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Fakten und Hintergründe zum Film "Betty Anne Waters"

Fakten und Hintergründe zum Film "Betty Anne Waters"
Poster Betty Anne Waters

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Über den Film

BETTY ANNE WATERS erzählt eine unglaubliche, aber wahre Geschichte. Sie handelt von einer scheinbar gewöhnlichen Frau aus der Arbeiterklasse, die etwas gänzlich Ungewöhnliches auf sich nahm. 18 Jahre lang ließ sie nichts unversucht, um die Unschuld ihres Bruders Kenny zu beweisen, den man wegen eines abscheulichen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt hatte.

Betty Anne holte den Highschool-Abschluss nach, dann das College. Schließlich studierte sie Jura und bestand die Prüfungen in zwei Bundesstaaten. Ihr einziges Ziel dabei war: ihren Bruder, dem sie schon als Kind versprochen hatte, ihn niemals im Stich zu lassen, selbst als Anwältin zu vertreten. In dieser Funktion ließ sie nichts unversucht, folgte jeder noch so kleinen Spur, um Kennys Unschuld zu beweisen, von der sie felsenfest überzeugt war.

Im Frühling 2001 wurde die Geschichte von Betty Anne und Kenny Waters publik. Regisseur Tony Goldwyn wurde von seiner Frau, die einen Beitrag darüber im Fernsehen gesehen hatte, auf das Thema aufmerksam gemacht. Goldwyn, dessen Regiedebüt A WALK ON THE MOON ebenfalls ein Frauenporträt vor historischem Hintergrund war, erkannte auf Anhieb das filmische Potential des Stoffes. Diese Story würde über das klassische Gerichtsdrama weit hinausgehen und stattdessen eine emotionale Detektivgeschichte über familiäre Loyalität und Entschlossenheit erzählen. „Betty Anne hat ihrem Bruder, der genauso gut schuldig hätte sein können, so sehr vertraut, dass sie dafür unglaublich viel aufgegeben hat. Für mich ergaben sich daraus zwei Fragen: Wie entstand diese innige Verbindung zwischen den beiden? Und: Wie kommt es, dass wir so viel Energie aufbringen können für die Menschen, die wir lieben?“

Goldwyn musste sich selbst auf eine neunjährige Reise begeben, um seinen Traum von der Verfilmung des Falles realisieren zu können. Seine Mission begann mit dem Erwerb der Rechte, die sich bereits der New Yorker Produzent Andrew S. Karsch gesichert hatte, der den Film schließlich gemeinsam mit Andrew Sugerman produzierte. Danach machte sich Goldwyn an die Recherche. Er fuhr nach Massachusetts, in die Heimatstadt der Waters’, um herauszufinden, wer Betty Anne und Kenny wirklich waren. Obwohl sie als Kinder oft bei verschiedenen Pflegeltern gelebt hatten, waren die beiden einander stets liebevoll verbunden geblieben. Die wesentlichen Fakten des Falls: 1980 hatte man die Kellnerin Katharina Brow ermordet in ihrem Wohnwagen gefunden, mit mehreren Stichwunden und um 1.800 Dollar beraubt.

Gleich danach hatte man Kenny Waters, der in der Nähe von Brow lebte und einen Ruf als Unruhestifter besaß, vernommen und er hatte unmissverständlich seine Unschuld beteuert. Zwei Jahre später führten jedoch die Aussagen zweier Exfreundinnen, die beide erklärten, er habe ihnen gegenüber die Tat gestanden, zur Verurteilung wegen Mordes und zu lebenslanger Haft. Konkrete Beweise waren im Lauf der Verhandlung allerdings nicht aufgetaucht. Betty glaubte nicht eine Sekunde an die Schuld ihres Bruders.

