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Fakten und Hintergründe zum Film "Berlin am Meer"

Kino.de Redaktion |

Berlin am Meer Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Über die Produktion

„Ich kenne Wolfgang Eißler schon sehr lange – er hatte mir das Drehbuch gegeben, um meine Meinung einzuholen“, berichtet Produzent Ali Saghri. „Ich war sofort begeistert und gab das Skript an meine Produktionspartnerin Iris Sommerlatte weiter. Sie war genauso angetan, sodass wir beschlossen: Wir gründen eine Firma und drehen den Film!“

„Das Drehbuch machte großen Spaß – es ist lustig, frisch, eher untypisch für deutsche Stoffe, die oft Probleme wälzen“, sagt Iris Sommerlatte, die „Berlin am Meer“ zusammen mit Ali Saghri und der gemeinsamen Firma ALINFilmproduktion verantwortet. „Hier las ich eine Komödie, die durchaus nicht flach ist: ein echtes ,Feel-good-Movie‘. Das Potenzial für einen wunderbaren Kinofilm war vorhanden und überzeugte uns.“

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„Mir gefiel, dass sich Wolfgang nicht an die klassichen Schulbuchweisheiten des Drehbuchschreibens hält“, ergänzt Saghri. „,Berlin am Meer‘ ist facettenreich, dynamisch, jung, musikalisch, temporeich erzählt und passt in keine Schublade. Die Musik spielt eine große Rolle, und dieses Motiv hatte Wolfgang bereits in das Skript integriert. Hinzu kommt, dass im Film durchaus die Probleme der jungen Leute angesprochen werden, aber ohne dass Wolfgang den moralischen Zeigefinger erhebt – er beobachtet, ohne uns zu belehren. Und er erzählt das sehr witzig und charmant, ohne je unter die Gürtellinie zu zielen.“

„Unser Wunsch- und Arbeitstitel ,Spielverderber‘ war bereits für eine Dokumentation reserviert“, berichtet Autor/Regisseur Wolfgang Eißler. „Wir mussten uns schnell umentscheiden und sind inzwischen mit ,Berlin am Meer‘ sehr glücklich. Ich kannte unseren Filmtitel über ein Musikstück von der Gruppe Jeans Team, das im Film auch zu hören ist. Doch der zunächst etwas seltsam anmutende Begriff ,Berlin am Meer‘ ist auch zuvor schon als Titel für mehrere Bücher und Kunstausstellungen verwendet worden. Ursprünglich bezieht sich der Begriff auf einen berühmten Text von Kurt Tucholsky, in dem er davon träumte, in der Berliner Friedrichstraße zu wohnen, wobei er nach vorn durch die Haustür ins pulsierende Berlin treten wollte, sich aber gleichzeitig wünschte, nach hinten in den Garten zu gehen und dort den Ostseestrand von Hiddensee vorzufinden – nach dem Motto: Wenn Berlin am Meer liegen würde, wäre es die perfekte Stadt!“

Über seine Drehbuchidee sagte Wolfgang Eißler: „Ich habe Mitte der 90er-Jahre selbst in Berlin studiert. Viele junge Leute erleben diese Phase, nachdem die Schule abgeschlossen ist: Sie gehen wie ich in die große Stadt und erleben einige unbeschwerte Studienjahre, bevor das Leben sie in die Mangel nimmt. In Berlin kann man dabei noch mehr Freiheiten genießen als sonstwo. Da habe ich einschlägige Erfahrungen gemacht, die in mein Drehbuch eingeflossen sind. Mein Studium der Theaterwissenschaften und Nordamerikastudien habe ich nie ernsthaft betrieben – meine gesamte Uni-Erfahrung beschränkte sich auf ein Seminar über John Woos Action-Film ,Hard Boiled‘…“

„In die Story übernahm ich Erlebnisse, die ich von Freunden hörte, und auch autobiografische Motive. Genau wie Tom im Film bekam ich eine Ablehnung von der Hochschule – in meinem Fall von der Filmhochschule. Ich wollte immer schon Spielfilme drehen, habe dann im Produktionsbereich Erfahrungen gesammelt und mich hochgedient: Continuity, Regieassistenz. Daneben schrieb ich Drehbücher.“

Mit und ohne Koffer in Berlin - Die Darsteller

Für „Berlin am Meer“ konnten Eißler und die Produzenten angesagte Jungstars verpflichten, und sie entdeckten neue Talente für ihren Film, der den Schauspielern ein Forum für ambitionierte Darstellungen bietet.

