Für Links auf dieser Seite erhält kino.de ggf. eine Provision vom Händler, z.B. für mit oder blauer Unterstreichung gekennzeichnete. Mehr Infos.
  1. Kino.de
  2. Filme
  3. Bierbichler
  4. Fakten und Hintergründe zum Film "Bierbichler"

Fakten und Hintergründe zum Film "Bierbichler"

Kino.de Redaktion |

Bierbichler Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Biografie Josef Bierbichler

Josef Bierbichler, geboren am 26.04.1948 in Ambach am Starnberger See, kommt schon in jungen Jahren mit der Schauspielerei in Berührung. Nach dem Schulabschluss im Internat Kloster Ettal und einer Ausbildung als Hotelfachmann gibt er sein Theaterdebüt bei der Würmseer Sommerfrischlerbühne in Holzhausen am Starnberger See. Im Alter von 23 Jahren wird Bierbichler an der renommierten Otto Falckenberg Schauspielschule in München angenommen und feiert in den nächsten Jahren zahlreiche Erfolge, unter anderem am Münchner Residenztheater. Mitte der siebziger Jahre lernt Bierbichler den Film- und Theatermann Herbert Achternbusch kennen – ein Freigeist und kritischer Querdenker wie er selbst, mit dem ihn in den folgenden Jahren neben der intensiven beruflichen Zusammenarbeit („Bierkampf“, „Heilt Hitler“) auch eine enge, von einer Art Hassliebe geprägte Freundschaft verbindet.

Neben Achternbusch hat Bierbichler im Lauf seiner Filmkarriere mit Regisseuren wie Werner Herzog („Herz aus Glas“), Tom Tykwer („Die tödliche Maria“), Michael Haneke („Code unbekannt“), Hans Steinbichler („Hierankl“, „Winterreise“) und Jan Schütte gearbeitet, in dessen Film „Abschied“ er den alten Bert Brecht verkörpert. In den meisten Rollen fällt Bierbichler durch seine außerordentliche körperliche Präsenz auf – wobei er seinen Figuren häufig eine melancholische Nachdenklichkeit verleiht, die bisweilen in spannendem Kontrast zu seiner massigen physischen Erscheinung steht.

Zwischen seinen Fernseh- und Kinorollen zieht es ihn jedoch immer wieder zurück ans Theater: unter anderem steht er in München, Hamburg, Wien, Berlin, Bochum auf der Bühne. Von der Fachzeitschrift „Theater Heute“ wird er im Lauf seiner Karriere mehrfach zum „Schauspieler des Jahres“ gekürt. Aber nicht nur vor der Kamera und auf der Bühne legt Sepp Bierbichler eine kraftvolle Präsenz an den Tag: Immer wieder meldet er sich zu gesellschaftlichen und politischen Themen zu Wort, so etwa 1999 in einem beißenden Kommentar zum Kosovo-Krieg oder im Jahr 2000, als er Christoph Schlingensief bei seiner umstrittenen Container-Aktion „Liebt Österreich“ unterstützt. 2004 veröffentlicht er das autobiografisch geprägte Buch „Verfluchtes Fleisch“ – stilistisch eine ungewöhnliche Mischung aus Erzählung und Essay, Tagebuch und Prosa, inhaltlich eine Abrechnung mit dem etablierten Kultur- und Theaterbetrieb.

Josef Bierbichler ist Vater von drei Kindern. Neben der Schauspielerei und der Schriftstellerei betätigt er sich auch als Landwirt.

Auszug aus einem Interview mit Josef Bierbichler

(Quelle: Die Zeit, 23.11.06, „Besser als Hitler“)

DIE ZEIT: Herr Bierbichler, Ihre Figuren haben oft ein wütendes Gesicht – wie Menschen, die in eine Falle oder eine Verschwörung geraten sind. Man spürt die Wut der Eingekreisten.

Josef Bierbichler: Das empfinde ich gar nicht so. Aber jetzt, wo Sie es sagen, könnte was Wahres dran sein. Es könnte sein, dass ich selbst mit meiner Tätigkeit in eine Falle geraten bin und nicht herauskomme. Vielleicht sieht man mir das an.

DIE ZEIT: Sie meinen Ihre Arbeit als Schauspieler?