Ohne die bemerkenswerte Entschlossenheit seiner Schwester wäre Kenneth Waters niemals freigekommen. Aber auch sie erhielt Unterstützung von einer Organisation, die schon viele Menschenleben gerettet hat: das New Yorker Innocence Project, 1992 von den beiden Anwälten Barry Scheck und Peter Neufeld gegründet, um Strafgefangenen zu helfen, deren Unschuld sich womöglich mithilfe eines DNS-Tests nachweisen ließe. Bis heute sind in den Vereinigten Staaten 258 Menschen aufgrund von DNS-Tests nachträglich freigesprochen worden, darunter 17 unschuldig zum Tode Verurteilte. Diese Menschen verbüßten bis zu ihrer Entlassung im Schnitt eine 13-jährige Haftstrafe, rund 70 Prozent von ihnen entstammen gesellschaftlichen Minderheiten. Das Innocence Project weist immer wieder auf die strukturellen Fehler im amerikanischen Rechtssystem hin, die dazu führen, dass Männer und Frauen für Straftaten belangt werden, die sie nicht begangen haben.

Als Betty Anne Waters Beweisstücke entdeckte, die zu einer Freilassung Kennys hätten führen können, wandte sie sich mit einem leidenschaftlichen Appell an Barry Scheck und bat um seine Unterstützung. Das Innocence Project erhält jedes Jahr hunderte solcher Anfragen, aber als Barry Betty Annes Geschichte hörte, wusste er, dass dieser Fall etwas Besonderes war. „Man bekommt nicht jeden Tag einen Anruf von jemandem, der sagt: ‚Ich habe gerade meine Anwaltsprüfung abgelegt und vertrete jetzt meinen Bruder.’ Sie war voller Leidenschaft und Entschlossenheit“, erinnert sich Scheck. „Wir nahmen uns die Gerichts-mitschriften vor und mir war sofort klar, dass wir es mit einem unschuldigen Mann zu tun hatten.“ Scheck traf Kenny gegen Ende der Ermittlungen auch persönlich. „Er war einer der interessanteren und humorvolleren Gefangenen, die ich kennengelernt habe“, sagt er. „Er war sehr intelligent, ein großartiger Geschichtenerzähler, und er hatte eine wirklich besondere Beziehung zu Betty Anne.“

Mit Schecks Hilfe gelang es Betty Anne Waters schließlich im März 2001, die Freilassung ihres Bruders zu erwirken. Der Mordfall Katharina Brow bleibt weiter ungelöst. Die gefundene DNS könnte den Mörder zwar überführen, aber es gibt keine Verdächtigen.

Der Film ist Kenny gewidmet. Er starb, nach nur sechs Monaten in Freiheit, am 19. September 2001 an den Folgen eines Sturzes. Er war 47 Jahre alt. „Egal, ob Kenny noch sechzig Jahre, sechs Monate oder auch nur sechs Tage gelebt hätte, er war schließlich wieder ein freier Mann und starb als freier Mann. Endlich konnte er eine Beziehung zu seiner Tochter aufbauen, die ihn nie kennengelernt hatte“, sagt Betty Anne. „Als er starb, war seine Ehre wiederhergestellt, und die Wahrheit war ans Licht gekommen.“

Produktion: Das Drehbuch

Ein paar Wochen später kehrte Tony Goldwyn gemeinsam mit der Drehbuchautorin Pamela Gray, mit der er bereits bei A WALK ON THE MOON erfolgreich zusammengearbeitet hatte, in das Waters-Haus zurück. Eine Woche lang ließen sie sich von Betty Anne Details aus ihrem Leben und dem ihres Bruders erzählen. Sie berichtete ihnen von dem ungewöhnlichen Versprechen, das sie ihrem Bruder gegeben hatte. „Ich sagte: ‚Du versprichst, dass du am Leben bleibst, und ich werde dafür Jura studieren’“, erinnert sich Betty Anne. „Es dauerte unglaublich lange, und Kenny verzweifelte zusehends. Aber irgendwie glaubte er daran, dass ich einen Weg finden würde. Er hat mir wirklich vertraut. Ich kann immer noch nicht glauben, wie sehr er mir vertraute.“

„Betty Anne ist eine großartige Geschichtenerzählerin“, sagt Gray. „Sie war so voller Leidenschaft und man erkannte sofort, dass sie nur aus Liebe gehandelt hatte. Sie versuchte das Unmögliche, und ganz gleich, wie oft sie Angst vor dem Scheitern hatte, sie machte einfach immer weiter.“