„Obwohl Wolfgang seine Figuren schon auf dem Papier sehr gekonnt charakterisiert, hauchen erst die Darsteller den Figuren Leben ein – besser, als es ein Drehbuch jemals leisten kann“, sagt Produzentin Iris Sommerlatte. „Aber erst durch Wolfgangs Inszenierung und durch die Schauspieler erhalten die Figuren den entscheidenden Schliff, sie bekommen drei Dimensionen – keine ist ,nur dumm‘ oder ,nur böse‘. Sie sind sehr differenziert, niemals eindeutig sympathisch oder unsympathisch.“

„Tom ist die Hauptfigur, die die Geschichte zusammenhält“, berichtet Eißler. „Er hat schlechte Erfahrungen mit der Liebe gemacht, er möchte Komposition studieren, wird aber von dem Berliner Ambiente ständig abgelenkt. Die Freundesclique lässt solche Solo-Ambitionen nicht zu. Aber als Tom die Schwester seines Mitbewohners kennen lernt, machen ihm die mühsam kontrollierten Gefühle doch einen Strich durch die Rechnung. Robert Stadlober hat sich die jugendliche Rigorosität bewahrt, er vertritt seine Meinung unmissverständlich, engagiert sich mit Haut und Haaren für seine ausgeprägten Ideale. Er ist selbst ein hervorragender Musiker und hat einen klar definierten Musikgeschmack – was ihn für die Rolle prädestiniert. Er tritt selbst mit seiner Band Gary auf und betreibt sogar ein eigenes Label, mit dem er CDs von Gruppen veröffentlicht, die ihn begeistern.“

Der Neuzugang in der Wohngemeinschaft ist die Münchnerin Mavie, die zunächst nicht in die Gruppe zu passen scheint. Dazu der Regisseur: „Mavie wäre nie von sich aus zum Studium nach Berlin gegangen. Aber heutzutage wird sogar bayerische Politik ab einer bestimmten Größenordnung in Berlin gemacht, sodass Mavie ihr Fraktionspraktikum in der Berliner Ländervertretung ableistet. Zu diesem Zweck wird sie von den Eltern zwangsweise in der WG ihres Bruders Mitsch untergebracht, denn von den Konflikten der Geschwister untereinander wissen die Eltern nichts. Im Gegensatz zu den übrigen Hauptfiguren hat Mavie bereits einen recht konkreten Lebensplan: Sie weiß, was sie will, und sie geht direkt auf ihr Ziel zu. Genau das fasziniert Tom offenbar an ihr: Sie verkörpert das, was ihm fehlt. Sie hat einen anderen Lebensstil, entspricht aber durchaus nicht dem Provinzklischee, mit dem ihr Bruder sie abstempeln will. Denn sie ist in der Lage, die Clique in ihrem Anderssein zu akzeptieren – sie ist letztlich viel toleranter als ihr Hauptstadt-erfahrener Bruder.“

Die Rolle der Mavie übernimmt Anna Brüggemann („Oktoberfest“, „Mitfahrer“), über die Eißler sagt: „Sie stammt selbst aus einer Münchner Akademiker-Familie und kann sich sehr gut in die Mavie hineinversetzen. Privat hält sie nichts von dem ,wilden‘ Lebensstil der Clique im Film. Sie füllt die Mavie in ihrer Zielstrebigkeit, ihrem Engagement sehr gut aus. Genau wie Mavie weiß Anna sehr präzise, was sie will.“

