einer schlichteren, aber dennoch herausfordernden Aufgabe. Sie musste für die Whitman-Brüder einen markanten, aber dennoch familiären Look kreieren.

Einen großen Teil tragen auch die Koffer der Brüder zum Design bei. Das Gepäck, das sie im wahrsten Sinne des Wortes von ihrem Vater geerbt haben, spielt eine wichtige Rolle in der Geschichte. Um etwas zu erschaffen, das Familienwappen-artig die Whitmans repräsentiert, engagierte Wes Anderson den Designer Marc Jacobs. Der für die Edelmarke Louis Vuitton arbeitende Jacobs entwarf eine spezielle Gepäcklinie für den Film. „Sie machen die besten Koffer, und ich sage das, weil ich gesehen habe, wie sie diese herstellen. Sie brauchen dafür Hunderte von kleinen Nägeln und arbeiten sehr sorgfältig,” so Anderson. „Die kompliziert zu fertigenden Koffer sind von so guter Qualität, dass wir sie durch Wüsten ziehen, in einen Fluss oder auf Züge werfen und sogar auf sie eindreschen konnten. All das macht ihnen nichts aus. Wir hatten nur das eine Set, deshalb wäre es ein riesiges Problem gewesen, wenn die Koffer kaputt gegangen wären.“

Trotz all der Künstler und Handwerker, die an dem Film beteiligt waren, liegt laut Anderson der wahre Schlüssel zum Look des Films in dessen minimalistischem Geist: „Wir hatten wundervolle Designer und Designs, auf die wir zugreifen konnten, aber am Set gab es keine Wohnwagen, keine Maskenbildner (auch wenn unser gewohnter Maskenbildner Frances Hannon speziell an Owens Look gefeilt hat), keine Kostümabteilung oder etwas in der Art. Wir waren einfach alle nur zusammen in Indien, lebten dort und jeder gab sich dieser Erfahrung hin. Und das Beste was am Set hätte passieren können, passierte tatsächlich – die Schauspieler wurden Freunde und es war so, als würden sie diese Story wirklich leben. Das war eine riesige Inspiration für uns alle.“

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