„In gewisser Weise übten wir eine therapeutische Wirkung auf sie aus“, meint Goldwyn. „Wir zeichneten alles auf, und abends im Hotel überlegten Pamela und ich dann, wie wir all diese wahrhaft unglaublichen Geschichten aus mehr als 40 Jahren in einen Film packen sollten.“ Sie entwickelten eine Struktur, die all die Stränge aus dem Leben von Bruder und Schwester zu einer Art persönlicher Detektivgeschichte verwoben. Außerdem studierte Gray bergeweise Gerichtsprotokolle, die sie durchaus fesselnd fand. „Es gab Leute, die logen oder sich in Widersprüche verstrickten, und es war faszinierend, die Ereignisse aus dem Gerichtssaal mit Betty Annes Erzählungen zusammenzufügen“, erinnert sie sich.

Eine der größten Herausforderungen beim Schreiben des Drehbuchs bestand laut Gray darin, dass es schlicht und ergreifend zu viel Material gab und sie sich von vielem nur schweren Herzens trennen konnte. „Die wahre Geschichte besaß eine erstaunliche Menge an Spannung und Drama, mehr als ich mir je hätte vorstellen können“, sagt Gray. „Es gab Überraschungen und viel filmtaugliches Material. Die wichtigste Frage war für mich, was ich streichen konnte und wie sich die Geschichte auf ergreifende Weise vorantreiben ließ.“

Während der Arbeit empfand die Autorin ein großes Gefühl der Verantwortung gegenüber den Waters-Geschwistern. „Ich wollte Betty Annes Leistung aufrichtig würdigen, genau wie ihren Bruder, der wegen einer furchtbaren Ungerechtigkeit sein halbes Leben verloren hat.“ Zugleich wollte Gary sich aber in kreativer Hinsicht nicht behindern lassen. Wie bei allen „wahren Geschichten“ musste sie die Balance zwischen Authentizität und Erfindung herstellen. „Es war ein Prozess, bei dem ich die wahren Ereignisse mit den Mitteln der Fiktion in eine erzählerische Form brachte“, erklärt sie. „Drei Themen ziehen sich durch den ganzen Film: Geschwisterliebe, die mutige Frau, die eigentlich keine realistischen Erfolgschancen besitzt, und das Rechtssystem, das manchmal korrupt ist und Menschenleben zerstört.“

Diese Vielschichtigkeit überzeugte Oscar-Preisträgerin Hilary Swank davon, nicht nur die Hauptrolle des Films zu übernehmen, sondern auch als Ausführender Produzent zu fungieren. „Wir alle wollten diese außergewöhnliche Geschichte erzählen“, sagt Swank, „und es hat lange genug gedauert, bis es endlich soweit war. Wahre Geschichten haben immer schon eine starke Faszination auf mich ausgeübt, denn das Leben ist seltsamer als die Fiktion – und diese Geschichte erstaunte, berührte und inspirierte mich. Die starke Verbindung zwischen Bruder und Schwester hatte es mir besonders angetan.“

Die Entwicklung des Drehbuchs verlief alles in allem problemlos, doch bei der weiteren Umsetzung stießen Tony Goldwyn und seine Produzenten auf eine ganze Reihe von Hindernissen. Als sie gerade loslegen wollten, „fiel alles auseinander“, berichtet Goldwyn. „Die Screen Actors Guild drohte mit einem Streik, die Branche machte einen Veränderungsprozess durch, und die Studios stoppten sämtliche Produktionen. Nach langwierigen Verhandlungen gab uns die Schauspielergewerkschaft schließlich grünes Licht, den Film als unabhängige Produktion herzustellen. So konnten wir ihn in einer ziemlich verrückten Phase doch noch machen, und von da an konnte uns nichts mehr stoppen.“

Produktion: Die Besetzung

Beim Casting ging es Goldwyn in erster Linie um die Ausgewogenheit des Ensembles. Gleich drei Oscar-nominierte Schauspielerinnen konnte er seinen beiden Hauptdarstellern an die Seite stellen: Minnie Driver, Juliette Lewis und Melissa Leo.