Malte ist nicht nur Toms Freund – die beiden machen auch bereits seit drei Jahren zusammen Musik. „Malte hat aber musikalisch deutlich andere Ambitionen als Tom – er sieht sich durchaus als künftiger Pop-Star, ihm geht es um den Kick, die sofortige Anerkennung“, sagt Eißler. „Ganz naiv möchte er die Massen begeistern, per Taxi durch die Gegend fahren und coole Frauen abschleppen. Dafür verrät er sogar seinen besten Freund. Wobei er sich der Konsequenzen gar nicht recht bewusst ist – er lebt eher in den Tag hinein. Im Gegensatz zu Tom ist er ein Sonntagskind, dem auf Anhieb all das zu gelingen scheint, wofür Tom kämpfen muss. Beim Schreiben der Malte-Rolle hatte ich ein reales Vorbild vor Augen: einen guten Freund, der ähnlich handeln könnte wie Malte, ohne dass man ihm deswegen böse wäre, weil er das ungeheuer charmant macht und selbst auch kein Unrechtsbewusstsein hat. Ich möchte das herzliche Verhältnis zwischen Tom und Malte zeigen, obwohl es schon zu Beginn des Films zwischen den beiden kriselt. Aber in den vergangenen drei Jahren sind sie gemeinsam durch dick und dünn gegangen. In jedem Fall möchte ich vermeiden, Malte als plumpen Antagonisten abzustempeln. Denn dann würde man sich fragen, wie die beiden es drei Jahre lang miteinander ausgehalten haben. Es könnte auch sein, dass Malte gewisse Minderwertigkeitskomplexe hat, weil Tom der bessere Musiker ist. Das versucht er durch andere Mittel auszugleichen.“

Die Rolle des Malte übernimmt Axel Schreiber, der mit der populären Serie „Türkisch für Anfänger“ den Deutschen Fernsehpreis gewann. „Ich kannte Axel damals nicht – er wurde mir von der Besetzungschefin vorgeschlagen“, berichtet Eißler. „Nachdem wir Robert Stadlober gefunden hatten, gruppierten wir das restliche Ensemble um diesen Fixstern – und er harmonierte wunderbar mit Axel. Axel kommt aus dem Osten, was ich spannend fand. Und er kennt sich in der jungen Berliner Szene sehr gut aus, hat viele Musiker-Freunde, darunter den Gitarristen der Gruppe Mia, die mit einem Lied auf dem Soundtrack vertreten ist. Der Film weist also etliche Parallelen zu Axels Leben auf.“

Die mit Tom und Axel befreundete Margarete wirkt in der Gruppe als integrierendes Element, das Regisseur Eißler augenzwinkernd als „Mutter der Nation“ bezeichnet: „Margarete bewegt sich sicher in der Clique, kann aber ebenso gut auch ihr eigenes Ding durchziehen, was ihr einen gewissen Abstand zur Peergroup verschafft. Wenn die anderen mal nicht ihrer Meinung sind, geht ihr das am hübschen Hintern vorbei. Tom ist dem Gruppenzwang vergleichsweise viel mehr ausgesetzt. Mit Tom hat Margarete ein sehr inniges Verhältnis – er vertraut ihr seine Liebesprobleme an, die er mit den Jungs niemals besprechen würde. Vielleicht haben die beiden früher einmal eine Beziehung gehabt. Aber das wird im Drehbuch nicht ausdrücklich erwähnt. Jedenfalls weiß ich aus eigener Erfahrung, dass man mit einer Ex-Freundin offener sprechen kann.“