Bierbichler: Ja. Das war eigentlich eine Falle. Sie hat sich angeboten, weil man mir Talent attestiert hatte. Es war dann relativ einfach, in diesem Wasser zu schwimmen. Aber im Lauf der Jahre habe ich festgestellt, dass ich kein sehr leidenschaftlicher Theatermensch bin. Viele in diesem Beruf sehen ihre Arbeit ja beinahe religiös; das spielt bei mir überhaupt keine Rolle. Ich bewege mich von dem Beruf weg. Und wenn Sie jetzt sagen, mein Gesicht komme Ihnen vor wie das eines Menschen, der in die Falle gegangen ist, dann könnte das für meine Situation gültig sein. (…)

DIE ZEIT: Wenn man Ihnen zusieht, hat man den Eindruck: Der könnte sich oder andere auf der Bühne wirklich verletzen. In einem Interview haben Sie gesagt: »Ich möchte noch mal etwas machen, wo ich mich am Schluss selber aufessen kann.«

Bierbichler: Ich wollte mein Buch Verfluchtes Fleisch mit so einer Szene enden lassen. Das musste ich dann umschreiben, weil ein Zeichner exakt das Gleiche als Comicgeschichte gemacht hat: Einer isst sich selbst auf, genussvoll. Das hatte ich mir genauso überlegt. Um den Mann sitzen Ärzte herum, die sein Leben erhalten, sodass er möglichst viele Körperteile essen kann. Der beste Koch bereitet ihn zu. Der Mann liegt da, unterhält sich mit Besuchern, und neben ihm brät seine Hand in der Pfanne. Dann löffelt er’s. Ich dachte: Das wäre die auf den Gipfel getriebene Dekadenz. Da gibt es doch die Geschichte von dem Frosch, der erschrickt, wenn man ihn ins heiße Wasser wirft. Wenn man ihn aber ins kalte Wasser wirft und das Wasser allmählich erhitzt, fühlt er sich bis zum Schluss wohl.

DIE ZEIT: Und der Frosch, das sind wir?

Bierbichler: Der Frosch sind wir. Den Heiner Müller hat dieses Bild unglaublich fasziniert. Das kam in fast jedem seiner Interviews vor – am Schluss, als er eben selbst schon ein Frosch war.

DIE ZEIT: Hemingway schreibt, dass verwundete Hyänen sich mit Appetit die eigenen Gedärme aus dem Leib rissen und äßen…

Bierbichler: Sie bringen sich zu Tode damit? Das ist toll. Das gefällt mir.

DIE ZEIT: Sie haben einmal gesagt, die Aufgabe des Theaters sei es, Skandale zu erzeugen. Aber ist das nicht auch eine Art Selbstverzehr? Ist es nicht so, dass die Gesellschaft auf den Skandal mit demselben gierigen Blick schaut wie Hemingway auf die Hyäne, die sich selbst frisst?

Bierbichler: Das hat Dario Fo schon vor 25 Jahren in einem Stück gesagt: Der Skandal ist die Katharsis der bürgerlichen Gesellschaft.

DIE ZEIT: Ein bisschen wie Pornografie: Ein Stellvertreter verliert an unserer Stelle sein Gesicht.

Bierbichler: Aber das setzt voraus, dass da jemand ist, der dem Darsteller Gesichtsverlust unterstellt. Ohne die Scham, die Ängste und die Prüderie der Zuschauer funktioniert Pornografie nicht. Es gibt ja fast nichts mehr, womit man skandalös sein kann. Wenn etwas scharf gedacht ist, und es löst einen Skandal aus, weil es scharf gedacht ist, weil es etwas aufdeckt, damit hätte ich kein Problem… Aber wenn etwas von vornherein als Skandal konstruiert wird, würde mich das nicht interessieren.

DIE ZEIT: Könnte ein Kunstskandal je so in Erinnerung bleiben wie beispielsweise der Kopfstoß von Zidane im WM-Endspiel?

Bierbichler: Kaum denkbar. Ah, Zidane – das war schon großartig. Ohne eines der Instrumente zu verwenden, mit denen man verletzt oder tötet – weder Hand noch Fuß, sondern Kopf! –, das war schon groß. Und wie der Materazzi umfiel! Es hat ihm ja nichts gemacht.