„Es sind eine Reihe außergewöhnlicher darstellerischer Leistungen, die diesem Film seine Kraft verleihen“, erklärt Produzent Andrew S. Karsch. Und Andrew Sugerman ergänzt: „Unser Cast bestand durchweg aus starken Schauspielern, zugleich war niemand in der Lage, dem anderen die Show zu stehlen, denn jeder von ihnen schafft es, seine Figur ganz real erscheinen zu lassen. Es waren keine Egos oder Attitüden im Spiel. Alle verband das gemeinsame Ziel, diese Geschichte so wahrhaftig wie möglich zu erzählen.“

Es begann natürlich mit der Besetzung von Betty Anne, für die Goldwyn eine Schauspielerin suchte, die eine große innere Kraft darzustellen vermag – eine Fähigkeit, die man nicht nur wegen ihrer Rolle als Boxerin in Clint Eastwoods MILLION DOLLAR BABY oder wegen ihres „Geschlechtertauschs“ in BOYS DON’T CRY mit Hilary Swank assoziiert. Für den Regisseur lag der Schlüssel in den Gemeinsamkeiten zwischen Swank und Betty Anne. „Im Kern sind sie einander sehr ähnlich“, sagt er. „Hilary wuchs in einem Trailerpark auf und kam im Alter von 15 Jahren mit ihrer Mutter nach L.A., um Schauspielerin zu werden. Sie lebten in einem Auto. Sie mag nicht unbedingt dieselben Probleme gehabt haben wie Betty Anne, aber auch Hilary musste viel tun, um ihre Träume zu verwirklichen. Sie ist unermüdlich. Sie arbeitet hart und ist so gut vorbereitet, dass alles mühelos wirkt. Sie ist einfach Betty Anne.“

Als Goldwyn ihr die Rolle anbot, hatte Swank eigentlich gerade beschlossen, vorerst keine realen Figuren mehr zu spielen. Aber nachdem sie sich erst einmal mit dem Stoff befasst hatte, ging ihr Betty Anne nicht mehr aus dem Kopf. Insbesondere das intensive Verhältnis der Geschwister, die gemeinsam durch Dick und Dünn gehen, hatte es ihr angetan. Zunächst war sich Swank nicht sicher, ob sie die wahre Betty Anne überhaupt kennenlernen wollte, aber schließlich entwickelten die beiden ein enges Verhältnis, was Swank dabei half, die Figur plastischer zu gestalten. „Ich machte mir Sorgen, dass ich, wenn ich sie erst einmal kennengelernt hätte, mich verpflichtet fühlen würde, genauso zu sein wie sie. Und diese Art von Realitätstreue halte ich eigentlich nicht für notwendig, um eine Geschichte authentisch zu erzählen. Ich wollte lieber meinen eigenen Weg finden, sie auf glaubwürdige Weise darzustellen“, erklärt Swank. „Als ich sie dann schließlich doch traf, gab mir das einfach nur die Möglichkeit, sie besser zu verstehen.“

Am Ende durfte die echte Betty Anne sogar am Set zuschauen. „Davon habe ich oft gar nichts mitbekommen“, erzählt Swank. „Für sie hatte das, glaube ich, etwas Kathartisches. Es kam mir nie so vor, als würde sie meine Arbeit kritisch begutachten.“ Waters empfand es als surreal, Swank in ihre Rolle schlüpfen zu sehen: „Es war ein seltsames Gefühl. Als würde ich mir selbst zuschauen.“

Swank ging voll in ihrer Rolle auf. „Hilary ist eine Schauspielerin, die sich nie über jemand anderen stellt. Sie benimmt sich nicht wie ein Star, und deshalb kann man ihr wie einer ganz normalen Person begegnen“, sagt Produzent Sugerman. „Ich glaube, das ist eine wichtige Qualität, die sie in ihre Rolle einbringt, denn schließlich war Betty Anne eine ganz durchschnittliche Frau, die eine überlebensgroße Aufgabe zu erfüllen hatte. Hilary stellt das auf eine Art und Weise dar, die das Publikum sehr berühren wird.“