Margarete wird von der renommierten Darstellerin Jana Pallaske („Komm näher“, „Was nützt die Liebe in Gedanken“) gespielt, was Eißler aus mehreren Gründen besonders freut: „Ich bin ein großer Fan von Jana und verfolge ihre Karriere seit Jahren, schätze sie nicht nur als Schauspielerin, sondern auch als Musikerin. Mit ihrer Band Spitting Off Tall Buildings trägt sie den Song ,Come On‘ zum Filmsoundtrack bei. Ursprünglich war die Rolle der Margarete anders besetzt. Als sich das plötzlich zerschlug, hatte ich nur zehn Stunden Zeit, um eine neue Darstellerin aufzutreiben, und rannte sofort hektisch ins Casting-Studio. Jana Pallaske war zufällig wegen eines Werbe-Castings dort. Ich musste nur einen Blick mit der Besetzungschefin wechseln, und schon waren wir uns einig: Die ist es! Ich kannte Jana vom Sehen und fragte sie, ob sie Zeit hätte. Sie las das Drehbuch noch am selben Tag und sagte zu. Sie sprang tatsächlich einen Tag vor Probenbeginn und drei Tage vor Drehstart kurzfristig ein. Mir fiel ein Stein vom Herzen! Inzwischen kann ich mir niemand anderen in dieser Rolle vorstellen: Jana ist Margarete!“

In Toms WG wohnt auch der ehemalige Medizinstudent Mitsch, der seine jüngere Schwester Mavie nicht gerade begeistert bei sich aufnimmt. Über ihn sagt Wolfgang Eißler: „Mitsch weiß nicht so recht, wohin die Reise seines Lebens gehen soll. Seinen Eltern gaukelt er vor, dass er noch studiert, um mit dem Scheck von zu Hause das unbeschwerte Leben rund um die Uhr zu finanzieren. Wer über solche Mittel verfügt, kann in Berlin die beste Zeit seines Lebens haben. Aber das Damoklesschwert schwebt ständig über seinem Kopf: Irgendwann muss seine Geschichte auffliegen, und das ist ihm wohl bewusst. Selbst als seine Schwester Mavie ihn dann nicht verpetzt, klärt sich Mitschs Situation nicht. Eines Tages wird er gezwungen sein, ein Ziel ins Auge zu fassen, denn bisher ist er ein Weltmeister der Verdrängung.“

Den Part des Mitsch übernimmt der Newcomer Claudius Franz, der als Eleve am Hamburger Thalia-Theater engagiert ist. „Claudius stammt wie Mitsch aus München“, sagt Eißler. „Er kam zum allgemeinen Vorsprechen, als wir noch nicht wussten, für welche Rolle er infrage kommen könnte. Claudius passt ins Ensemble wie die Faust aufs Auge: Er überzeugte uns beim Casting, und wir verstanden uns auch persönlich sofort ganz blendend.“

„Wir haben uns für die Darsteller entschieden, weil sie perfekt zu ihren Rollen passen“, sagt Produzent Ali Saghri. „Margarete – das ist Jana! Axel Schreiber bringt den Malte genau auf den Punkt, Jana war ein großes Glück für uns. Und von dem Newcomer Claudius Franz bin ich wirklich hellauf begeistert – und sehr froh, dass er mitgemacht hat.“

Aber auch Regisseur Wolfgang Eißler ist ein Newcomer, der mit „Berlin am Meer“ seinen ersten Spielfilm realisiert. Die Produzenten trauten ihm ein solches Projekt jedoch zu, weil er sich durch frühere Produktionen bereits bewährt hatte, wie Produzentin Iris Sommerlatte berichtet: „Ich erlebe Wolfgang als sehr loyal. Er weiß genau, was er will, aber er würde nie mit hysterischen Anfällen reagieren, wenn Sachzwänge eine Umstellung unserer Pläne erfordern. Auch in Stresssituationen hat er sein Konzept stringent verwirklicht, wobei er mit dem arbeitet, was uns zur Verfügung steht. Dafür bin ich ihm sehr dankbar, denn das läuft nicht bei jeder Produktion so unproblematisch. Wir begreifen uns immer und vor allem als Team.“

