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„Die irre Heldentour des Billy Lynn“ – die Kritik

Der zweifache Oscar-Preisträger Ang Lee verwandelt naive Soldaten in gefeierte Nationalhelden – und parallel dazu die Wahrheit in medialen Problemmüll, der lediglich sicher entsorgt werden muss.

Wie herrlich einfach, wie übersichtlich war das Jahr 2004 – jedenfalls, für Patrioten in den USA: Der Kollaps der Twin Towers schon ein paar Jahre her, ein neuer alter Feind gefunden. Und im dritten Irakkrieg zeigte George W. Bush diesem Schurken, wohin es führt, Massenvernichtungsmittel zu verheimlichen. Oder die größte Streitmacht der Welt herauszufordern.

Aus der Distanz tausender Meilen sah das doch auch alles ganz überzeugend aus, wie die Ordnung der Dinge unter dem Star-Spangled Banner wieder zurechtgerückt wurde. „Mission Accomplished“, wie Mr. President werbewirksam verkündet hatte. Freiheit und Sicherheit der westlichen Welt endlich wieder restauriert.

Damit das auch weiterhin so gut aussieht, werden in Ang Lees neuer Regiearbeit der junge G.I. Billy Lynn und seine Kameraden auf Promo-Tour durch die Vereinigten Staaten geschickt. Helden zum Anfassen. Helden, die noch dazu eine heroische Geschichte zu erzählen haben. Viel besser wird's nicht – jedenfalls aus Sicht der PR-Abteilung der US-Army.

Meet your Heroes

Zwei Wochen Urlaub von der Front. Den hat sich das Trüppchen auch wahrlich verdient. Jeder Zoll Helden, die Kerle – wie ein mehr oder minder zufällig aufgenommenes Video beweist. Ganz besonders der 19-jährige Billy, der ganz allein seinen verwundeten Sergeant (souverän: Vin Diesel) gegen den anstürmenden Feind verteidigte. Dass dieser den Einsatz nicht überlebt hat – egal. Jetzt mal nicht kleinlich werden.

Auch, dass Billy und seine Jungs letztlich nicht die geringste Ahnung haben, was eigentlich um sie herum geschieht, spielt keine Rolle. Nationalhelden sein – und ansonsten gefälligst das Maul halten, lautet der Befehl. In Einkaufszentren, Skater-Parks – und zu guter Letzt im Football-Stadion, als Teil einer gigantischen Supershow. Perfekt organisiert, professionell abgewickelt, medial überlebensgroß präsentiert. So macht man das, wenn‘s ein Publikumsrenner werden soll. Showstars, Football, Kriege – whatever...

Realiät als Partybuster

Dass hier irgendetwas nicht stimmt, dass nichts davon mit ihrem Handwerk des Wahnsinns zu tun hat, in das sie nach der Show zurück müssen – wenigstens das wird ihnen bald klar: „Es ist irgendwie seltsam, für den schlimmsten Tag seines Lebens geehrt zu werden“, stellt Billy Lynn irgendwann verwundert fest. Aber was sollen ein paar Frontschweine wie sie schon tun, wenn es offenbar in der Heimat noch schwerer als im Einsatz ist, den Überblick zu behalten? Befehle befolgen, natürlich. Den freundlichen Helden von nebenan geben. Und damit letzten Endes denen in die Hände spielen, die den Krieg – jeden Krieg – als sprudelnde Quelle von Reichtum und Macht für sich entdeckt haben. Die entsetzliche Wahrheit über den bombastisch zelebrierten Einsatz würde dabei nur die Party verderben...

Ganz nah geht der zweifache Oscar-Preisträger Ang Lee an seine naiv staunenden Helden-Darsteller heran – was vor allem Newcomer Joe Alwyn als Billy nutzt, um seine Schauspielkarriere mit einem echten Tusch zu beginnen. So nah, dass er dazu ein spezielles technisches Verfahren zum Einsatz brachte, das erst seiner Vorstellung eines „immersiven Erlebnisses“ entsprach.

Die Helden bitte nicht stören

Den Amerikanern war es eindeutig zu nah. Dort lief der Film nämlich schon vor einigen Monaten in ausgewählte Kinos – weitgehend vor leeren Sälen. Am glorreichen Heldentum leicht zupfen darf man schon mal. Den Lack so schonungslos herunterkratzen von der Heldenstatue, wie Lee das in „Die irre Heldentour des Billy Lynn“ tat, verzieh im das Publikum nicht.

Offenbar wollte sich schon damals niemand der bitteren Wahrheit stellen, die erst zur Graswurzelbewegung und später zum Wahlsieg von Donald Trump geführt hat: Dass Menschen spüren, wenn sie nur noch verarscht werden. Dass sie es merken, wenn sie lediglich Biomasse im Motor der glänzenden, gelddruckenden Maschinerie schönen Scheins sein sollen. Selbst, wenn sie diese letztlich nicht stoppen können – zumindest wütend werden können sie. Und jetzt, 13 Filmjahre nachdem Billy Lynn seine Geschichte erzählt, wissen wir auch, was sie noch können: wählen.

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