Goldwyn wusste, dass Betty Annes Glaubwürdigkeit außerdem stark von der Darstellung des Kenny Waters abhängen würde – eines Mannes, der sich vom jungen Draufgänger in einen verbitterten Häftling verwandelt, betrogen vom System, im Stich gelassen und verzweifelt um sein Leben kämpfend. Von Anfang an hatte Goldwyn für diesen Part an Sam Rockwell gedacht. Rockwell ist bekannt für seine Fähigkeit, extreme Charaktere darzustellen, so etwa die Hauptfigur in George Clooneys GESTÄNDNISSE – CONFESSIONS OF A DANGEROUS MIND, sowie den verrückten Killer in Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford an der Seite von Brad Pitt oder zuletzt der mehrfach geklonte Astronaut im hochgelobten MOON.

„Wir wussten, dass wir für Kenny jemanden brauchten, der extreme Kontraste in sich vereint“, erinnert sich Goldwyn, „jemanden mit einem großen Herz, in den man sich auf der Stelle verlieben kann, der aber auch etwas Wahnsinniges hat, etwas Gewalttätiges, so dass man ihm einen Mord zutrauen würde. Jemand Launenhaften – wie Sam.“

Karsch schloss sich Goldwyns Meinung an, als er Rockwell als unverstandenen Außenseiter in LAWN DOGS – HEIMLICHE FREUNDE sah, eine Darstellung, die dem Schauspieler viel Kritikerlob eingebracht hatte. „Da bekam ich eine Ahnung von der unglaublichen Bandbreite, die er für die Rolle des Kenny mitbrachte“, erklärt Karsch. „Trotzdem ist dies eine ganz andere Art von Rolle für Sam. Sie hat etwas Poetisches an sich.“

Sugerman ergänzt: „Sam verfügt über alles, was Kenny ausmacht: die Fähigkeit, hart, wild, ein bisschen verrückt, aber auch einfühlsam zu sein. Er ist so unvorhersehbar, dass man ihm einen Mord zutrauen würde, weil man nie weiß, was er als nächstes tun wird. So wie Sam ihn verkörpert, möchte man ihm nicht im falschen Moment begegnen, aber er verfügt auch über echte Wärme und Zärtlichkeit. Am Ende ging seine Leistung weit über das hinaus, was wir uns je vorgestellt hätten.“

Um sich in Kenny hineinversetzen zu können, betrieb Rockwell eine intensive Recherche über das Gefängnisleben. Er sprach mit ehemaligen Häftlingen und las mehrere Gefängnis-Memoiren, darunter „In the Belly of the Beast“ von Jack Abbott. Der wahre Kenny war leider in der Zwischenzeit verstorben, aber Rockwell konnte sich Aufzeichnungen der Gerichtsverhandlung ansehen und ausgiebig mit Betty Anne über Kenny sprechen. „Ich fand Betty Anne großartig“, sagt Rockwell. „Sie ist eine Frau, die aus Liebe zu ihrem Bruder Außergewöhnliches leistet. Ich denke, das ging zurück bis in ihre Kindheit, die so traumatisch war, dass sie sich wie ein Krieg anfühlte, den die beiden durchstehen mussten. Als man sie in verschiedene Pflegefamilien steckte, gaben sie einander das Versprechen, immer füreinander da zu sein, und dadurch entstand dieser starke Zusammenhalt, der sie auch noch als Erwachsene verband.“

Das erstaunliche Ensemble um Swank und Rockwell besteht nicht nur aus Lewis, Driver und Leo, sondern auch aus Peter Gallagher, Ari Graynor und Clea DuVall. „Wir haben viel auf uns genommen, um jede Rolle perfekt zu besetzen. Jeder Charakter, ob gut oder böse, musste sich lebendig, komplex und total authentisch anfühlen“, erklärt Goldwyn.