Ganz ähnlich erlebt Saghri den Regisseur: „Wolfgang ist ein Realist, was natürlich auch daran liegt, dass er als Produktioner in der Branche angefangen hat und die Notwendigkeiten einer Produktion genau kennt. Man muss sie ihm nicht umständlich erklären. Wenn es irgendwo hakte, entwickelte er sofort Alternativen, um dennoch das zu erreichen, was er sich vorstellte. Und obwohl er ein klares Konzept hat, kann er dennoch zuhören, er akzeptiert Ideen, wenn er mit ihnen etwas anfangen kann. Es kommt auch vor, dass er auf seinem Weg besteht – aber nie ohne ein konstruktives Gespräch. Und gerade in solchen Gesprächen erfährt man etwas über einen Menschen und seine Überzeugungen.“

„Ich lernte Wolfgang bei einer Spielfilmproduktion für ARTE kennen und schaute mir den Kurzfilm an, den er inszeniert hatte“, sagt Iris Sommerlatte. „Zunächst produzierten wir dann gemeinsam einige Werbefilme, bei denen wir ihn als Regisseur erleben konnten und sahen, was er leisten kann. Zur Finanzierung von ,Berlin am Meer‘ drehten wir dann gemeinsam einen Präsentationstrailer – so merkten wir, dass unsere Teamarbeit funktioniert.“

„Normalerweise besteht ein Trailer natürlich aus ausgewählten Einstellungen des bereits fertigen Films“, sagt Saghri. „In unserem Fall hatten wir noch gar keinen Film, und Wolfgang schrieb anhand seines Drehbuchs ein Skript für den Trailer, den wir erst drehen mussten – und zwar innerhalb weniger Tage an etlichen Berliner Drehorten und ohne Geld: eine reife Leistung!“

Szene-Klänge für den Soundtrack

„Ich kann mir keine andere deutsche Stadt vorstellen, in der Leute mit Musikambitionen wie Tom und Malte eine ähnliche Szene vorfinden – in Düsseldorf oder Freiburg wäre das nicht möglich“, berichtet Regisseur Eißler. „Wer in München studiert, ist anders gepolt als jemand, der sich für den Berliner Lebensstil entscheidet. Als mir die Idee zum Film kam, wirkte Berlin auf ganz Deutschland wie ein Magnet – das gilt auch für die Musik-Labels, die nach Berlin strebten, um in die Atmosphäre hier einzutauchen und an ihr teilzuhaben – all die spannenden kleinen Bands, die sich hier fanden. Wenn man über junge Leute erzählt, dann auch über die Dinge, mit denen sie sich identifizieren – Musik spielt dabei eine ganz wesentliche Rolle. Ich habe früher selbst Musik gemacht, allerdings nicht mit den gleichen großen Ambitionen wie unsere Filmhelden. Aber viele meiner Berliner Freunde sind Musiker – im Zuge erster Kurzfilmerfahrungen haben wir auch zusammengearbeitet. Dieses Milieu fand ich deutlich lustiger und spannender als die Filmleute, mit denen ich sonst zu tun hatte.“

„Was Tom erlebt, habe ich damals auch in mir gespürt – den Wunsch, etwas auszudrücken und zu erreichen, das über die gegenwärtige Tätigkeit hinausgeht“, fährt Eißler fort. „Tom macht coole Musik mit seinem Kumpel, aber das will er nicht sein Leben lang fortsetzen.“