(…)

DIE ZEIT: Im Frühjahr haben Sie in Berlin Ihr Solostück Holzschlachten uraufgeführt. Da lassen Sie den KZ-Arzt Hans Münch auftreten und von tödlichen Menschenexperimenten erzählen, und dabei sitzen Sie in einem rollbaren Sessel. Am Ende sagen Sie einen Satz von Wolfgang Schäuble: »Es werden auch blonde, blauäugige Menschen Opfer von Gewalttaten.« Das war der Satz, den der Innenminister sagte im Zusammenhang mit dem Überfall auf den Deutschäthiopier Ermyas M. in Potsdam. Sie haben Schäubles Satz als skandalöse Verharmlosung empfunden, aber durch Ihre Darstellung haben Sie den KZ-Arzt und den deutschen Innenminister gleichsam überblendet, zu einer Figur gemacht.

Bierbichler: Ich wollte Münch und Schäuble nicht gleichsetzen; aber dass die Gleichsetzung im Kopf mancher Zuschauer entstehen kann, stimmt schon. Was ich allerdings gleichsetzen wollte, war die ungeheuerliche Verharmlosung, die da stattfand – in den Worten Münchs und in den Worten Schäubles. Dass Schäuble als selbst schwerverletzter Mensch solche furchtbaren Sätze sagt – das zeigt vielleicht, dass er gar kein Politiker sein sollte.

DIE ZEIT: Sie hatten eine Phase, da nahmen Sie von der Bühne herab Stellung zu aktuellen Vorgängen. 1985 fielen Sie im Residenztheater aus Ihrer Rolle, Achternbuschs Gust, und protestierten gegen die südafrikanische Apartheidsregierung, weil die CSU-nahe Hanns-Seidl-Stiftung südafrikanische Politiker nach München eingeladen hatte.

Bierbichler: Da sagte ich den Satz: »Der letzte Terrorist ist mir lieber als der Erste von der CSU.« Als ich dann den Totengräber im Hamlet spielte, habe ich mir überlegt, was mache ich, falls der Strauß kommt. In dem Fall, dachte ich mir, verstecke ich eine Holzpistole im Bühnengrab der Ophelia, und damit gehe ich dann in die vierte Reihe, wo der Strauß sitzen würde. Aber ich habe mir überlegt, der Strauß hat bestimmt einen Leibwächter dabei, und der kann nicht wissen, ob die Pistole echt ist. Da hab ich den Plan fallen lassen. Der Leibwächter muss schießen. Und das hätte ich nicht gewollt. Das ist der Unterschied zwischen Kunst und Macht.

DIE ZEIT: Es hätte Ihre Unsterblichkeit bedeutet: der Schauspieler, der im Theater erschossen wurde.

Bierbichler: Es hätte meine Unsterblichkeit besiegelt, ja, das schon. Mehr als die vom Strauß. (lacht) Das muss man natürlich auch bedenken. Damit wären wir wieder bei Zidane.

DIE ZEIT: Gibt es Glücksmomente auf der Bühne?

Bierbichler: Es gibt ganz selten die Momente, wo das Spiel von selbst geht, wo »es« spielt. Da kann ich mich selbst genießen. Sich selbst genießen – das ist auch eine Form von Sich-selbst-Aufessen.

DIE ZEIT: Warum ziehen Sie sich vom Theater zurück? Ist die Zeit dieses Glücks vorbei?

Bierbichler: Ich bin nicht mehr so scharf aufs Spielen. Die gruppendynamischen Prozesse, die beim Spielen zwangsläufig entstehen, kommen mir immer alberner vor. Ich mag mich auch nicht mehr verstellen. Ich merke, es geht auf die Truhe zu. Damit ist man allein, da passt keine Gruppendynamik.

DIE ZEIT: Auf die Truhe zu?

Bierbichler: Na, auf die Kiste… aufs Sterben. Da kommt einem Gruppendynamik albern vor.

Zu den Kommentaren

News und Stories

  • Fakten und Hintergründe zum Film "Bierbichler"

    Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

    Kino.de Redaktion  
  • 99 Filme halten Hof

    99 Filme halten Hof

    Die 41. internationalen Hofer Filmtage sind gestartet. Ein Blick hinter die Kulissen und auf die interessantesten der 69 Lang- und 30 Kurzfilme.

    Ehemalige BEM-Accounts  

Kommentare