Minnie Driver wurde für die Rolle der Abra Rice ausgewählt, die während Betty Annes Jurastudium zu ihrer besten Freundin wird, ihr lebenslustiger Gegenpart und der Fels in der Brandung, den Betty ein ums andere Mal braucht, um durchzuhalten. „An Abra gefällt mir“, erklärt Driver, „dass sie und Betty Anne einander so ergeben sind. Wenn man diese Art von Freundschaft in seinem Leben hat, jemanden, der einem so nah steht, als sei er Teil der eigenen Familie, kann man sich glücklich schätzen. Diese beiden Frauen würden füreinander durchs Feuer gehen.“

Melissa Leo, für ihre Rolle in FROZEN RIVER als Beste Nebendarstellerin für den Oscar nominiert wurde, übernahm den Part von Polizistin Nancy Taylor und überraschte Tony Goldwyn mit ihrer Interpretation der Rolle. „Sie liefert eine überaus interessante und überzeugende Darstellung“, schwärmt er.

Juliette Lewis spielt eine der beiden Ex-Freundinnen, die vor Gericht gegen Kenny aussagen. „Sie hat nur zwei Szenen im Film“, erklärt Goldwyn, „aber Juliette stürzte sich voll und ganz auf die Rolle der Roseanna. Sie kümmerte sich leidenschaftlich um jedes Detail und schuf so einen unvergesslichen Charakter, obwohl sie über kaum mehr als zehn Minuten Leinwandzeit verfügt.“

Eine weitere zentrale Figur, Barry Scheck, der Leiter des Innocence Project, das es sich zum Ziel macht, unschuldig Verurteilte frei zu bekommen, wird von Peter Gallagher verkörpert. Kurz zuvor hatte er noch in dem Bühnenstück „The Exonerated“ mitgewirkt, das von sechs Menschen handelt, die zu Unrecht des Mordes für schuldig befunden werden. Bei seinen Recherchen setzte sich Gallagher intensiv mit dem Innocence Project auseinander. „Wenn man von den Methoden erfährt, mit denen falsche Geständnisse erpresst werden, oder von dem Eifer, mit dem einige Polizisten und Staatsanwälte Verurteilungen herbeiführen, anstatt für Gerechtigkeit zu sorgen, dann ist das schon ziemlich schockierend“, berichtet Gallagher. „Kennys Misere ist zutiefst bewegend, er erfuhr keinerlei Unterstützung von offizieller Seite.“

Produktion: Die Dreharbeiten

Als es an die Konzeption des visuellen Designs von BETTY ANNE WATERS ging, hatte Tony Goldwyn ein klares Ziel vor Augen: Kamera, Szenenbild und Kostüme sollten absolut realistisch sein und dabei die Veränderungen während Bettys fast zwanzigjähriger Geschichte dokumentieren. Dabei arbeitete Goldwyn eng mit dem brasilianischen Kameramann Adriano Goldman zusammen, zu dessen Filmen SIN NOMBRE und CITY OF MEN zählen. Ihre Schauspieler wollten die beiden so fotografieren, „dass sie wie normale Menschen mit heroischen Absichten“ erscheinen würden, so Goldman. Dabei blieb er seinem Handkamerastil treu. „Die Szenen, in denen wir näher an den Figuren dran sein wollten, haben wir alle aus der Hand gedreht“, erklärt Goldman. „Ich mag diesen Stil. Er erlaubt mir, permanent den Bildausschnitt zu verändern und eine direkte Beziehung zwischen dem Schauspiel und den Kamerabewegungen herzustellen. Ich sage immer, dass die Kamera mit den Akteuren tanzt. Nur in den Gerichtsszenen haben wir uns für einen Dolly entschieden, um das Ganze eher klassisch und neutral zu halten.“

Produktionsdesigner Mark Ricker, zu dessen Filmen JULIE & JULIA und die HBO-Produktion YOU DON’T KNOW JACK gehören, hatte die Aufgabe, drei verschiedene historische Phasen abzubilden: Mitte der Sechziger (als Betty Anne und Kenny noch Kinder waren), die frühen Achtziger (als der Mord und Kennys Verurteilung stattfanden) und Mitte der Neunziger (als Betty Anne Jura studierte und Kennys Fall aufrollte). Auch Ricker erhielt von Tony Goldwyn die Ansage, alles so realistisch wie möglich erscheinen zu lassen. „Nichts durfte künstlich wirken in diesem Film“, sagt Ricker, „nicht nur, weil es sich um eine wahre Geschichte handelt, sondern weil alles sehr unmittelbar rüberkommen sollte.“ Für Ricker bedeutete das, sehr detailgetreu zu arbeiten, ohne die Ausstattung je in den Vordergrund treten zu lassen. „Selbst 1995 darzustellen kann eine Herausforderung sein – es ist nur fünfzehn Jahre her, aber man muss erst einmal all die Computer, Handys und Alltagsgegenstände von damals auftreiben, denn gerade dieses Zeug verändert sich sehr schnell.“