Die meisten Titel des Soundtracks sind deutschsprachige Titel deutscher Bands, die aus Berlin stammen oder nach Berlin gekommen sind – genau wie die Hauptfiguren im Film. Doch diese Musikszene ist nicht so homogen, dass man sie als „Berliner Schule“ bezeichnen könnte. Manche Acts sind über die Berliner Stadtgrenzen hinaus bekannt. „Außerdem gibt es Bands, die seit vielen Jahren etabliert sind wie die Gruppe Jeans Team, die ich Anfang der 90er-Jahre schon erlebt habe, als im Club nur drei Leute zuhörten“, berichtet Eißler. „Inzwischen füllen sie Konzertsäle. Hinzu kommen Nachwuchs-Bands, die ich selbst nicht kannte – da half mir Sven Zimmermann, der sich sehr gut in der Szene auskennt. Diese Gruppen sind auch in Berlin kaum bekannt, manche haben sich seitdem auch wieder aufgelöst – das gilt zum Beispiel für die Band Hund am Strand, die unter anderem den Song ,Jungen Mädchen‘ am Anfang des Films beisteuern. Einige Songs wie ,Tokio: Berlin‘ von Radiopilot erscheinen jetzt erstmals auf CD.“

„Die große Bandbreite der Musik spiegelt für mich die Facetten von Berlin wieder“, sagt Eißler. „Die Musik ist ebensowenig einheitlich wie die Szene in Berlin. 80 Prozent der Bands auf dem Soundtrack würden sicher sagen, dass sie mit den anderen Gruppen nicht in einem Atemzug genannt werden wollen. Die Musik ist also durchaus heterogen, entspricht den vielen Nischen, die die jungen Leute in der Hauptstadt vorfinden. Ich stamme aus einer Kleinstadt – dort gab es eine Disko, wo sich wirklich alles traf, was jugendkulturmäßig angehaucht war. In Berlin oder Hamburg findet man dagegen immer auch einen kleinen Schuppen, in dem genau die Musik gespielt wird, die man mag. Dort kann man mit Gleichgesinnten ganz unter sich bleiben. So kann jeder seinen ganz speziellen Selbstfindungstrip über die Identifizierung erleben.“

Über seine musizierenden Hauptfiguren berichtet Eißler: „Die Musik, die Tom und Malte im Film machen, ist ebenfalls nicht eindeutig definiert. Die Zuschauer können ihren Stil nicht klar zuordnen. Während der Vorbereitung überlegten wir, welche Musik zu den Filmhelden passen könnte. Entsprechend suchten wir uns Musikstücke aus und fragten bei den Bands nach, die zum Teil ganz begeistert waren, an dem Filmprojekt mitzuwirken. Mit meiner Cutterin Anna Kappelmann habe ich dann durchprobiert, wie die Songs zu den Bildern passen. Beim Mischen mussten wir blitzschnell umdisponieren, als sich herausstellte, dass wir die Rechte für einen vorgesehenen Track letztlich nicht bekommen konnten – innerhalb eines Tages mussten wir dafür Ersatz finden. Aber wie so oft geschah dann ein Wunder, und der neue Song passte sogar noch besser als der ursprüngliche.“

Italienisch für Fortgeschrittene

Immer wieder schauen sich die Freunde im Film einen italienischen Liebesfilm an, den es gar nicht gibt – die Szenen drehte Eißler speziell für „Berlin am Meer“. „Mit dem untertitelten Schwarzweißfilm bediene ich natürlich ein nostalgisches Klischee“, sagt der Regisseur. „Die Idee dazu bekam ich durch meine Italienischlehrerin Sarah Baumann, der ich die Rolle der Frau in dieser Szene anvertraute: Sie ist Schauspielerin – ich war sofort begeistert von ihr und beschloss, irgendwann mit ihr auf Italienisch zu drehen. Italienisch habe ich bei ihr allerdings wenig gelernt…“

Das verfremdende Schwarzweißelement übernimmt Eißler auch beim Dialog von Tom und Mavie im Club. Warum flüstern die beiden bei all dem Lärm? „Keine Ahnung“, sagt Eißler. „Manchmal weiß ich gar nicht, wie mir so etwas einfällt. Es passt einfach, und fünf Monate später im Schneideraum kam dann die Idee hinzu, diese fast surreale Situation schwarzweiß zu zeigen und damit den beiden in dieser unvermittelt vertrauten Begegnung auch optisch eine Schutzhülle zu verpassen, die dann wieder der Realität der farbigen und lärmenden Umgebung weicht.“

Für die visuellen Effekte war die Berliner Firma PostFactory verantwortlich: In deren Rechnern wurden die Zeitrafferpassagen des Titelvorspanns und der Szenenübergänge digital bearbeitet, aber auch magische Momente wie der nächtliche Vollmond, der als Sinnbild von Toms Verzweiflung in 1000 Scherben zerspringt.

