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Fakten und Hintergründe zum Film "Boxhagener Platz"

Kino.de Redaktion |

Boxhagener Platz Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Matti Geschonneck über die Produktion

Der Boxhagener Platz kommt im Film gar nicht vor und vor den Dreharbeiten haben wir darüber diskutiert: Wie zeigt man einen Platz? Den heutigen Platz konnten wir nicht nehmen, der ist saniert und fest in der Hand der Friedrichshain-Szene. Als ich da lebte, das war Anfang der 60er, da war das wirklich ein Platz, wo noch Brauereipferdefuhrwerke den Kneipen die Bierfässer lieferten, ebenso Eisblöcke zur Kühlung. Ich erinnere mich an Scheren- und Messerschleifer. Es gab einen großen Markt und eben den „Feuermelder“. Für mich als Kind hatte der damals keine Bedeutung. Um die Ecke wurde ich eingeschult. Das Amor in der Wühlischstrasse und das Aboli in der Boxhagener Strasse waren meine ersten Kinos, inzwischen längst dicht gemacht.

BOXHAGENER PLATZ will nicht detailgenau die Vergangenheit aufzeigen; der Original_kommentar von Karl-Eduard von Schnitzler zum Republikgeburtstag und der Fanfarenzug bilden da eine Ausnahme. Mir ging es von Anfang an um die seelische Befindlichkeit der Figuren. Wie gelingt es, die Atmosphäre einer vergangenen Zeit zu vermitteln? Doch nur über ihre Figuren. Da bemerke ich schon Melancholie und Schmerz über eine vergangene Zeit, eine versunkene Welt, jedoch mit dem eigenen Humor versehen, den man ja besonders Berlinern nachsagt. Erinnerung birgt die Gefahr der sentimentalen Verklärung. Ich denke, mit so genannter Ostalgie hat unser Film nichts zu tun.

Die Geschichte ist für mich ein Berliner Heimatfilm. Eine Liebeserklärung an die Stadt. Es ist nicht nur ein Film, der in Berlin spielt, sondern ein Film über Berlin, den ich schon lange machen wollte. Da tut es auch nichts, dass Sachsen und Thüringer, wie u. a. der wunderbare Hermann Beyer, dabei waren.

Die Figur des Karl, der von Michael Gwisdek gespielt wird, steht für mich für die ganze Tragödie der DDR. Er zeigt die Zerrissenheit des einst gläubigen Kommunisten auf, der an der Verlogenheit des Systems zerbricht, mit gekonnter Verschmitztheit und aufrichtiger Menschenwärme.

Die Figur der Renate, Holgers Mutter, gespielt von Meret Becker, ist meine heimliche Liebe. Sie besitzt dieses Berliner Flair durch ihren ganz eigenen Charme. Der lässt auch dann nicht nach, wenn sie die Stullen zum Abendbrottisch balanciert. So passend im kongenialen Zusammenspiel mit Jürgen Vogel, dem armseligen Polizisten und hilflosen Ehemann, der zum kleinen Helden avanciert.

Gudrun Ritter liefert eine schauspielerische Meisterleistung ab! Oma Otti geht mit dem Leben und dem Tod äußerst praktisch um, der Friedhof ist für sie ein Stück Heimat. Ihre Herzlichkeit ist herb, sie hält den Laden zusammen. Otti hat einen solch starken Überlebenswillen, der jeder Gesellschaftsordnung trotzt.

Samuel Schneider hat gewiß die komplizierteste Rolle, dieser in sich gekehrte Junge Holger, eben kein Held. Die permanente Spannung zwischen seinen Eltern lässt ihn bei Oma Otti sein zu Hause finden und mit Karl seinen väterlichen Freund. Das macht Samuel eindringlich und konsequent.

BOXHAGENER PLATZ ist ein Ensemblefilm. Die fünf genannten Namen stehen für alle anderen durchweg wunderbaren Schauspieler. Und ich will auf keinen Fall meine engsten Mitarbeiter, den Kameramann Martin Langer und den Szenenbildner Lothar Holler, unerwähnt lassen. Natürlich auch meine Produzenten Jakob Claussen, Nicole Swidler, Uli Putz, die mich von Anfang an tatkräftig und sehr einfühlsam unterstützten. Und für die hervorragende Zusammenarbeit mit Torsten Schulz und seine großartige literarische Vorlage bin ich immer noch sehr dankbar.

Autor Torsten Schulz über die Produktion

Die filmische Anmutung des Romans ist genau genommen eine Täuschung denn sein Hauptwirkungselement ist die ironisch melancholische Betrachtung der Vorgänge durch den inzwischen erwachsenen Erzähler, der sich mit seiner Betrachtung dem zwölfjährigen Jungen nähert, der er einmal war. Voice over für den Film zu verwenden, stand irgendwann nicht mehr zur Debatte. Mit voice over kann man Handlung komprimieren, einen Erzählton schaffen, die Innenwelt von Figuren beleuchten, aber man kann all dies auch anders zuwege bringen: indirekter, per Untertext, durch Konzentration aufs thematisch Wesentliche.