Gedreht wurde in Michigan, wo Ricker diverse Locations bauen und ausstatten musste, von Bars zu Diners, vom Gericht über die Polizeiwache bis zur Uni-Bibliothek, und alles mit einem Massachusetts-Touch, denn dort ist die Geschichte angesiedelt. „Wir unternahmen eine Mini-Tour durch Massachusetts, um uns die Umgebung, in der Betty Anne und Kenny lebten, ganz genau anzusehen“, berichtet Ricker. „Das war für uns sehr wichtig.“

Wann immer es möglich war, wurden Gegenstände, die den realen Personen gehörten, im Film benutzt, was zu noch mehr Authentizität führte. „Schnitzereien, Tabletts und Kisten, die von Kenny hergestellt worden waren, wurden zu Requisiten“, sagt Ricker. „Wir verwendeten auch reale Kinderfotos von Kenny und Betty Anne. Sie schickte uns ihre Jura-Jahrbücher, ihre Schreibhefte, ihre Notizbücher. Sogar Aidans Pub in Bristol schickte uns Fotos von seiner Bar.“

Kostümdesignerin Wendy Chuck, die zuvor die Kostüme für den Vampirhit TWILIGHT entworfen hatte, konzentrierte sich ebenfalls auf Authentizität. Sie nahm Kontakt mit Betty Anne und Abra Rice auf, um sich von ihnen berichten zu lassen, welche Kleidung sie seinerzeit getragen hatten. Sie arbeitete auch mit Fotos von Betty Anne und Kenny und durchstöberte sämtliche Secondhandläden von L.A. auf der Suche nach passenden Outfits. Anschließend arbeitete sie eng mit Hilary Swank, Sam Rockwell und dem Rest des Ensembles zusammen, um den jeweils richtigen Look für die Figuren zu entwickeln. „Für jeden von ihnen machten wir uns Gedanken darüber, wo sie wohl einkaufen gehen, was und wie sie es wohl tragen würden“, erklärt Chuck. Die Realität hatte dabei großen Einfluss auf das Design. „Zum Beispiel“, fährt Chuck fort, „erfuhr ich von Betty Anne, dass sie im Laufe der Zeit zehn Pfund zugenommen hatte, und das brachte mich auf die Idee, wie man die Zeitsprünge darstellen konnte. Wir haben dann einen leichten Fat Suit für Hilary hergestellt, sehr subtil, aber es vermittelt die Veränderung und war auch für Hilary eine Hilfe.“

Bei der Postproduktion arbeitete Tony Goldwyn eng mit dem Cutter Jay Cassidy zusammen, der beim Schnitt von Sean Penns INTO THE WILD schon einmal bei einer verschachtelt erzählten Geschichte nach wahren Begebenheiten Grandioses geleistet hatte und dafür mit einer Oscar-Nominierung belohnt worden war. Die beiden suchten nach Wegen, um die Puzzleteile ihres Plots so zusammenzusetzen, dass das Publikum sowohl gespannt als auch emotional involviert bleiben würde. „Die Geschichte erstreckt sich über achtzehn Jahre zwischen Kennys Verhaftung und Freilassung. Dazu kommen die Flashbacks in die Kindheit von Kenny und Betty Anne – und im Schneideraum bestand die große Herausforderung darin, für jede Figur eine schlüssige emotionale Linie über die gesamte Spanne hinweg zu finden“, erklärt Cassidy. „Tony war entschlossen, die Zeitsprünge so hinzubekommen, dass wir auf konventionelle Titel mit Jahreseinblendungen verzichten konnten. Und das ist uns gelungen.“