Auf der Suche nach dem Meer in Berlin

„Berlin am Meer“ entstand in der deutschen Hauptstadt an – und auf – der Spree.

„Eine besondere Location ist das Badeschiff“, berichtet Produzent Ali Saghri. „Es handelt sich um eine Badeanstalt in der Spree, die aus einem Schiff besteht – der Rumpf ragt etwa 30 Zentimeter über den Wasserspiegel hinaus und enthält das eigentliche Badebecken. Am Ufer gibt es einen Sandstrand, von dem Stege zum Becken ,an Bord‘ führen.“

Dort wurde das Filmteam sehr zuvorkommend aufgenommen. Logistisch schwieriger gestalteten sich die Dreharbeiten im neuen Berliner Hauptbahnhof mit seiner imposanten Architektur, die als Kulisse für das Finale des Films dient. Aber auch die Szenen auf dem Floß, das mit den Freunden an Bord auf der Spree treibt, hatten ihre Tücken – teilweise waren zwölf verschiedene Drehgenehmigungen von etlichen zuständigen Behörden nötig, bevor das Floß ablegen konnte. Gedreht wurde außerdem in der Landesvertretung von Nordrhein-Westfalen, wo Mavie ihr Praktikum macht, in der Universität der Künste und in der Deutschen Oper.

In dem real existierenden Club „Arena“ (im Film heißt er „Elektroschock“) unmittelbar neben dem Badeschiff an der Spree finden die Pop-Konzertszenen statt. Dort wird auch der betrunkene Tom vom Türsteher abgewiesen.

Für das grün ausgeleuchtete Club-Ambiente, in dem Tom und Malte als DJs auflegen, während Tänzer die Musik über Kopfhörer hören, konnte das Filmteam die „Kubik“ genannte Kunstinstallation eines Architektenteams benutzen, die inzwischen wieder demontiert wurde – somit ist und bleibt dieser Schauplatz mit seinen farbig beleuchteten Wassertanks absolut einmalig. Diese Szene heißt im Drehbuch „Silent Rave“, da die Besucher per Funk-Kopfhörer mit Musik bedient werden, was bei den Dreharbeiten auch praktiziert wurde.

Bei Estelles Wohnung, in der Tom am Anfang des Films zur berühmten Arie aus der Oper „La Wally“ tanzt, handelt es sich um ein reales Apartment. Die WGs, in denen die Hauptfiguren wohnen, wurden extra für den Film eingerichtet, und zwar in einem leer stehenden Haus, das man für diesen Zweck anmietete. „Das haben wir unserer hervorragenden Szenenbildnerin Babett Klimmeck zu verdanken, die nicht nur die Wohnungen ausstattete, sondern auch die Idee für das ,Kubik‘ hatte, von dem damals kaum jemand wusste“, sagt Produzent Saghri.

Nicht nur ein enthusiastisches Darsteller-Ensemble war nötig, um „Berlin am Meer“ auf die Leinwand zu bringen, sondern auch der Schweiß und das große Engagement des Produktionsteams, das wie die Schauspieler an das Projekt glaubte und es trotz des bescheidenen Budgets realisierte. Ali Saghri sagt abschließend: „Was mir persönlich täglich die Kraft gegeben hat, diesen Film auf die Beine zu stellen, war der Satz eines Filmequipment-Verleihers, der mich aufgrund meiner Bestellliste und meines Budgets nur auslachte und sagte: ,Ali, der Film kommt nie auf die Leinwand!‘ So etwas kann den Ehrgeiz sehr beflügeln!“

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