Das Drehbuch hat bestimmt nicht die Reichhaltigkeit des Romans, es ist, wenn man‘s mit einer literarischen Gattung vergleicht, eher novellistisch. Ich liebe dieses Funktionelle, das gute Drehbücher an sich haben. Ich liebe die gestische Rede von Figuren, die ein Fest für Darsteller sein kann. Den knappen, pointierten Dialog, der einer Szene zugrunde liegt und ihr gewissermaßen eine Architektur gibt. Die Adaption des eigenen Romans war für mich eine Reise in bekanntes Material, das noch mal fremd werden musste. Eine Reise mit Umwegen. Mit Erschöpfungen, aber auch ein paar unverhofften Lustmomenten.

Oma Otti: Der Name einer Figur hat, ob man will oder nicht, immer Bedeutung – für die Charakterisierung der Figur, für die Tonalität des Stoffes, für das Genre… Oma Otti ist ein Name, der zu Berlin passt, gewissermaßen auch ein Milieuname, aber nicht auf eine so gewöhnliche Art wie beispielsweise Oma Erna. Oma Berta _– so hatte ich Otti zuerst genannt – wäre zu grob gewesen, Oma Lilly zu fein. Oma Otti hat durch die beiden O’s einen schönen Klang. Der Name assoziiert Schwung, Skurrilität, Herzlichkeit. Und so ist die Figur. Und auf die natürlich naheliegende Frage, ob sich hinter Otti meine eigene Großmutter verbirgt, antworte ich salomonisch und wahrheitsgemäß: Ja und nein. Oder nein und ja.

Der Friedhof ist für die Alten das, was für die Jungen die Disko ist. Das könnte ein Satz von Oma Otti sein, die von Karl gefragt wird, ob sie seine Frau nicht mal mitgießen könne, weil er für drei Wochen nach Bayern rüber müsse. Eine Art von Anmache, die sie ganz und gar nicht unbeeindruckt lässt. Der Friedhof ist für Otti ein Stück Heimat, denn fünf Ehemänner hat sie unter die Erde dieses Friedhofes gebracht, und der sechste liegt schon im Sterben. Dementsprechend hat sie auf dem Friedhof viel zu tun. Arbeit und Erholung in einem, wenn man so will. Was will man mehr?

Meine Kindheit definiert sich auch über Essen und die Bedeutung von bestimmten Gerichten: Gräupchen, Nierchen, Lungenhaschee, Herz oder Bregen (das Gehirn vom Schwein) waren mir ein Graus. Erbsen, Linsen, Wirsingkohl waren häufiges Mittelfeld; Buletten, Schnitzel und Rouladen Highlights. Die Roulade muss man dabei nochunterscheiden: Die Fleischroulade gab’s höchstens sonntags, die Kohlroulade auch in der Woche. Die Kohlroulade war eine tückische Angelegenheit, denn sie hatte einen Faden um sich herum. Verschluckte man den, drohte Darmverschlingung mit tödlicher Konsequenz. So wurde mir als Kind schon bewusst, dass Essen auch sehr gefährlich sein kann.

Der Berliner Dialekt ist auch eine gefährliche Sache. Insofern er schnell ins Folkloristische abrutschen kann, während er es verdient hat, Poesie zu sein. Berliner Dialekt ist gut, wenn er Ausdruck von Haltung ist und in diesem Sinne etwas über die Figuren erzählt, die ihn ausüben. Am besten ist Berliner Dialekt als Ausgeburt von Lakonie und Galgenhumor. Und das ist genau das Gegenteil dieses furchtbaren „Ickedettekiekemal”, das uns Touristenführer und sogenannte Unterhaltungsliteratur als Berliner Dialekt verkaufen wollen.

Produtkion: Die Entstehung

Am Anfang stand die Liebe zu einem Platz und seinen Bewohnern, dem Boxhagener Platz im Osten Berlins, in der ehemaligen DDR. Nachdem ich den gleichnamigen Roman von Torsten Schulz gelesen hatte, war es, als hätte ich allen Bewohnern dort in ihr Wohnzimmer und den Kochtopf geguckt. Ich konnte mir diesen Kosmos bis ins kleinste Detail vorstellen. Liebte den lakonischen Humor, den besonderen Berliner Charme, die große Menschlichkeit, die durch alle Figuren und die Geschichte durchschimmerte. Die Temperatur des Buches, irgendwo zwischen trotziger Melancholie und warmherziger Schnoddrigkeit.

Für mich war immer klar, das ist keine eigentliche Geschichte über die DDR. Sondern über die Lebens- und Überlebensmechanismen ganz normaler Leute. Die versuchen ihre Träume, ihre menschlichen Überzeugungen in einer Welt aufrechtzuerhalten, die ihnen zunehmend unmenschlich erscheint. Die Art, wie sie das machen, imponierte mir. Und ich sah in dieser tapferen Stehaufmännchen-Mentalität etwas, das uns in Ost wie West im Herzen tief verbindet. Alles verpackt in die wunderbar raubeinig erzählte Liebesgeschichte zwischen zwei Alten, der Friedhofsfanatikerin

Oma Otti und dem Ex-Spartakisten Karl Wegner. Überdies ist der Roman eine so herrliche wie zeitlose Hommage an Berlin und die Berliner. Der Film im Kopf war gezündet. Und ich wusste: Niemand anderer als der Autor Torsten Schulz wäre der Richtige, um die spezielle Stimmung auch in ein Drehbuch zu transponieren. Gebhard Henke und Barbara Buhl vom WDR hatten sich – glücklicherweise – ebenfalls sofort in den Roman verliebt und ihr Interesse bezeugt. Eine positive Unterstützung, die man in so einem frühen Stadium gar nicht hoch genug bewerten kann und der sich schließlich bald noch der RBB und Arte anschlossen. Doch richtig Bewegung kam erst in das Projekt, als sich Matti Geschonneck für den Film interessierte.

Es hätte keinen besseren Regisseur für diesen Film geben können: Matti Geschonneck ist selbst Anfang der 60er Jahre am Boxhagener Platz aufgewachsen. Er ist einer der besten Schauspielerregisseure Deutschlands, ideal für diesen Ensemblefilm. Matti hatte sofort ein sehr starkes, klares Gefühl dafür, welche Stimmung er erzählen wollte.

Der größte Glücksfall war für mich als freie Produzentin schließlich die Zusammenarbeit mit Claussen+Wöbke+Putz Film, auf die ich, nach einem Produzentenwechsel weg von einer Bavaria- Tochter, mit der ersten Drehbuchfassung zuging. CWP hatten bereits mit Matti Geschonneck gearbeitet und man schätzte sich gegenseitig sehr. Jakob Claussens Visionen zum Stoff erweiterten den Film zutiefst. Ich kenne wenige Partner, die Kinofilme machen und ihre Künstler so lieben. Und noch dazu so sympathische Menschen und Arbeitspartner sind. Kreativ sowie menschlich schließlich die perfekte Heimat für den Film.

Wir brauchten neun Drehbuchfassungen, bis wir ganz sicher waren – das genau ist der Film. Denn das Tückische war, dass der Roman mit einer Erzählerstimme arbeitete und im Wesentlichen aus der Perspektive des 12-jährigen Holgers erzählte, was wir beides für den Film nicht wollten. Insgesamt war die Entstehungsgeschichte also eher ein Marathon. Doch die Liebe zu dem kleinen Kosmos namens Boxhagener Platz und seinen Figuren hat uns alle bis zum letzten Tag befeuert. Wunderbar, was so ein kleiner Platz im ehemaligen Osten bewirken kann.

Produktion: Das Casting

Wir wollten zusammen mit Matti eine möglichst authentische, überraschende Besetzung finden. Wir suchten kraftvolle Typen, keine glatten Gesichter, denn unser Film ist auch eine Hommage an phantastische Ost-Schauspielgrößen, die man auf der großen Leinwand lange nicht mehr gesehen hatte, aber gerne wieder sehen wollte. Wir konnten uns glücklich schätzen, dass sich Simone Bär, die für diese Aufgabe die prädestinierteste Casterin war, für unseren Film begeisterte.

Für Matti stand für die Besetzung der Oma Otti sofort und ohne Alternative Gudrun Ritter fest. Sie und Michael Gwisdek, waren von Anfang an unsere Wunschbesetzung für das Liebespaar. Dass wir den 12-jährigen Holger mit Samuel Schneider schnell besetzen konnten, war ein echter Glücksfall für uns, den wir dem Kindercaster Achim Gebauer zu verdanken haben. Kombiniert mit den Westlern Jürgen Vogel und Meret Becker als Holgers Mutter und Vater hatten wir bald ein sehr schönes Ensemble zusammen, das wir mit unter anderen Ingeborg Westphal, Hermann Beyer, Horst Krause, Volkmar Kleinert, Matthias Matschke und Milan Peschel bis in die kleinsten Nebenrollen spannend ergänzen konnten.

Produktion: Die Dreharbeiten

Die Herstellung des Boxhagener Platz war finanziell wie logistisch eine echte Herausforderung. Für eine komplett historische Geschichte, die sich 1968 im Osten abspielt und in einer wesentlichen Rolle mit einem jungen Darsteller mit daraus resultierendem Abläufen besetzt ist, war unser Budget alles andere als großzügig bemessen. Gleichzeitig wollten wir so authentisch und glaubwürdig wie möglich die damalige Zeit abbilden, wofür ganz besonders unser Szenenbildner Lothar Holler in Kombination mit Martin Langer, unserem Kameramann, verantwortlich zeichnete. Der Original Boxhagener Platz kam als Drehort nicht mehr in Frage, da er heute komplett saniert ist. So haben wir uns im Drehkonzept schlussendlich weg vom Platz und hin zu einem überschaubaren Kiez, in dem jeder jeden kennt, bewegt. Das bedeutete für die Dreharbeiten ein logistisches „Patchwork“-Konzept, das wir u.a. in Berlin, Halle, Dessau und im Studio Babelsberg realisiert haben.

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